Konrad Adenauer

Konrad Adenauer – der erste Kanzler

Konrad Adenauer wurde am 05. Januar 1876 in Köln geboren. Seine politische Karriere begann bereits im Kaiserreich und setzte sich in der Weimarer Republik fort. Von den Nazis wurde Adenauer seiner Ämter enthoben und zeitweise sogar inhaftiert.

Bundeskanzler Konrad Adenauer
Bundeskanzler Konrad Adenauer (Unbekannter Fotograf / Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F005630-0005 / CC-BY-SA 3.0)

Doch nach der Niederlage des Dritten Reiches im Zweiten Weltkrieg wurde Konrad Adenauer zum ersten deutschen Bundeskanzler der jungen Republik gewählt. Mit Pragmatismus und konsequentem Auftreten fügte Adenauer das Land in das westliche Gefüge ein.

Er profitierte dabei sehr von seiner Erscheinung. Bei einer Körpergröße von 1,86 Meter wog Konrad Adenauer nur etwa 70 Kilogramm. Darüber hinaus war er als überzeugter Nichtraucher auch im hohen Alter noch sehr viel gesünder als viele seiner Zeitgenossen.

Ein kleines Geheimnis seines energetischen Auftritts war der gelegentliche Konsum des anregenden Wirkstoffs Pervitin. Dabei handelt es sich um ein Methamphetamin, dass im Zweiten Weltkrieg massenhaft an deutsche Soldaten ausgegeben wurde.

Konrad Adenauer stand inhaltlich für eine europäische Integration wie auch für eine aktive Rolle Deutschlands in der NATO. Unter seiner Führung kam es zur Wiederbewaffnung. Die 1955 gegründete Bundeswehr wurde in das System der kollektiven Verteidigung gegen einen Angriff durch die Sowjetunion eingefügt.

Ein langfristiges Ziel seiner Außenpolitik war die Aussöhnung mit Frankreich. Im Jahr 1962 nahm Konrad Adenauer deshalb zusammen mit dem Präsidenten Charles de Gaulle an einer Gedenkmesse in der Kathedrale von Reims teil. Im darauffolgenden Januar wurde mit dem Élysée-Vertrag die freundschaftliche Zusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Frankreich beschlossen.

Innenpolitisch prägte Bundeskanzler Adenauer die soziale Marktwirtschaft. Der Begriff stammte von dem Ökonom und Sozialwissenschaftler Alfred Müller-Armack. Dieser sah darin eine Formel, um „… das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden.“

Die Idee hat sich lange gehalten und gilt als politischer Exportschlager der Bundesrepublik Deutschland. Sogar noch bei der Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurde im Staatsvertrag zwischen BRD und DDR die soziale Marktwirtschaft als Kern der gemeinsamen Wirtschaftsordnung definiert.

Konrad Adenauer war nach dem Ende seiner Kanzlerschaft weiterhin politisch aktiv. Bis zu seinem Tod im Alter von 91 Jahren am 19. April 1967 gehörte er als ein Abgeordneter dem Deutschen Bundestag an. An seinem Staatsbegräbnis nahmen Vertreter aus 180 Nationen teil, darunter auch der US-Präsident.

Im Kaiserreich und der Weimarer Republik

Herkunft, Ausbildung und Berufseinstieg

Konrad Adenauer war das dritte von fünf Kindern einer römisch-katholischen Familie. Am 05. März 1894 legte er sein Abitur am Apostelgymnasium in Köln ab. Im darauffolgenden Monat begann er ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften.

Das erste Staatsexamen legte Konrad Adenauer 1897 mit einem „gut“ ab. Im zweiten Staatsexamen erhielt er im Jahr 1901 ein „ausreichend“. Als überzeugter Katholik schloss sich Adenauer während des Studiums auch einer katholischen Studentenverbindung an, der er zeitlebens nahe stand.

Im Jahr 1902 begann er seinen beruflichen Werdegang als Assessor beim Amtsgericht. Im darauffolgenden Jahr wurde Konrad Adenauer beim Oberlandesgericht Köln tätig.

