Theoderich der Große

Theoderich der Große und die Ost-Goten

Theoderich der Große wurde um 456 in Pannonien geboren. Er war ein König der Ost-Goten und gehörte zu den prägenden Figuren der Völkerwanderungszeit.

Theoderich der Große Mausoleum
Mausoleum von Theoderich dem Großen in Ravenna (Foto: Dr. Wilfred Krause / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Theoderich der Große stammte aus dem Herrschergeschlecht der Amaler. Diese Linie kann historisch sogar bis zurück in das 4. Jahrhundert verfolgt werden.

Über Theoderich den Großen blieb besonders in Erinnerung, dass er gegen den italienischen König Odoaker in der „Rabenschlacht“ von Ravenna kämpfte. Anschließend soll er ihn auch noch persönlich erschlagen haben.

Gesichert ist jedoch, dass Theoderich der Große Italien eroberte. Schließlich führte er die Ost-Goten sogar bis in den Süden von Frankreich und drängte dort Chlodwig I., den ersten fränkischen König zurück.

Darüber hinaus gilt Theoderich der Große als Vorbild für die germanische Sagenfigur „Dietrich von Bern“.

Theoderich – Sohn von Thiudimir

Über die Jugend von Theoderich ist wenig bekannt. Man weiß nur, dass er wohl von 459 bis 469 am ost-römischen Hof in Konstantinopel lebte. Dort erwarb er zumindest grundlegende Kenntnisse der Herrschafts- und Verwaltungspraxis.

Außerdem ist bekannt, dass Theoderich der Große der Sohn von Thiudimir war. Sie gehörten dem Geschlecht der Amaler an. Diese Linie ging zurück bis zu den östlichen Ost-Goten, den Greutungen.

Schicksal der Greutungen

Der erste historisch belegte König aus dieser Linie war Ermanarich. Er regierte in der zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit bestanden die Ost-Goten aus zwei großen Gruppen:

  • Greutungen im Osten
  • Terwinger im Westen

Ermanarich erlebte den Hunneneinfall ab 375 n. Christus. Der römische Historiker und Zeitgenosse Ammianus Marcellinus berichtete, dass die Ost-Goten dem Sturm nicht standhielten. Deswegen beging König Ermanarich im darauffolgenden Jahr Selbstmord.

Hunneneinfall Karte
Einfall der Hunnen ab 375 n. Chr.

Nach Ammianus Marcellinus floh ein Teil der Greutungen unter Vithimiris, der selbst nicht zum Geschlecht der Amaler gehörte. Er wurde jedoch noch im Jahr 376 bei Kämpfen getötet.

Während des schicksalshaften Niedergangs der Greutungen sollen mit Hunimund und Thorismund noch zwei weitere Könige aus dem Geschlecht der Amaler geherrscht haben. Doch letztlich gingen sie vorerst im Hunnenreich auf. Es folgte eine Thronvakanz von vielen Jahrzehnten. Eigenständig wurden die Ost-Goten erst wieder nach dem Tod von Attila im Jahr 453 n. Christus.

Entstehung der Ost-Goten

Ab 447 n. Christus herrschte Valamir über die Ost-Goten, ein Neffe von Thorismund. Er war ein Vasall der Hunnen in Pannonien, im heutigen Westen von Ungarn. Valamir war dann auch der Heerführer der Ost-Goten beim großen Vorstoß nach Zentral-Europa.

In der legendären Schlacht auf den Katalaunischen Feldern von 451 trafen sie in der französischen Champagne auf ein letztes großes Aufgebot des west-römischen Reiches.

Doch der römische Heermeister Flavius Aëtius ging siegreich vom Feld. Auf seiner Seite kämpfte und fiel übrigens der west-gotische König Theodrich I., der nicht mit dem hier behandelten ost-gotischen König Theoderich dem Großen verwechselt werden darf.

Nach dem Tod von Attila zwei Jahre später führte Valamir seine Ost-Goten aus der Abhängigkeit. Er wurde zur Plage für das ost-römische Reich und ließ sich schließlich von deren Kaiser Leo I. jährlich 300 Goldpfund bezahlen.

Während eines Kampfes gegen germanische Skiren fiel Valamir im Jahr 468 oder 469 vom Pferd und starb. Diese Schlacht endete jedoch siegreich für die Ost-Goten, so dass sein jüngerer Bruder Thiudimir die Herrschaft übernehmen konnte.

