Helmut Schmidt

Helmut Schmidt – der Krisenmanager

Helmut Heinrich Waldemar Schmidt wurde am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmbek geboren. Nach dem Rücktritt von Brandt wurde er der fünfte deutsche Bundeskanzler und regierte von 1974 bis 1982.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Helmut Schmidt mit Zigarette
Helmut Schmidt auf dem Parteitag der SPD 1976 (Ludwig Wegmann / Bundesarchiv, B 145 Bild-F048646-0033 / CC-BY-SA 3.0)

Doch bereits 1962 bewies sich Helmut Schmidt als Innensenator von Hamburg. Während einer Sturmflut zeigte er seine Fähigkeiten als kompetenter Krisenmanager. Dank des verantwortungsvollen Handelns stieg er in der Bundespolitik auf und bewährte sich zunächst als Bundesminister der Verteidigung und schließlich der Finanzen.

Nach dem Rücktritt von Kanzler Willy Brandt in Folge der Guillaume-Affäre sprang Schmidt als Ersatzmann ein und übernahm die Rolle als Regierungschef. Vor dem Hintergrund einer erneuten Verschärfung des Kalten Krieges zeigte Helmut Schmidt dann seinen ausgeprägten Sinn für Realpolitik. Er steuerte die Bundesrepublik Deutschland mit ruhiger Hand durch stürmische Zeiten und löste dabei zahlreiche Zwickmühlen.

„Willen braucht man. Und Zigaretten.“

Doch Helmut Schmidt war als Bundeskanzler auch ein umstrittener Politiker. Im Jahr 1982 türmte sich der Widerstand gegen ihn bis zu einem konstruktiven Misstrauensvotum im Bundestag auf. Anschließend begann die für die Nachwelt sehr unvorteilhafte Amtszeit von Helmut Kohl.

„Denn keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft. Ich danke Ihnen sehr.“ (Abschiedsrede im deutschen Bundestag)

Nach seiner Tätigkeit als Politiker wurde Helmut Schmidt einer der Herausgeber der Wochenzeitung DIE ZEIT. Als kritischer Beobachter verfolgte der Alt-Kanzler das politische Geschehen bis an sein Lebensende.

Darüber hinaus entwickelte er sich zum allseits hoch respektierten Elder Statesman der Bundesrepublik. Sein besonderes Markenzeichen waren die stetig qualmenden Menthol-Zigaretten, die er rauen Mengen konsumierte.

Noch im hohen Alter beteiligte sich Helmut Schmidt aktiv am politischen Diskurs und scheute auch nicht vor scharfkantigen Positionierungen zurück. So wurde er noch im Herbst seines Lebens zu einer der beliebtesten Figuren in der politischen Landschaft.

„Von einem 93 jährigen Optimismus zu erwarten, ist ein bisschen viel verlangt.“

Das ganze Land nahm anteil, als seine ebenfalls kettenrauchende Ehefrau Loki Schmidt im Jahr 2010 verstarb. Die Beiden kannten sich bereits aus der Schulzeit und hatten nach seiner Rückkehr von Ostfront im Jahr 1942 geheiratet.

„Ich war als Schüler relativ faul. Was mich nicht interessiert hat, habe ich nur flüchtig gemacht. […] Meine Frau und ich waren ja in derselben Klasse; wir hatten eine ähnliche Handschrift und es ist vorgekommen, dass Loki meine Hausaufgaben in mein Heft geschrieben hat, zum Beispiel in Mathematik, da war sie besser.“

Kurz vor seinem 97. Geburtstag verstarb Helmut Schmidt am 10. November 2015. Sein Leben und seine Verdienste wurden in einem Staatsakt gewürdigt. Die Reden zu seinem Gedenken hielten Olaf Scholz, Henry Kissinger und die zu diesem Zeitpunkt amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Jugend und Kriegsdienst im Dritten Reich

Helmut Schmidt wurde im letzten Jahr des ersten Weltkrieges geboren und erlebte als Teenager das Dritte Reich der 1930er Jahre. Mit dem NS-Regime hatte er seinen ersten dokumentierten Kontakt im Alter von 17 Jahre.

