Gorbatschow – Glasnost und Perestroika

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wurde am 02. März 1931 im Nordkaukasus geboren. Er wurde Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU (Regierungschef) und dann auch Präsident der Sowjetunion (Staatschef).

Nach einer langen Phase der Stagnation in der Sowjetunion stieß Michail Gorbatschow ab 1985 fundamentale Reformen an. Diese sind als Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umstrukturierung) bekannt.

Darüber hinaus beendete Michail Gorbatschow den sehr blutigen Stellvertreterkrieg mit den USA in Afghanistan. Außerdem gewährte er den Staaten des Ostblocks die politische Souveränität, was die Unabhängigkeit zahlreicher Länder ermöglichte.

Michail Gorbatschow
Michail Gorbatschow im Jahr 1987 während eines Besuches bei Ronald Reagan im Weißen Haus (gemeinfrei)

Für sein Engagement wurde Michail Gorbatschow bereits 1990 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Gerade in Deutschland erlangte „Gorbi“ durch seine Zustimmung zur Wiedervereinigung eine besonders hohe Popularität.

„Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ (Ronald Reagan)

Doch während Michail Gorbatschow im Westen quasi einen Heldenstatus genießt, gilt er für weite Teile der Bevölkerung gerade in Russland als „Totengräber der Sowjetunion“. Deshalb zählt er zu den besonders tragischen Figuren der politischen Geschichte.

Er selbst wollte durch Transparenz (Glasnost) eine sinnvolle Umstrukturierung (Perestroika) der desolaten Sowjetunion erzielen. Seine Gegner halten ihm jedoch vor, dass er damit den Zerfall der UdSSR überhaupt erst auslöste.

Das ist mit Blick auf die miserable Führung seiner Vorgänger jedoch falsch. Vielmehr war Michail Gorbatschow vor allem der greifbare Sündenbock für die wirtschaftliche Katastrophe der frühen 1990er Jahre. Absurderweise ist Josef Stalin, der das Land mit seinem Großen Terror überzog, heutzutage beliebter in Russland als dieser Reformer.

Jugend, Studium und frühe Karriere

Michail Gorbatschow wuchs in einer Kolchose auf. Das waren landwirtschaftliche Großbetriebe, die ein „sozialistisches Kollektiv“ bewirtschaftete.

Sein Großvater leitete lange den Betrieb, galt jedoch als Anhänger von Leo Trotzki und wurde deshalb 1937 verhaftet. Der Vater von Michail Gorbatschow war jedoch offenbar sehr fleißig und erhielt für das Ernten von tausend Zentnern Getreide den Leninorden.

Der damals 17 Jahre alte Michail Gorbatschow half dem Vater und erhielt dafür den Orden des Roten Banners der Arbeit. Er konnte dann jedoch Jura studieren und lernte dabei seine spätere Frau Raissa kennen, mit der er in der regionalen Hauptstadt Stawropol lebte.

Aufstieg in der Kommunistischen Partei

Michail Gorbatschow trat mit 21 Jahren in die KPdSU ein. Für mehr als zwei Jahrzehnte war er dann in Stawropol für die Partei aktiv.

In dieser Zeit studierte Michail Gorbatschow ein weiteres Mal und wurde Agrarbetriebswirt. Seinen politischen Aufstieg in der Provinz konnte er dann als Sekretär für Landwirtschaft gestalten.

1971 wurde Michail Gorbatschow ein Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Im folgenden Jahr war er als Leiter einer Delegation im Westen.

Die Berufung ins Politbüro erfolgte 1980. Der damalige Chef des KGB und spätere Generalsekretär Juri Andropow kam ebenfalls aus Stawropol und förderte Michail Gorbatschow auf diesem Weg.

Generalsekretär und Staatspräsident

Ende der sowjetischen Gerontokratie

Die Sowjetunion erlebte unter Nikita Chruschtschow ab 1953 bereits eine erste Phase der Öffnung und Neuaufstellung. Aus Sicht der Stalinisten destabilisierte sich dadurch jedoch das gesellschaftliche System, was dann beispielsweise zum Ungarischen Volksaufstand von 1956 führte.

1966 wurde Chruschtschow durch den reaktionären Leonid Breschnew gestürzt, der der Sowjetunion eine lange Phase der politischen Stagnation brachte. Alte Kader erlebten eine neue Blüte und dominierten nochmals für fast zwei Jahrzehnte die Gremien der Kommunistischen Partei.