Theoderich – Teilkönig in Slawonien

Als Valamir starb, bestand das Reich der Ost-Goten aus vier Teilkönigreichen. Der jüngere Bruder Thiudimir war bis dato der Regent über Slawonien. Das war eine historische Region im heutigen Kroatien.

Mit Beginn seiner Herrschaft übernahm Thiudimir die Kontrolle über die verbliebenen Teilgebiete. Sein Sohn Theoderich der Große erhielt hingegen bereits zu diesem Zeitpunkt die Macht über Slawonien.

473 verlegten sie den Sitz ihres Herrscherhaus nach Makedonien. Thiudimir verstarb im folgenden Jahr und Theoderich der Große wurde nun König über die vier Teilreiche.

Expansion der Ost-Goten nach Italien

Theoderich der Große war wohl bereits ab etwa 471 n. Christus ein „Heerkönig“. Das waren Anführer von relativ autonomen Verbänden von Kriegern sowie deren Familien mit einem quasi-monarchischen Status.

Ostgotisches Reich um 508 Karte
Theoderich der Große und sein ostgotisches Reich um 508 (Zeichner: Geuiwogbil von Wikimedia Commons / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Nach dem Tod seines Vaters wurde Theoderich der Große ab 474 dann auch formal als „Rex“ tituliert. Das ist nicht nur der lateinische Begriff für „König“. Damit war auch eine außenpolitische Anerkennung verbunden.

In dieser Position als Rex führte Theoderich der Große die Ost-Goten zum Zenit ihrer Geschichte. Schließlich wurde er sogar der König von Italien. Aber auch die römische Kultur erlebte während seiner Herrschaft eine unerwartete Blüte in der Spätantike.

Das ost-gotische Reich von Theoderich dem Großen zerfiel nach seinem Tod am 30. August 526 jedoch sehr schnell. Er konnte weder einen passenden Nachfolger finden, noch einen tragfähigen Staat errichten.

Foederati des ost-römischen Reiches

Bereits unter Thiudimir, dem Vater von Theoderich dem Großen, hatten die Ost-Goten enge diplomatische Beziehungen zum ost-römischen Reich. Sie waren „Foederati“.

Helm aus ost-römischer Produktion
Helm der Völkerwanderungszeit aus ost-römischer Produktion (Foto: David Monniaux / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Foederati war ein Oberbegriff für alle nicht-römischen Gruppen, die einen entsprechenden Bündnisvertrag mit den Römern hatten. Theoderich der Große war in seiner Jugend deshalb als Geisel am Hof in Konstantinopel, um die Vertragstreue der Ost-Goten als Foederati zu gewährleisten.

Die Beziehung zwischen den Ost-Goten und dem ost-römischen Reich war jedoch keinesfalls konfliktfrei. Dennoch profitierte Theoderich der Große zu Beginn seiner Herrschaft sehr von dem Bündnis.

Die Ost-Römer waren damals die einzige verbliebene Supermacht in der westlichen Welt. Das Bündnis war deshalb nicht nur wirtschaftlich sehr wertvoll, sondern brachte auch eine politische Anerkennung mit sich.

Theoderich der Große wurde beispielsweise mit einem sehr hohen Rang als Offizier der ost-römischen Armee ausgestattet. Im Jahr 484 wurde er sogar zum Konsul ernannt.

Diese formale Legitimation erleichterte Theoderich dem Großen die Ausübung seiner Herrschaft in den Gebieten des gefallenen west-römischen Reiches. Darüber hinaus konnten sich seine Krieger in den ost-römischen Arsenalen auch mit hochwertigen Waffen ausstatten.

Feldzug nach Italien ab 488 n. Chr.

Im Jahr 488 wurde die Stellung von Theoderich dem Großen erneut aufgewertet. Der ost-römische Kaiser Zenon bestätigte ihn als Magister Militum und ernannte ihn zum „Patricius“.

„Patricius“ war ein sehr hoher Ehrentitel, der von Konstantin I. geschaffen wurde. Damit wurde eine Person formal in den engsten Kreis um den Kaiser erhoben.

Außerdem erhielt Theoderich der Große von Zenon den Auftrag, Italien von Odoaker zu befreien. Dieser hatte im Jahr 476 den letzten west-römischen Kaiser gestürzt und das Land an sich gerissen.