Pitcairnia Loki-Schmidtiae
Loki Schmidt entdeckte 1985 die nach ihr benannte Pitcairnia Loki-Schmidtiae (Timm Stolten / CC-BY-SA 3.0)

Er war in einem Ruderverein, der bereits im Zuge der Gleichschaltung von 1934 der Marine-Hitlerjugend unterworfen worden war. Zwei Jahre später wurde Helmut Schmidt dann wegen „flotter Sprüche“ vom Sportbetrieb ausgeschlossen.

Bereits in diesen Jugendtagen war Helmut Schmidt mit seiner späteren Ehefrau Hannelore „Loki“ Glaser verbandelt. Die Beiden gingen zusammen zur Schule und waren in einer Klasse.

Sie hatten zeitweise Unterricht bei der Widerstandskämpferin Erna Stahl. Loki studierte später Biologie und interessierte sich besonders für Botanik. Im Jahr 1985 entdeckte sie bei einer Reise durch Mexiko sogar ein neues Gewachs, das nach ihr benannt wurde, die Pitcairnia Loki-Schmidtiae.

„Ich konnte mich in jeder Situation auf sie verlassen. Ich zögere nicht zu sagen: Loki war der Mensch in meinem Leben, der mir am wichtigsten war.“

Wehrdienst und Einsatz im Zweiten Weltkrieg

Im Jahr 1937 beendete Helmut Schmidt seine schulische Ausbildung mit einem Abitur. Die Nazis hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.

Helmut Schmidt trat deshalb wie viele seiner Altersgenossen vorzeitig zum Wehrdienst an. Damit war die Hoffnung verbunden, dass daran anschließend ein Studium ohne Unterbrechung erfolgen könne:

  • Am 04. November 1937 wurde Helmut Schmidt zur Flakartillerie von Bremen eingezogen.
  • Ab 1939 diente er als Feldwebel der Reserve bei der Luftabwehr von Bremen.
  • Im Jahr 1941 wurde Helmut Schmidt als Leutnant der Reserve in das Oberkommando der Luftwaffe nach Berlin versetzt.
  • Von August bis Ende 1941 war er als Offizier einer leichten Flak-Abteilung bei der 1. Panzer-Division an der Ostfront und kämpfte beispielsweise bei der Leningrader Blockade. In dieser Zeit wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet.
  • Von 1942 bis 1944 war Helmut Schmidt Referent für Ausbildungsvorschriften der leichten Flak-Artillerie im Reichsministerium für Luftfahrt. Bald nach seiner Rückkehr heiratete er seine Jugendliebe Hannelore „Loki“ Glaser.

Beobachter von Schauprozessen

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler wurden einige Verschwörer in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof verurteilt. Helmut Schmidt war zu diesem Zeitpunkt ein Oberleutnant und wurde als Zuschauer abkommandiert.

Er sollte einer der Statisten sein, um die Prozesse unter dem Vorsitzenden Roland Freisler mit einem gewogenen Publikum zu versorgen. Der spätere Kanzler der Bundesrepublik war jedoch angewidert von diesem Nazi-Spektakel.

Helmut Schmidt bat seinen vorgesetzten General um eine Entbindung von dieser Pflicht. Dem wurde stattgegeben.

Drohendes Kriegsgericht Anfang 1945

Die ideologische Gesinnung von Helmut Schmidt gegenüber den Nazis war mehrfach als unbedenklich bis tadelfrei eingestuft worden. Solche schriftlichen Bewertungen wurden seinen eigenen und auch glaubwürdigen Angaben nach jedoch weder von Vorgesetzten noch von Beurteilten ernst genommen.

Doch im Dezember 1944 wurde er als Batteriechef an die Westfront nach Belgien versetzt. Dort äußerte sich Helmut Schmidt Anfang 1945 kritisch über Hermann Göring und das Regime.

Ein NS-Führungsoffizier wollte ihn deshalb vor ein Kriegsgericht stellen. Tatsächlich kam es in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges zu zahllosen Hinrichtungen durch fanatische Nazis. Ein solcher Prozess wäre wahrscheinlich sein Ende gewesen.

