Stadtstaaten

Stadtstaaten – Antike bis zur Moderne

Stadtstaaten sind Staaten, deren Staatsgebiet nur die Stadt und gegebenenfalls ein Umland umfasst. Damit ist der Stadtstaat das Gegenteil zum Flächenstaat. Dennoch handelt es sich ebenfalls um eine souveräne politische Entität im Gegensatz zu Verwaltungsbezirken.

Büste des Perikles - Heerführer des Stadtstaates Athen
Perikles sicherte die Vorherrschaft des Stadtstaates Athen und förderte die Demokratie. (pixabay)

Vor allem im alten Griechenland fand der Stadtstaat als Staatsform eine hohe Verbreitung. Doch auch zwischen Euphrat und Tigris sowie durch die Phönizier wurden viele Stadtstaaten gegründet. Die indianischen Maya und Azteken organisierten sich ebenfalls in Stadtstaaten.

In der Antike erlangten zahlreiche Stadtstaaten wie Athen oder Sparta einen großen Einfluss. Teilweise entwickelten sie sich sogar zu Flächenstaaten wie beispielsweise das Römische Reich.

Die Stadtstaaten des antiken Griechenland wurden zwar für ihre Demokratie bekannt. Diese Staatsform ist jedoch nicht an eine bestimmte Regierungsform gebunden. Stadtstaaten konnten auch durch eine Monarchie oder eine Aristokratie geführt werden.

Im Mittelalter bildeten sich in Italien neue Stadtstaaten heraus. Ihre Macht speiste sich aus der Kontrolle von Handelsrouten. Besonders bekannt wurden Seerepubliken wie Genua, Pisa oder Venedig.

Doch auch nördlich der Alpen erlangten mächtige Hanse-Städte wie Bremen, Hamburg oder Lübeck den Status eines Stadtstaates. Die Staatsform erlebte in Deutschland erst während des Dritten Reiches eine Zäsur, weil der Einheitsstaat der Nazis keine souveränen Städte zuließ.

In der Moderne gibt es mit den Stadtstaaten Monaco, Singapur und dem Vatikan weitere bedeutende Beispiele für diese Staatsform. Sie haben nicht nur eine eigenständige Regierung. Sie können auch über Geheimdienste, Militär und Polizei verfügen, um ihre Souveränität durchzusetzen.

Griechische Stadtstaaten – die Polis

Im antiken Griechenland wurde ein Stadtstaat als „Polis“ bezeichnet. Der Begriff wurde synonym für „Stadt“ und auch „Staat“ verwendet. Eine weitere Bedeutung war „Burg“.

Die Akropolis - Festung des Stadtstaates Athen
Akropolis von Athen – Zitadelle des antiken Stadtstaates (pixabay)

Ab etwa 750 bis 550 v. Christus wurden im gesamten hellenistisch geprägten Raum zahlreiche Stadtstaaten gegründet. Diese Große Griechische Kolonisation umfasste fast das gesamte Mittelmeer und auch das Schwarze Meer.

Über Jahrhunderte hinweg lebten die meisten Menschen in diesen Regionen in einem Stadtstaat. Eine solche alt-griechische Polis war jedoch nicht nur städtisches Gebiet, sondern bestand aus zwei Zonen:

  1. Asty war der urbane Kern des Stadtstaates.
  2. Chōra war das rurale Umland des Stadtkerns.

Der Großteil der Bevölkerung einer Polis lebte in der ländlichen Chōra. Dennoch definierte sich ein alt-griechischer Stadtstaat in der Regel nicht über das Staatsgebiet, sondern über die Gemeinschaft von Personen mit Bürgerrecht in der Polis-Gemeinschaft. Diese Gesellschaftsform kannte drei Klassen:

  1. Personen mit vollem Bürgerrecht
  2. Bewohner ohne Bürgerrecht
  3. Sklaven

Seerepubliken des Mittelalters

Als Seerepubliken bezeichnet man eine Reihe von Stadtstaaten, die sich im Mittelalter schwerpunktmäßig am Adriatischen und am Ligurischen Meer bildeten. Den Aufstieg verdankten sie ihren Erfolgen als maritime Handelsmächte des Mittelmeeres mit eigenen Seestreitkräften, als sogenannte Thalassokratien.

