Totalitarismus

Totalitarismus

Stacheldraht im Konzentrationslager Auschwitz
KZ Auschwitz – ein Beispiel für Totalitarismus (pixabay)

Totalitär ist eine Diktatur, die gemäß einer programmatischen Ideologie den Menschen weiterentwickeln will und dabei alle gesellschaftlichen Fragen diesem Ziel unterordnet. Zentralisierung wie auch dauerhafte Mobilisierung der Bevölkerung in Massenorganisationen sind häufige Merkmale des Totalitarismus.

In Abgrenzung zu autoritären Regimen ist nicht die Erhaltung des status quo, sondern der permanente Fortschritt ein wesentliches Element von totalitären Diktaturen. Das Gegenmodell in der vergleichenden Systemlehre ist hingegen die freiheitliche Demokratie.

Zentrale Unterschiede zwischen solchen politischen Systemen finden sich häufig bei:

  • Menschenrechten
  • Bürgerrechten
  • Gewaltenteilung
  • Rechtsstaat
  • Minderheiten
  • Sicherheitsarchitektur

Der Totalitarismus erlebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Staatsform eine Hochphase. Sowohl kommunistische wie auch rechtsextremistische Diktatoren konnten in zahlreichen Ländern die Macht ergreifen. Bedeutende Vertreter aus der Gruppe der totalitären Diktatoren sind:

Herkunft des Begriffs

Der Rede von totalitären Regimen kam im Jahr 1923 auf. Ein liberaler Journalist aus Italien mit dem Namen Giovanni Amendola bezeichnet den damaligen Faschismus als ein sistema totalitario.

Er wollte einen Kampfbegriff gegen den absoluten Herrschaftsanspruch der Faschisten prägen. Jedoch konnte der wortgewaltige Duce die Formulierung im Jahr 1925 in ein demagogisches Format verpacken und in seinem Sinne positiv besetzen.

Dabei formulierte Benito Mussolini den Kerngedanken einer totalitären Staatsform:Alles im Staate, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat!“

Er selbst entwickelte sich in diesem Jahr zum unbestrittenen Alleinherrscher. Selbst innerhalb der faschistischen Partei wurden Wahlen abgeschafft.

Totalitarismus-Theorien

Propagandistische Verwendung

In vielen totalitären Diktaturen wurde reger Umgang mit dem Begriff betrieben. Joseph Goebbels, der Propaganda-Minister des Dritten Reiches, rief nach der Niederlage der Deutschen in Stalingrad in einer berühmten Rede im Sportpalast von Berlin zum Totalen Krieg auf.

Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff durch freiheitlich geprägte Denker begann jedoch erst nach dem 2. Weltkrieg. Im wissenschaftlichen Diskurs haben sich drei Theorie-Modelle etabliert.

Hannah Arendt

Im Jahr 1951 veröffentlichte die deutsch-amerikanische Publizistin Hannah Arendt zunächst nur auf Englisch ein umfangreiches Buch über die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.

Für die jüdische Theoretikerin war vor allem der Terror das zentrale Merkmale einer totalitären Diktatur.

„Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt […] einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns […] verschwindet.“

Friedrich/Brzezinski

1956 veröffentlichten der deutsch-amerikanische Carl Joachim Friedrich und der polnisch-amerikanische Zbigniew Brzezińsk den ersten konkreten Leitfaden – Totalitarian Dictatorship and Autocracy.

Anhand von sechs Merkmalen grenzten die beiden Politikwissenschaftler den Totalitarismus von Autokratien ab:

  1. Eine Ideologie, die zugleich Anspruch auf die Wahrheit erhebt aber auch stark utopische Vorstellungen in sich trägt, durchdringt alle relevanten Bereiche der Gesellschaft.
  2. Eine einheitliche Massenpartei hat die gesamte formale Macht im Staat inne.
  3. Ein System des Staatsterrors überwacht und kontrolliert die Bevölkerung mit physischer und/oder psychischer Gewalt.
  4. Der Staat hat quasi das vollständige Monopol auf Massenmedien.
  5. Der Staat hat quasi das vollständige Monopol der Gewalt.
  6. Eine zentrale Bürokratie lenkt die Wirtschaft.

