Geschichte der Taktik (10) – Die germanischen Krieger

Germanische Krieger – Roms Alptraum

Die Germanen waren eine Gruppe von kriegerischen Stämmen in Mittel-Europa und Süd-Skandinavien. Sie grenzten sich vor allem über linguistische Merkmale von ihren Nachbarn ab. Damit waren die Germanen eine Art kulturelle Mittelmacht zwischen den Kelten im Westen und den Skythen im Osten.

Doch in der Antike bildete sich unter den germanischen Stämmen keine dominierende Macht heraus. Vielmehr setzten sich einzelne Völker zu einem politischen Flickenteppich aus souveränen Einheiten zusammen. Die Römer, als dominierende Supermacht dieser Zeit im Süden von Europa, wussten um diese zersplitterte Landschaft. Aus deren Perspektive sah man Germanien lange Zeit als offensichtliche Beute.

Karte des Gallischen Krieges
Der Gallische Krieg (ODbL)

Außerdem waren die keltischen Krieger in Gallien ein leichtes Opfer gewesen. Die germanischen Krieger waren ihren Nachbarn im Prinzip auch sehr ähnlich. Deshalb erwarteten die Römer jenseits des Rheines ein ebenso leichtes Spiel wie im heutigen Frankreich.

Doch es gelang germanischen Kriegern wiederholt, römische Invasionen abzuwehren. Die Varusschlacht sticht unter zahlreichen Gefechten ganz besonders hervor. Gerade bei diesem Beispiel spielte den Stämmen die Geographie und Bewaldung sehr in die Hände.

Aus ökonomischen Gründen stellte das Imperium schließlich im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Christus sogar alle ernsthaften Versuche der Eroberung ein. Die Römer zogen sich für eine lange Zeit hinter den Rhein zurück und errichteten den römischen Limes.

Das war eine Grenzelinie, die sehr flexibel verteidigt werden konnte. Doch der Winter 406/7 n. Christus war bitterkalt. Auf dem mächtigen Fluss bildete sich eine tragfähige Eisfläche und zahllose germanische Krieger überrannten die römische Rheingrenze.

Karte der Wanderung der Vandalen von 400 bis 455 n. Chr.
Der Zug der Vandalen (ODbL)

Unter dem Ansturm der Vandalen und Alanen war die Linie gebrochen. In den folgenden Jahrzehnten eroberten sie auch noch Spanien, dann Nord-Afrika und schließlich sogar Sizilien sowie Korsika.

Rom wurde bereits in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Christus gleich mehrfach von germanischen Kriegern geplündert. Die antike Ordnung von weiten Teilen Europas war endgültig aus den Fugen geraten und Augustinus verfasste seinem Buch Vom Gottes Staat.

In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts erhielt dann der westliche Teil des römischen Einflussgebietes durch zwei germanische Heerführer den Todesstoß. Beide standen bis dato in römischen Diensten. In Italien selbst sah zunächst Odoaker seine Chance, sich zum König von Italien aufzuschwingen. Damit war das römische Mutterland verloren.

In Gallien schuf dann Chlodwig I. mit dem Überfall auf die letzte römische Provinz eine Basis für sein fränkisches Reich. Aus diesem Raum heraus, im heutigen Belgien sowie im Norden von Frankreich, expandierte das kriegerische Volk immer weiter. Nur wenige Jahrhunderte später hatten sie dann unter Karl dem Großen ganz Mittel-Europa unter einer Krone vereinigt.

Besonderheiten der germanischen Krieger

Bewaffnung, Organisation und Kultur

Die Krieger der Germanen ähnelten in ihrer Bewaffnung und Organisation sehr den keltischen Nachbarn. Die Germanen waren Stammeskrieger. Das bedeutete, dass jede wehrfähige Person spätestens im Ernstfall zum Kämpfer wurde. Im Gegensatz zu den keltischen Kriegern sollen sie jedoch vor einer Schlacht nicht gesungen, sondern laut gegrollt haben, um Donar (Thor) anzurufen.

Außerdem hatte bei den germanischen Kriegern der Speer (Ger) eine höhere Bedeutung als bei den Kelten. Dieser Speer war leicht genug, dass man damit werfen konnte. Aber gleichzeitig hatte die Waffe auch Stabilität für den Nahkampf. Es wurde spekuliert, ob dieser Speer vielleicht sogar namensgebend für die Volksgruppe war. Tacitus berichtete jedoch, dass die germanischen Krieger einen anderen Begriff für diese Waffe verwendeten.

