Erzengel Michael

Michael – Erzengel und Bezwinger Satans

Der Name des Erzengels Michael ist jüdisch-hebräischer Herkunft und wurde aus verschiedenen Begriffen zusammengesetzt. In der Übersetzung bedeutet Michael soviel wie: „Wer ist wie Gott“.

Erzengel Michael gemalt von Raffael
Erzengel Michael bezwingt Luzifer. (Maler: Raffael / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Dem Glauben nach besteht der Erzengel Michael vollständig aus Wasser. Deswegen gibt es auch zahlreiche Heilquellen, die ihm geweiht sind.

Jenseits seiner Bedeutung als Heiler ist der Erzengel Michael vor allem auch als wehrhafter Beschützer und Heerführer der himmlischen Scharen bekannt. Bereits in alten jüdischen Texten finden sich entsprechende Beschreibungen:

„Als Josua bei Jericho war und die Augen erhob, schaute er und siehe: Ein Mann stand vor ihm, mit einem gezückten Schwert in der Hand. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin der Anführer des Heeres des Herrn.“ (Jos 5,13–15)

Die Ambivalenz des Erzengels Michael lässt sich auch sehr schön am Wandel seiner Darstellung in Frankreich nachvollziehen. Vor dem 100-jährigen Krieg trug er häufig eine Toga, hinterher meist eine Rüstung. Die martialische Komponente des Erzengels ist jedoch sehr tief verwurzelt und macht ihn nicht umsonst zum Schutzpatron der Soldaten:

„In jener Nacht zog der Engel des Herrn aus und erschlug im Lager der Assyrer hundertfünfundachtzigtausend Mann. Als man am nächsten Morgen aufstand, siehe, sie alle waren Leichen, Tote.“ (2 Kön 19,35)

Im Christentum ist das Bild vom Erzengel Michael vor allem durch seine Vertreibung von Satan aus dem Paradies in der Offenbarung des Johannes geprägt:

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und er siegte nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“ (Off 12,7-9)

Einer islamischen Legende zufolge ist der Erzmichael Imam der Engel im Garten Eden.

Bedeutung in unterschiedlichen Religionen

Judentum – Michael als Willen Gottes

In der jüdischen Tradition ist vor allem bedeutend, dass Engeln allgemein keine persönliche Souveränität wie beispielsweise Luzifer bei den Christen zukommt. Damit ist auch der Erzengel Michael nur eine ausführende Gewalt.

Je nach Interpretation der heiligen Texte taucht der Erzengel Michael jedoch sehr häufig auf, ohne jedoch in jedem einzelnen Fall namentlich genannt zu werden:

  • Als Cherub, als ein Engel mit vier Flügeln, verweigerte er den Menschen nach dem Sündenfall die Rückkehr ins Paradies (Gen 3,24).
  • Der Erzengel Michael soll auch als einer von zweien nach Sodom gekommen sein, um Lot aus der untergehenden Stadt zu retten (Gen 19,1 ff.).
  • Gott soll auch Michael entsandt haben, um Abrahams Sohn Isaak vor dem Tod als Opfergabe zu bewahren (Gen 22,11 ff.).
  • Darüber hinaus soll der Erzengel Michael mit Isaaks Sohn Jakob gerungen haben, der als der dritte der Erzväter der Israeliten gilt (Gen 32,25 ff.).
  • Im Streit mit dem abtrünnigen Propheten Bileam soll der Erzengel Michael sein Schwert gezogen und mit Gottes Stimme gesprochen haben (Num 22,22).
  • u. v. m.

Christentum – Michael der Militär

Das Christentum kennt in seiner Überlieferung sogar eine ganze Reihe an persönlichen Kontakten zwischen dem Erzengel Michael und Menschen:

  • Michael soll Konstantin I., den ersten christlichen Kaiser der Römer, persönlich besucht haben.
  • Im Jahr 492 soll er Hirten an den Hängen des Gargano in Mittelitalien erschienen sein. Dort wurde ihm die sehr wichtige Wahlfahrtstätte San Michele als Grottenkirche in den Fels gehauen.
  • Im Jahr 590 wütete die Pest in Rom, woraufhin Gregor der Große den Erzengel anrief, der ihm anschließend über der Engelsburg erschien. Michael steckte sein flammendes Schwert in die Scheide und die Seuche verschwand.
  • Im Jahr 708 erschien der Erzengel dem schlafenden Aubert von Avranches und bohrte der Legende nach seinen Finger in den Kopf des träumenden Abts. Aubert errichtete anschließend auf einer kleinen Gezeiteninsel in der Normandie die Abtei Mont-Saint-Michel. Sein Schädel mit Loch existiert auch heute noch.
  • Im Jahr 955 wurde der Erzengel Michael nach dem Sieg von Otto dem Großen auf dem Lechfeld zum Schutzpatron der Deutschen. Sein Banner soll zum Sieg beigetragen haben.
  • Im Jahr 1425 erschien Michael der Jungfrau von Orléans. Jeanne d’Arc brachte daraufhin die strategische Wende im 100-jährigen Krieg zwischen England und Frankreich.
  • Im Jahr 1429 soll der Erzengel Michael die sächsische Stadt Bautzen vor den Hussiten geschützt haben, den Anhängern des ketzerischen Jan Hus.

Islam – Michael als Imam der Engel

Im Islam gibt es vier Erzengel, die in der Glaubenslehre einen sehr hohen Rang haben. Einer von ihnen, Mikal, wird mit dem Erzengel Michael der Juden und Christen gleichgesetzt.

Dieses Prinzip kennt man auch von Isrāfīl der Erzengel Raphael und der Erzengel Uriel zugeordnet werden.

Für Muslime ist der Erzengel Gabriel jedoch wichtiger. Michael wird überhaupt nur einmal und dann als Teil des Engelspaars im Koran explizit genannt:

„Wer auch immer zum Feind wurde gegen Allah und Seine Engel und Seine Gesandten und Gabriel und Michael, so ist wahrlich Allah den Ungläubigen ein Feind.“ (Sure: 2,98)

Darüber hinaus gibt es jedoch zwei unbestätigte Legenden über den Erzengel Michael im Islam. Zunächst sollen seine Flügel smaragdgrün sein. Außerdem soll er im Garten Eden der Imam, der Vorbeter, der Engel sein.

Orte der besonderen Verehrung

Für Erzengel Michael wurden an mehreren Orten bedeutende Stätte zur Verehrung errichtet. Vor allem der Mont-Saint-Michel war schon im Mittelalter ein Magnet für Pilger.

Christen beschreiten bei ihrer spirituellen Annäherung an Michael jedoch eine Gradwanderung. Die Verehrung von Engeln ist zulässig, eine Anbetung der himmlischen Geistwesen gilt jedoch bereits als Häresie.

San Michele am Gargano in Italien

Am 08. Mai 492 soll der Erzengel Michael an den südlichen Hängen des Gargano an der italienischen Ostküste Hirten erschienen sein. Das war wenige Jahre nach dem Untergang des Römischen Reiches im Westen.

San Michele Grotte
Innenansicht der San Michele Grotte am Gargano (Foto: Nikater / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Am Ort der Erscheinung wurde die Grottenkirche San Michele in den Stein gehauen. Laut einer Inschrift über dem Eingang werden jeder Person beim Betreten der Grotte alle Sünden vergeben.

Im 9. Jahrhundert ließ der Erzbischof von Benevent ein Kastell errichten. Der heutige Ort Monte Sant’Angelo mit seinen etwa 12.000 Einwohnern entstand dann um die Jahrtausendwende.

Die Gegend war lange in normannischer Hand und entwickelte sich zu einem der bedeutensten Wahlfahrtsorte des Christentum, der häufig von römischen Päpsten besucht wird.

Mont-Saint-Michel in der Normandie

Im Jahr 708 forderte der Erzengel Michael den Abt Aubert von Avranches im Traum auf, eine kleine Gezeiteninsel in der Bucht zur Errichtung eines Klosters zu nutzen. Der Priester war jedoch zunächst unwillig.

Mont Saint Michel Luftbild
Der Mont-Saint-Michel bei Niedrigwasser im Jahr 2005 (Foto: Fabos / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Der Legende nach bohrte Michael dann seinen Finger in den Kopf des schlafenden Aubert, woraufhin ein Loch in dessen Schädel entstand.

Den Kopf von Aubert mit dem Loch darin gibt es sogar heute noch. Moderne Untersuchungen haben belegt, dass es wirklich eine saubere Perforation ist, die nicht durch eine Verletzung oder Werkzeuge entstanden sein kann.

Damit handelt es sich bei dem Schädel von Aubert vielleicht um die einzige (Berührungs-)Reliquie des Erzengels. Die wissenschaftlichen Theorien um diesen Schädel deuten jedoch eher auf einen sehr seltenen, aber gutartigen Tumor hin.