Doch zwei vorgesetzte Generäle engagierten sich sehr geschickt für Helmut Schmidt. Sie versetzten den jungen Offizier permanent auf neue Positionen, so dass er für die NS-Justiz in den Wirren der letzten Monate des Krieges nicht mehr greifbar wurde. Im April 1945 geriet er dann in britische Gefangenschaft.

Kriegsgefangenschaft und Studium

Helmut Schmidt blieb in Belgien als Gefangener der Briten. Dort hörte er einen Vortrag von Hans Bohnenkamp, einem deutschen Pädagogen, mit dem Titel: „Verführtes Volk“.

Dieser Input nahm ihm nach eigenen Angaben die letzten Illusionen über das NS-Regime. Bereits am 31. August 1945 wurde Helmut Schmidt aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Mit großer Verzögerung konnte der junge Mann nun endlich sein erwünschtes Studium der Volkswirtschafts- und Staatslehre aufnehmen. Im Jahr 1949 beendete Helmut Schmidt sein Studium als Diplom-Volkswirt. Seine Abschlussarbeit war ein Vergleich von Währungsreformen in Deutschland und Japan.

Helmut Schmidt – ein „Militarist“ in der SPD

Der Einfluss von Hans Bohnenkamp hatte Helmut Schmidt bewegt, bereits im März 1946 in die SPD einzutreten. Dort engagierte er sich zunächst im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS).

In den Jahren 1947/48 war Helmut Schmidt sogar Versitzender des SDS in der britischen Besatzungszone. Nach seinem Studium arbeitete der junge Sozialdemokrat als Referent und dann als Abteilungsleiter unter Karl Schiller in der Behörde für Wirtschaft und Verkehr der Freien und Hansestadt Hamburg.

Fraktionsvorstand der SPD im Bundestag

Helmut Schmidt wurde 1953 in den zweiten deutschen Bundestag gewählt. Dort wurde er in den Vorstand seiner Fraktion aufgenommen.

Nach der Gründung der Bundeswehr erhielt Helmut Schmidt im Jahr 1958 die Beförderung zum Hauptmann der Reserve. Im November diesen Jahres nahm er an einer Wehrübung teil. Das führte zu einer wohl nicht intendierten Wechselwirkung mit seiner politischen Karriere.

Noch während der Übung trat die SPD-Fraktion zusammen. Die Sozialdemokraten wählten den „Militaristen“ in Abwesenheit aus ihrem Vorstand ab. Diese Zäsur stellte jedoch keinen dauerhaften Bruch in seinem Werdegang dar.

Innensenator von Hamburg (1961 bis 1965)

Im Jahr 1961 wechselte Helmut Schmidt in die Landespolitik seiner Heimatstadt Hamburg. Ab dem 13. Dezember war er Senator der Polizeibehörde. Das Amt wurde im darauffolgenden Jahr in Behörde für Sport und Inneres umbenannt.

Schon Mitte Februar 1962 kam es zu einer verheerenden Sturmflut an der gesamten Nordseeküste. Ungünstige Winde drückten das Wasser dann noch stärker ins Landesinnere.

Schäden der Sturmflut von 1962 in Hamburg
Helmut Schmidt war Innensenator von Hamburg während der Sturmflut von 1962 (CC-0)

Die ostfriesischen Inseln erlebten bereits am 16. Februar 1962 kritische Situationen. Auf den Halligen wurden beispielsweise fast alle Häuser zerstört und die Versorgung mit Trinkwasser brach zusammen.

Die Flüsse Weser und Elbe waren damals noch nicht mit Sperrwerken, sondern nur durch Deiche geschützt. Diese brachen unter der Sturmflut an über 60 Stellen und konnten nicht rechtzeitig repariert werden. Alleine in Hamburg gab es deshalb mehr als 300 Tote und weitere 20.000 Menschen wurden obdachlos.

