Marcus Iunius Brutus

Marcus Iunius Brutus – Tyrannenmörder

Marcus Iunius Brutus wurde 85 v. Christus geboren und war ein bedeutender Senator während des Niedergangs der römischen Republik. Er erlebte die Machtübernahme von Gaius Julius Caesar und gehörte zunächst zu den Gewinnern dieser Entwicklung. Doch Brutus wurde zu einem der führenden Verschwörer und Attentäter auf den Diktator an den Iden des März 44 v. Christus.

„Auch du, mein Sohn Brutus?“

Die Verschwörer um Marcus Iunius Brutus ermorden Cäsar im Senat (Foto einer Wandmalerei im Vatikan / pixabay)
Marcus Iunius Brutus und die Verschwörer ermorden Cäsar im Senat (Wandmalerei im Vatikan / pixabay)

Damit galt Marcus Brutus einerseits als Inbegriff des überzeugten Republikaners, der seine Loyalität zum Staat über die persönliche Dankbarkeit zum Diktator stellte.

Andererseits war Brutus deshalb aber auch der Inbegriff eines Verräters und wurde literarisch mit Figuren wie Judas Iskariot gleich gestellt.

Der historische Marcus Iunius Brutus erhielt zwei Tage nach dem Tyrannenmord vom römischen Senat eine Amnestie. Dabei handelte es sich jedoch um einen politischen Kompromiss:

  • Der Tyrannenmord wurde zwar als Verbrechen gewertet.
  • Auf eine Bestrafung wurde jedoch verzichtet.

Der erwartete allgemeine Jubel über den Tyrannenmord blieb jedoch aus. Stattdessen hielt Marcus Antonius eine fulminante Grabrede auf dem Forum zu Ehren des toten Cäsar.

Die öffentliche Stimmung kippte. Brutus und der wichtigste Mitverschwörer Cassius waren keine Befreier. Sie wurden bald zu den führenden Protagonisten des nächsten Bürgerkrieges.

Geschichte der gens Iunia

Marcus Iunius Brutus stammte aus einer alten römischen Dynastie – der gens Iunia. Sie bezogen sich in ihrer Familiengeschichte auf die pratizischen Iunier aus der Gründungszeit der römischen Republik.

Die Linie stellte mit Lucius Iunius Brutus einen weiteren Bekämpfer eines Tyrannen. Dieser hatte der Sage nach den letzten alt-römischen König Tarquinius Superbus ermordet. Anschließend wurde er dann auch der erste Konsul der neuen Republik.

Die moderne Forschung bezweifelt jedoch diesen Stammbaum. Die tatsächliche Herkunft dürften die plebjischen Iunier sein, die in der mittleren Phase der Republik zu Macht kamen.

Beispielsweise stellten sie mit Marcus Iunius Pera einen Diktator im 2. Punischen Krieg. Dieser war nach schweren Niederlagen gegen Hannibal Barkas ernannt worden.

Lucius Iunius Brutus – der Stumpfsinnige

Der Gründungsmythos der Iunier bezog sich jedoch auf Lucius Iunius Brutus. Dieser hatte im Jahr 509 v. Christus den letzten etruskischen König des alten Rom vertrieben.

Der Sage nach handelte es sich bei diesem mythischen Ur-Ahn sogar um den Neffen des Königs. Nachdem der Tyrann den Bruder des Lucius Iunius töten ließ, verhielt sich dieser demonstrativ wie ein Schwachsinniger.

Deshalb bezeichnete man ihn als Brutus – der Stumpfsinnige. Doch Lucius Iunius gelang im richtigen Moment die Vertreibung des Tyrannen. In der Folge entwickelte sich die Bezeichnung als Brutus zu einem Ehrennamen für das Geschlecht der Iunier.

Doch die vertriebenen Tarquinier konnten die Söhne von Lucius Iunius Brutus auf ihre Seite ziehen. Sie verschworen sich gegen ihren Vater, um die Monarchie wiederherzustellen.

Der Verrat wurde jedoch aufgedeckt und Brutus ließ der Legende nach seine beiden Söhne hinrichten. Die römische Republik und die Institutionalisierung der Konsuln für ein Jahr war damit gerettet (= Annuitätsprinzip).

In der Forschung geht man von einer anderen Entwicklung aus. Die alt-römischen Könige wurden wohl zunächst von einem Praetor Maximus abgelöst. Die Wahl der Konsuln entwickelte sich wahrscheinlich erst in der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Christus.