Das Totalitarismus-Modell von Friedrich/Brzezinski bietet zugleich eine Erklärung für die historische Häufung solcher Diktaturen im 20. Jahrhundert. Es braucht nämlich einen gewissen technologischen Reifegrad, um die Merkmale 3 bis 6 zu erfüllen.

Peter Graf Kielmansegg

In den 1970er Jahren äußerste sich der deutsche Totalitarismus-Forscher Peter Graf von Kielmansegg kritisch zum vorherigen Modell. Die hohe Dynamik des sozialen Wandels ließe sich so nicht erklären.

Vielmehr zeichnen sich totalitäre Diktaturen durch drei Merkmale aus:

  1. Die Reichweite des politischen Systems ist prinzipiell unbegrenzt.
  2. Das Führungszentrum hat einen monopolistischen Anspruch, alle Entscheidungen treffen zu können.
  3. Das Führungszentrum kann Bürger uneingeschränkt sanktionieren.

Ein stützendes Argument von Kielmansegg ist, dass Punkt 1 die Strukturen schafft, damit sich die folgenden beiden Punkte realisieren können. Die Sicherung des Monopols auf die Herrschaft steht über allen anderen Zielen.

Totalitäre Systeme – Beispiele

Sowjetunion (1922 bis 1991)

Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) wurde nach dem Sieg der Kommunisten unter der Führung von Lenin und Trotzki im russischen Bürgerkrieg gegründet. Sie errichteten umgehend einen neuen Sicherheitsapparat.

Zu den frühsten Maßnahmen nach der Machtübernahme zählte die Gründung einer politischen Geheimpolizei, der Tscheka. Bereits nach sechs Wochen hatten sie über 50.000 Menschen ermordet. Mit dem Beginn des Stalinismus im Jahr 1927 sollte der Terror jedoch noch völlig neue Dimensionen annehmen.

„Ein Mensch ein Problem, kein Mensch kein Problem.“

Die Tscheka ging gegen jedwede Opposition vor und arbeitete häufig einfach nur nach vorgegebenen Quoten. Dabei machte Josef Stalin auch vor der eigene Partei nicht halt. Zahllose Funktionäre ließ er hinrichten.

Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung führte der Diktator schließlich eine so radikale Wirtschaftspolitik durch, dass Millionen von Menschen den Hungertod erlitten. Dennoch wird er bis heute von vielen Russen als Held verehrt.

Nachdem Tod von Josef Stalin im Jahr 1953 kam es zu einer relativen Entspannung. Jedoch blieb die Sowjetunion bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1991 eine totalitäre Diktatur der Kommunisten.

Faschistisches Italien (1922 bis 1945)

Nach dem Ende des 1. Weltkriegs war Italien eine angezählte Demokratie. Die sozialistische Partei erhielt großen Zulauf. Bei Wahlen errangen sie immer mehr Stimmen, so dass sich die politische Rechte bedroht sah.

Zunächst vor allem in Nord-Italien und später im ganzen Land bildeten sich rechte Bürgerwehren, die sich fasci nannten. Mit Benito Mussolini fanden diese Faschisten schließlich ihren Duce.

Im Jahr 1922 konnten sie mit einem symbolischen Marsch auf Rom den König als amtierenden Staatschef dieser parlamentarischen Monarchie beeindrucken. Dieser ernannte daraufhin den Duce zum Ministerpräsidenten.

Gleich in der ersten Sitzung des Parlamentes drohte er dem Haus mit einer Besetzung durch informierte Faschisten. Dann drückte Benito Mussolini ein Gesetz durch, dass ihm zahlreiche Sondervollmachten zugestand und die Regierung per Dekret erlaubte.

Benito Mussolini gelang es in der Folge, den gesamten rechten Flügel hinter sich zu vereinen. Parallel kam es zu massivem Terror gegen sozialistische Politiker durch Anhänger der faschistischen Partei.

Der Duce richtete den kompletten Partei- und Staatsapparat auf seine Person aus. Auch interne Wahlen wurden abgeschafft. Ab 1925 übernahm er dann selbst den Begriff vom Totalitarismus.