Die Sturmflut zerstörte weite Teile der Kommunikation, so dass vor allem auch der Überblick über die Lage verloren ging. In dieser Situation begann Helmut Schmidt mit der Koordination eines Großeinsatzes von Polizei, Rettungsdiensten, Katastrophenschutz und Technischem Hilfswerk.

„Es waren lauter aufgeregte Hühner – und einer musste die Dinge in die Hand nehmen.“

Ohne eine Legitimation durch das Grundgesetz nutzte Helmut Schmidt in dieser kritischen Lage seine Kontakte zur Bundeswehr, um die bereits angelaufenen Hilfsmaßnahmen der Armee zu verstärken. Auf Basis einer internen Dienstvorschrift der Streitkräfte kamen Hubschrauber, Pioniere und Versorgungsgüter in Hamburg zum Einsatz. Auch die Alliierten leisteten damals einen Beitrag.

Für sein resolutes Vorgehen in dieser Katastrophenlage erwarb sich Helmut Schmidt großes Ansehen als Krisenmanager. Bundesweit wurde er zu einem sehr populären Politiker. Doch Helmut Schmidt ging nicht ganz unbeschadet aus seiner Amtszeit als Innensenator von Hamburg hervor.

Im Jahr 1963 ließ er vorab auf die Bitte eines alten Freundes hin den legendären Spiegel-Artikel „Bedingt abwehrbereit“ über die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr auf eine strafrechtliche Relevanz hin prüfen. Die Bundesanwaltschaft eröffnete in der Folge ein Verfahren wegen Landesverrat gegen Helmut Schmidt. Es wurde jedoch zwei Jahre später eingestellt.

Rückkehr in den Bundestag mit Direktmandat

Bei der Bundestagswahl von 1965 errang Helmut Schmidt ein Direktmandat in seinem Wahlkreis in Hamburg. Zu dieser Zeit amtierte die Regierung von Ludwig Erhard.

Ab dem 01. Dezember 1966 folgte eine große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger. Das Bündnis von CDU/CSU und SPD unter der Führung eines ehemaligen NSDAP-Mitgliedes wurde damals von den Sozialdemokraten als „Vernunftehe“ (Schmidt) oder auch als „widernatürliche Unzucht“ (Brandt) bezeichnet.

Aufgrund einer Erkrankung von Fritz Erler, dem eigentlichen Fraktionsvorsitzenden der SPD im Bundestag, rückte Helmut Schmidt als dessen Ersatzmann in das Zentrum der Ereignisse. Nach der kommissarischen Übernahme des Vorsitzes wurde Schmidt im Jahr 1967 dann offiziell zum Fraktionsvorsitzenden.

In dieser Rolle wurde Helmut Schmidt zu einem der Spielmacher der großen Koalition. Zusammen mit Rainer Barzel, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU, trieb er die auf sachlicher Ebene sehr erfolgreiche Koalition inhaltlich voran. Die beiden politischen Gegner entwickelten in dieser Zeit auch eine enge persönliche Freundschaft, die bis zum Tod von Barzel im Jahr 2006 anhielt.

Bundesminister der Verteidigung und der Finanzen

Nach der Bundestagswahl von 1969 konnte die SPD zusammen mit der FDP eine Regierungsmehrheit bilden. Willy Brandt wurde mit einer knappen Mehrheit zum neuen Kanzler gewählt. Die erfolgreiche Arbeit als Innensenator von Hamburg und als Fraktionsvorsitzender der SPD machte Helmut Schmidt zu einem Top-Kandidaten für ein Amt als Bundesminister.

Am 22. Oktober 1969 wurde Helmut Schmidt als Verteidigungsminister berufen. Seine Amtszeit an der Spitze des BMVg ist von zwei Meilensteinen der west-deutschen Wehrpolitik geprägt:

  • Verkürzung des allgemeinen Wehrdienstes von 18 auf 15 Monate.
  • Gründung von Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München.

Doch am 07. Juli 1972 trat Karl Schiller von der SPD aus Protest als Bundesminister für Finanzen und Wirtschaft zurück. In der Folge rückte Helmut Schmidt in diese Position auf und wurde als Verteidigungsminister von Georg Leber abgelöst.

