Evangelisten

Die Evangelisten des Christentums

Der Begriff „Evangelium“ ist alt-griechisch und bedeutet soviel wie „frohe Botschaft“. Als Evangelisten werden die vermeintlichen Autoren der vier kanonischen Evangelien des Neuen Testamentes (NT) bezeichnet. Die Namen sind:

  1. Matthäus
  2. Markus
  3. Lukas
  4. Johannes

In der traditionellen Ansicht hält man sie für die gleichnamigen Apostel beziehungsweise deren Schüler. Moderne Forschungen ergeben jedoch differenziertere Sichtweisen auf die kanonischen Evangelisten.

Bei Matthäus handelt es sich beispielsweise mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine anonyme Person aus Syrien. Diese verfasste grob um 80 n. Christus das Matthäusevangelium und adressierte damit junge Gemeinden von Judenchristen.

Darüber hinaus entstanden noch zahlreiche weitere, später aber nicht-kanonisierte Evangelien. Das bedeutet, sie wurden nicht in der offiziellen Version des Neuen Testamentes berücksichtigt und werden als Apokryphen bezeichnet. Bis zu 50 solcher Texte können gezählt werden. Einige Beispiele sind:

  • Evangelium des Simon Petrus
  • Evangelium des Thomas
  • Evangelium der Maria
  • Evangelium des Judas
  • Evangelium des Philippus

Die pseudepigraphischen Autoren der Apokryphen zeigen teils große inhaltliche Unterschiede zu den kanonisierten Evangelisten. Beispielsweise werden neue Informationen zur Auferstehung Christi genannt. Auch die Rolle der Maria Magdalena wird anders beleuchtet.

Im Judasevangelium, der Schrift einer gnostischen Sekte aus der Mitte des 2. Jahrhunderts, wünscht sich Jesus gar den Tod am Kreuz. Die Bedeutung dieses Textes liegt jedoch nicht in einem vermeintlichen Wahrheitsgehalt.

Vielmehr kann man einen kleinen Einblick gewinnen, wie die Überlieferungen des jungen Christentums in dieser Frühphase wahrgenommen wurden.

Kanonisierung der Bibel

Septuaginta und Altes Testament

Das junge Christentum unterschied sich von der traditionellen jüdischen Lehre durch zahlreiche Erweiterungen. Dies widersprach jedoch dem alten Glauben, dass das Testament bereits abgeschlossen war. Das Wort bedeutet soviel wie „Bund“ und stand für den Bund Gottes mit dem Volk der Israeliten. 

Diese heiligen Schriften des Judentums, das Wort Gottes, wurde seit etwa 100 v. Christus als Tanach bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine konkrete Sammlung von 24 Büchern in hebräischer Sprache. Nach der Zählung der Juden unterteilen sich diese in drei Themengebiete:

  1. Tora (Weisung, Lehre)
  2. Nevi´im (Propheten)
  3. Ketuvim (Schriften)

Darüber hinaus entstand in der Zeit von etwa 250 v. bis etwa 100 n. Christus eine Sammlung von siebzig griechischen Übersetzungen – die Septuaginta. Diese enthalten aus jüdischer Sicht jedoch apokryphe Elemente, die nicht dem offiziellen Kanon angehören.

Für das frühe Christentum war die Septuaginta jedoch eine sehr bedeutsame Quelle. Neben den zahlreichen Zitaten im späteren Neuen Testament bildet die Septuaginta häufig sogar eine vollständige Vorlage für das Alte Testament, den ersten Teil der christlichen Bibel. 

Beginn der Kanonisierung im 2. Jhd.

Gegen Ende des 1. Jahrhunderts war die Generation der unmittelbaren Zeugen von Jesus ausgestorben. Dennoch kursierten immer mehr christliche Texte, die häufig auch einen fraglichen Ursprung hatten.

