Militärische Strategie und Taktik

Militärische Strategie und Taktik

Strategie und Taktik sind Begriffe aus dem militärischen Bereich, werden jedoch auch in der Politik, der Unternehmensführung und der Rhetorik verwendet. Zusammen bilden Strategie und Taktik ein Begriffspaar, um zwischen direkten und indirekten Vorgehensweisen zu unterscheiden.

Da es Übergänge zwischen militärischer Strategie und Taktik gibt, wurde in der Neuzeit der Begriff der militärischen Operation entwickelt. In der „Abhandlung über die allgemeinen Grundsätze der Kriegskunst“ von Henry Lloyd aus dem Jahr 1780 wurde erstmals von einer „Operationslinie“ gesprochen.

Eine militärische Operation umfasst definitionsgemäß alle zusammenhängenden Handlungen von Streitkräften, die auf ein gemeinsames Ziel gerichtet sind. Damit bildet eine militärische Operation ein konzeptionelles „Dach“, um strategische und taktische Elemente in einen gemeinsamen Plan zu gießen.

Militärische Strategien (Beispiele)

Karte der Tet-Offensive von General Giap und den Viet Cong
General Vo Nguyen Giap entwickelte und kommandierte die Tet-Offensive 1968 (ODbL).

„Militärische Strategie ist [definiert als] der indirekte Ansatz.[1] Als früheste Literatur für strategisches Denken gilt die Kunst des Krieges von Sunzi (ca. 500 v. Chr.). Strategen sind besonders bemüht, eine Schlacht oder Auseinandersetzung zu entscheiden, bevor diese überhaupt stattfindet. Das (übliche) Ziel ist die Zerstörung der Grundlage jeglichen feindlichen Handelns (Carl von Clausewitz).

Die zentrale Frage der militärischen Strategie lautet also: Wo kämpfen wir?

Zur Artikelserie: Geschichte der Strategie

Aufstandsbekämpfung

Das COIN FM3-24 der U.S.Army aus Jahr 2006
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Viele reguläre Streitkräfte der internationalen Gemeinschaft sind spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Bekämpfung von Aufständen in der ganzen Welt beschäftigt. Auch der Beginn des 21. Jahrhunderts ist medial geprägt von den Kriegen in Afghanistan, dem Irak und in Syrien.

Da die militärische Aufständsbekämpfung in aller Regel keinen dauerhaften Erfolg bringen kann, hat die U.S. Army unter der Federführung von General David Petraeus im Jahr 2006 eine neue Doktrin entwickelt. Diese wurden im  Counterinsurgency Field Manual 3-24 zusammengefasst, einem Handbuch zur Aufstandsbekämpfung.

„Es braucht Anführer, [die] darauf vorbereitet sind, mit Handschlag oder Handgranate begrüßt zu werden […].“

Diese Strategie sieht vor, den Fokus für militärisches Handeln auf eine zeitnahe Verbesserung der Lebensqualität der Zivilbevölkerung in einem aufständischen Gebiet zu setzen. Hierfür wurde auf eine hohe Intensivierung der zivil-militärischen Zusammenarbeit gesetzt, was im deutschen Sprachgebrauch unter dem Begriff Partnering zusammengefasst wurde.

Ein solcher Counterinsurgency-Einsatz wird in der Doktrin in vier Phasen unterteilt:

  • Shape: Vorbereitung und politische Einflussnahme vor Ort
  • Clear: Säuberung der Region von feindlichen Kräften
  • Hold: Kontrollierte Übergabe der Gewalt an lokale Partner
  • Build: Langfristige Präsenz und Aufbaumaßnahmen

Das Modell wurde unter dem Befehl von General Petraeus im Irak im Jahr 2007 mit ansehnlichen Erfolgen verwendet. Ab 2010 wurde diese Strategie auch in Afghanistan eingesetzt.

Blitzkrieg

Der Begriff „Blitzkrieg“ wurde im 2. Weltkrieg geprägt. Bei einem Blitzkrieg wird zunächst mit aller Macht ein Durchbruch durch die feindlichen Linien gesucht. Dann werden konstant weitere Truppen nachgeführt. Während die Durchbruchstelle gesichert wird, ist es die Aufgabe der nachrückenden Kräfte, schnelle Geländegewinne zu erzielen und strategische Schlüsselpunkte zu besetzen.

Idealerweise gelingt es bei dieser militärischen Strategie, nach dem Durchbruch schneller vorzurücken, als der Feind sich zurückziehen kann. Der Sichelschnittplan von Erich von Manstein konnte bspw. erfolgreich die Versorgungslinien der französischen Armee durchtrennen und so den Angriff auf Frankreich binnen sehr kurzer Zeit erfolgreich beenden. Der große Vorteil ist, dass man für einen Blitzkrieg sogar nur relativ wenige Truppen braucht.