„Ich bin nicht bereit, eine Politik zu unterstützen, die nach außen den Eindruck erweckt, die Regierung lebe nach dem Motto ‚Nach uns die Sintflut‘. Die Regierung hat die Pflicht, über den Tellerrand des Wahltermins hinauszublicken und dem Volk rechtzeitig zu sagen, was zu leisten und was zu fordern ist.“ (Karl Schiller über seinen Rücktritt)

Das einstige „Superministerium“ für Finanzen und Wirtschaft wurde nach der Wahl von 1972 geteilt. Helmut Schmidt war dann bis zum Rücktritt von Brandt zwei Jahre später nur noch für Finanzen zuständig.

Helmut Schmidt als fünfter Bundeskanzler

Im Jahr 1974 kam es zu einem Spionage-Skandal in der Bundesrepublik. Günter Guillaume, der persönliche Referent von Kanzler Brandt, wurde als „IM Hansen“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verhaftet.

Willy Brandt und Günter Guillaume bei einem Spaziergang
Willy Brandt mit Günter Guillaume (Ludwig Wegmann / Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F042453-0011 / CC-BY-SA 3.0)

Als Spion war Guillaume zwar nur ein zweitklassiger Aufschneider. Auch nach der internen Einschätzung der Stasi lieferte er trotz seiner Nähe zum Kanzler praktisch kein interessantes Material. Doch Willy Brandt war zu diesem Zeitpunkt bereits seit längerem gesundheitlich sehr angeschlagen.

Nachdem auch der inner-parteiliche Druck auf Kanzler Brandt stieg, entschied er sich zum Rücktritt. Die Regierungskoalition war jedoch noch intakt, so dass Helmut Schmidt im Bundestag zum fünften deutschen Bundeskanzler gewählt wurde. Im Gegensatz zu dem visionären Brandt war der resolute Krisenmanager Schmidt wohl auch die bessere Personalie für die kommenden Turbulenzen.

„Helmut, Du musst das jetzt machen!“ (Herbert Wehner, SPD)

Ölkrisen und Stagflation der 1970er Jahre

Bereits 1973 hatte es in Folge des Jom-Kippur-Krieges zwischen Israel und einem Bündnis von arabischen Staaten eine erste Ölkrise gegeben. Der Hintergrund war, dass die Organisation der arabischen Erdöl-Exporteure die Förderung drosselte:

  • Schon 1973 stieg der Ölpreis deshalb von etwa drei Dollar pro Barrel auf fünf Dollar. Dieser Anstieg von rund 70 % wurde bereits zur großen Bedrohung für die Weltwirtschaft.
  • 1974 stieg der Ölpreis weiter auf zwölf Dollar pro Barrel und hatte sich damit in einem Jahr vervierfacht.

In der Folge kam es zu einem Effekt, der als „Stagflation“ bezeichnet wird. Das bedeutet, dass eine Stagnation des Wachstums auf einen Wertverfall durch die Inflation trifft. Klassische Investitionsprogramme, die einfach durch eine Erhöhung der Geldmenge finanziert werden, sind in einer solchen Zwickmühle deshalb höchst problematisch.

Helmut Schmidt musste als Bundeskanzler deshalb auf eine toxische Wirtschaftslage reagieren, die die gesamte Weltwirtschaft erfasst hatte. Als Export-Nation war Deutschland besonders betroffen, während die Kosten für Öl-Importe im Jahr 1974 um 17 Milliarden D-Mark stiegen.

Die Regierung von Helmut Schmidt reagierte mit zahlreichen Maßnahmen. Beispielsweise wurden die autofreien Sonntage eingeführt und das Wirtschaftsministerium startet eine Kampagne unter dem Motto:

Energiesparen – unsere beste Energiequelle

Dennoch sank unter Kanzler Helmut Schmidt im Jahr 1975 erstmals die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik Deutschland. Die Arbeitslosigkeit stieg und die Binnennachfrage war gesättigt. Die Antwort auf eine solche Herausforderung konnte deshalb nur eine mehrgleisige Strategie sein:

  • Stabilisierung der Währung durch die Bundesbank
  • Konsolidierung des Haushalts
  • Förderung von Investitionen durch Reformen der Steuern
  • Stopp von defizitären Subventionen

In der Folge stieg die Staatsverschuldung jedoch bis 1980 um etwa das Dreifache. Die nächste Ölkrise gegen Ende der 1970er Jahre konnte so jedoch besser abgefedert werden.