Weitere Ahnen von Marcus Iunius Brutus

Unter den tatsächlichen Vorfahren von Marcus Iunius Brutus finden sich eine Reihe historischer Figuren, die zu ihrer Zeit teilweise eine erhebliche Prominenz genossen:

  • Marcus Iunius Pera war eine bedeutende Figur in der Frühphase des 2. Punischen Krieges. Er wurde nach der römischen Niederlage in der Schlacht von Cannae (216 v. Chr.) zum Diktator ernannt.
  • Marcus Iunius Brutus (Konsul) war ein Zeitgenosse und Verwandter von Cato dem Älteren. Während dessen Amtszeit als Konsul konnte sich dieser Brutus als Volkstribun positionieren. Im Jahr 178 v. Christus stieg er selbst bis zum Konsul auf.
  • Marcus Iunius Brutus (Prätor) war ein Sohn des Konsuls und machte sich einen bedeutenden Namen als Jurist. Er ging als einer der Begründer der römischen Rechtswissenschaft in die Geschichte ein. Sein Fachgebiet war das Privatrecht. Hierzu verfasste er mehrere nicht erhaltene Bücher – de iure civili.
  • Marcus Iunius Brutus (Volkstribun) war der Vater des Tyrannenmörders. Er erlebte die Machtübernahme von Lucius Cornelius Sulla und schloss sich nach dessen Tod dem aufständischen Lepidus an. Bald darauf musste er sich jedoch Gnaeus Pompeius Magnus militärisch geschlagen geben. Trotz einer Zusicherung für sicheres Geleit wurde er jedoch nach der Niederlage ermordet.

Politische Karriere von Brutus

Der spätere Tyrannenmörder Marcus Iunius Brutus absolvierte zunächst die gängige Ämterlaufbahn. Obwohl er später das Image des aufrechten Republikaners pflegte, zeigte er das Verhalten eines Oligarchen seiner Zeit.

Cursus Honorum von Marcus Brutus

Marcus Iunius Brutus begann im Jahr 58 v. Christus seine Karriere im Römischen Reich. Zunächst diente er als Assistent des Statthalters von Zypern. Er bereicherte sich in dieser Zeit auch privat durch überteuerte Kredite.

Besondere Aufmerksamkeit konnte Marcus Iunius Brutus bei seinem ersten Auftritt vor dem Senat erringen. Er zeigte sich als überzeugter Republikaner und griff die Mitglieder des ersten Triumvirats an:

Aufgrund seiner legendären Familiengeschichte wurde Brutus fortan zu einer Symbolfigur für Angehörige der Oberschicht, die die alte Ordnung bedroht sahen. Auch der Mord an seinem Vater machte ihn in den Augen seiner Zeitgenossen besonders glaubhaft.

Bruch des ersten Triumvirats

Mit der Niederlage und dem Tod von Crassus in der Schlacht von Carrhae gegen die Parther endete jedoch auch das Triumvirat. Der Konflikt zwischen den beiden verbliebenen Protagonisten wurde zur zentralen Konfliktlinie.

Weil sich Pompeius politisch inzwischen der Oberschicht angenähert hatte, kam es im Jahr 49 v. Christus deshalb zu einer denkwürdigen Aussöhnung. Demonstrativ versöhnte sich Marcus Brutus mit dem Mörder seines Vaters.

Doch der neue Bürgerkrieg verlief nicht zu ihren Gunsten. In der Schlacht von Pharsalus wurden sie geschlagen.

Bündnis mit Julius Cäsar

Direkt nach der Schlacht hatte sich Marcus Iunius Brutus jedoch mit einem schriftlichen Gnadengesuch an Cäsar gewandt. Dieser nutzte die Chance. Er vergab dem prominenten Republikaner und zog ihn demonstrativ auf seine Seite.

Tatsächlich soll Gaius Julius Caesar seinen späteren Mörder persönlich sogar sehr geschätzt haben. Er holte den Rat von Marcus Brutus ein und zählte ihn zum inneren Zirkel seiner Berater.

Als Belohnung wurde Marcus Brutus in den Jahren 46/45 v. Christus mit einem Prokonsulat in Gallia Cisalpina belohnt. Dabei handelte es sich um die fruchtbaren Regionen in Nord-Italien.

