Ludwig Erhard

Ludwig Erhard & Soziale Marktwirtschaft

Ludwig Erhard war bereits unter Konrad Adenauer der Bundesminister für Wirtschaft. Mit seiner Person wird der rasante Aufschwung der west-deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden, dem Wirtschaftswunder. Sein Markenzeichen war das Rauchen von Zigarren, manchmal 15 bis 20 Stück pro Tag.

Ludwig Erhard
Ludwig Erhard – Wohlstand für Alle (Adrian Doris / Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 CC-BY-SA 3.0)

Nach dem Rücktritt von Adenauer im Jahr 1963 wurde Ludwig Erhard zum zweiten deutschen Bundeskanzler gewählt. Sein Vorgänger wollte dies jedoch bis zuletzt verhindern. Der knochige Adenauer hielt den adipösen Erhard für „zu weich“.

Doch Ludwig Erhard wurde ebenso von der Mehrheit seiner Partei lediglich als „Zwischenlösung“ angesehen. Erhard regierte dann auch nur drei Jahre lang bis 1966. Tatsächlich sollte er als Bundeskanzler keine Führer-Figur sein.

Von ihm kam nur eine echte Entscheidung auf Basis der Richtlinienkompetenz. Ohne formale Zustimmung des Kabinetts nahm Ludwig Erhard Verhandlungen mit Israel auf, um diplomatische Beziehungen zu etablieren. Zahlreiche Staaten im Nahen Osten brachen daraufhin den Kontakt zu der jungen Bundesrepublik ab.

Im Jahr 1966 kam es darüber hinaus zu einer unvorhergesehenen Rezession der deutschen Wirtschaft, der Stahlkrise. Dieser Abschwung beschädigte die Autorität von Ludwig Erhard nachhaltig. Führende Politiker seiner Partei versagten ihm den Rückhalt. Die FDP-Minister in seinem Kabinett traten aus Protest gegen geplante Steuererhöhungen zurück.

Ludwig Erhard signalisierte aus diesem Grund ab dem 02. November 1966 seine persönliche Bereitschaft zum Rücktritt. Die Fraktion von CDU/CSU im Bundestag einigte sich auf Kurt Georg Kiesinger als neuen Kanzlerkandidaten. Dieser konnte eine große Koalition mit der SPD schmieden und wurde am 01. Dezember 1966 zum dritten Kanzler der Bundesrepublik gewählt.

Kiesinger nutzte dann seine Regierungserklärung vom 13. Dezember 1966, um mit Ludwig Erhard abzurechnen: „Der Bildung dieser Bundesregierung […] ist eine lange, schwelende Krise vorausgegangen, deren Ursachen sich auf Jahre zurückverfolgen lassen.“

Ludwig Erhard blieb jedoch anschließend noch bis zu seinem Tod am 05. Mai 1977 ein Mitglied des deutschen Bundestages.

Erhard – der Wirtschaftswissenschaftler

Ludwig Erhard wurde am 04. Februar 1897 in Fürth geboren. Er war das zweite von vier Kindern und wurde evangelisch getauft. Im Alter von zwei Jahren erkrankte er an Polio und hatte deshalb einen deformierten Fuß.

Ludwig Erhard besuchte zunächst die Volks- und Realschule. Anschließend begann er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann, die er im Jahr 1916 abschloss.

Schwere Verwundung im Ersten Weltkrieg

Ludwig Erhard kam nach dem Abschluss seiner Lehre zur Bayerischen Armee. Dort wurde der junge Mann einem Regiment der Feld-Artillerie zugeteilt und zunächst in Rumänien eingesetzt.

Im Jahr 1918 wurde Ludwig Erhard an die Westfront verlegt. Ende September, nur etwa zwei Monate vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, wurde Erhard in der Nähe des flandrischen Ypern das Opfer einer Handgranate.

Die Ärzte mussten Ludwig Erhard siebenmal operieren. Sein Kriegstrauma konnte er jedoch nie endgültig überwinden. Das lange Stehen während eines Arbeitstages im Geschäft seines Vaters war ebenfalls nicht mehr möglich.

