Odoaker

König Odoaker – 476 bis 493 n. Chr.

Odoaker war ein Germane im weströmischen Militärdienst. Er wurde von meuternden Söldnern in Italien zum Anführer gewählt. Gemeinsam stürzten sie den letzten der römischen Kaiser und ernannten ihn, Odoaker, zum König von Italien – rex italiae.

Im Zuge der Ereignisse verlieh Odoaker dem Untergang des weströmischen Kaisertums auch symbolisch eine ganz besondere Note. Die Insignien des Römischen Reiches kamen in seine Gewalt, aber er griff nicht selbst nach dem Purpur.

Stattdessen sandte Odoaker die Symbole der weströmischen Kaiser nach Konstantinopel zum Kaiser des oströmischen Reiches. Die alten Zeichen der Stärke des römischen Imperiums wurden nicht mehr gebraucht und fanden so in einer schmählichen Geste ihre letzte Verwendung.

Odoaker beendet die 1000-jährige Erfolgsgeschichte des antiken Rom. Aber er hinterließ kein Machtvakuum, sondern ein Königreich von Italien. Doch er sollte selbst ein tragisches Ende finden.

Der Ost-Gotenkönig Theoderich der Große, auch bekannt als Dietrich von Bern, erschlug Odoaker persönlich nach einer Friedensverhandlung zu Beginn des Jahres 493 n. Christus in Ravenna.

Abstammung, Jugend und Karriere von Odoaker

Zweiter Sohn des legendären Edekon

Odoaker war der Sohn von Edekon, eines engen Beraters des Hunnenkönigs. Er wuchs wahrscheinlich auch an dessen Königshof auf. Nach dem Tod von Attila im Jahr 453 n. Christus wurde Edekon zum Anführer der Skiren in den Karpaten.

Damit gehörte Odoaker von Beginn an zur führenden Oberschicht seiner Zeit. Doch er konnte wohl weder lesen noch schreiben. Er war auch kein kanonischer Christ, sondern gehörte zu den Anhängern des Arianismus.

Odoaker hatte mit Hunulf einen drei Jahre älteren Bruder, der ebenfalls zu einem bedeutenden Heerführer seiner Zeit wurde. Dieser machte zunächst Karriere im römischen Ostreich. Dort stieg Hunulf sogar bis zum Heermeister von Illyrien auf und bekämpfte die Ost-Goten.

Nachdem Odoaker später zum König von Italien wurde, hatte er mit Hunulf einen wichtigen Unterstützer an seiner Seite. Der Ältere wurde zur „rechten Hand“ des jüngeren Bruders.

Einer Legende nach war Edekon darüber hinaus auch der Stammvater der Welfen. Dieses Adelsgeschlecht existiert bis heute. Im Mittelalter brachten die Welfe bedeutende Herzöge wie Heinrich den Löwen hervor. Später stellten sie die Könige von England. Diese Abstammung des deutschen Adelsgeschlechts bis hin zum Vater von Odoaker ist jedoch nicht zweifelsfrei belegbar.

Erste Begegnungen mit Orestes am Hof des Hunnenkönigs

Wie das Schicksal es so wollte, begegnete Odoaker bereits in jungen Jahren seinem späteren Feind und Konkurrenten – dem Römer Orestes. Dieser diente ebenfalls am Hof des Hunnenkönigs Attila in einer bürokratischen Funktion. Der Römer war jedoch beseelt von der Vorstellung einer Erneuerung des römischen Imperiums.

Über die weitere Jugend von Odoaker ist nur wenig bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass er bereits in seinen frühen Jahren auf eine Karriere beim Militär vorbereitet wurde. Ab dem Jahr 470 n. Christus hinterließ er jedoch eine Spur, die Historiker verfolgen können.

Militärische Karriere in römischen Diensten

Es hatte den jungen Germanen in römische Dienste verschlagen. Ab 470 n. Christus diente Odoaker in der Leibwache des weströmischen Kaisers. Die Prätorianer-Garde war zwar längst aufgelöst.

Doch die kaiserliche Leibwache war immer noch ein Sprungbrett zu den höchsten Ämtern im römischen Reich. Zahlreiche Kaiser waren aus ihr hervorgegangen.