Für das Jahr 44 v. Christus ließ Cäsar ihn zum Praetor Urbanus für die Hauptstadt Rom ernennen. Darüber hinaus wurde ihm das Konsulat für das Jahr 41 v. Christus zugesichert.

Verschwörung und Tyrannenmord

Auslöser für das Komplott gegen Cäsar

Als Auslöser für die Verschwörung gegen Gaius Julius Caesar gilt seine Ernennung zum Diktator auf Lebenszeit im Februar des Jahres 44 v. Christus. Obwohl er schon sehr häufig die Regeln gebrochen hatte, war das ein Schritt zu weit für viele Traditionalisten.

Die römische Diktatur hatte sich mit der zeitlichen Begrenzung immer wieder als sehr vorteilhaft erwiesen. Doch mit der Aufhebung dieser Grenze sahen Senatoren wie Marcus Iunius Brutus das Ende der Republik gekommen.

Darüber hinaus sah sich die römische Oberschicht durch einen Tyrannen in ihrer Freiheit (= Libertas) bedroht.

Kreis der Verschwörer um Brutus und Cassius

Marcus Brutus und sein befreundeter Schwager Gaius Cassius Longinus schlossen sich deshalb zusammen. Sie konnten sehr schnell eine Gruppe mit etwa 60 bis 80 Personen organisieren.

Zu dem Kreis der Verschwörer gegen Cäsar gehörten jedoch nicht nur Senatoren. Auch viele römische Ritter sahen sich durch die neue Ordnung bedroht.

Die Motivationen der einzelnen Verschwörer fielen dabei ganz unterschiedlich aus. Es fanden sich Idealisten wie auch Unzufriedene. Auf einen gemeinsamen Eid oder ein explizites Motto wurde deshalb auf Drängen von Marcus Brutus verzichtet.

Die Verschwörer vertraten die Ansicht, dass sich die alte Ordnung nach dem Mord an dem Tyrannen von selbst wiederherstellen würde. Dies sollte sich jedoch als eine fatale Fehleinschätzung erweisen.

Nur wenige Personen wie Marcus Tullius Cicero rechtfertigten nachträglich den Mord.

Attentat an den Iden des März 44 v. Christus

Die Verschwörer um Marcus Iunius Brutus hatten nur ein sehr schmales Zeitfenster für ihren Anschlag. Der Diktator plante die zeitnahe Abreise in den Nahen Osten, um die Niederlage gegen die Parther zu rächen.

Doch am 15. März, den Iden des März, sollte noch eine letzte Sitzung des Senats im Theater des Pompejus stattfinden. Diese Gelegenheit wurde für den Anschlag genutzt.

Ein besonderes Thema war ein treuer Freund von Cäsar. Der verdiente und vor allem auch sehr muskulöse General Marcus Antonius würde sich in der Begleitung des Diktators befinden.

Auf Drängen von Marcus Iunius Brutus wurde deshalb vereinbart, dass der General im richtigen Augenblick von Gaius Trebonius, einem anderen General, ablenkt wird. Plutarch berichtet von dem weiterem Verlauf:

Als Cäsar die Kurie des Senats betrat, wurde er von dem Senator Lucius Tillius Cimber angesprochen. Er gab vor, ein schriftliches Gnadengesuch für seinen Bruder übergeben zu wollen.

Der Diktator wurde daraufhin von Senatoren umringt, die sich zu dem Gesuch äußerten. Cäsar fuchtelte mit seinen Armen, um sich etwas Abstand zu verschaffen.

Daraufhin riss ihm Lucius Tullius Cimber die Toga von der Schultern. Cäsar schrie ihn an: „Was soll diese Gewalt?“

In diesem Moment zog der Senator Servilius Casca seinen Dolch und stach zu. Daraufhin zogen auch die anderen Senatoren, darunter Marcus Iunius Brutus, ebenfalls ihre Dolche. Sie fügten dem Diktator auf Lebenszeit insgesamt 23 Stichwunden zu.

Der Überlieferung nach sollen jedoch nur der erste Treffer in den Nacken und der zweite Treffer in die Brust lebensgefährlich gewesen sein. Dabei wurde die Aorta verletzt.

Es kam deshalb zu einem sehr hohen Blutverlust. Der Anblick der Leiche und mehrerer Liter Blut auf dem weißen Marmor soll dramatisch gewesen sein.