Juri Andropow
Juri Andropow im August 1983 als Generalsekretär des Zentralkomitees und Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets (TASS)

Diese sowjetische „Gerontokratie“, die Diktatur der Alten, setzte sich nach dem Tod von Breschnew am 10. November 1982 eindrucksvoll fort. Seine beiden Nachfolger waren jeweils keine zwei Jahre im Amt.

Mit Juri Andropow kam zunächst der Chef des KGB an die Macht. Er war ein Hardliner im Kalten Krieg und nahm die „politische Unreife“ der Bevölkerung sowie den „Einfluss fremder Ideologie“ als größte Probleme war. Außerdem rechnete Andropow permanent mit einem atomaren Erstschlag der USA.

Seine tatsächlich größten Probleme waren Bluthochdruck, Diabetes und ein Nierenleiden. Andropow starb nach 15 Monaten im Amt des Generalsekretärs des ZK der KPdSU. Sein Nachfolger Konstantin Tschernenko war noch älter, starker Raucher, hatte eine Leberzerrhose und Hepatitis.

Nach Tschernenkos Tod am 10. März 1985 stand die Sowjetunion deshalb vor einer inhaltlichen, aber vor allem auch personellen Richtungsentscheidung. Die alten Hardliner stellten mit Grigori Romanow zwar erneut einen Kandidaten, der sogar schon im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte.

Doch der zumindest mal acht Jahre jüngere Michail Gorbatschow konnte sich als Reformer an der Spitze des Zentralkomitees platzieren. Zeitlich parallel begann auch bereits der Aufstieg von Boris Jelzin, der im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion zum ersten Präsidenten von Russland werden sollte.

Glasnost – Offenheit und Transparenz

Als „Glasnost“ bezeichnete Michail Gorbatschow die Herstellung von Transparenz der Regierung gegenüber der Bevölkerung, auch um Missstände gezielter angehen zu können.

„Ich mag Herrn Gorbatschow. Mit ihm können wir arbeiten.“ (Margaret Thatcher)

Michail Gorbatschow 1986 in Reykjavik
Michail Gorbatschow im Jahr 1986 auf der amerikanisch-sowjetischen Konferenz in Reykjavik. (RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin / CC-BY-SA 3.0)

Der Begriff hatte damals schon eine lange Geschichte in Russland. Bereits der reformerische Kaiser Alexander II. hatte die Zulassung einer Öffentlichkeit bei Gerichtsverhandlungen als Glasnost bezeichnet.

Michail Gorbatschow hielt dann am 25. Februar 1986 auf dem XXVII. Parteitag der KPdSU eine Grundsatzrede und hauchte dem Begriff neues Leben ein:

„Ohne Glasnost gibt es keine Demokratie, und es kann sie auch nicht geben […] Es kommt darauf an Glasnost zu einem störungsfrei funktionierenden System werden zu lassen. Man braucht Glasnost im Zentrum, aber eben so sehr, ja vielleicht sogar noch mehr an der Basis, dort, wo der Mensch lebt und arbeitet.“

Konkret lockerte Michail Gorbatschow die Einschränkungen der Rede- und Pressefreiheit. Auch Diskussionen von Funktionären wie im Volksdeputiertenkongress wurden fortan im Fernsehen übertragen.

Mit dieser neuen Öffentlichkeit wurde aber auch die Kluft zwischen politischer Kommunikation und politischer Realität in der Sowjetunion offen gelegt. Dies führte zu vermehrten Demonstrationen, von denen dann berichtet wurde, was wiederum noch mehr Demonstrationen auslöste.

Die Zustimmung in der Bevölkerung zur kommunistischen Diktatur erlebte so einen sich selbst beschleunigenden Niedergang. Obwohl der katastrophale Zustand der Sowjetunion, neben der irrwitzigen politischen Ideologie, vor allem auf die jahrzehntelange Reformunfähigkeit zurückging, schlitterte Michail Gorbatschow in die Rolle des Sündenbocks.

Perestroika – die Umstrukturierung

Das Wirtschaftswachstum der Sowjetunion war zu Beginn der Amtszeit von Michail Gorbatschow bereits seit etwa zehn Jahren rückläufig. Die Rate blieb zwar vergleichbar mit anderen Staaten, aber die Qualität der Erzeugnisse entsprach häufig nicht den internationalen Standards.