Akademische Karriere in den 1920ern

Nach der Verwundung schied Ludwig Erhard im Jahr 1919 als Unteroffizier und Offiziersanwärter aus der Armee aus. Er begann daraufhin ohne Abitur ein Studium an der Handelshochschule Nürnberg zum Diplom-Kaufmann.

Anschließend studierte Ludwig Erhard noch BWL und Soziologie an der Universität Frankfurt. Schließlich promovierte er bei dem renommierten Ökonom und Soziologen Franz Oppenheimer. Seine Doktorarbeit trug den Titel: „Wesen und Inhalt der Werteinheit“.

Zunächst wurde Ludwig Erhard dann Geschäftsführer des Betriebes seiner Eltern. Im Jahr 1928 wechselte er jedoch als Assistent zum Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware. Dort stieg Erhard später bis zum stellvertretenden Leiter auf.

Entgegen des damals vorherrschenden Protektionismus setzte sich Ludwig Erhard für die Öffnung der Märkte ein. Dabei forderte er die Steigerung der Produktion von Verbrauchsgütern und die freie Bildung von Preisen.

Werdegang im Dritten Reich

Ab 1933 war Ludwig Erhard ein Lehrbeauftragter an der Handelshochschule Nürnberg. Er versuchte sich dort an einer Habilitation, an der er nach seinen späteren Angaben von den Nazis gehindert wurde.

Volker Hentschel, Historiker und Biograph von Ludwig Erhard, bezweifelt dessen Aussagen jedoch. Die Nationalsozialisten hatten kein inhaltliches Problem mit der Arbeit des Wirtschaftswissenschaftlers.

Als Assistent von Wilhelm Vershofen organisierte Erhard das erste Marketing-Seminar Deutschlands am Institut für Wirtschaftsbeobachtung. Daraus gingen später die Akademie für Absatzwirtschaft und die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hervor.

Wirtschaftspolitischer Berater im Krieg

Während des Zweiten Weltkrieges war Ludwig Erhard als Berater für Wirtschaftspolitik tätig. Dabei beriet er die Nationalsozialisten zunächst hinsichtlich der wirtschaftlichen Integration der annektierten Gebiete von Österreich, Polen und Lothringen.

Ab 1942 beschäftigte sich Ludwig Erhard mit der Planung der Wirtschaft nach dem Krieg. Die abschließende Fassung seiner Denkschrift sandte Erhard an den SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, der 1951 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde.

Doch Ludwig Erhard sandte eine zweite Fassung seiner Arbeitsergebnisse auch an Carl Friedrich Goerdeler. Das war ein prominenter Verschwörer des Attentats vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler. Im Falle eines Erfolges wäre Goerdeler einer der zivilen Köpfe der dann folgenden Regierung geworden.

Bundesminister für Wirtschaft (1949 bis 1963)

Ludwig Erhard galt nach dem Krieg als unbelasteter Fachmann. Darüber hinaus war Erhard zunächst noch parteilos und gelangte so schnell in bedeutende Ämter.

Der amerikanische Militärgouverneur ernannte Ludwig Erhard bereits im Oktober 1945 zum bayerischen Staatsminister für Handel und Gewerbe. Nach dem Zusammenschluss der amerikanischen und der britischen Besatzungsgebiete zur Bizone wurde Erhard in eine Komission für Geld und Kredite berufen.

Ludwig Erhard betreute in dieser Rolle die Vorbereitung der Währungsreform von 1948. Dabei ging es um die Einführung der D-Mark als einzigem gesetzlichen Zahlungsmittel in den Gebieten der drei westlichen Besatzungsmächte, der Trizone.

Direktor des Wirtschaftsrates der Trizone

Am 02. März 1948 wurde Ludwig Erhard auf Vorschlag der FDP zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft im Vereinigten Wirtschaftsgebiet gewählt. Damit war er bereits zu diesem Zeitpunkt der faktische Wirtschaftsminister auf dem Gebiet der noch zu gründenden Bundesrepublik.

