Juri Andropow und die Gerontokratie

Juri Wladimirowitsch Andropow wurde am 15. Juni 1914 im Nordkaukasus geboren. Er trat als Teenager in die kommunistische Jugendorganisation „Komsomol“ ein und wurde dort zum hauptberuflichen Funktionär für die KPdSU.

Diese Tätigkeit führte ihn nach Karelien an der Grenze zu Finnland. Dort war Juri Andropow während des „Großen Vaterländischen Krieges“ als politischer Offizier am Partisanenkampf gegen deutsche Truppen beteiligt.

Juri Andropow
Juri Andropow im August 1983 als Generalsekretär des Zentralkomitees und Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets (TASS)

Nach dem Krieg setzte er seine Tätigkeit als Funktionär sowie seine technische Ausbildung fort. Dazu gehörte auch ein Studium an der Hochschule der Partei in Moskau.

Ab 1953 war Juri Andropow im diplomatischen Dienst tätig und kam ein Jahr später als sowjetischer Botschafter nach Ungarn. In dieser Funktion erlebte er hautnah den Volksaufstand von 1956 und dessen Niederschlagung durch die Rote Armee.

Nach seiner Rückkehr war Juri Andropow für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei tätig. Im Mai 1967 erhielt er dann den Vorsitz im Komitee für Staatssicherheit, besser bekannt unter dem Kürzel: „KGB“.

Als Chef des Geheimdienstes knüpfte Juri Andropow an die Anschauungen des mythisch verklärten Gründervaters Feliks Dzierżyński an. Scheinbar unberührt von der Entstalinisierung unter Chruschtschow zeigte er in der Folge sein reaktionäres Weltbild und einen Hang zum Totalitarismus.

Juri Andropow sah die größte Bedrohung in der „politischen Unreife“ vor allem von Intellektuellen und Studenten. Unter seiner Führung baute der KGB deshalb die Fähigkeiten bei der Gegenspionage und Propaganda aus.

Der Dienst ging dabei mit größter Menschenverachtung gegen Kritiker vor. Im Gegensatz zum Terror unter Josef Stalin wurden Gegner jedoch nicht mehr massenhaft erschossen, sondern beispielsweise in psychiatrischen Kliniken weggesperrt.

Seine eigene Paranoia gipfelte in der „Operation Raketenangriff“. Über Jahre hinweg ging der KGB von einem bevorstehenden atomaren Erstschlag durch die USA gegen die Sowjetunion aus.

Mit maximalen Einsatz aller Mittel suchte man nach Indizien für diese Verschwörungstheorie. Beispielsweise wurde die Produktion von Lebensmitteln im Westen als möglicher Frühindikator für einen Atomkrieg ausgeforscht.

Zwei Tage nach dem Tod von Leonid Breschnew wurde Juri Andropow am 12. November 1982 zum neuen Generalsekretär des Zentralkomitees ernannt. Zu diesem Zeitpunkt war er jedoch bereits ein alter und gesundheitlich schwer angeschlagener Mann.

Juri Andropow war dann nur noch für etwa neun Monate regierungsfähig und starb ein weiteres halbes Jahr später. Die Todesursache war Nierenversagen. Sein Nachfolger Konstantin Tschernjenko war sogar noch älter und noch kürzer im Amt, weswegen man diese Phase als „Sowjetische Gerontokratie“ bezeichnet, als Diktatur der Alten.

Aufstieg als stalinistischer Funktionär

Kader des Komsomol

Für Juri Andropow bot die „Komsomol“ einen Einstieg in die Politik. Die Jugendorganisation der Partei hatte den Auftrag, die Ideale des Kommunismus zu verbreiten.

Der Verband war 1918 unter Lenin gegründet worden und entwickelte sich zur Kaderschmiede der Kommunisten. Einen Zenit sollte die Komsomol in den 1970er Jahren erreichen.

In dieser Zeit waren etwa 70 % der Mitglieder der KPdSU ehemalige Komsomolzen. Im selben Jahrzehnt erhielt der Jugendverband dann sogar das Recht, Gesetzesentwürfe einzureichen und Kandidaten für Ämter zu stellen.

Aufstieg unter Stalin

Juri Andropow war ab 1932 zunächst ein Matrose in der Binnenschifffahrt. Er wurde dann zum Studium an eine Fachhochschule in Rybinsk an der Wolga, etwa 280 Kilometer nördlich von Moskau, geschickt, wo er als Sekretär für das Komitee des Komsomol aktiv wurde.