Aber vor allem hatte die sowjetische Wirtschaft viele schmerzhafte Schwächen. Beispielsweise fehlte es an Lager- und Logistikkapazitäten, um die Bevölkerung verlässlich mit Nahrung zu versorgen. Auch deshalb hatte sich längst eine ineffiziente Schattenwirtschaft entwickelt, die von wuchernder Korruption begleitet war.

Die sowjetische Intervention in Afghanistan hatte die ohnehin sehr hohen Belastungen durch das Militär noch gesteigert. Wissenschaft und Technologie fielen währenddessen im internationalen Vergleich immer weiter zurück.

Die „Perestroika“, die wirtschaftliche Umstrukturierung der Sowjetunion begann mit einem Rückbau der restriktiven Zentralverwaltung. Ab 1987 konnten Betriebe anfangen, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

„Nicht die Perestroika hat die Sowjetunion zerstört, sondern ihre Gegner.“ (Michail Gorbatschow)

Rückzug aus Afghanistan

1978 putschten sich afghanische Kommunisten mit der „Saurrevolution“ an die Macht. Sie leiteten eine Säkularisierung des Landes ein und lösten so einen Bürgerkrieg mit islamistischen Mudschahidin aus.

Mudschahidin mit Boden-Luft-Rakete
Mudschahidin posiert mit erbeuteter Boden-Luft-Rakete aus sowjetischer Produktion. (gemeinfrei)

Parallel gab es noch dazu blutige Machtkämpfe in den eigenen Reihen. Diese führten sogar zur Absetzung und anschließenden Ermordung des Ministerpräsidenten Nur Muhammad Taraki am 08. Oktober 1979.

In dieser Phase waren bereits Militärberater der Roten Armee in Afghanistan, die von den Ereignissen jedoch selbst immer wieder überrascht wurden. Die Sowjets waren nämlich eigentlich nicht zur Unterstützung ihrer ideologischen Glaubensbrüder bereit.

Die damalige Regierung unter Leonid Breschnew entschied sich letztlich nur deshalb zur Intervention, weil man einem möglichen Einsatz der USA zuvorkommen wollte. Der geopolitische Rahmen für diese Entscheidung war der „NATO-Doppelbeschluss“ um die Stationierung von Mittelstrecken-Raketen im Westen von Europa vom 12. Dezember 1979.

Der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan begann am 25. Dezember 1979. Bodentruppen drangen in zwei Keilen gegen Kabul vor, während luftbewegliche Einheiten strategische Punkte einnahmen. Parallel liefen Capture-or-Kill-Missionen durch Spezialkräfte gegen politisches Führungspersonal.

Die Besetzung von Afghanistan entwickelte sich jedoch zu einem Debakel. Die Rote Armee konnte das widrige Gelände nicht dauerhaft kontrollieren. Währenddessen erodierte die sowjetische Wirtschaftskraft wegen der damals reformunwilligen Führungskaste immer weiter, so dass die Belastung durch den Stellvertreterkrieg immer schwerer wog.

Michail Gorbatschow bezeichnete den Einsatz schon sehr früh nach seiner Machtübernahme als „unsere blutige Wunde“. Mit dem Genfer Abkommen vom April 1988 sollte unter Beteiligung von Pakistan und den USA zunächst ein Rahmen für einen späteren Rückzug geschaffen werden.

Die Rote Armee schloss ihren Abzug dann bis zum 19. Februar 1989 ab. Die Sowjets waren jedoch bis zuletzt in schwere Kämpfe verwickelt und verloren nach späteren Angaben insgesamt etwa 26.000 Soldaten in Afghanistan.

Der Krieg kostete auf der anderen Seite jedoch einer Million Menschen das Leben, drei Millionen wurden verwundet und fünf Millionen vertrieben. Dabei hatte das kleine Land am Hindukusch im Jahr 1990 nur etwa 12,4 Millionen Einwohner.

Die Region kam jedoch nicht zur Ruhe. Die vorgesehene Stabilisierung durch das Genfer Abkommen scheiterte und der Afghanische Bürgerkrieg brach aus. Dieser Konflikt endete dann erst mit der Besetzung durch die USA nach den Anschlägen vom 11.09.2001.