Die germanischen Krieger waren lange Zeit in der römischen Armee als verbündete Hilfstruppen (auxilia) gerne gesehen. Vor allem die Fähigkeiten der Kavallerie beeindruckten sehr. Deshalb stellten sie an vielen Kriegsschauplätzen des römischen Reiches die berittenen Hilfstruppen während die römischen Reiter stark an militärischer Bedeutung verloren.

Germanen in römischen Diensten

Im Laufe der Jahrhunderte dienten zahllose germanische Krieger in der römischen Armee. Vor allem in der späten Kaiserzeit wurde es zur Politik, die militärische Macht immer mehr an Hilfstruppen abzugeben. Über diese Zeit hinweg machten jedoch einige Stämme ganz besonders von sich reden.

Die Bataver

Karte der Eroberung Britanniens durch die Römer
Kaiser Claudius eroberte Britannien ab dem Jahr 43 n. Chr. (ODbL)

Die Bataver waren ein westgermanischer Stamm aus dem heutigen Belgien. Sie waren im Jahr 12 v. Christus von Drusus, einem Ziehsohn von Kaiser Augustus erobert worden. Abgesehen vom Bataveraufstand im Jahr 69 n. Christus waren sie treue Bundesgenossen.

Der Stamm ging letztlich im Frankenreich auf. Aber vor allem im 1. Jahrhundert n. Christus machten die Krieger der Bataver von sich reden. Tacitus lobte sie als die tüchtigsten Reiter.

Außerdem trugen sie einen speziellen Helm, den Bataverhelm. Sie stellten dem Imperium fünf Kohorten und eine berittene Ala – insgesamt etwa 6.000 Mann.

Doch ihre große militärische Stunde schlug bei der Eroberung Britanniens im Jahr 53 n. Christus. Nachdem die römische Armee in Süd-England gelandet war, sammelten sich die Kelten am Fluss Medway in der Nähe des heutigen Rochester.

Die Kelten sahen sich in der offenen Schlacht unterlegen und wollten deshalb die Römer an der Überquerung dieses Flusses hindern. Das hätte vielleicht auch Erfolg gehabt. Aber der römische Feldherr ließ seine Bataver nachts mit Ausrüstung etwas stromaufwärts durch den Medway schwimmen.

Am folgenden Tag erfolgte die Flussüberquerung der Hauptstreitmacht. Währenddessen fielen die Bataver den überraschten Britanniern in die Flanke. Die germanischen Krieger konnten die starren Reihen ihrer Gegner erfolgreich durcheinander bringen. Die Überquerung des Medway gelang so ohne größere Verluste und London fiel in die Hände der Eroberer.

Die Harier

Die Harier waren ein Unterstamm der Lugier. Sie siedelten östlich der Elbe. Die Krieger dieses Germanenstammes kämpften vorzugsweise nachts. Sie schwärzten dann noch ihre Ausrüstung und sichtbare Stelle am Körper wie das Gesicht oder die Hände.

Als das Totenheer wurden sie von Tacitus bezeichnet. Aber auch in der germanischen Mythologie findet sich mit dem Wilden Heer beziehungsweise der Wilden Jagd eine abergläubische Assoziation.

Germanen im Kampf gegen die Römer

Quincunx - Rotation von Manipeln und Kohorten
Der Quincunx der römischen Armee

In der Forschung wird der militärische Erfolg der Germanen häufig mit der speziellen Landschaft in Germanien begründet. Die Varusschlacht ist das allgemeine Parade-Beispiel für eine solche Ausnutzung des Geländes. Dichte Ur-Wälder und sumpfiges Gelände behinderten die Mobilität und machten es Angreifern denkbar schwer.

Zu ihren besten Zeiten erlitten die römischen Legionen auch deshalb die entscheidenden Niederlagen gegen germanische Krieger. Selbst befestigte Standorte, die der imperialen Hauptlinie zu weit vorgelagert waren, konnten die Germanen wegen des geographischen Vorteils plündern.