Josef Stalin mit Nikita Chruschtschow
Nikita Chruschtschow und Josef Stalin in den 1930er Jahren (gemeinfrei)

Juri Andropow entwickelte sich zu einem hauptberuflichen Funktionär und arbeitete ab 1937 als Abteilungsleiter der Komsomol in Rybinsk. Dann wurde er zu einem der Profiteure des „Großen Terrors“ unter Josef Stalin.

Mit seinem technischen Hintergrund gehörte Juri Andropow zu jenem Personenkreis, der vorzugsweise für Beförderungen in Betracht gezogen wurde. Dank der zahlreichen Vakanzen aufgrund der massenhaften Erschießungen unter Stalin erklomm er dann schnell mehrere Stufen der Karriereleiter in der KPdSU.

Dieser Aufstieg brachte auch den Wechsel von der Wolga nach Karelien an der Grenze zu Finnland mit sich. Wenige Jahre später war er dort im „Großen Vaterländischen Krieges“ als politischer Offizier am Partisanenkampf gegen deutsche Truppen beteiligt.

Nach dem Krieg setzte Juri Andropow in Karelien seine Karriere in der KPdSU fort. Darüber hinaus absolvierte er weitere Studien, zunächst an der Universität von Petrosawodsk und dann an der Parteihochschule in Moskau.

Botschafter in Ungarn

1953 trat Juri Andropow in den diplomatischen Dienst ein. Im Außenministerium war er anfangs vor allem mit Aufgaben für Europa und Skandinavien betraut.

1954 wurde er als sowjetischer Botschafter nach Ungarn entsandt. Doch im Zuge der Entstalinisierung unter Nikita Chruschtschow hatten die alten Kader in Budapest an Durchsetzungsfähigkeit verloren.

Imre Nagy
Foto des ungarischen Nationalhelden Imre Nagy aus dem Jahr 1945 (Jánosi Katalin Adományozó / CC-BY-SA 3.0)

Die lockeren Zügel begünstigen öffentliche Kritik und Forderungen nach mehr Demokratie vor allem durch Studenten. Am 23. Oktober 1956 formierte sich eine friedliche Großdemonstration an der Universität von Budapest.

Gegen Abend ließ die Regierung in die Menge schießen, woraufhin sich ein bewaffneter Widerstand erhoben. Der „Ungarische Volksaufstand“ hatte begonnen.

Die Kommunistische Partei von Ungarn konnte ihre Herrschaft als Einheitspartei jedoch nur noch wenige Tage behaupten. Dann bildete sich eine neue Regierung unter Imre Nagy beispielsweise mit der Beteiligung von Sozialdemokraten.

Die stalinistischen Alt-Kader gaben sich jedoch nicht so einfach geschlagen. Über Juri Andropow wurde ein Gegenschlag der Roten Armee organisiert, die den Ungarischen Volksaufstand ab dem 01. November 1956 binnen weniger Tage blutig niederschlug.

Anschließend kam in Ungarn mit János Kádár ein guter Freund von Juri Andropow an die Macht. Imre Nagy wurde am 16. Juni 1958 gehängt.

Juri Andropow als Chef des KGB (1967 – 1982)

Juri Andropow kehrte 1957 aus Ungarn zurück und war die kommenden zehn Jahre für das Zentralkomitee tätig. Dann setzte der inzwischen regierende Leonid Breschnew den damaligen Chef des KGB ab. Damit begann für Juri Andropow ein neues Kapitel seiner Karriere.

Vorsitzender des Komitees für Staatssicherheit

Als Komitee für Staatssicherheit beim Ministerrat der UdSSR, kurz „KGB“, bezeichnete man den sowjetischen Geheimdienst von 1954 bis 1991.

Feliks Dzierżyński 1918
Feliks Dzierżyński im Jahr 1918 (gemeinfrei)

Unter Juri Andropow knüpfte die Organisation ab 1967 an das Gedankengut von Feliks Dzierżyński aus der sowjetischen Frühphase an. Die Aufgaben des KGB sah Andropow deshalb nicht nur auf den Schutz von Amtsträgern und Institutionen reduziert.

Vielmehr hatte der neue Chef des KGB den Anspruch, die ganze Gesellschaft vor inneren und äußeren Angriffen zu schützen. Dabei sah er sich jedoch von der „politischen Unreife“ der Bevölkerung in der Sowjetunion behindert.

Den „Einfluss von fremder Ideologie“ identifizierte Juri Andropow deshalb schnell als größte Bedrohung für den Kommunismus. Aus diesem Grund baute der Geheimdienst während seiner Amtszeit bis 1982 vor allem die Fähigkeiten bei der Gegenspionage und Propaganda aus.