Politische Karriere bei der Zentrumspartei

1906 begann der politische Werdegang von Konrad Adenauer mit dem Eintritt in die Zentrumspartei. Am 07. März diesen Jahres wurde er zum Beigeordneten der Stadt Köln gewählt.

Nach der Wahl zum Ersten Beigeordneten der Stadt Köln am 22. Juli 1912 wurde Konrad Adenauer zugleich Stellvertreter des Oberbürgermeisters Max Wallraff. Dieser war auch der Onkel seiner ersten Ehefrau.

Erfindung von „Kölner Brot“ und „Kölner Wurst“

Während des Ersten Weltkrieges war Konrad Adenauer für die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln verantwortlich. Dies wurde aufgrund der britischen Seeblockade zunehmend schwieriger.

Konrad Adenauer hielt den Ersten Weltkrieg bereits früh für eine verlorene Angelegenheit. Er begann deshalb mit dem Horten von Lebensmitteln und führte Ersatzprodukte zur Ernährung der Bevölkerung ein:

  • „Kölner Brot“ aus Reis- und Maismehl
  • „Kölner Wurst“ aus Sojamehl

Des Weiteren etablierte Konrad Adenauer bereits 1915 die Graupen auf dem Speiseplan der Kölner. Dabei handelt es sich um eine Kochgerste, die durch das Mahlen von ganzen Körnern gewonnen wird. Damit kann man beispielsweise eine sättigende Grundlage für Suppen oder Eintöpfe schaffen.

Nach der Kartoffelfäule von 1916 führte er als Ersatz die Knollen der Topinabur ein. Diese Pflanze ist mit der Sonnenblume verwandt. Die Weitsicht des Konrad Adenauer erwies sich dann vor allem im Steckrübenwinter von 1916/17 als sehr wertvoll, denn er konnte die Härten für die hungernde Bevölkerung etwas abfedern.

Seine Erfindungen ließ sich Konrad Adenauer auch patentieren. In der breiten Bevölkerung stießen diese wenig attraktiven Speisen jedoch nur auf eine begrenzte Sympathie. Nachdem die Versorgungslage in den Nachkriegsjahren wieder besser wurde, verschwanden diese Ersatzgerichte vom Speiseplan der Kölner.

Adenauer als Oberbürgermeister von Köln

Am 18. September 1917 wurde Konrad Adenauer ohne Gegenstimme zum Oberbürgermeister von Köln gewählt. Das Amt sollte er ohne Unterbrechung bis 1933 innehaben.

In den 1920er Jahren gehörte Konrad Adenauer darüber hinaus auch zahlreichen Aufsichtsräten an. Dazu gehörten:

  • RWE AG
  • Deutsche Bank
  • Deutsche Lufthansa
  • Rhein AG für Bergbau
  • Weitere 12 Unternehmen

Ab 1921 war Konrad Adenauer bis 1933 der Präsident des Preußischen Staatsrates. Dabei stand er als Rheinländer einem starken Preußen jedoch sehr ablehnend gegenüber und pflegte eine Dauerfehde mit dem Ministerpräsidenten Otto Braun.

Preußen war für Konrad Adenauer „der böse Geist Europas, […] der Hort des kulturfeindlichen, angriffslustigen Militarismus.“ Darüber hinaus trug Preußen seiner Meinung nach die Schuld am Ersten Weltkrieg und sei von einer „gewissenlosen militärischen Kaste“ beherrscht, die wiederum Deutschland beherrsche.

Während seiner Zeit als Oberbürgermeister von Köln war Konrad Adenauer auch mehrfach als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers im Gespräch. Die unsichere Perspektive dieser Position schien ihm selbst jedoch wenig attraktiv, weil er einen sicheren Posten in Köln hatte.