Auch Odoaker zeigte ein gutes Gespür für die politischen Dimensionen seines militärischen Postens. Im weströmischen Reich hatten sich die Zeiten inzwischen soweit gewandelt, dass ausländische Heerführer eine steile Karriere machen konnten.

Es gelang ihm, sich klug in den blutigen Machtkämpfen um die Kaiserherrschaft zu positionieren. Odoaker stieg in der Folge zu einem mächtigen Anführer von germanischen Truppen in Italien auf.

Das römische Reich zerstört sich selbst (475)

Orestes hatte lange Zeit am Hof des Hunnenkönigs als Diplomat und Verwalter gearbeitet. Nach dem Tod von Attila kehrte er nach Rom zurück und machte dort ebenfalls Karriere. Der Römer stieg zum Oberkommandeur von Italien auf und wurde ein enger Berater des Kaisers.

Orestes putscht gegen Julius Nepos

Doch im Jahr 475 n. Christus putschte Orestes gegen den letzten legitimen Kaiser Julius Nepos. Für diesen Staatsstreich hatte er jedoch die Unterstützung von Truppen benötigt.

Ein römisches Heer gab es jedoch praktisch nicht mehr. Deshalb hatte Orestes den germanischen Söldnern in Italien fruchtbares Land für einen solchen Dienst versprochen.

Ernennung von Kaiser Romulus Augustus

Orestes konnte sich aus politischen Gründen nicht selbst zum Kaiser ernennen. Das wäre zu delikat gewesen. Auch war Julius Nepos, der letzte legitime Kaiser des weströmischen Reiches, nur vertrieben, nicht jedoch getötet worden, so dass die Lage höchst instabil war.

Deshalb installierte Orestes als Marionette seinen eigenen Sohn als Kaiser – Romulus Augustus, auch Augustulus, das „Kaiserlein“ genannt. Dies brachte ihm jedoch im Angesicht der Lage mehr Hohn als Respekt ein.

Odoaker – der König von Italien (476 bis 493)

Nach dieser Machtergreifung brach Orestes sein Wort gegenüber den Söldnern. Er machte den letzten großen Fehler des weströmischen Reiches und verweigerte den fremden Soldaten ihren Lohn. Diese reagierten wenig amüsiert auf die Arroganz des selbstherrlichen Römers.

Die germanischen Soldaten wandten sich in ihrem Machtbewusstsein einfach an Odoaker. Sie machten dem germanischen Heerführer einen einfachen Vorschlag: Sie würden ihn zum König von Italien (rex italiae) wählen, wenn er in der neuen Rolle das versprochene Land an die germanischen Krieger weitergeben würde.

Wahl zum rex italiae durch germanische Söldner

Odoaker ließ sich wahrscheinlich nicht zweimal bitten. Er stellte sich zur Königswahl. Die barbarischen Soldaten legten bei der Ernennung eines solchen Anführers nämlich durchaus ein Grundverständnis für Demokratie an den Tag.

Mehrheitlich stimmten sie für Odoaker. Für eine solche quasi-monarchische Position, die durch eine Abstimmung besetzt wurde, gab es damals den Begriff „rex“ als Amtsbezeichnung.

Vernichtung der letzten römischen Truppen in Italien

Die meuternden Germanen hatten unter der Führung von Odoaker keine großen Probleme, die kläglichen Reste der römischen Armee in Italien zu schlagen. Im August 476 n. Christus kam es zur Entscheidungsschlacht.

Bald darauf erhielt Odoaker und sein italienisches Königreich auch die diplomatische Anerkennung von anderen Mächten der Antike. Mit den Vandalen in Nordafrika arrangierte man sich und selbst das oströmische Reich akzeptierte die Tatsachen.

Pachtung Siziliens von den Vandalen (477)

Odoaker beschränkte sich jedoch nicht darauf, sein Königtum zu genießen. Er war sehr bestrebt, die Stärke der italienischen Halbinsel wiederherzustellen. Bereits ein Jahr nach seiner Erhebung konnte er einen wichtigen Vertrag mit den Vandalen abschließen.