Ende der Breschnew-Doktrin

Im Zuge der „Restalinisierung“ unter Leonid Breschnew unterdrückte man Bestrebungen nach mehr Unabhängigkeit in sowjetischen Satellitenstaaten im Zweifel mit Hilfe der Roten Armee. Ein besonders bekanntes Beispiel war die Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ (Michail Gorbatschow)

Michail Gorbatschow UN-Vollversammlung 1988
Michail Gorbatschow bei der Rede vor der UN-Vollversammlung im Jahr 1988 (RIA Novosti archive, image #485307 / Yuryi Abramochkin / CC-BY-SA 3.0)

Spätestens mit seiner Rede vor der UN-Vollversammlung von 1988 distanzierte sich Michail Gorbatschow jedoch von diesem eisernen Regime. Als „Sinatra-Doktrin“ wurde sein Zugeständnis gegenüber den Satelliten bezeichnet, innere Angelegenheit selbst zu regeln. In der Folge kam es zu einer Reihe von friedlichen Revolutionen im Ostblock:

„You know the Frank Sinatra song, I Did It My Way? Poland and Hungary are now doing it their way. I think the ‚Brezhnev Doctrine‘ is dead.“ (Sowjetischer Diplomat)

Schließlich gab Michail Gorbatschow sogar den Widerstand gegen die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten auf. Angeblich bei einer Flasche Wein und nur in Begleitung von Übersetzern handelte er mit Helmut Kohl den Deal aus.

Neben zahlreichen Bedingungen wie einer Verkleinerung der Bundeswehr ging es vor allem um „Bimbes“. Die wirtschaftlich stark kriselnde Sowjetunion brauchte dringend liquide Mittel und die Bundesrepublik schob für die Wiedervereinigung harte Devisen über den Tisch.

Für seine Bemühungen wurde „Gorbi“ im Westen gefeiert. 1990 erhielt er den Friedensnobelpreis. Doch die Stimmung in der Sowjetunion war eine andere.

Ende der Sowjetunion

Der innenpolitische Widerstand gegen Michail Gorbatschow wurde ab 1990 immer deutlicher. Bei der Wahl zum Staatspräsidenten erhielt er nur 59,2 % der Stimmen der Deputierten.

Parallel erklärten zunächst Litauen, dann Estland und schließlich auch Lettland ihre Unabhängigkeit. In Fortsetzung der „Sinatra-Doktrin“ versuchte Michail Gorbatschow die alte Supermacht mit einem Unionsvertrag als Entität zu bewahren.

Doch während der Maiparade von 1990 wurden er und seine Führungsriege vor dem Kreml ausgepfiffen. 1991 kam es dann zum „Augustputsch in Moskau“.

Michail Gorbatschow mit Ronald Reagan
Ronald Reagan und Michail Gorbatschow im Jahr 1992 (Bob Galbraith / gemeinfrei)

Die Aktion scheiterte zwar nach drei Tagen. Aber die Beteiligung des Vizepräsidenten, des Premierministers, des Verteidigungsministers, des Innenministers und des Chefs des KGB legte den fehlenden Rückhalt für Michail Gorbatschow auf dramatische Weise offen.

In der Folge erklärten weitere Staaten ihre Unabhängigkeit. Damit war die Sowjetunion praktisch am Ende, während Michail Gorbatschow allerdings noch der Präsident dieses hohlen Gerippes war.

Russland war der zentrale Nachfolger der Sowjetunion und taumelte in eine wirtschaftliche Katastrophe. Besonders dramatisch liest sich dies am Niedergang der Lebenserwartung von 69 auf 58 Jahre bis zur Mitte der 1990er.

Es starben mehr Menschen, als Kinder auf die Welt kamen. Darüber hinaus gab es eine ganze Serie von bewaffneten Konflikten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.

Das politische Ende von Michail Gorbatschow kam dann während einer weltweit übertragenen Ansprache vor dem russischen Parlament. Den Vorsitz hatte Boris Jelzin, der seit dem 12. Juni 1991 der erste russische Präsident war.

Jelzin unterbrach die Rede von Michail Gorbatschow und verkündete ein Parteiverbot gegen die KPdSU. Das war eine Entmachtung im Fernsehen.

Nach dieser finalen Demütigung trat Michail Gorbatschow am 25. Dezember 1991 zurück. Wenige Jahre später stellte er sich zur Wahl für das Amt des russischen Präsidenten und erhielt laut dem offiziellen Wahlergebnis nur etwa ein halbes Prozent der Stimmen.

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