In der Wirtschaftskrise von 1928 geriet Konrad Adenauer auch persönlich in eine schwere finanzielle Schieflage. Er verspekulierte sein Vermögen mit Aktien der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. Über seine Verbindungen zur Deutschen Bank erhielt Adenauer dann aber zwei Aktienpakte im Wert von 1,14 Millionen Reichsmark aus einem schwarzen Fonds, um seine privaten Schulden zu begleichen.

Im Jahr 1931 kam es zu seinem ersten großen Konflikt mit den Nazis. Eine Bande hatte nachts die Rheinbrücken mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Nach seiner eigenen Darstellung ließ Konrad Adenauer die Flaggen umgehend entfernen.

Tatsächlich kam es jedoch zu einer Absprache mit der örtlichen Leitung der NSDAP. Dennoch begann die SA öffentlich Geld für „die Kugel Adenauers“ zu sammeln.

Leben unter der Diktatur des Dritten Reiches

Keine Flaggen, keinen Handschlag für Hitler

Als Adolf Hitler am 18. Februar 1933 die Stadt besuchte, verbot Konrad Adenauer eine Beflaggung von Köln mit den Fahnen der Nazis. Dem Führer verweigerte er darüber hinaus den Handschlag.

Doch bei den Kommunalwahlen am 12. März 1933 unterlag seine Zentrumspartei. Die NSDAP enthob ihn daraufhin seines Amtes. Die Nazis waren so auch in Köln legal an die Macht gekommen.

Flucht in eine Abtei und Inhaftierungen

Die Nazis forderten öffentlich auf Wahlkampfplakaten: „Adenauer, an die Mauer!“. Der entmachtete Oberbürgermeister floh deshalb zunächst zu einem befreundeten Benediktiner-Abt nach Maria Laach.

Von dort aus stellte Konrad Adenauer selbst den Antrag auf ein Dienststrafverfahren, um die Vorwürfe der Nationalsozialisten gegen seine Amtsführung als Oberbürgermeister von Köln zu entkräften. Doch im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch von 1934 wurde er in der Abtei verhaftet.

Die Nazis hielten Konrad Adenauer im Jahr 1934 jedoch nur für zwei Tage fest. In einem zehnseitigen Schreiben an den preußischen Innenminister in Berlin verteidigte er im August sein Verhalten mit einem gewissen Erfolg. So konnte er einen Anspruch auf eine reduzierte Pension sichern.

In den folgenden Jahren wechselte Konrad Adenauer häufig seinen Wohnort. Er lebte dabei von seiner reduzierten Pension von 1.000 Reichsmark im Monat.

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Konrad Adenauer im Rahmen der Operation Gitter erneut verhaftet. Die Gestapo hatte jedoch keine konkreten Verdachtsmomente gegen ihn. Tatsächlich war Adenauer im Vorfeld von den Verschwörern jedoch mehrfach angesprochen worden. Die Beteiligung an einem Staatsstreich gegen Hitler lehnte der Katholik jedoch strikt ab.

Dennoch wurde Konrad Adenauer im Lager von Köln-Deutz festgehalten. Seine Akte erhielt den Vermerk „Rückkehr unerwünscht“. Adenauer stellte sich jedoch krank und wurde in ein Krankenhaus überstellt. Von dort konnte er fliehen. Konrad Adenauer wurde jedoch erneut gefasst, aber Ende November 1944 endgültig entlassen.

Inzwischen haben sich jedoch auch Kritiker geäußert, die diese Episode im Leben des späteren Kanzlers für wenig plausibel halten.

Nachkriegsjahre und Kanzlerschaft (1949 bis 1963)

Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht wurde Konrad Adenauer von der amerikanischen Besatzungsmacht am 04. Mai 1945 zum Oberbürgermeister von Köln ernannt. Ende August wechselte er darüber hinaus vom Zentrum zur Christlich Demokratischen Partei (CDP). Das war ein regionaler Vorgänger der heutigen CDU.

„Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk und tragen auch die Bischöfe und der Klerus eine große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern. […] Das deutsche Volk, auch Bischöfe und Klerus zum großen Teil, sind auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen. Es hat sich fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld.“

Am 06. Oktober 1945 wurde Konrad Adenauer jedoch wegen angeblicher Versäumnisse vom Militärgouverneur aus seinem Amt als Oberbürgermeister von Köln entlassen. Der Vorwurf lautete, dass sich Adenauer nicht ausreichend um die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln bemüht hätte.

Darüber hinaus musste er binnen einer Woche die Stadt verlassen. Außerdem wurde es Konrad Adenauer bis zum 04. Dezember untersagt, einer parteipolitischen Arbeit nachzugehen. Im darauffolgenden Jahr konnte er jedoch für die Christdemokraten kandidieren und wurde deren Fraktionschef im ersten Landtag von Nordrhein-Westfalen.

Präsident des Parlamentarischen Rates 1948/49

Ab Oktober 1946 war Konrad Adenauer der Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag. Das Parlament war zu diesem Zeitpunkt noch abhängig von der Ernennung durch die britische Besatzungsmacht. Diese hatten das Bundesland aus zwei ursprünglich preußischen Provinzen gebildet.

In den folgenden Jahren konnte Konrad Adenauer seine Hausmacht innerhalb der Christdemokraten ausbauen. Für seine Partei wurde er dann im Jahr 1948 als Präsident des Parlamentarischen Rates ernannt. Dabei handelte es sich eigentlich um einen Posten, der fast keine echte Macht hatte.

Deshalb hatten die starken Sozialdemokraten ihren Mann Carlo Schmid als Vorsitzenden des Hauptausschusses platziert. Doch Schmid konnte in dieser Rolle nur im Hintergrund arbeiten, während sich Konrad Adenauer öffentlich als der Vertreter der Deutschen gegenüber den Alliierten präsentierte. Er wurde „erster Mann des zu schaffenden Staates, noch ehe es ihn gab.“

Konrad Adenauer trat als Präsident des Parlamentarischen Rates dann auch sehr geschickt für die Bestimmung von Bonn als erste Hauptstadt des Bundes ein. Dabei wird ihm unterstellt, dass er als Einwohner des unweit gelegenen Rhöndorf vor allem auch seinen eigenen Arbeitsweg im Hinterkopf hatte.

Wahl zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik

Nach dem Verfassungskonvent der Ministerpräsidenten auf Herrenchiemsee und den anschließenden Beratungen wurde das Grundgesetz am 23. Mai 1949 vom Parlamentarischen Rat angenommen. Am darauffolgenden Tag trat es in Kraft.

Damit wurde die Grundlage für die Wahl des 1. Bundestages geschaffen. Konrad Adenauer gewann als Kandidat des Wahlkreises Bonn Stadt und Land mit 54,9 % ein direktes Mandat. Anschließend wählte ihn die gemeinsame Fraktion von CDU und CSU zu ihrem Vorsitzenden.

Als stärkste Fraktion bildete die Union zusammen mit der Deutschen Partei (DP) und der Zentrumspartei (DZP) eine Regierungskoalition. Bei der Wahl in das Amt des Bundeskanzlers erhielt Konrad Adenauer daraufhin 202 von 402 Stimmen.

Damit erzielte er ein denkbar knappes Ergebnis. Im nachhinein wird diese Geschichte gerne dahingehend verdichtet, dass Adenauer nur dank seiner eigenen Stimme zum Kanzler gewählt wurde.

Am 21. September 1949 absolvierte Bundeskanzler Adenauer seinen Antrittsbesuch bei den alliierten Militärgouverneuren. Am selben Tag trat das neue Besatzungsstatut in Kraft, dass die Souveränität der jungen Bundesrepublik und ihres Regierungschef noch stark einschränkte. Die Behörden der Besatzungsmächte hatten dabei vor allem folgende Aufgaben:

  1. Entwaffnung und Entmilitarisierung einschließlich angrenzender Zweige in der Wirtschaft und der Wissenschaft
  2. Überwachung der Ruhr, der Rückerstattung von Raubgut, der Reparationen, der Dekartellisierung, der Dezentralisierung sowie den Abbau von Handelsbeschränkungen
  3. Regelung der auswärtigen Angelegenheiten sowie internationaler Abkommen
  4. Versorgung von Flüchtlingen und entwurzelten Personen wie ehemaligen Zwangsarbeitern
  5. Schutz der alliierten Streitkräfte sowie deren Vertreter, Angestellte und Angehörige
  6. Einhaltung des Grundgesetzes und der Länderverfassungen
  7. Überwachung innerer Vorgänge wie der Verwendung von Geld- oder Lebensmitteln
  8. Behandlung und Versorgung von durch Tribunale angeklagte oder verurteilte Personen sowie gegebenenfalls die Überwachung der Vollstreckung von Urteilen

Konrad Adenauer ließ sich von den engen politischen Fesseln jedoch nicht beirren. Bereits bei seinem Antrittsbesuch vertrat der Bundeskanzler selbstbewusst die Interessen der Deutschen. Nach und nach baute er Vertrauen in die neue Republik auf und erreichte damit eine schrittweise Reduzierung der Einschränkungen.

Im Jahr 1951 kam es dann zu einer Revision des Besatzungsstatuts. Der Kriegszustand wurde formal beendet und die Bundesrepublik erhielt vor allem im Bereich der auswärtigen Angelegenheiten einige Rechte zurück. Nun konnte man selbstständig Beziehungen zu anderen Staaten aufbauen und unterhalten. In der Folge ernannte sich Konrad Adenauer selbst auch zum Außenminister in seinem Kabinett.

Integration in westliche Bündnisse und Strukturen

Konrad Adenauer sah die einzige Chance der Deutschen auf Frieden und Wohlstand in einer Eingliederung in den Westen. Von besonderer Rolle spielte dabei die Aussöhnung mit Frankreich. Ein großes Glück war, dass der französische Präsident Charles De Gaulle und sein Außenminister Robert Schuman diese Annäherung von ihrer Seite aus ebenfalls vorantrieben.

Von besonderer Bedeutung war die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Diese wird häufig auch als Montanunion bezeichnet und ist ein Vorläufer der heutigen EU.

Durch die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit in diesen kriegswichtigen Industrien wurde das Misstrauen gegenüber Deutschland strukturell abgebaut. Eine heimliche Aufrüstung wurde damit nämlich praktisch unmöglich.

Soziale Marktwirtschaft und Wirtschaftswunder

Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft hatte zahlreiche geistige Väter. Es wird vor allem mit dem Wirtschaftsminister und dann zweiten Kanzler Ludwig Erhard verbunden.

VW Käfer - Symbol des deutschen Wirtschaftswunders
VW Käfer – das Symbol von Erhards Wirtschaftswunder (pixabay)

Erhard vertrat dabei persönlich die Auffassung, dass der freie Wettbewerb am besten geeignet sei, gesellschaftlichen Wohlstand zu schaffen. Je höher wiederum der allgemeine Wohlstand ist, desto weniger Bedarf besteht an klassischer Sozialpolitik.

Der Wirtschaftsminister von Konrad Adenauer träumte von einem Kapitalismus des Volkes. Das Vermögen sollte auf einem breiten Sockel gebildet werden. Hierfür war vor allem die Erhaltung eines stabilen Preisniveaus von besonderer Bedeutung.

Die theoretischen Fragen der sozialen Marktwirtschaft wurden jedoch häufig von praktischen Problemen überlagert. Außerdem griff Konrad Adenauer auch immer wieder direkt in sozial- und wirtschaftspolitische Themen ein. Beispielsweise geht auf den ersten Kanzler die Umlagefinanzierung der Rente zurück.

Generationenvertrag – Umlagefinanzierung und Folgen

Umlagefinanzierung bedeutet, dass die Rente für alte Leute von den laufenden Löhnen der arbeitenden Bevölkerung bezahlt wird. Mit diesem Ansatz wollte Konrad Adenauer die strukturelle Altersarmut aufgrund steigender Verbraucherpreise bei stagnierenden Renten mit einer Reform im Jahr 1957 bekämpfen.