In Italien entwickelten sich seit dem 9. Jahrhundert vier besonders einflussreiche Seerepubliken. Deren Wappen schmücken heute die Flaggen der italienischen Handels- und Kriegsmarine

  1. Republik Amalfi
  2. Republik Genua
  3. Republik Pisa
  4. Republik Venedig

Mit Hilfe von überseeischen Niederlassungen im ganzen Mittelmeer, im Schwarzen Meer sowie in Nord-Afrika entwickelten die Seerepubliken umfassende Handelsnetze. Dabei spezialisierten sie sich auf den im Mittelalter sehr lukrativen Handel mit Gewürzen.

Eine weitere bedeutende Einnahmequelle stellten die Kreuzzüge dar. Die maritimen Stadtstaaten stellten Kapazitäten für den Material- und Personentransport in den Nahen Osten. Daran verdienten sie sehr gut und gewannen an politischer Macht.

Bereits im Mittelalter waren diese süd-europäischen Stadtstaaten sehr einflussreich. Regelmäßig konnten sie sogar die deutschen Könige und Kaiser herausfordern.

Neben den Seerepubliken stiegen im mittelalterlichen Italien auch mächtige Handelsstädte im Landesinneren auf. Besonders wichtige Beispiele waren Florenz und Mailand.

Hanse-Städte wie Lübeck

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts gründeten Slawen an der Mündung des Flusses Schwartau in die Trave eine Siedlung mit dem Namen Lubice, das heutige Alt-Lübeck. Die Stadt erhielt 1134 von Heinrich dem Löwen besondere Privilegien. Er wollte damit eine konkurrierende Stadt zu Schleswig aufbauen.

Holstentor und Kontore der Hansestadt Lübeck
Holstentor von Lübeck aus der Zeit als Stadtstaat (pixabay)

Der große Vorteil von Lübeck war, dass von dort aus eine günstige Verbindung über Land nach Hamburg bestand. So konnte der lange Weg von der Ostsee zur Nordsee verkürzt werden. Damit vermieden die Händler auch die Dänen.

Im Jahr 1160 erhielt Lübeck zunächst das Soester Stadtrecht. Damit konnten innerhalb des Geltungsbereiches gültige Rechtssätze aufgestellt und durchgesetzt werden.

Unter der Führung des Rates von Lübeck wurde hieraus das Lübische Recht entwickelt. Dieses wurde von über 100 Städten im Ostsee-Raum übernommen. In weiten Teilen war das Lübische Recht sogar bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahr 1900 gültig.

Im Jahr 1226 erhob Friedrich II. der Staufer die Stadt Lübeck zu einer reichsunmittelbaren Stadt. Damit war der Stadtstaat nur noch dem Kaiser unterstellt. Nur wenige Jahre später begann dann ein rasanter Aufstieg:

  • 1241 unterzeichneten Hamburg und Lübeck ein Vertrag der Städtefreundschaft und des Beistandes. Sie vereinbarten, „auf gemeinsame Kosten Strassenräuber und andre Uebelthäter zu bekämpfen“.
  • 1249 überfiel Lübeck die Stadt Stralsund und drängte sie aus dem Geschäft mit Heringen.
  • 1259 unterzeichneten Lübeck, Rostock und Wismar einen Freundschaft- und Beistandspakt.
  • 1280 schlossen Lübeck und die gotländische Stadt Visby ein Bündnis. In der Folge begann der Ausbau des Handels mit dem russischen Nowgorod. Gegen Lüneburger Salz konnten nun begehrte Pelzwaren in großem Umfang getauscht werden.
  • 1340 erhielt Lübeck das Recht, Goldmünzen selbst zu prägen.
  • 1361 wurde Lübeck der erste Hauptort der Hanse, nachdem der dänische König Waldemar die Stadt Visby auf Gotland eingenommen hatte. Anschließend entwickelte sich der Stadtstaat für einige Zeit zum wichtigsten Handelszentrum nördlich der Alpen.
  • Von 1361 bis 1370 führte die Hanse dann eigenständig Krieg gegen Dänen-König Waldemar um die Kontrolle der Ostsee. Im Frieden von Stralsund wurde die Vormachtstellung der Hanse bestätigt.