Teilweise handelt es sich bei diesen Texten um Pseudepigraphen. Das heißt, dass fiktive Schriften aus der angeblichen Sicht von zentralen Akteuren entstanden. Das Judasevangelium ist hierfür ein klassisches Beispiel. Solche Texte stellten jedoch eine Gefahr für die vermeintliche Reinheit der Lehre dar.

Spätestens mit dem Ende des 2. Jahrhundert setzte deshalb eine erste Kanonisierung ein. Das bedeutet, dass Kirchenväter solche Texte auflisteten, die ihrer Meinung nach echt waren. Aus solche Listen heraus entstand später dann das offizielle Neue Testament, der zweite Teil der christlichen Bibel. 

In Zuge dieser Entwicklung etablierte sich beispielsweise die Annahme, dass der Apostel und der Evangelist Matthäus identische Figuren waren. Noch im 3. Jahrhundert wurden jedoch richtigerweise einige Texte bezweifelt, die später ohne tatsächliche Berechtigung in den Bibelkanon aufgenommen wurden.

Erstes Konzil von Nicäa von 325

Mit der Herrschaft von Kaiser Konstantin I. in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts begann auch für das Christentum eine neue Epoche. Die Zeit der Verfolgungen im römischen Reich ging zu Ende und die junge Religion erhielt einen wichtigen Schub.

Etwa 200 bis 300 Bischöfe fanden sich dann im Jahr 325 zum ersten Konzil von Nicäa ein. Ihnen gelang es, die Lehre stärker zu vereinheitlichen. Dazu gehörte beispielsweise auch die Positionierung gegen Strömungen wie den Arianismus und andere Häresien. Außerdem formulierten sie das niceanische Glaubensbekenntnis: 

Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, […]. Und an den Heiligen Geist. […].

Die Evangelisten bildeten zwar keines der zentralen Themen dieses „internationalen Gipfels“. Doch die organisationale und strukturelle Konsolidierung des Christentums war ein wichtiger Begleiter der letzten Hochphase der Kanonisierung der Evangelien. 

Dritte Synode von Karthago von 397

Die finale Anerkennung von vier Evangelisten setzte sich bereits im Laufe des 4. Jahrhunderts durch. Im Jahr 397 n. Christus kam es schließlich zu einem Treffen von nord-afrikanischen Bischöfen auf der 3. Synode von Karthago.

Auf dieser Regionalkonferenz fand man schließlich zu einem festen Bibelkanon:

  • das Alte Testament mit 46 Schriften
  • das Neue Testament mit 27 Schriften 

Die Synode setzte die anderen Bischöfe der Christenheit über ihren Beschluss in Kenntnis. Diese reagierten mit einer Anerkennung der beiden Listen. Lediglich in einzelnen Fällen gab es Abweichungen bei der Reihenfolge der Aufzählung der Texte.

In diesen Jahren festigte Bischof Siricius seine Vorherrschaft und das Primat des römischen Papsttums endgültig. Das Christentum entwickelte auch auf der organisationalen Ebene eine klarere Struktur. So hatte die Kirche nicht nur einen finalen Umgang mit den Evangelisten gefunden. Es gab auch eine Hierarchie unter den Klerikern, um dogmatische Vorgaben zu machen.

Vier Evangelisten und ihre Symbole

Die vier kanonischen Evangelisten erfuhren eine sehr große Aufmerksamkeit durch die Gläubigen. Bereits im Laufe des 4. Jahrhunderts entwickelte sich der künstlerische Trend, die vier Evangelisten mit besonderen Symbolen darzustellen:

  1. Matthäus = Mensch
  2. Markus = Löwe
  3. Lukas = Stier
  4. Johannes = Adler

Die Symbolik hatte bereits zu babylonischen Zeiten eine Tradition. Dort standen sie für den Stadtgott (Marduk), den Kriegsgott (Nergal), den Windgott (Ninurta) und den Gott der Weisheit (Nabu).

In der jüdischen Tradition tauchen diese vier Figuren in einer Vision des Propheten Ezechiel auf:

„Ich sah: Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben von einem hellen Schein. Aus dem Feuer strahlte es wie glänzendes Gold.