Das Loch in seinem Kopf hielt Aubert auf jeden Fall nicht davon ab, wunschgemäß eine Abtei nach dem Vorbild von Gargano zu errichten. Nach seinem Tod wurde der Schädel dann zur Attraktion für Pilger, die Geld auf die Insel brachten.

Ursprüngliche Bauten von einst sind zu Krypten tief im Inneren des baugeschichtlichen Meisterwerks geworden. Sie bilden einen Kranz um die Spitze des Felsens und schufen so ein ebenes Fundament für die 80 Meter lange Kirche.

Paln Mont-Saint-Michel
Plan des Mont-Saint-Michel (Urheber: Eugène Viollet-le-Duc / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Seit dem Jahr 966 waren Benediktiner auf dem Mont-Saint-Michel angesiedelt. In der Folge erlebte die Abtei einen großen Aufschwung und durfte drei Jahrzehnte später sogar die Hochzeit des normannischen Herzogs ausrichten. Ab 1066 gehörten die Abtei zum angevinischen Reich der englischen Könige.

Zeitweise hatte der Mont-Saint-Michel eines der produktivsten Skriptorien in Europa. Die Mönche entwickelten sogar einen eigenen Stil bei der Verwebung von Bild und Text.

In der Bibliothek gab es nicht nur religiöse, sondern auch profane Texte wie von Cicero oder Vergil. Die offenbar sehr interessierten Mönche hatten sogar eher wissenschaftliche Texte wie von Aristoteles oder Plinius dem Jüngeren im Regal stehen, außerdem Astronomie-, Geometrie- und Physik-Bücher.

Ein weiteres Themengebiet der Mönche war Geschichte. Sie führten zeitweise sogar eine Jahreschronik für weite Teile Europas.

1204 nutzte der französische König die Gunst der Stunde und eroberte die Normandie von den Engländern. Damit fiel auch der noch kaum befestigte Mont-Saint-Michel wieder an Frankreich und brannte während der ungeplanten Plünderung sogar nieder.

Im 100-jährigen Krieg blieb der Mont-Saint-Michel dank seiner vorteilhaften Lage als Gezeiteninsel dauerhaft in französischer Hand. Im 14. und 15. Jahrhundert reichte die Zeit eines Tidenwechsel weder für einen Land- noch für einen Seeangriff auf die inzwischen solide ummauerte Abtei.

Ab 1415 wurden der Mont-Saint-Michel und damit der Erzengel Michael zum Symbol für den erfolgreichen Widerstand gegen die Engländer. Der König dankte es der Abtei mit reichen Ländereien und der Ausbau zur Festung wurde fortgesetzt.

In den Hugenotten-Kriegen des 16. Jahrhunderts konnte die Insel auch weiterhin erfolgreich verteidigt werden. Die Angriffe der Protestanten schlugen fehl.

Im Zuge der Französischen Revolution wurde die Abtei aufgelöst und bis ins 19. Jahrhundert als Gefängnis genutzt. Vor allem politische Gefangene mussten auf der Insel einsitzen.

Erst 1966 kamen zur 1000-Jahrfeier wieder Benediktiner dauerhaft auf den Mont-Saint-Michel, die jedoch nur noch einen kleinen Teil des Felsens nutzen können. Die Anlage ist nach wie vor in staatlicher Hand und zieht jährlich etwa 3,5 Millionen Touristen an.

Saint-Michaels-Mount in Cornwall

Nach der normannischen Eroberung von England ab dem Jahr 1066 erhielt die Abtei Mont-Saint-Michel große Ländereien in Cornwall. Dort errichteten sie nach eigenem Vorbild auf einer kleinen Gezeiteninsel den Saint-Michaels-Mount.

Luftbild Saint-Michaels-Mount
Luftbild des Saint-Michaels-Mount an der Südküste von Cornwall (Foto: Chensiyuan / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Auf der Insel existierte jedoch wahrscheinlich schon vorher ein Kloster. Die Anlage wurde dann durch neuere Gebäude ersetzt. Die Kirche und die Priorei wurden in den 1130er Jahren in Auftrag gegeben.

Die beiden Abteien zu Ehren des Erzengels Michael in der Normandie und Cornwall standen in engen Kontakt. Sie tauschten beispielsweise Texte aus und waren politisch verbündet.

Der Saint-Michaels-Mount an der Südküste Cornwalls ist jedoch lange nicht so bekannt wie die einstige Mutterabtei in der Normandie. Deswegen wird die Insel von sehr viel weniger Touristen heimgesucht.