Er wurde von Konrad Adenauer eingeladen, auf dem Parteitag der CDU seine Ideen für eine soziale Marktwirtschaft einzubringen. In den Düsseldorfer Leitsätzen von 1949 fanden diese Gedanken bereits einen Niederschlag und wurden so Teil des Programms für die erste Bundestagswahl.

„In jenem ersten Wahlkampf waren Soziale Marktwirtschaft und CDU zu einer Identität geworden.“ (Ludwig Erhard)

Die Wirtschaftspolitik von Ludwig Erhard war jedoch sehr umstritten. Es kam dann in der Anfangszeit auch noch zu einem hohen Anstieg der Lebenshaltungskosten. Das stellte seine Positionen zusätzlich in Frage.

Die Konflikte gipfelten im November 1948 in einem Generalstreik. Im darauffolgenden Jahr gingen die Preise jedoch wieder zurück.

Im Jahr 1949 war Ludwig Erhard in einen Skandal verwickelt. Er versuchte, die Rückgabe der im Dritten Reich arisierten Rosenthal Porzellan AG an den jüdischen Gründer zu verhindern.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Ludwig Erhard jedoch bereits seit zwei Jahren einen hoch dotierten Beratervertrag bei der Firma. In der Folge wurde Erhard vom amerikanischen Geheimdienst als „bestechlich“ eingestuft.

Minister des Wirtschaftswunders unter Adenauer

VW Käfer - Symbol des deutschen Wirtschaftswunders
VW Käfer – das Symbol von Erhards Wirtschaftswunder (pixabay)

Ludwig Erhard wurde am 20. September 1949 in das Kabinett von Konrad Adenauer berufen. Nach seiner theoretischen Vorstellung, dem Ordoliberalismus, sah er die Aufgabe einer Regierung darin, die Freiheit der Wirtschaftssubjekte zu gewährleisten.

Als Bundesminister für Wirtschaft profitierte Ludwig Erhard jedoch sehr von dem tatsächlichen internationalen Aufschwung. Auch deshalb setzte er sich mit Nachdruck für eine Liberalisierung des Außenhandels ein. Darüber hinaus erarbeitete Ludwig Erhard bedeutende Gesetze:

  • Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen gegen den Missbrauch von Marktmacht
  • Gesetz über die deutsche Bundesbank für eine unabhängige Notenbank

Außerdem privatisierte Ludwig Erhard Betriebe in Staatsbesitz wie beispielsweise VW oder Preussag, den Vorgänger von TUI. Sein Verhältnis zum Bundeskanzler war jedoch schwierig.

Konrad Adenauer warf Ludwig Erhard vor, dass er häufig abwesend sei und sein Ministerium nicht im Griff habe. Noch dazu wurden dem Wirtschaftsminister unbedachte Äußerungen vorgehalten.

Bei der Rentenreform von 1957 spitzten sich die Konflikte zu. Der Bundeskanzler setzte sich mit seiner Richtlinienkompetenz gegen den Wirtschaftsminister durch und etablierte das bis heute existierende Umlageverfahren, den sogenannten Generationenvertrag.

Dabei hatte Ludwig Erhard jedoch ganz richtig antizipiert, dass sich die Altersstruktur in Deutschland entscheidend ändern könnte. Er hielt schon in den 1950er Jahren das bis heute bestehende Rentensystem für nicht zukunftsfähig und sollte mit seiner Prophezeiung leider recht behalten.

Arbeitskreis zur Rente schlägt Arbeitskreis zur Rente vor

(zeit.de vom 27. März 2020)

Bedauerlicherweise sind die Babyboomer mit ihrer Masse an Wählerstimmen die großen Profiteure dieses inzwischen sehr ungerechten Rentensystems. Deswegen ist eine substantielle Reform für die Politik heutzutage offenbar nicht einmal denkbar. Von einem fairen Vertrag der Generationen kann aber natürlich seit Jahrzehnten keine Rede mehr sein.