Der Einfluss des Stadtstaates Lübeck nahm erst im Laufe des 16. Jahrhunderts ab. Der Hintergrund war, dass niederländische Händler mit ihren modernen Schiffen nicht mehr auf den Hafen der Hansestadt angewiesen waren. Sie konnten andere Handelsstädte tief in der Ostsee ohne Zwischenhalt ansteuern.

Stadtstaaten in der Moderne

Die Zahl der Stadtstaaten war in der Neuzeit stark rückläufig. Eine Ursache war, dass zahlreiche militärische Auseinandersetzungen wie beispielsweise die deutschen Befreiungs- und Einigungskriege kleine Staaten von der Landkarte fegten.

Doch in der Neuzeit kam mit dem Einheitsstaat auch eine weitere Staatsform zu großer Bedeutung. Diese Form lässt schon per Definition keine souveränen Städte zu. Ein Beispiel ist die Aufhebung der Unabhängigkeit von Lübeck durch Adolf Hitler im Jahr 1937 mit Hilfe des „Gesetz[es] über Groß-Hamburg und andere Gebietsbereinigungen“.

Dennoch gibt es auch in der Moderne noch einige Stadtstaaten, die sich über den gesamten Globus verteilen. Auch in Deutschland sind nach dem 2. Weltkrieg drei Stadtstaaten wiederbelebt worden, um die föderale Ordnung zu stärken.

„Die Deutschen in den Ländern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet.“ (Aus der Präambel des Grundgesetzes)

Berlin, Bremen und Hamburg

Die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sind den Flächenstaaten der Bundesrepublik gleichgestellt. Sie haben den Status von Bundesländern und verfügen deshalb über eigene Länder-Parlamente und eine eigene Länder-Regierung.

Darüber hinaus sind diese Stadtstaaten im Bundesrat vertreten. In Berlin als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland haben sie des Weiteren eigene Ländervertretungen wie die Flächenstaaten.

Die Vertretung von Bremen befindet sich beispielsweise im Bezirk Tiergarten. Die Vertretung des Stadtstaates Berlin als Land Berlin in der Bundeshauptstadt Berlin hat ihren Sitz im Berliner Rathaus. Die Landesvertretung von Hamburg befindet sich im Stadtteil Mitte.

Fürstentum Monaco

Das Fürstentum Monaco ist ein Stadtstaat und liegt an der französischen Mittelmeerküste. Es ist der zweitkleinste Staat der Erde. Ursprünglich gehörte das Gebiet zu Genua und zeichnete sich durch eine Grenzfestung aus.

Im Konflikt zwischen Staufern und Welfen (Ghibellinen und Guelfen) konnte eine papsttreue Gruppe unter der Führung von Francesco Grimaldi die Festung am 8. Januar 1297 einnehmen. Nur mit kurzen Unterbrechungen stellen die Grimaldis bis heute die Oberhäupter dieses Stadtstaates.

Im Jahr 1489 wurde Monaco vom französischen König als souveränes Fürstentum anerkannt. Bis zur Französischen Revolution war das Königreich dann auch die Schutzmacht des kleinen Stadtstaates.

Seit dem 19. Jahrhundert erlebte Monaco dank der Spielbank Monte Carlo einen Aufstieg zu einem Urlaubsort für reiche Touristen. Nach den großen Kriegen im 20. Jahrhundert wurde die Unabhängigkeit des Stadtstaates erneut bestätigt.

Im Jahr 1993 ist das Fürstentum Monaco in die Vereinten Nationen eingetreten. Seit 2000 haben die Monegassen auch einen ständigen Vertreter bei der Europäischen Union und wurden sechs Jahre später in den Europarat aufgenommen.

Republik Singapur

Die Republik Singapur ist ein Insel- und Stadtstaat in Asien. Die Stadt war lange Zeit von den Briten besetzt und gehört bis heute zum Commenwealth of Nations.

Doch die ältesten Quellen über Singapur stammen aus chinesischen Texten des 3. Jahrhunderts. Die Stadt erlebte eine frühe Blüte als Handelsplatz, doch verlor dann wieder ihre Bedeutung.

Doch im Jahr 1819 kam Sir Thomas Stamford Raffles als Vertreter der Britischen Ostindien-Kompanie nach Singapur und gründete eine Niederlassung. Zu diesem Zeitpunkt lebten nur etwa 20 Fischer-Familien auf dem Gebiet.