Ob Theoderich der Große tatsächlich aus diesem Grund nach Italien zog, ist unter Forschern umstritten. Der formale Auftrag war jedoch sehr vorteilhaft, weil er ein eigenes Reich weit weg von Konstantinopel erobern konnte.

Im Jahr 489 setzte sich Theoderich der Große mit 20.000 Kriegern in Bewegung. Sie wurden von ihren Familien begleitet. Der gesamte Zug umfasste damit etwa 100.000 Personen.

Rabenschlacht von Ravenna

Der Auftakt des Italien-Feldzuges war zunächst wechselhaft. Im Sommer 490 konnte Theoderich der Große jedoch zwei wichtige Schlachten bei Verona und am Fluss Adda in der Po-Ebene gewinnen.

In der Folge musste sich Odoaker nach Ravenna zurückziehen. So konnte Theoderich der Große zunächst wesentliche Teile von Italien unter seine Kontrolle bringen.

Ravenna galt damals jedoch als uneinnehmbar und konnte über den Seeweg mit Nachschub versorgt werden. Tatsächlich belagerte Theoderich der Große die Stadt ab 491 zwei Jahre lang vergeblich.

Schließlich gelang jedoch eine Blockade des Hafens. Die Belagerten versuchten deshalb 493 ihr Glück bei einem großen Ausbruchsversuch. Das Gefecht wurde als „Rabenschlacht“ bekannt.

Die Bezeichnung der Schlacht ist eine Übersetzung von „Ravenna“ in den alt-deutschen Begriff für „Raben“. Es konnte jedoch keine Seite als klarer Sieger hervorgehen. Deshalb wurde ab dem 25. Februar 493 über Frieden verhandelt.

Festmahl für die Feinde

Am 27. Februar 493 schlossen Theoderich der Große und Odoaker Frieden. Wenige Tage später zogen die Ost-Goten in Ravenna ein.

Theodrich und Odoaker
Odoaker in der Schedelschen Weltchronik von 1493 (gemeinfrei)

Am 15. März 493 ließ Theoderich der Große ein Festmahl zur Versöhnung ausrichten. Dabei tötete er Odoaker angeblich sogar persönlich. Auch dessen Söhne und die anwesende Gefolgschaft wurden erschlagen.

Theoderich der Große erhob sich anschließend zum Alleinherrscher über Italien. Als Vorwand für das Massaker nannte er Rache für einen früheren Mord an einem rugischen Königspaar.

Aber Theoderich der Große hat sehr wahrscheinlich aus einem machtpolitischen Kalkül gehandelt. Die Rechtfertigung war eher an den Haaren herbeigezogen.

Herrschaft von Theoderich dem Großen

Theoderich der Große konnte überraschend schnell seine Herrschaft in Italien konsolidieren. Wahrscheinlich war es ein großer Vorteil, dass er im offiziellen Auftrag des ost-römischen Kaisers handelte und mit entsprechenden Titeln ausgestattet war.

Gegen Ende der 490er Jahre erhielt Theoderich der Große von Kaiser Anastasius auch die ost-römische Bestätigung als König von Italien. Damit stand seine Macht auf zwei Säulen:

  • Anführer der Ost-Goten in Italien
  • Oberhaupt der römischen Regierung

Die einst von Odoaker nach Konstantinopel geschickten Ornamente des west-römischen Kaisers wurden an Theoderich den Großen übergeben. Er weigerte sich jedoch, als neuer Augustus, also als römischer Kaiser über Italien zu regieren.

Kooperation mit alten Eliten

Die Ost-Goten unter der Führung von Flavius Theodericus Rex provozierten erstaunlicherweise nur wenig Widerstand bei den Bewohnern Italiens. Ein Hintergrund dürfte die Legitimation der Herrschaft von Theoderich dem Großen durch den ost-römischen Kaiser gewesen sein.

Theoderich der Große Münze mit Abbild
Goldmünze mit Abbild von Theoderich dem Großen (Bild: SJuergen / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Aber auch die Ansiedlung der etwa 100.000 Ost-Goten wurde scheinbar ohne große Probleme akzeptiert. Forscher spekulieren deshalb, dass die neuen Machthaber einfach die bisherigen Ländereien der geschlagenen germanischen Krieger übernahmen.