Im Gegensatz zur Ära von Feliks Dzierżyński wurden vermeintliche oder tatsächliche Gegner jedoch nicht mehr zu Zehntausenden erschossen. Juri Andropow ließ innere Feinde beispielsweise in spezielle psychiatrische Kliniken einweisen.

Operation Atomraketenangriff

Im Mai 1981 leitete Juri Andropow die „Operation Atomraktenangriff“ ein, die auch erst nach seinem Tod beendet wurde. Für drei Jahre hatte die Aktion aber höchste Priorität und wurde nicht nur vom KGB, sondern auch vom militärischen Nachrichtendienst GRU getragen.

Strategic Defense Initiative Darstellung
Das „Star Wars Programm“ sah die Entwicklung von Space Lasern zur Bekämpfung von sowjetischen Atomraketen vor. (U.S. Air Force / gemeinfrei)

Es ging dabei um die Aufklärung eines vermuteten Plans für den Erstschlag gegen die Sowjetunion. Den historischen Hintergrund bildete der „NATO-Doppelbeschluss“ beziehungsweise die Stationierung von Mittelstrecken-Raketen im Westen von Europa auf die Initiative von Helmut Schmidt hin.

1982 stieg die von Juri Andropow wahrgenommene Bedrohung durch die Stationierung von Cruise Missiles in Großbritannien weiter. Im folgenden Jahr startete der amerikanische Präsident Ronald Reagan dann auch noch die „Strategic Defense Initiative“.

Es ging dabei um die Entwicklung eines Raketenschirms zum Schutz vor Atomwaffen. Dieses als „Star Wars Programm“ verspottete Vorhaben stellte jedoch eine konzeptionelle Bedrohung des nuklearen Gleichgewichts dar.

Unter der Führung von Juri Andropow begann der KGB deshalb mit der massenhaften Erfassung von Daten. Die Sowjets gingen dabei soweit, sogar die Produktion von Nahrung oder Blutspenden im Westen als Frühindikatoren für einen möglichen Atomschlag auszuspionieren.

In diesem Rahmen führte die NATO-Übung „Able Archer“ im November 1983 dann beinahe zur Eskalation. Glücklicherweise erfuhren die westlichen Mächte über eigene Agenten von der Überinterpretation des Manövers durch die Sowjetunion.

Teile von Able Archer wie die testweise Evakuierung von Regierungsmitgliedern wurden deshalb im letzten Moment gestoppt. Ronald Reagan machte stattdessen demonstrativ Urlaub auf seiner Ranch und ließ sich dort von Journalisten filmen, um so über die Medien indirekt seinen Friedenswillen an den zu diesem Zeitpunkt schon regierenden Juri Andropow zu kommunizieren.

Generalsekretär des Zentralkommitees

Nachfolger von Leonid Breschnew

Am 12. November 1982 wurde Juri Andropow nur zwei Tage nach dem Tod seines Vorgängers Leonid Breschnew zum Generalsekretär der KPdSU gewählt. Damit stand er der Exekutive vor und war quasi der Regierungschef der Sowjetunion.

Am 16. Juni 1983 folgte die Wahl zum Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets. Das war das höchste legislative Organ der UdSSR und Juri Andropow in dieser Rolle nun auch das Staatsoberhaupt.

Sowjetische „Gerontokratie“

Aber als Juri Andropow schließlich an die Macht kam, war er selbst bereits ein alter Mann. Er hatte Diabetes, Bluthochdruck und ein fortschreitendes Nierenleiden.

Damit befand sich Juri Andropow in den höchsten Kreisen der Kommunisten jedoch in bester Gesellschaft. Die obersten Gremien waren geprägt von alten Kadern, die nicht von der Macht lassen konnten.

Diese Phase der Sowjetunion wird deshalb auch als „Gerontokratie“ bezeichnet, als Diktatur der Alten. Juri Andropow war dann auch nur noch etwa neun Monaten lang regierungsfähig.

Tod durch Nierenversagen

Juri Andropow absolvierte im letzten halben Jahr vor seinem Tod keine öffentlichen Termine mehr. Sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich entscheidend.

Nach insgesamt 15 Monaten als Generalsekretär des Zentralkomitees starb Juri Andropow am 09. Februar 1984. Er wurde in der Nekropole an der Kremlmauer bestattet.

Konstantin Tschernenko

Mit Konstantin Tschernenko wurde anschließend ein sogar noch älterer Mann zum Generalsekretär des Zentralkomitees. Der war starker Raucher, hatte eine Leberzirrhose und Hepatitis.

Konstantin Tschernenko starb dann am 10. März 1985. Dessen Nachfolger war der schon deutlich jüngere Michail Gorbatschow, mit dem nicht nur die Gerontokratie endete, sondern auch inhaltlich eine neue Zeit begann.

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