Rhetorik

Rhetorik – die Redekunst

„Rhetorik“ ist ein Begriff, der sich aus dem alten Griechenland überliefert hat und „Redekunst“ bedeutet. In der Antike sah man die Rhetorik als trainierbare Fähigkeit, die in Diskussionsrunden und vor allem bei den Prozessen der kollektiven Meinungsbildung in den frühen Demokratien ihren Ausdruck fand.

Heutzutage wird der Begriff der Rhetorik mit einer sehr viel breiteren Bedeutung und auch mit einer höheren Differenzierung verwendet. Zwei besondere wichtige Felder der modernen Rhetorik sind die Arbeitswelt und die persönlichen Beziehungen.

Doch die politische Macht der Rhetorik hat sich auch im Laufe der Geschichte erhalten. Von der Antike bis in das 21. Jahrhundert finden sich zahlreiche Beispiele von außerordentlichen Rednern, die ihrer Zeit einen Stempel aufdrückten.

Geschichte der Rhetorik

Redekunst in der Antike

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Aristoteles – Politik

Im alten Griechenland und in der römischen Republik machten junge Adelige häufig eine Karriere als Anwalt, als Politiker oder im öffentlichen Dienst. Häufig vermischten sich solche Karrieren auch.

In der damaligen Zeit fanden viele der juristischen und politischen Prozesse vor einem kleinen oder auch einem größeren Publikum statt. Mit Redegewandtheit konnte man deshalb sehr erfolgreich Karriere machen.

Deshalb trainierte die zukünftige Elite intensiv. Neben der Kunst, Vorträge zu halten, gab es auch Sprachtraining. Von besonderer Bedeutung war das Argumentieren, dass in Szenarios geübt wurde.

Das Beispiel für einen erfolgreichen Rhetoriker der Antike mit einem solchen Werdegang ist Marcus Tullius Cicero. Dieser machte Karriere mit sensationellen Auftritten bei bedeutenden Strafprozessen.

Cicero gelang es dank seiner Fähigkeiten sogar, als homo novus, als Aufsteiger in den römischen Senat aufgenommen zu werden. Darüber hinaus hinterließ er zahlreiche Schriften zur Rhetorik:

  • de inventione – über den Redestoff
  • de oratore – über den Redner
  • partitiones oratoriae – die Teile der Redekunst
  • orator – der Redner
  • topica – die Beweislehre
  • de optimo genere oratorum – über die beste Art von Rednern

Eine weitere sehr bedeutende Strömung der antiken Rhetorik waren die Sophisten. Das war ein Oberbegriff für philosophische Wanderer, die sich im alten Griechenland mit der Vermittlung von Wissen einen Lebensunterhalt verdienten.

Doch die Sophisten galten auch als rechthaberisch und man warf ihnen Haarspalterei und die Verleitung zu Fehlschlüssen vor. Bis heute hat sich die abwertende Bezeichnung von listigen oder auch uneinsichtigen Sprechern mit geschlossenen Weltbildern als Sophisten erhalten.

In den politischen Systemen der Antike sammelte man jedoch auch sehr negative Erfahrungen wegen des Einflusses der Rhetorik auf die politischen Prozesse. Wenn es einer Person gelang, dass Volk mit Worten zu verführen, sprach man schon damals von einem Demagogen.

Religiöse Lehren im Mittelalter

Im Mittelalter fand die Rhetorik ein weiteres Feld von hoher Bedeutung. Die Ausbreitung des Christentums war nicht nur dem missionarischen Eifer, sondern auch dem sprachlichen Talent von Einzelpersonen wie Bernhard von Clairvaux zu verdanken.

Aber die Kirche der Spätantike und des Mittelalters hatte immer wieder große Probleme mit abweichenden Glaubenssätzen. Bereits im Jahr 325 n. Christus hatte man auf dem Konzil von Nicäa das christliche Glaubensbekenntnis vereinheitlicht. Die Häresie, die Verbreitung von Irrlehren, vor allem in Form des Arianismus, musste bekämpft werden, um die Einheit der Kirche zu erhalten.

„Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, […]. Und an den Heiligen Geist.“

Im 12. Jahrhundert erlebte dann die Bewegung der Katharer ihren Aufschwung. Diese „Ketzer“ glaubten an einen Dualismus zwischen einem guten und einem bösen Prinzip. Der Papst befahl schließlich einen Feldzug und die Glaubensgemeinschaft wurde militärisch vernichtet.

Das ausgehende Mittelalter war wiederum von rhetorischen Ausnahmetalenten geprägt. Gegen das Jahr 1500 erhoben sich immer mehr Geistliche mit eigenen Lehren. Aber nicht nur der Reformator Martin Luther schrieb in diesen Jahren Geschichte.

In Florenz gelang es dem anarchistischen Prediger Girolamo Savonarola die de’ Medici zu vertreiben und die Stadt für vier Jahre zu regieren. Auch in Deutschland gibt es mit dem eloquenten Thomas Müntzer einen Prediger an der Spitze eines Heeres im deutschen Bauernkrieg von 1524/25.

Eristik in der Neuzeit

Mit der Aufklärung der Neuzeit wandelte sich auch der Blick auf die Rhetorik. Immanuel Kant setzte mit seinen Werken, der „Kritik an der reinen Vernunft“ und der „Kritik an der Urteilskraft“ starke Signale gegen die Redekunst als Technik zur Erkenntnis.