Bürgerkrieg gegen die Cäsarianer

Marcus Iunius Brutus und die anderen Tyrannenmörder wurden jedoch nicht als Freiheitshelden gefeiert. Vor allem die Grabrede von Marcus Antonius zur Beerdigung von Cäsar hatte einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung.

Brutus zog sich deshalb nach Griechenland zurück, um möglichen juristischen Konsequenzen zu entgehen. Außerdem rüstete er für die drohenden Kämpfe gegen die Cäsarianer.

Doppelschlacht bei Philippi

Zur Entscheidung kam es schließlich in der Doppelschlacht bei Philippi:

Dabei blieb Marcus Iunius Brutus siegreich. Doch der unterlegene Cassius erfuhr nicht von seinem Erfolg und beging daraufhin Selbstmord.

Brutus verliert seinen Kopf

Nach der Niederlage bei Philippi brach die Front der alten Republikaner gegen die Anhänger des toten Cäsar zusammen. Marcus Iunius Brutus konnte jedoch zunächst flüchten.

Am 23. Oktober 42 v. Christus kam es dann jedoch zu einer weiteren Schlacht. Diese stellte seine endgültige militärische Niederlage dar.

Marcus Iunius Brutus konnte nach der Niederlage zunächst erneut entkommen. Doch dann ließ er sich von einem getreuen Freund töten. Dabei soll er laut Appian die Verse eines Tragikers als seine letzten Worte gewählt haben:

„Tugend, du warst nur ein Name. Ich kultivierte dich, als wärst du Realität, doch du warst nur ein Sklave des Schicksals.“

Seine Leiche gelangte jedoch in den Besitz von Octavian. Dieser ließ den Kopf von Marcus Iunius Brutus abtrennen, um ihn vor einer Statue von Cäsar in Rom abzulegen.

Doch der Kopf des Brutus ging bei der stürmischen Seereise über Bord. Die übrigen Leichenteile wurden auf eine Anweisung von Marcus Antonius hin eingeäschert und der Familie übergeben.

Marcus Brutus als Figur in der Kunst

Der ambivalente Charakter des Attentats auf Julius Caesar wurde in der Kunst vielfach aufgegriffen. Brutus wurde dabei sowohl als heldenhafter Kämpfer für die Freiheit wie auch als Verräter interpretiert.

Dantes Inferno

Der italienische Dichter Dante Alighieri vollendete um 1321 seine Göttliche Komödie. Er begründete damit die italienische Schriftsprache und schuf ein sehr bedeutendes Werk der Literaturgeschichte.

Vor dem Hintergrund des Konfliktes zwischen den Anhängern des Kaisers und des Papstes bewegte sich Dante in der Göttlichen Komödie auf einer literarischen Reise durch die zehn Kreise der Hölle. Der neunte Höllenkreis ist den Verrätern vorbehalten:

„Satan tränt von sechs Augen, von drei Kinnen, wobei der Strom auch Blut und Speichel offenbart. In jedem Rachen steckt ein Sünder und wird zermalmt von Zähnen, wie um Flachs zu brechen, der vordere – Judas – wird noch mit spitzen Krallen gequält. Die beiden anderen Sünder sind Cassius und Brutus, die Mörder Julius Cäsars.“

Shakespeares Tragedy of Julius Caesar

William Shakespeare schuf wohl um 1599 ein Drama zur Ermordung von Julius Cäsar. Brutus rückt dabei in den besonderen Fokus der Handlung und wird als tugendhafter Republikaner dargestellt.

Als treibende Kraft hinter dem Attentat an den Iden des März wird Cassius präsentiert. Dieser wird zum Haupt-Organisator der Verschwörung, während Brutus noch mit seinen Zweifeln hadert.

Dennoch verliert Brutus schließlich seine Integrität, weil der neuerliche Bürgerkrieg zu seinen Ungunsten verläuft und schließlich in seinem Selbstmord endet.

Vittorio Alfieris Bruto secondo

In der Spätphase des Absolutismus wurde die Figur des Marcus Iunius Brutus erneut populär. Zwei Jahre vor der französischen Revolution verfasste der überzeugte Republikaner Vittorio Alfieri sein Bruto secondo.

In diesem Werk wird Brutus ausschließlich von seiner positiven Seite beleuchtet. Der Tyrannenmord wird als ein hochgradig moralischer Akt präsentiert.