Zum Glück regenerierte sich jedoch auch die Weltwirtschaft. Der schließlich wieder wachsende Außenhandel konnte so entscheidend zur ökonomischen Gesundung der Bundesrepublik beitragen. Besonderen Einfluss hatte dabei der Anteil des Handels mit dem Ost-Block auf Basis der Ost-Verträge aus der Regierungszeit von Brandt. Von 1970 bis 1980 hatte sich das Volumen fast vervierfacht.

Insgesamt überstand die Bundesrepublik unter der Führung von Helmut Schmidt die Ölkrisen der 1970er Jahre und die Stagflation deshalb besser als andere Industriestaaten.

Rote Armee Fraktion und Deutscher Herbst

Bereits unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger hatten sich Teile der außerparlamentarischen Opposition (APO) zum bewaffneten Widerstand in verschiedenen Organisationen formiert. Deutschland wurde von einer Welle des sozialrevolutionären Terrorismus überrollt.

„Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann geschossen werden.“ (Ulrike Meinhof)

Im Jahr 1975 kam es zur Entführung von Peter Lorenz durch die Bewegung 2. Juni. Das war der Vorsitzende der Berliner CDU. Die linken Terroristen bewegten Kanzler Helmut Schmidt zu Verhandlungen über einen Austausch von Gefangenen.

Helmut Schmidt und sein Kabinett ließen entsprechend der Forderung einige Mitglieder der RAF in den Jemen ausfliegen. Im nachhinein bezeichnete Schmidt diese Entscheidung als einen großen Fehler, denn die Linksextremisten fühlten sich offenbar bestätigt und verübten immer mehr Anschläge.

Helmut Schmidt im Gespräch mit Hanns Martin Schleyer
Helmut Schmidt und Hanns Martin Schleyer im Jahr 1974 (Lothar Schaack / Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / CC-BY-SA 3.0)

1977 kam es im „Deutschen Herbst“ zum Zenit der terroristischen Welle. Die Ereignisse verdichteten sich insbesondere in der medialen Wahrnehmung bei der Entführung des Präsidenten des Arbeitgeber-Verbandes Hanns Martin Schleyer.

Die Schleyer-Entführung begann am 05. September 1977 mit einem bewaffneten Hinterhalt. Dabei wurden seine vier Begleiter getötet, davon drei Personenschützer der Polizei. Alleine der Fahrer Reinhold Brändle erlitt 60 Treffer. Auch die anderen Begleiter wurden in dieser völlig enthemmten Blut-Orgie mehrfach tödlich getroffen.

Hanns Martin Schleyer blieb unverletzt und wurde in der Folge an unterschiedlichen Orten versteckt. Nachdem sich die Regierung von Helmut Schmidt weigerte, den Forderungen zu entsprechen, wurde Schleyer mit drei Schüssen in den Hinterkopf getötet:

„Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.“ (Bekennerschreiben der RAF)

Der Auslöser der Tötung war der erfolgreiche Sturm des parallel entführten Lufthansa-Flugzeuges „Landshut“ in Mogadischu durch eine Abteilung der GSG-9. In verschiedenen Generationen setzte die RAF das Morden jedoch bis in die 1990er Jahre fort.

Einen echten politischen Einfluss oder auch nur ein politisches Programm hatten die selbst ernannten Stadt-Guerillas jedoch nie. Vielmehr stellt sich in der Rückschau die Frage, ob nicht die mediale Aufmerksamkeit die eigentlich treibende Kräfte hinter den mindestens 34 Morden der RAF war.

NATO-Doppelbeschluss gegen Sowjetunion

Seit 1955 hatte die Sowjetunion die Mitglieder des Warschauer Paktes mit Atomwaffen ausgerüstet. Bereits 1958 warnte Helmut Schmidt als Experte für Verteidigungspolitik der SPD-Fraktion im Bundestag insbesondere vor den landgestützten Waffensystemen.