Diese waren 455 n. Christus unter ihrem König Geiserich in Italien eingefallen und hatten Rom geplündert. Im Anschluss zogen sie sich zwar wieder zurück. Doch das fruchtbare Sizilien blieb unter ihrer Kontrolle. Ab 477 n. Christus wurde die Insel dann von Odoaker gepachtet.

Tod von Nepos und die Eroberung Dalmatiens (481)

Der letzte legitime Kaiser Julius Nepos war 475 n. Christus auf der Flucht vor Orestes nach Dalmatien, ins heutige Kroatien, geflohen. Dort konnte er jedoch nicht mehr zu einer nenneswerten Opposition werden.

Im Jahr 481 n. Christus verstarb Julius Nepos. Odoaker nahm dies zum Anlass, sein Königreich von Italien zu erweitern. Es gelang ihm auch, Dalmatien zu erobern.

Aber er hatte die geo-politischen Konsequenzen einer solche Aktion nicht bedacht. In der Folge sollte ein Konflikt mit den Goten entstehen, den auch Odoaker selbst nicht überleben würde.

Ende des weströmischen Reiches in Gallien (bis 486)

Das weströmische Reich hatte nach dem Fall von Italien in kleinen Fragmenten in Gallien fortbestanden. Dort verblieb noch eine von romanisierten Ubiern bewohnte Provinz. Doch nur zehn Jahre nach dem Sieg von Odoaker in Italien löste sich das Römische Reich auch dort auf.

Unter der Führung von Chlodwig I. fielen salfränkische Truppen im Jahr 486 n. Christus von Belgien aus in dieser letzten Provinz ein. Doch der heidnische Merowinger übernahm nicht nur das Territorium, auch die Christiansierung und ein Teil der antiken Kultur fand so seine Fortsetzung im entstehenden fränkischen Reich.

Kampf gegen die Goten und Rabenschlacht (ab 489)

Die germanischen Söldner von Odoaker waren jedoch nicht die einzigen, die sich für die reichen Ländereien in Italien interessierten. Die Goten unter Führung von Theoderich, auch bekannt als Dietrich von Bern, zogen ab 489 n. Christus gegen Italien.

Odoaker führte seine Germanen in eine Reihe von Niederlagen gegen die Goten. Noch im Jahr 489 n. Christus unterlagen sie am Isonzo und im darauffolgenden Jahr bei Verona.

Daraufhin musste sich Odoaker mit seinen verbliebenen Truppen nach Ravenna zurückziehen. Die Stadt konnte zunächst noch über den Wasserweg versorgt werden. Die Belagerung durch die Goten zog sich deshalb über zwei Jahre hin.

Schließlich gelang es den Goten, den Hafen der Stadt zu blockieren. Die Germanen wagten deshalb unter der Führung von Odoaker einen Ausbruch aus Ravenna, der als Rabenschlacht bekannt wurde.

In der Dietrichsepik aus dem 13. Jahrhundert wurde diese Schlacht wieder aufgegriffen und literarisch verarbeitet. Deswegen ist der Name „Rabenschlacht“ noch heute bekannt. Details zum historischen Verlauf sind jedoch nicht überliefert.

Tod durch die Hand des Gotenkönigs (493)

Die Goten hatten jedoch ebenfalls große Verluste erlitten. So kam es ab dem 25. Februar 493 n. Christus zu Friedensverhandlungen in Ravenna.

Diese Verhandlungen wurden auch erfolgreich abgeschlossen. Doch Odoaker hatte sich zwölf Jahre zuvor bei seinem Abenteuer in Dalamtien persönliche Feinde gemacht.

Bei der Eroberung war nämlich auch ein rugisches Köngispaar ermordet worden. Dies hatte eine Blutfehde ausgelöst und sollte im Rahmen der Friedenskonferenz für Odoaker zum Verhängnis werden.

Trotz eines unterzeichneten Friedensvertrages im Februar 493 n. Christus, erschlug der Ost-Gotenkönig Theoderich der Große den Germanen Odoaker persönlich noch am Ort der Verhandlungen.

Nach dem Mord an Odoaker wurde auch sein Bruder Hunulf und dessen Familie in Ravenna getötet. Er versuchte noch Schutz in einer Kirche zu finden. Doch er fiel Bogenschützen zum Opfer, die von außen in das Gebäude schossen.