Soziale Marktwirtschaft – „Wohlstand für Alle“

Während seiner Zeit als Bundesminister für Wirtschaft verfasste Ludwig Erhard ein leicht verständliches Buch, um seine Idee der sozialen Marktwirtschaft zu kommunizieren. Das Werk hatte den eingängigen Titel: „Wohlstand für Alle“.

Der Grundgedanke der sozialen Marktwirtschaft war, dass ein breiter Sockel der Bevölkerung Vermögen bilden soll. Dies würde den Bedarf und die Kosten beispielsweise von Sozialversicherungen reduzieren und dem Wachstum so einen weiteren Schub verleihen.

„Am Ausgangspunkt stand der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.“

(Ludwig Erhard in „Wohlstand für Alle“)

Bei der Realisierung der sozialen Marktwirtschaft kristallisierten sich viele Merkmale heraus, die die reale Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik nachhaltig prägten:

  • Flexibilität und Kontinuität zur Verhinderung eines häufigen Wechsels von wirtschaftspolitischen Strategien.
    • Symbiose von Markt und Staat, um den Wettbewerb funktionsfähig und förderlich für das Sozialwesen zu gestalten.
    • Produktive Ordnungspolitik in den Bereichen Außenwirtschaft und Infrastruktur auch in Kombination mit einer regionalen Entwicklungspolitik.
    • Soziales System der Produktion durch Rechte zur Mitbestimmung von Arbeitnehmern und der Koordination von Verbänden.
  • Sozialpartnerschaft als kooperatives Verhältnis vor allem von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden mit dem Ziel, den Ausgleich der Interessen über Konsenspolitik zu lösen und offene Konflikte zu vermeiden.
  • Deutschland AG als ein Netzwerk von Verflechtungen zwischen großen Banken, Industrieunternehmen und Versicherungen in Form von gegenseitigen Kapitalbeteiligungen und einer Konzentration von Mandaten für Aufsichtsräte auf wenige Manager, Gewerkschaftler und Politiker.
  • Weitere Merkmale wie:
    • Freie Preisbildung für Güter und Dienstleistungen
    • Gewinnstreben als Leistungsanreiz
    • Unabhängige Zentralbank für eine stabile Währung
    • Tarifautonomie für Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände
    • Aktive Wirtschafts-, Konjunktur-, Steuer- und Bildungspolitik
    • Soziales Netz zum Schutz vor wirtschaftlicher Not

Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht als Staatsziel

Das übergeordnete Ziel der sozialen Marktwirtschaft war ein sogenanntes gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht. Zu diesem Zweck wurden vier volkswirtschaftliche Ziele in einer Wirtschaftspolitik zusammengeführt, das Magische Viereck:

  1. Preisniveaustabilität (meist gemessen anhand der Inflationsrate)
  2. hoher Beschäftigungsstand (meist gemessen anhand der Arbeitslosenquote)
  3. außenwirtschaftliches Gleichgewicht ( meist gemessen anhand Außenbeitragsquote)
  4. Stetiges und angemessenes Wachstum (meist gemessen anhand des realen BIP)

Im Jahr 1967 wurden diese Ziele sogar noch in das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz gefasst. Zusammen mit den Vorgaben aus Art. 109 Grundgesetz bildet das Ideal des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts deshalb auch ein formales Staatsziel der Bundesrepublik.

In der Gegenwart gelten diese Ziele jedoch als veraltet. Insbesondere die SPD und die Grünen fordern eine Umformulierung zugunsten der Nachhaltigkeit des staatlichen Handelns in einem Neuen Magischen Viereck.

Ludwig Erhard – zweiter Kanzler (1963 bis 1966)

Konrad Adenauer hatte bereits bei seiner ersten Wahl zum Bundeskanzler von 1949 ein hohes Alter erreicht. Nach zwölf Jahren im Amt wurde er gemeinhin als „der Alte“ bezeichnet. Er hielt sich zuletzt nur noch dank seiner Hartnäckigkeit als Regierungschef.