Mitten darin erschien etwas wie vier Lebewesen. Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter und vier Flügel. […]

Und ihre Gesichter sahen so aus: Ein Menschengesicht (blickte bei allen vier nach vorn), ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier (nach hinten).“ (Ez 1,4-10)

Auch in der Offenbarung des Johannes findet sich eine Verwendung dieser vier Figuren. Zu Beginn der Apokalypse flankieren sie Gott auf seinem Thron im Himmel.

„Und vor dem Thron war es wie ein gläsernes Meer, gleich dem Kristall, und in der Mitte am Thron und um den Thron vier Wesen, voller Augen vorn und hinten. Und das erste Wesen war gleich einem Löwen, und das zweite Wesen war gleich einem Stier, und das dritte Wesen hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und das vierte Wesen war gleich einem fliegenden Adler.“ (Off 4,6-7)

Die Zuordnung der Evangelistensymbole geht jedoch auf die Kirchenväter der Spätantike zurück. Die älteste Verknüpfung stammt von Irenäus von Lyon. Diesem Ansatz folgt auch Hieronymus im 4. Jahrhundert.

Augustinus von Hippo verwendet die Symbole ebenfalls für die Evangelisten. Doch er bot in seiner Darstellung eine andere Zuordnung an. Er argumentierte dabei mit Unterschieden in der jeweiligen Theologie.

Zwei-Quellen-Theorie

Die Schriften der vier Evangelisten weisen viele Gemeinsamkeiten auf. Vor allem Matthäus, Markus und Lukas ähneln einander sehr. Darüber hinaus entstehen viele inhaltliche Fragen durch die traditionelle Verknüpfung der Evangelisten mit Personen aus biblischen Geschichte.

Deshalb entstand in der Wissenschaft die Theorie, dass die vier kanonischen Evangelisten keine unabhängigen Informationsquellen darstellen. Vielmehr scheint es nur zwei ursprüngliche Hauptquellen zu geben. Diese beiden Quellen wären das Markusevangelium und eine unbekannte Sammlung von Zitaten – die Logienquelle Q.

Von Markus und aus dieser Logienquelle wiederum ziehen Matthäus und Lukas ihre Informationen. Darüber hinaus scheinen diese über zusätzliche „Sondergüter“ zu verfügen. 

Die Anerkennung dieser Zwei-Quellen-Theorie stützt sich dabei auf folgende Argumente:

  • Zahlreiche Ereignisse wurden doppelt (duplex traditio) oder gar dreifach (triplex traditio) überliefert. Dabei kam es zu allen denkbaren Kombinationen einzelner Evangelisten entsprechend der Theorie.
  • Übereinstimmungen von Wortlauten sprechen für direkte literarische Abhängigkeit der Evangelien.
  • Nur 5 % der Inhalte von Markus finden sich nicht bei den anderen Evangelisten.
  • Nicht-markinische Inhalte, die sich zugleich bei Matthäus und Lukas finden, sind vor allem Redestücke. Deshalb geht man von einer unbekannten Sammlung an Zitaten aus – der Logienquelle Q

Die Zwei-Quellen-Theorie wirft jedoch auch neue Fragen zu den vier Evangelisten auf. Deshalb entstanden einige Hypothesen, um die Theorie zu modifizieren:

  • Ein geheimes Markusevangelium, auch als „Urmarkus“ bezeichnet, soll als heute unbekannte Version die tatsächliche Quelle sein. Die Vermutung wird von den Fragmenten eines Briefes aus dem 2. Jahrhundert gestützt. Der Bischof von Alexandria warnt in diesem Schreiben vor einem modifizierten Markusevangelium. Doch die Echtheit dieses Briefes ist nicht bestätigt.
  • Die Vier-Quellen-Theorie bietet zwar weitere Erklärungsansätze. Jedoch wird insbesondere kritisiert, dass die Abgrenzung von Evangelisten zu mündlichen Überlieferungen verloren geht.