Die konzeptionelle Schwäche dieser militärischen Strategie ist, dass sich die angreifende Armee durch schnelle Vorstöße an den Flanken angreifbar macht. Hier können Gegenangriffe erfolgreich ansetzen. Ein weiteres Problem ist eine mögliche Überdehnung der Versorgungslinien. Wenn die angreifenden Truppen zu schnell vorrücken, kann es sein, dass die Logistik nicht schnell genug nachkommt.

Historisch gesehen haben Blitzkriege meistens eine Reichweite von nur max. 400 km. Jenseits dieser Marke kommt eine solche Angriffswelle meist zum erliegen. Außerdem ist es in der Regel notwendig, den Feind erfolgreich zu täuschen und die Lufthoheit muss errungen werden. Außerdem müssen nach dem gewonnenen Blitzkrieg sehr viel größere Verbände nachgezogen werden, um erobertes Gebiet erfolgreich zu halten.

Choke Point

Eine Karte der strategischen Bewegungen der römischen Armee bei der Eroberung Britanniens unter Kaiser Claudius.
Kaiser Claudius eroberte Britannien ab dem Jahr 43 n. Chr. (ODbL)

Ein „Choke Point“ wird im Deutschen als Nadelöhr bezeichnet, vom engl. to choke – ersticken. Es gibt logistische Choke Points wie bspw. der Flughafen Berlin-Tempelhof im Kalten Krieg bzw. die Korridore für Nachschub und Versorgung nach Berlin durch das Territorium der damaligen DDR. Das bedeutet, dass ein militärisches Ziel – die Präsenz amerikanischer Truppen in Berlin – beinahe „erstickte“, weil im Zuge der Berlin-Blockade vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 die Korridore über Land geschlossen wurden.

Es gibt (geo-)strategische Choke Points. Die bekanntesten dieser Punkte sind an der Abgrenzung der NATO zu Russland. Das G-I-UK-Gap, Skargarak & Kattegat, das Fulda-Gap, die Straße von Gibraltar, etc.

Es gibt taktische Choke Points wie in der Schlacht von Marathon oder in der Schlacht bei den Thermopylen. In solchen Fällen können örtliche Bedingungen genutzt werden, um feindliche Kräfte in einem Flaschenhals zu einem unvorteilhaften Gefecht zu zwingen. Insbesondere die auf den Flanken anfällige griechische Phalanx, profitierte von der aktiven Ausnutzung solcher Choke Points so sehr, dass die Verteidigung Griechenlands gleich mehrfach auf diese Strategie gestützt wurde.

Römischer Limes

Der Limes gilt als ein Meisterwerk der Militär-Strategen. Im Laufe der hohen Kaiserzeit hatten sich das Imperium und seine Kommunikationslinien überdehnt. Deshalb richteten die römischen Legionäre eine durchlässige Grenzlinie beispielsweise in Germanien ein.

Das hatte den Vorteil, dass man nicht die komplette Grenze schwer befestigen musste. Dafür wurden hunderte kleiner Türme à 4 bis 5 Mann Besatzung in Sicht zueinander aufgereiht. So wurde der römischen Limes zu einer Art antikem Radar für feindliche Bewegungen.

Sobald es zu einer kritischen Grenzverletzung kam, wurde dies per Signalfeuer zu den benachbarten Türmen und ins Hinterland gemeldet. Die Römer konnten dann nach Bedarf einen Verband zusammenstellen und auf einem selbst gewählten Gelände den Feind zurückschlagen.

Militärische Taktiken (Beispiele)

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Arminius´ Taktik in der Varusschlacht

Taktik (altgriechisch: „Kunst, ein Heer in Schlachtordnung zu stellen“) ist nach Carl von Clausewitz „die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“ auf der Ebene von Verbänden.

Die zentrale Frage der militärischen Taktik lautet: Wie kämpfen wir?

Militärische Taktik entwickelt sich sehr viel stärker als militärische Strategie, weil sich sowohl auf Ebene der Verbände wie im auch im Bereich der Waffentechnik im Laufe der Zeit viel Entwicklungen ergeben. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg über die heutige Gegenwart bis in die sehr wahrscheinliche Zukunft ist von asymmetrischen Konflikten geprägt, so dass ein konstant hohes Entwicklungsniveau im taktischen Bereich zuverzeichnen ist. Dies drückt sich natürlich auch in den militärischen Strategien aus.

Zur Artikelserie: Geschichte der Taktik

Flankenangriff

Bei einem Flankenangriff wird der Gegner nicht frontal angegriffen. Der Feind wird umgegangen, damit er zur Abwehr nicht seine volle Kraft entwickeln kann. Gegnerische Kräfte sollen sich bei der Verteidigung gegen den Angriff auf die Flanken selbst im Weg stehen. Eine Möglichkeit für einen Flankenangriff kann sich ergeben, wenn der Gegner unterschätzt wird, wie beispielsweise bei der Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad. Entscheidend für diese militärische Taktik ist jedoch meist eine erfolgreiche Täuschung.