Weitere Enteignungen hat es zumindest im großen Stil wohl nicht gegeben. Eine weitere Erklärung wäre, dass Theoderich der Große lediglich Steuern einzog.

Eine gesicherte Erkenntnis ist jedoch, dass die reiche Aristokratie weiterhin eine hervorgehobene Stellung einnahm. Diese Kooperation mit den alten Eliten erleichterte den Beginn seiner Herrschaft. Sie wurde jedoch später zu einem Auslöser für den schnellen Niedergang des ost-gotischen Reiches.

Religiöse Koexistenz in Italien

Ein besonderer Aspekt der Herrschaft von Theoderich dem Großen in Italien war die gleichwertige Koexistenz von arianischen und nicäanischen Christen:

  • Der Arianismus war ein früh-christliche Glaubenslehre, die die trinitarische Göttlichkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) nicht anerkannte. Vielmehr kannten die Arianer nur einen christlichen Gott. Ihr Glaube wurde jedoch auf dem Konzil von Nicäa von 325 als Irrlehre, als Häresie, abgestempelt.
  • Nicäanische Christen folgten den Beschlüssen des Ersten Konzil von Nicäa. Dort wurde von etwa 200 bis 300 Bischöfen unter der Schirmherrschaft von Konstantin I. ein verbindliches Glaubensbekenntnis formuliert: „Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, […]. Und an den Heiligen Geist.“

Ein glücklicher Zufall war dabei jedoch, dass von 484 bis 519 die christliche Kirche ohnehin durch das Akakianische Schisma gespalten war. Dennoch wurde Theoderich der Große bereits zu Lebzeiten besonders für seine Toleranz gegenüber verschiedenen christlichen Strömungen gelobt.

Als Arianer war Theoderich der Große auch gegenüber Juden offen und wusste dies deutlich zu formulieren:

„Religion können wir nicht anbefehlen, da es niemandem in den Sinn kommen wird, dass er gegen seinen Willen glaubt.“

Erst gegen Ende seiner Herrschaft brachen die religiösen Konflikte in Italien auf. Sie wurden schließlich zum Brandbeschleuniger für den Niedergang des ost-gotischen Reiches.

Krieg gegen die Franken

Zeitlich in etwa parallel zur Entstehung des Reiches der Ost-Goten unter Theoderich dem Großen entstand auch das Frankenreich. Zunächst bildete sich in den Gebieten des heutigen Belgien und im Norden von Frankreich ein neuer Herrschaftsraum auf den Trümmern der letzten römischen Provinz.

Theoderich der Große in Süd-Frankreich Karte
Feldzug der Franken und Konter von Theoderich dem Großen (Zeichner: Furfur von Wikimedia Commons / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Unter dem Merowinger Chlodwig I. expandierten die Franken schließlich weiter in den Süden. Im Jahr 507 schlugen sie die West-Goten unter König Alarich II. bei Poitiers in der Schlacht von Vouillé.

Im darauffolgenden Jahr stießen die Franken weiter bis Toulouse in der Provence vor. Erst im letzten Moment eilte Theoderich der Große herbei und drängte sie in den Norden zurück.

Der Hintergrund für diesen Konflikt zwischen Franken und Ost-Goten lag jedoch weniger in einer sentimentalen Zuneigung zu den West-Goten. Vielmehr hatten sich inzwischen der Merowinger und der ost-römische Kaiser Anastasius gegen Theoderich den Großen verbündet. Er musste einen Zwei-Fronten-Krieg abwenden.

Niedergang des Reiches

In den letzten Lebensjahren von Theoderich dem Großen deutete sich bereits der Niedergang des ost-gotischen Reiches an. An seinem Hof in Ravenna spitzten sich die Konflikte verschiedener Fraktionen zu.

Vor allem das Verhältnis zum ost-römischen Kaiser wurde zum Spaltpilz im Machtzentrum. Besonders problematisch war die Rolle von einigen römischen Senatoren, die sich gegenseitig verklagten.

Dabei wurden auch Todesurteile von Senatsgerichten gegen andere Mitglieder des Standes verhängt. Theoderich der Große geriet im Zuge dieser Affären zwischen die politischen Fronten.

Darüber hinaus endete 519 die Spaltung der christlichen Kirche. In der Folge brachen erstmals religiöse Konflikte unter seiner Herrschaft aus.