Das Problem war nämlich, dass gerade die Bundesrepublik zu einem Primärziel für präventive Atomschläge der Sowjetunion gegen die NATO wurde. Die Zwickmühle war jedoch, dass eine Aufrüstung der Bundesrepublik mit Atomwaffen, wie es beispielsweise Konrad Adenauer gehofft hatte, eine Provokation darstellen könnte, die die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Präventivschläge eher erhöhen würde.

SS-20-Mittelstrecken-Rakete
Mobile SS-20-Mittelstrecken-Rakete (CC-0)

1968 einigten sich die Supermächte zwar auf einen Atomwaffensperrvertrag und begannen ab 1972 mit den Strategic Arms Limitation Talks (SALT-1). Doch aus diesen Verhandlungen wurden taktische Atombomben mit kurzer oder mittlerer Reichweite ausgeklammert. Der Hintergrund war, dass sich die USA und die Sowjetunion als Haupt-Akteure aufgrund ihrer geografischen Lage von diesen Waffen nicht selber bedroht sahen.

Ein erweitertes SALT-2 zur Begrenzung dieser Kurz- und Mittelstrecken-Systeme wurde Anfang 1976 vom US-Präsidenten abgelehnt. Die Sowjetunion begann daraufhin, bestehende atomare Waffensysteme, die gegen West-Europa gerichtet waren, durch neuere Modelle, die SS-20-Raketen, zu ersetzen.

Es ist zwar grundsätzlich sehr sinnvoll, bestehende Atomwaffen immer wieder zu modernisieren. Aber die NATO sah das Gleichgewicht des Schreckens in Europa bedroht. Helmut Schmidt hielt in der Folge eine viel beachtete Rede am International Institute for Strategic Studies in London.

Die Rede von Helmut Schmidt gilt als Auslöser für eine Initiative der NATO, mit deren Hilfe man wieder in diplomatische Gespräche mit der Sowjetunion über eine Reduktion von Atomwaffen kommen wollte, der sogenannte NATO-Doppelbeschluss:

  • Die NATO kündigte die analoge Stationierung von atomaren Kurz- und Mittelstrecken-Raketen an. Als Trägersysteme wurden die Rakete Pershing II und der Marschflugkörper BGM-109 Tomahawk verwendet.
  • Parallel wurden die Supermächte USA und Sowjetunion aufgefordert, bilaterale Gespräche über eine Begrenzung von atomaren Mittelstrecken-Raketen aufzunehmen, den Intermediate Nuclear Forces (INF) mit einer Reichweite von 1.000 bis 5.500 Kilometern.

Der eigentliche INF-Vertrag wurde dann zwar erst 1987 geschlossen. Aber der NATO-Doppelbeschluss auf Initiative von Helmut Schmidt führte dennoch zu einem großen Erfolg. Die abgebrochenen Verhandlungen für SALT-2 wurden wieder aufgenommen. Am 18. Juni 1979 wurde dann ein Vertrag in Wien unterzeichnet.

Diese geostrategische Initiative von Helmut Schmidt stieß in der Bundesrepublik jedoch auch auf hohen Widerstand. Die Friedensbewegung erhielt großen Zulauf und organisierte zahlreiche Demonstrationen und Sitzblockaden.

Europäisches Währungssystem und Währungseinheit

Helmut Schmidt engagierte sich sehr für eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen. In dem Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing fand er einen wichtigen Partner, um entscheidende Schritte in Richtung einer europäischen Integration zu gehen.

Sie gründeten am 13. März 1979 das Europäische Währungssystem (EWS), das rückwirkend zum Jahresbeginn in Kraft gesetzt wurde. Der Kern des Systems war die Installation eines Wechselkursmechanismus, der die Schwankungen der unterschiedlichen Währungen auf eine festgelegte Bandbreite von ± 2,25 % begrenzen sollte.