Am 15. Oktober 1963 trat Adenauer dann während einer laufenden Legislaturperiode zurück. Entgegen seiner Wünsche einigte sich die Fraktion auf Ludwig Erhard als Nachfolger im Amt des deutschen Bundeskanzlers.

Trotz der Vorbehalte konnte Erhard in der Bundestagswahl vom 19. September 1965 den zweithöchsten Sieg in der Geschichte für seine Partei erringen. Doch vor allem Rainer Barzel, der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, war ein mächtiger Konkurrent innerhalb der eigenen Partei.

Außenpolitik des „Atlantikers“

Während Adenauer besonderen Wert auf die Aussöhnung und Annäherung zu Frankreich legte, orientierte sich Ludwig Erhard eher an den trans-atlantischen Beziehungen zu den USA. Er war ein sogenannter „Atlantiker“.

Der damals amtierende Außenminister Gerhard Schröder war ebenfalls ein solcher Atlantiker. Schon früh formulierte deshalb die eigene Fraktion im Bundestag, Erhard und Schröder wären für ein Abkühlen der Beziehung zu Frankreich verantwortlich.

Als Bundeskanzler nahm Ludwig Erhard darüber hinaus diplomatische Gespräche mit Israel auf, dass im Mai 1948 gegründet worden war. Dabei hatte der Kanzler nicht die formale Zustimmung seiner Koalitionsregierung von CDU/CSU und FDP eingeholt.

Diese Entscheidung wird als die einzige echte Nutzung der Richtlinienkompetenz des Kanzlers durch Ludwig Erhard angesehen. Die Konsequenz war jedoch, dass zahlreiche Staaten im Nahen Osten daraufhin ihre Beziehungen zur Bundesrepublik abbrachen.

Strukturkrise der Stahlindustrie

Im Jahr 1966 entwickelte sich die Stahlkrise. Die Ursache war ein ruinöser Preiskampf aufgrund einer weltweiten Überproduktion.

Für Ludwig Erhard wurde die Krise politisch besonders bedrohlich, weil im Juli 1966 auch eine Landtagswahl in NRW anstand. Das Bundesland hatte bis dato schon mit einer kriselnden Kohleindustrie und wachsender Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

Bei öffentlichen Auftritten im Ruhrgebiet wurde Ludwig Erhard dann ungewohnt offen attackiert. Der Kanzler regierte auf die Proteste wenig souverän, so dass sein Ansehen weiteren Schaden nahm.

Bruch der Koalition und Rücktritt

In der sich zuspitzenden wirtschaftlichen Lage im Sommer 1966 wandte sich Ludwig Erhard in einer diplomatischen Offensive an den US-Präsidenten. Es ging um die Kosten für die Stationierung der amerikanischen Truppen in West-Deutschland.

Doch Ludwig Erhard hatte bereits 1964 das „leichtsinnige Versprechen“ gegeben, dass Deutschland die Zahlungen vorbehaltlos übernehmen würde. Als die Bundesrepublik nun im Jahr 1966 die Verpflichtungen nicht begleichen konnte, besuchte der Atlantiker Erhard persönlich Lyndon B. Johnson. Er bat um einen Nachlass und wurde abgewiesen.

Ludwig Erhard wollte deshalb Steuern anheben, um die Kosten für den Staatshaushalt ausgleichen zu können. Die Minister der FDP im Kabinett stemmten sich jedoch gegen diesen Vorschlag und traten geschlossen aus der Regierung zurück.

Kanzler Erhard bildete deshalb am 27. Oktober 1966 eine Minderheitsregierung von CDU und CSU. Nur eine Woche später signalisierte er jedoch seine Bereitschaft zum Rücktritt.

Sein Nachfolger Kurt Georg Kiesinger, der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, übernahm daraufhin die Zügel und schmiedete ein Bündnis mit der SPD. Ohne Neuwahl gelang deshalb im bestehenden Bundestag die Wahl von Kiesinger zum dritten Kanzler der Bundesrepublik am 01. Dezember 1966.