Aus der Kunst, schön zu sprechen wurde die Kunst, zu streiten, die Eristik. Der Philosoph Arthur Schopenhauer verfasste dann mit seinen 38 Kunstgriffen der Eristik ein erstes Handbuch für Rhetorik in der Neuzeit.

Diese gehen auf sein Manuskript über die Eristische Dialektik zurück.

Technik im 20. Jhd.

Seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist schlagkräftige Rhetorik meist von Technik begleitet. Mit der Verbreitung des Radios mussten politische Führer beispielsweise lernen, über ein Mikrofon mit der ganzen Bevölkerung zu sprechen.

Als die bewegten Bilder mit Ton ihre Verbreitung fanden, erhielt die Rhetorik vor allem im politischen Bereich eine weitere Aufwertung durch die bildliche Inszenierung der Worte. Diktatoren wie Adolf Hitler setzten deshalb auf intensive Bilder, um die Schlagkraft ihrer Botschaften zu erhöhen.

Daten im 21. Jhd.

Die politische Rhetorik des 21. Jahrhunderts ist immer stärker durch den Einsatz von Daten geprägt. Durch Analysen werden die Potentiale bestimmter Botschaften für Interessensgruppen ermittelt. Die Kunst, schön zu reden, wurde zur Kunst, die größte Zielgruppe für eine (politische) Botschaft zu identifizieren und erfolgreich anzusprechen.

Rhetorik lernen

Wenn man Rhetorik lernen oder bestehende Fähigkeiten verbessern will, bieten sich zahlreiche praktische und theoretische Übungen an. Im Bereich der Grundlagen kann man sehr viel lesen.

Dabei fällt jedoch auf, dass die meisten Autoren im weitesten Sinne von einander abschreiben. Es gibt nur wenige echte Erweiterungen des längst Gesagten.

Theoretische Grundlagen

Zu den grundlegenden Werken der modernen Rhetorik gehören die 38 Kunstgriffe von Arthur Schopenhauer. Einerseits eignen sich diese für eine gewisse Basis. Andererseits sind diese Kunstgriffe die Empfehlungen eines offenbar schwierigen Charakters.

Den potentiell negativen Auswirkungen einer Eristik der frühen Neuzeit kann man jedoch begegnen. Zeitgenössisch und ebenfalls mit allen Wasser gewaschen ist Gloria Beck, die als Linguistin mit ihren Untersuchungen zu Komplimenten einen echten Mehrwert geschaffen.

Eine weitere echte Neuerung im Bereich der Rhetorik kommt aus der Betrachtung der Körpersprache. Der frühere FBI-Agent Joe Navarro war jahrelang als Verhörspezialist tätig und notierte dabei systematisch seine Beobachtungen. Diese verarbeitete er in sehr lesenswerten Bücher zu verräterischen Signalen.

Wer es dagegen gerne grob mag, kann auf die Werke zur Rabulistik von Wolf Ruede-Wissmann zurückgreifen. Hier finden sich beispielsweise auch Tricks mit Atempausen, die sehr effektiv sind.

Praktische Übungen

Schon Cicero hat vor Christus gepredigt, dass die richtige Vorbereitung ein zentraler Schlüssel für den rhetorischen Erfolg ist. Dabei gilt es jedoch nicht nur auf die Menge der Vorbereitung zu achten.

Auch die Qualität der Vorbereitung muss stimmen. Das kann man sehr gut und in Ruhe üben. Gerade im beruflichen Bereich hat auch die kritische Nachbereitung einen sehr wertvollen Effekt für vergleichbare Situationen in der Zukunft.

Desweiteren ist die Position im Raum und die eigene Körperhaltung ein weiterer Schlüssel zum redegewandten Auftritt. Deshalb werden häufig Übungen zur Körperhaltung empfohlen. Vor allem der richtige Stand und ein aufrechter Rücken sind wichtig.

Gerade am „Volumen“, das ein Mensch für sich beansprucht, lässt sich dessen Selbsteinschätzung gut ablesen. Deshalb darf man sich nicht zu klein, aber auch nicht zu groß machen, wenn man auf Zuhörer einen überzeugenden Eindruck machen will.

Eine weitere Rhetorik-Übung, die man bereits seit der Antike praktiziert, ist das Argumentieren für eine Gegenseite oder einen fiktiven Fall. Ein solches Training ist auch sehr gut geeignet, weil man je nach Aufgabe auch den Schwierigkeitsgrad einstellen kann. Deshalb nutzen viele Debating-Clubs gerne diesen Ansatz.

Größte Fehler

Eine schlecht strukturierte Rede stellt auch die besten Redner vor kritischen Herausforderungen. Schlecht aufgebaute Argumente bieten häufig auch zahlreiche Angriffsflächen für eine Gegenrede.

Wer kritische Fragen nicht parieren kann, die auf zentrale Annahmen einer Rede zielen, macht eine Position insgesamt angreifbar. Vor allem Argumente gegen die Person und Argumente für das Publikum haben strategischen Charakter.

Ein weiterer Kardinalfehler der Rhetorik ist es, eine falsche Zielgruppe oder eine Zielgruppe falsch anzusprechen. Häufig wird dann nämlich nicht nur Pulver verschossen, sondern es entstehen auch Kollateralschäden.