Bei einer drohenden Verletzung dieser Bandbreite sollten die jeweils beteiligten Zentralbanken intervenieren und die Kurse entsprechend der Vorgabe wieder stabilisieren. Eine solche Mechanik sollte die Währungsstabilität der beteiligten Länder erhöhen und damit den internationalen Verkehr von Dienstleistungen, Kapital und Waren erleichtern.

Zu diesem Zweck wurde auch die Europäische Währungseinheit (ECU) entwickelt. Das höhere Ziel hinter dem Europäischen Währungssystem war die Schaffung eines einheitlichen Marktes nach dem Vorbild der USA.

In der Praxis musste das System jedoch mit zahlreichen Bewegungen kämpfen, die die vorgeschriebene Bandbreite mehrfach und teils dramatisch überschritten. Auch einzelnen Ländern wie Italien wurde von Anfang an eine höhere Volatilität zugestanden. Dennoch kam es zwischen 1979 und 1993 insgesamt 17mal zu einer Neufestsetzung der Leitkurse.

Die Bundesrepublik profitierte wirtschaftlich jedoch enorm von dieser Errungenschaft aus der Zeit von Helmut Schmidt. Der Außenhandel erlebte seit dieser Zeit ein starkes Wachstum und schuf viel Wohlstand für Deutschland.

Konstruktives Misstrauensvotum gegen Schmidt 1982

Helmut Schmidt stand als deutscher Bundeskanzler einer sozial-liberalen Regierung vor. Im Spätsommer 1982 zerbrach das Bündnis der SPD mit der FDP wegen Differenzen über die Wirtschafts- und Sozialpolitik:

  • Bundeshaushalt
  • öffentliche Verschuldung
  • Beschäftigungsprogramme

In der Folge traten alle FDP-Minister geschlossen aus der Bundesregierung zurück: Hans-Dietrich Genscher, Gerhart Baum, Otto Graf Lambsdorff und Josef Ertl.

„Die Charakterlosigkeit der FDP verbunden mit ihrem Selbsterhaltungstrieb ist eine der zuverlässig berechenbaren Komponenten.“ (Franz Josef Strauß, 1974)

Die CDU unter Helmut Kohl führte anschließend erfolgreiche Koalitionsverhandlungen mit der FDP. Am 01. Oktober 1982 wurde der Rheinländer im Rahmen eines konstruktiven Misstrauensvotums zum sechsten Kanzler der Bundesrepublik gewählt.

Anschließend wandte sich die SPD demonstrativ von ihrem Alt-Kanzler Helmut Schmidt ab. Die neue Koalition setzte jedoch wesentliche Teile seiner Politik nahtlos fort. Auch die Forderungen der FDP wurden von Kohl nie wirklich umgesetzt.

Helmut Schmidt beendete seine Zeit als Abgeordneter des deutschen Bundestag dann regulär zum Ende der 10. Wahlperiode im Jahr 1987.

Mitherausgeber der ZEIT und Elder Statesman

Nach dem Ende seiner Kanzlerschaft begann für Helmut Schmidt ein neuer Lebensabschnitt als Mitherausgeber der Wochenzeitung DIE ZEIT. Das Blatt hat seinen Sitz in Hamburg und ist politisch linksliberal.

Darüber hinaus veröffentlichte Helmut Schmidt noch zahlreiche Bücher und war ein gefragter Redner. Außerdem engagierte er sich als Elder Statesman der Bundesrepublik und Mitglied des überparteilichen Vereins „Atlantik-Brücke“ sowie als Ehrenpräsident der Deutsch-Britischen Gesellschaft.

Aber Helmut Schmidt setzte sich auch für zahlreiche Stiftungen ein und gehörte zu den ersten Unterzeichnern der Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten der Vereinten Nationen. Darin wird im Rahmen von 19 Artikeln menschenfreundliches Handeln gefordert, ohne beispielsweise das Recht auf Selbstverteidigung in Frage zu stellen.

Zu den Positionen von Helmut Schmidt gehören auch sehr kritische Äußerungen über die christlichen Kirchen. Diese hätten nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Beitrag zur Neubegründung der Moral, der Demokratie oder des Rechtsstaats geleistet.