Doch der Schlüssel für die Erfolge der germanischen Krieger, insbesondere in Relation zu den Kelten, erklärt sich vermutlich anders. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn wurden die Germanen nämlich nicht so früh nach den ersten Kontakten mit den Römern überrannt.

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Arminius´ Taktik in der Varusschlacht

Gallien war noch weitgehend unbekanntes Gebiet, bis es von Caesar auch schon erobert war. Auch in Britannien hatten die Krieger nur wenig Zeit, sich an die römischen Formationen und auch an die Waffen anzupassen. Die germanischen Stämme hingegen lebten für eine sehr viel längere Zeit im Austausch mit dem Imperium.

Das hatte zur Folge, dass das Führungspersonal der Germanen häufig sogar direkt bei den Römern ausgebildet wurde. Auch die einfachen Krieger konnten Kampferfahrung an der Seite von römischen Verbänden sammeln und profitierten davon. Am Beispiel des Sieges von Arminius kann man sehen, wie wichtig es war, dass nicht nur er selbst, sondern mit ihm auch die germanischen Reiter aus der Armee von Varus überlief.

Außerdem nutzten die germanischen Krieger ihre Kontakte zu den Römern sehr intensiv, um sich mit guten Waffen aus dem Imperium zu versorgen. Vor allem die Franken, die Goten und die Westgoten hatten sich als temporäre Verbündete von Rom in deren Arsenalen ausgestattet. Die Kelten waren dagegen noch mit eigenem, relativ minderwertigem Material gegen die Römer angetreten wie beispielsweise Gaius Julius Caesar berichtete.

Germanische Kriegszüge nach Italien

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Marschroute der Kimbern und Teutonen (ODbL)

Doch bereits in der vorchristlichen Antike waren germanische Kriegszüge zumindest zeitweise eine existenzielle Herausforderung für Rom. Im 2. Jahrhundert v. Christus hatten die Kimbern und Teutonen das Reich bereits an den Abgrund gedrängt.

Unter diesen Bedrohungen durch die germanischen Krieger kam es zu zahlreichen Änderungen im römischen Heerwesen, die schließlich als Heeresreform des Gaius Marius bekannt wurden. Darüber hinaus entwickelten die Römer in diesen Jahren auch Strategien, wie man Italien verteidigen kann.

Die germanischen Kriegszüge hatten (häufig) die Besonderheit, dass ganze Stämme aufbrachen. Bereits lange bevor die Hunnen ab dem 4. Jahrhundert n. Christus durch Europa fegten, hatte es solche Wanderungen von ganzen Völkern gegeben. Die Germanen eroberten dann gleich ganze Gebiete, um dort selbst zu siedeln. Das reiche Italien war dabei eben ein lukratives Ziel.

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Standort der Kavallerie-Division unter Kaiser Aurelian (ODbL)

Da die Berge der Alpen sich wie ein Schutzschirm über die Poebene ausbreiten, versuchten die meisten angreifenden Heere entweder im Osten oder im Westen in der Nähe des Meeres einzudringen.

Dabei mussten sich die angreifenden Germanen jedoch in einem großen Bogen um die Bergkette außen herum bewegen. Solche Bewegungen klärten die Römer auf und konnten so an den Brennpunkten ihre Kräfte zusammenziehen.

Im Westen schlugen die Römer ihre Schlachten gegen germanische Krieger häufig in der südlichen Hälfte von Frankreich. Im Osten hingegen konnte sich das Imperium mit der Stadt Aquileia ein Bollwerk errichten. Dort gab es beispielsweise im 2. Jahrhundert n. Christus schwere Kämpfe gegen die Markomannen.

Doch gleich zu Beginn des 5. Jahrhunderts konnten dort Alarich (Westgote) und Radagaisus (Gote) durchbrechen. Jeweils fielen sie mit familiärem Anhang in Italien ein. Während Letzterer mit seinen Leuten bei Florenz vernichtet wurde, gelang den westgotischen Kriegern der Marsch bis auf die Hauptstadt.

Währenddessen gelang den Vandalen der Durchmarsch durch Frankreich, Spanien und Nord-Afrika bis hin nach Karthago. Unter der Führung von Geiserich wurde von dort aus Sizilien erobert und es folgte ein weiterer Marsch von germanischen Kriegern auf Rom.