Die Leistungsfähigkeit dieses gesetzlichen Rentensystems hängt zwangsläufig am Verhältnis von Beitragszahlern zu Beitragsempfängern. Die Bedenken von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hinsichtlich eines demographischen Wandels wischte Adenauer mit einer plakativen Aussage beiseite:

„Kinder kriegen die Leute immer.“

Doch es sind ausgerechnet die geburtenstarken Jahrgänge aus der Zeit seiner Kanzlerschaft, die deutschen Babyboomer, die diesen sogenannten Generationenvertrag nun zu Lasten aller kommenden Jahrgänge missbrauchen. Denn die Nachkriegskinder haben selbst nicht genügend neue Beitragszahler gezeugt. Das Verhältnis der Einzahlenden zu den Empfängern der gesetzlichen Rente verschiebt sich deshalb dramatisch.

Nur leider verzichten die Babyboomer mehrheitlich auch auf die politische Bereitschaft, die Umlagefinanzierung substantiell an den Wandel der Gesellschaft anzupassen. Der Hintergrund ist, dass sie aufgrund der Altersstruktur finanziell mehr profitieren als jüngere Jahrgänge und Reformen deshalb mit der Masse ihrer Wählerstimmen verhindern.

Arbeitskreis zur Rente schlägt Arbeitskreis zur Rente vor

(zeit.de vom 27. März 2020)

Beispielsweise hätte man schon 1990 die private Altersvorsorge forcieren können, so wie das heute selbstverständlich ist. Doch konkret an den Entscheidungen der damaligen Regierung von Helmut Kohl kann man ablesen, dass die Babyboomer wohl eher die eigenen Kinder über den Tisch ziehen wollen, als selbst adäquat für das Alter vorzusorgen.

Für den Nachwuchs der Nachkriegsjahrgänge bedeutet das Umlageverfahren von Konrad Adenauer nämlich nicht nur, dass sie viel mehr als ihre Eltern beitragen müssen. Aufgrund von zusätzlichen Kosten haben sie dann auch noch sehr viel weniger Geld zur eigenen Vermögensbildung übrig, während auch ihre Renten deutlich niedriger ausfallen werden. Es ist keine Win-Win-, sondern eher eine Lose-Lose-Lose-Situation:

  • höhere Lebensarbeitszeit
  • höhere Rentenbeiträge
  • Private Altersvorsorge

Damit wirkt sich die Rentenreform von Konrad Adenauer inzwischen gegenteilig zur Intention der sozialen Marktwirtschaft aus. Ursprünglich sollte der Staat für einen Aufbau von Vermögen auf einem breiten Sockel sorgen, um den Bedarf an sozialen Transferleistungen zu reduzieren.

Für den künstlichen Erhalt des nicht haltbaren Lebensstandards der Babyboomer werden nachfolgende Jahrgänge jedoch quasi enteignet. Nebenbei wird damit auch der Bedarf an sozialen Leistungen für eben diese zwangsläufig und dauerhaft erhöht. Von einem fairen Vertrag der Generationen dank Konrad Adenauer kann deshalb nicht die Rede sein.

„Was all diese Rentenreformen gemeinsam haben ist, dass sie letztlich eine massive Umverteilung von Jung zu Alt bedeuten. Nur spricht die Politik dies nicht offen und ehrlich an, sondern tut so, als gäbe es diese Gelder umsonst, ohne dass jemand dafür geradestehen muss.“

Marcel Fratzscher, 2019 – Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Wie Ludwig Erhard prophezeite, war die Rentenreform von 1957 nicht zukunftsfähig. Dieser sogenannte Generationenvertrag von Konrad Adenauer ist zu einer fundamentalen Bedrohung für die Zukunft geworden. Die Babyboomer, die Verursacher dieser Krise, sind jedoch leider die großen Profiteure und werden Kurskorrekturen wohl auch in Zukunft zum kollektiven Eigennutz blockieren.