Ein Musterbeispiel für einen Flankenangriff war die Operation Cobra. Nach der erfolgreichen Landung der Alliierten in der Normandie kam der Fortschritt ins Stocken. Die Deutschen verteidigten sich mit Panzerabkanonen und Maschinenpistolen sehr erfolgreich gegen weitere Vorstöße amerikanischer und britischer Truppen ins Landesinnere. Nach einem Ablenkungsmanöver durch die Briten gelang amerikanischen Truppen schließlich eine Umgehung, so dass die deutsche Verteidigung ausgehebelt werden konnte.

Fliegender Zirkus

In der zweiten Hälfte des Ersten Weltkrieges gerieten die deutsche Jagdflieger ins numerische und technische Hintertreffen. Sie waren im Verhältnis 1:3 unterlegen und ihre Maschinen hatten eine sehr viel niedrigere Motoren-Leistung.

Unter der Führung des Manfred von Richthofen begann die Jagdstaffel 11 dann damit, ihre Flugzeuge bunt zu lackieren. Mit ihren hohen Abschuss-Zahlen entwickelte sich die Einheit so zum Schreckgespenst der Alliierten. Darüber hinaus verfügte die Staffel über eine eigene Logistik.

Häufig wechselten sie deshalb zwischen einzelnen Einsätzen oder über Nacht ihren Standort. So gelang es einer relativ kleinen Gruppe, viel Schrecken in die feindlichen Linien zu tragen. Von ihren Gegnern wurden sie deshalb schon bald als Flying Circus bezeichnet.

Gewaltsame Aufklärung

Die gewaltsame Aufklärung ist ein Begriff für das Führen eines (Schein-)Gefechts zum Zwecke der Informationsbeschaffung. Wenn die gegnerische Stärke unbekannt ist und auch sonstige Mittel der Aufklärung nicht gesetzt werden können, bietet es sich an, einen tatsächlichen oder vermeintlichen Angriff auszuführen.

Anhand der gegnerischen Reaktion können dann Rückschlüsse gezogen werden. Dies kann bspw. zur Vorbereitung einer Invasion sinnvoll sein. Als Vorstufe der gewaltsamen Aufklärung kann auch das Eindringen in fremden Hoheitsgebiete während Friedenszeiten sein. Dabei wird zwar auf ein echtes Bombardement verzichtet, jedoch kann es zu sehr realistischen Scheinangriffen kommen, die beispielsweise Flugabwehrsysteme aktivieren sollen.

Taktischer Kessel

Der „taktische Kessel“ wurde bereits in der Antike sehr erfolgreich praktiziert. Dabei haben sich zwei Grundtypen entwickelt, mit denen meist stationäre Situationen gemeint sind. Für mobile Lagen, beispielsweise bei Polizeieinsätzen, hat sich der Begriff „Wanderkessel“ etabliert:

  • Die Circumvallation ist das Bilden eines Ringes, um einen Gegner einzuschließen. Das ist bei einer klassischen Belagerung der Fall, wenn eine Armee bspw. eine Stadt völlig umschlossen hat.
  • Die Contravallation ist das Bilden eines Ringes, um einen Gegner auszuschließen. Ein klassisches Beispiel für eine Contravallation ist das Abschirmen eines Politikers durch Personenschützer vor Demonstranten.

In der Schlacht um Alesia im Jahr 52 v. Christus zeigte Gaius Julius Caesar sein militärisches Genie, als er die Stadt mit einer Circumvallation belagerte. Zugleich hinderte er mit einer Contravallation ein eintreffendes Entsatzheer davon ab, die Stadt zu befreien.

Dies war die Entscheidungsschlacht im Gallischen Krieg. Der gallische Führer Vercingetorix ergab sich Caesar nach der Niederlage. Dieser wurde zum großen Triumphator und konnte schließlich zum Diktator auf Lebenszeit aufsteigen.

Schlachten, Feldzüge und Kriege

Antike

Mittelalter

Neuzeit

20. Jhd.

Literatur

  • Freudenberg, Dirk: Theorie des Irregulären – Partisanen, Guerillas und Terroristen im modernen Kleinkrieg, 2008.
  • Hart, Lidell: Strategy – the indirect approach, 1954.*[1]
  • Hoffmann, Henning: Feuerkampf und Taktik – Taktischer Schusswaffengebrauch im 21. Jahrhundert, 2012.
  • Keegan, John: Die Maske des Feldherrn, 1997. 
  • Keegan, John: Die Kultur des Krieges, 2012.
  • Scheuss, Ralph: Handbuch der Strategien – 220 Konzepte der weltbesten Vordenker, 2008.
  • van Creveld, Martin: A history of Strategy from Sunzi to William S. Lind, 2015.
  • van Creveld, Martin: Die Zukunft des Krieges – Wie wird Krieg geführt und warum?, 2004.
  • van Creveld, Martin: Kampfkraft – Militärische Organisation und Leistung der deutschen und amerikanischen Armee 1939 – 1945, 2009.
  • van Creveld, Martin: Kriegskultur – Warum wir kämpfen – Die tiefen Wurzeln bewaffneter Konflikte, 2011.
  • van Creveld, Martin: Supplying War – Logistics von Wallenstein to Patton, 2009.