Drittes Reich (1933 bis 1945)

Aufbau des totalitären Führerstaats unter Adolf Hitler
Der Führerstaat von Adolf Hitler

Nach dem 1. Weltkrieg waren auch in Deutschland die gesellschaftlichen Spannungen zwischen links und rechts eskaliert. Im Jahr 1933 war Adolf Hitler mit seiner Partei, der NSDAP, so erfolgreich, dass er zum Reichskanzler ernannt wurde.

Nur wenige Wochen später konnte er mit dem Ermächtigungsgesetz die Basis für seine totalitären Visionen legen. Er suchte die Gleichschaltung aller gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen um einen Führerstaat zu errichten.

Entsprechend der zentralisierten Struktur der NSDAP wurde auch der Staat umgestaltet. Das gesamte System wurde dabei auf den Führer ausgerichtet. Der Pluralismus hingegen wurde ausgehebelt.

Dieser Wandel hin zum Totalitarismus wurde von massivem Terror durch die SA auf den Straßen begleitet. Darüber hinaus mussten oppositionelle Politiker und kritische Intellektuelle mit Verfolgungen rechnen.

Bereits im Januar 1933 waren die ersten KZs eingerichtet worden. Im Schatten der Übergriffe zogen die Nationalsozialisten aber auch die Privatvermögen ihrer Gegner ein. Diese Einnahmen wiederum investierten die Nazis in ihr System, um das Spiel immer weiter zu treiben.

Je weiter der Raub an der eigenen Bevölkerung fort schritt, desto aggressiver wurde die Außenpolitik. Bereits der Anschluss Österreichs war von Konfiszierungen privater Vermögen seit den ersten Stunden begleitet.

Die Dynamik des räuberischen Totalitarismus der Nazis führte zu zahlreichen Angriffskriegen. Diese wiederum eskalierten zum 2. Weltkrieg. Hieraus erwuchs jedoch schließlich eine totale Niederlage für das Dritte Reich.

Unterschied zur Autokratie

Autokratie ist ein Oberbegriff aus der Politikwissenschaft. Damit bezeichnet man zunächst allgemein alle politischen Systeme, in denen ein Herrscher uneingeschränkte Macht ausübt. Diese untereilt man wiederum in autoritäre und totalitäre Systeme.

Autoritär vs. Totalitär

Wesentliche Unterschiede zwischen diesen beiden Typen sind:

  1. Ein totalitäres System verfügt über eine programmatische Ideologie, die Punkt für Punkt abgearbeitet wird. Im Gegensatz dazu orientiert sich der politische Kurs eines autoritären Staates nur grob an einer diffusen Mentalität.
  2. Die Programmatik des Totalitarismus bezieht alle gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen mit ein. Die diffuse Mentalität eines autoritären Systems ist hingegen nicht darauf angewiesen, das Leben der Menschen bis in die letzte Ecke hinein zu durchdringen.

Den Begriff des Totalitarismus kann man deshalb nur sehr begrenzt auf politische Systeme anwenden. Strittig ist beispielsweise auch, wie ausgeprägt die Merkmale sein muss, damit man einen Staat entsprechend bezeichnen kann.

Grenzfall – DDR

Die DDR ist ein klassisches Beispiel für einen Grenzfall zwischen einer autoritären und einer totalitären Diktatur. Formal gesehen entsprach das Land den zentralen Merkmalen des Totalitarismus.

Aber man muss bei der praktischen Betrachtung zwischen der Ära Walter Ulbricht und der Zeit von Erich Honecker unterscheiden. In der Frühphase und zeitlich parallel zum Stalinismus hatte die DDR das Profil eines totalitären Staates.

Im Laufe der Jahrzehnte verlor der Staat in seinem Handeln aber sowohl an Reichweite wie auch an Durchsetzungskraft. Die Repressionen ließen etwas nach. Seit den 1970er Jahren entsprach die DDR deshalb eher einer autoritären Diktatur. Die Merkmale der Totalitarismus-Theorie konnte man nicht mehr voll anwenden.