Innerhalb von nur fünf Jahren übernahm die Kompanie dann die gesamte Insel. Deshalb gilt Sir Thomas Stamford Raffles als Gründer des modernen Singapur.

Aufgrund seiner zentralen Lage entwickelte sich Singapur schnell zum bedeutenden Handelshafen. Bereits im Jahr 1881 hatte die Insel schon mehr als 170.000 Einwohner.

Anfang 1942 wurde Singapur von zahlenmäßig unterlegenen Japanern überrannt. Nach dem Krieg kam die Insel wieder unter britische Kontrolle und wurde nach einem Referendum im Jahr 1962 unabhängig.

Heutzutage hat der asiatische Stadtstaat weit mehr als 5 Millionen Einwohner und eine sehr erfolgreiche Marktwirtschaft. Das Regierungssystem ist eine parlamentarische illiberale Demokratie. Diese ist von strengen Gesetzen und viel Überwachung geprägt. Gegen Männer im Alter von 16 bis 50 Jahren werden auch Körperstrafen wie Peitschenhiebe verhängt. Auf manche Delikte wie Drogenhandel steht die Todesstrafe.

Der asiatische Stadtstaat hat trotz seiner Größe imposante Streitkräfte. Sie haben einen führenden Platz im Globalen Militarisierungsindex (GMI). Singapur gehört darüber hinaus zu den wichtigsten Abnehmern deutscher Rüstungsgüter:

  1. Das Heer umfasst etwa 50.000 aktive Soldaten sowie weitere 170.000 Reservisten. Ihnen stehen Kampf- und Schützenpanzer zur Verfügung.
  2. Die Luftwaffe des Stadtstaates hat etwa 6.000 Mann. Diese sind mit modernen Kampfjets und -hubschraubern ausgestattet.
  3. Die Marine umfasst etwa 4.500 Mann und hat Fregatten, Korvetten, Patrouillen-, Landungs- sowie U-Boote.

Staat Vatikanstadt

Der Stato della Città del Vaticano ist der kleinste anerkannte Staat der Welt. Auf 0,44 Quadratkilometern leben nur knapp 1.000 Personen. Das Oberhaupt ist der Papst. Deshalb handelt es sich bei diesem Stadtstaat formal um eine Wahl-Monarchie.

Blick vom Dom St-Peter zu Ehren des Apostels Simon Petrus
Blick auf den vatikanischen Stadtstaat (pixabay)

Räumlich befindet sich der Vatikan im Umfeld des Grabes des Apostels Petrus. Über dessen Grabstätte wurde die Peterskirche erbaut, die auch heute das optische Zentrum des kleinen Stadtstaates bildet.

Der vatikanische Hügel wurde jedoch erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts zum Sitz des Papsttums. Neben den kirchlichen Anlagen hat auch die Kurie ihren Sitz auf der kleinen Fläche des Stadtstaates. Darüber hinaus verfügt das Gelände über Wehranlagen.

Im Jahr 1505 stellte Papst Julius II. die Schweizergarde als militärische Truppe zum Schutz der Päpste und des Stadtstaates auf. Die Garde gehört damit zu den ältesten noch existierenden Einheiten der Welt und hat heutzutage eine Stärke von etwa 130 Mann.

Ihre Feuertaufe erlebte die Schweizergarde während der Plünderung Roms am 6. Mai 1527 durch protestantische Landsknechte aus Deutschland (Sacco di Roma). Bei der Verteidigung des Vatikans fielen 147 von 189 Gardisten. Doch sie konnten den Rückzug des Papstes in die Engelsburg erfolgreich decken.

Zeitweise erstreckte sich der Kirchenstaat über weite Teile von Mittel-Italien und war damit ein Flächenstaat. Im Zuge der italienischen Einigung gingen diese Territorien jedoch verloren. Im Jahr 1929 wurde das heutige Gebiet des Stadtstaates im Rahmen der Lateranverträge von Benito Mussolini anerkannt.

Der Vatikan-Staat hat ein Budget von etwa 350 Millionen Euro im Jahr. Die Finanzierung basiert auf umfangreichen Einnahmen durch Immobilien und andere Vermögenswerte.

Des Weiteren kommen jährlich etwa 18 Millionen Touristen in den Stadtstaat. Diese kaufen Souvenirs, bezahlen Eintrittsgelder und spenden etwa 85 Millionen Euro pro Jahr.