Als Theoderich der Große am 30. August 526 starb, brach das ost-gotische Reich schnell zusammen. Er hatte keinen eigenen Sohn und sein Schwiegersohn wurde nicht als Nachfolger anerkannt.

Von 535 bis etwa 552 kam es dann zur Besetzung des alten west-römischen Kernlandes durch ost-römische Truppen. Dieser militärische Konflikt hatte verheerende Folgen für die Wirtschaft in Italien.

Dies führte zu einem plötzlichen Bruch mit vielen Traditionen der Antike. Das dunkle Mittelalter senkte sich über Italien.

Theoderich und Dietrich von Bern

Dietrich von Bern ist eine Heldenfigur, die in zahlreichen Sagen auftaucht. Besonders bekannt sind das Hildebrandslied und das Nibelungenlied sowie die skandinavische Thidrekssaga.

Dietrich von Bern
Dietrich von Bern (Fotograf: Herbert Ortner / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Die frühesten schriftlichen Quellen stammen aus dem 9. Jahrhundert. Die mündlichen Überlieferungen sind wahrscheinlich deutlich älter.

Bereits im Mittelalter wurde Dietrich von Bern mit Theoderich dem Großen in Verbindung gebracht. Zunächst ist dabei zu beachten, dass die Ortsbezeichnung „von Bern“ sich nicht auf die Stadt Bern in der heutigen Schweiz bezieht.

Vielmehr ist „Bern“ beziehungsweise „Welschbern“ eine mittelhochdeutsche Bezeichnung für die Stadt Verona in Italien.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Tatsächlich gibt es nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen dem historischen Theoderich dem Großen und dem epischen Dietrich von Bern:

  • Bern beziehungsweise Verona war zwar nicht der Regierungssitz von Theoderich dem Großen, sondern Ravanna. Aber bei Verona wurde eine sehr wichtige Schlacht gewonnen, die den weiteren Verlauf des Italien-Feldzuges vorzeichnete.
  • Der Vater von Dietrich von Bern hieß Dietmar. Das ist zumindest ein ähnlicher Name zu Thiudimir, dem Vater von Theoderich dem Großen.
  • In der Saga ist von den Amelungen die Rede, während der historische Theoderich der Große zum Geschlecht der Amaler gehörte.
  • In den ursprünglichen Versionen der Saga ist Odoaker ein Gegner von Dietrich.

Die Unterschiede zwischen Dietrich und Theoderich dem Großen sind sehr viel ausgeprägter und fielen bereits Frutolf von Michelsberg um das Jahr 1100 auf:

  • Theoderich der Große wurde nicht in Verona geboren und war auch nie am Rhein.
  • Der historische König der Ost-Goten wurde nicht aus seiner Heimatstadt vertrieben, sondern kam als Eroberer nach Italien.
  • Theoderich der Große war kein Zeitgenosse von Etzel (= Attila) und musste auch nie in das Hunnenreich zurückkehren. Die Flucht der Ost-Goten aus Italien setzte erst nach dem Tod ihres Königs ein.

Heutige Forscher gehen deshalb davon aus, dass die Heldenlieder nie als historische Geschichtsschreibung über Theoderich den Großen gedacht waren. Vielmehr wurde die Nennung von einzelnen, tatsächlichen Ereignissen als literarisches Stilmittel eingesetzt.

Die Intention der Autoren war wohl die Schaffung und Pflege einer gemeinsamen Identität. Der Professor für germanische Mediävistik Joachim Heinzle schrieb hierzu:

„Die Synchronisierung von Ereignissen und Personen, die verschiedenen Zeiten angehören, zielt auf die Konstruktion einer geschlossenen Heldenwelt, in der alles mit allem zusammenhängt und jeder mit jedem zu tun hat.“

Bereits im 19. Jahrhundert wurde darüber hinaus von dem Professor für klassische Philologie Laurenz Lesch eine weitere spannende These zur literarischen Verquickung der beiden Figuren aufgestellt:

„Es scheint zwei Sagen gegeben zu haben, eine vom rex Theodoricus in Italien, die andere vom deutschen Dietrich von Bern, die im Laufe der Jahrhunderte, namentlich zu der Zeit als die Blicke der deutschen Kaiser nach Italien gerichtet waren, zu einer einzigen zusammenwuchsen und so in ewigem Doppelschalten das Auge des Forschers necken.“