Olga von Kiew

Heilige Olga von Kiew – die Apostelgleiche

Olga von Kiew wurde wahrscheinlich um 920 in Pskow im heutigen Russland geboren. Das liegt südlich von St. Petersburg in der Nähe des Drei-Länder-Ecks zu Estland und Lettland.

Heilige Olga von Kiew
Gemälde der Heiligen Olga von Kiew (Maler: Nestorov im Jahr 1892 / gemeinfrei)

Olga wurde 955 getauft und engagierte sich als Großfürstin für die Christianisierung des Reiches der Kiewer Rus. Otto der Große entsandte auf ihre Bitte hin mit Adalbert von Magdeburg sogar einen bedeutenden Bischof auf Missionsreise.

Der römischen Kirche gelang es allerdings nicht, sich dauerhaft im Osten zu etablieren. Gegen Ende des Jahrhunderts setzte sich die orthodoxe Kirche durch, in der Olga von Kiew seit 1547 sogar als apostelgleiche Heilige verehrt wird.

Die historische Figur der Heiligen Olga wirft jedoch einen anderen Schatten. Sie stammte aus einer führenden Familie von Warägern. Das waren skandinavische Händler, die sich ab dem 9. Jahrhundert in der Region niederließen.

Mit Langschiffen drangen sie als „Ruderer“ über die Flüsse bis tief ins Herz des heutigen Russland vor. Als „Rus“ wurden die meist schwedischen Wikinger zu den Namensgebern des Landes.

Olga von Kiew selbst ehelichte Igor I. aus dem Geschlecht der Rurikiden. So wurde sie zur angeheirateten Fürstin einer mittelalterlichen Großmacht, den sogenannten Kiewer Rus.

Olga von Kiew wurde dann erstmals 944 in einem Vertrag zwischen den Kiewer Rus und dem byzantinischen Reich erwähnt. Im folgenden Jahr wurde ihr Mann Igor während einer Revolte von slawischen Drewlanen getötet.

Als Witwe zog sie auf einen Feldzug, den man bis heute als „Olgas Rache“ kennt. Sie richtete ein Blutbad an, das in dieser Form seinesgleichen in der Geschichte sucht.

Im späteren Verlauf ihrer Regentschaft entwickelte sich Olga von Kiew jedoch auch zu einer fähigen Administratorin des Reiches. Ihr Sohn Swjatoslaw I. führte dann als Großfürst zahlreiche Expeditionen, die ihn im Osten bis an das Kaspische Meer und im Süden bis an die untere Donau führte.

Waräger, Rurikiden und Kiewer Rus

Waräger – relativ friedliche Wikinger

Ab dem 8. Jahrhundert schwärmten die Skandinavier mit ihren Langbooten in alle Himmelsrichtungen aus. Während die Dänen beispielsweise Alfred dem Großen und den Angelsachsen in England das Leben zur Hölle machten, fuhren die Schweden eher nach Osten.

Wikinger Expansion Karte
Karte der skandinavischen Expansion ab 8. Jahrhundert (Schöpfer: Gikü / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Die Wikingerschiffe hatten nämlich den großen Vorteil, dass sie sowohl tauglich für das Meer wie auch für Flüsse waren. Die clevere Fugenbauweise ermöglichte sogar das Zerlegen der Langboote für einen Transport über Land.

Mit dieser Technologie erschlossen sich die Wikinger beziehungsweise schwedischen Waräger die Wasserstraßen in Russland. Vor Ort wurden die Ruderer als „Rus“ bekannt und bildeten schnell auch dauerhafte Niederlassungen für den Handel.

Ihr erstes großes Zentrum war die Stadt Nowgorod. Dort wurde der Legende nach ein Anführer namens Rurik ab 862 zum Gründungsvater eines neuen Großreiches.

Damit verhielten sich die Rus beziehungsweise die Rurikiden bis dato noch deutlich friedlicher als beispielsweise Harald Blauzahn, der in diesen Jahren Norwegen besetzte.

Rurkiden – die ersten Fürsten Russlands

Rurik soll um 830 geboren worden sein. Laut der Nestorchronik, die auch als Erzählung von den vergangen Jahren bezeichnet wird, beriefen ihn ansässige Skandinavier und Slawen zum Herrscher über Nowgorod.

Die Historizität dieser Legende wird von Wissenschaftlern bezweifelt. Die Geschichte von Rurik diente wohl eher der Schaffung eines Gründungsmythos. Damit verbunden war die Legitimierung von Herrschaft sowie die Bildung einer kollektiven Identität für sonst sehr lose Verbände.

Die archäologischen oder gar schriftlichen Quellen sind jedoch sehr dünn. Der tatsächliche Verlauf der Verschmelzung von skandinavischen und slawischen Gruppen kann kaum nachvollzogen werden. Erst für spätere Herrscher ergeben sich nach und nach belastbare Befunde.

Kiewer Rus – mittelalterliche Großmacht

879 soll dann Oleg der Weise von Nowgorod als Regent für Igor, den minderjährigen Sohn von Rurik, die Führung übernommen haben. Drei Jahre später eroberte er die Stadt Kiew und schuf damit die Basis für das Reich der „Kiewer Rus“.

Oleg der Weise
Oleg der Weise von Nowgorod (Maler: Wiktor Wasnezow / Lizenz: gemeinfrei)

Mit der Kontrolle von Kiew dominierten die Rurikiden wichtige Handelsrouten in der Region. Die Skandinavier wurden zu einflussreichen Fürsten und konnten einige angrenzende Stämme unterwerfen.

Igor I. war der Überlieferung nach ab 912 der dritte Fürst der Rus und wurde später der Ehemann der Olga von Kiew. Er führte die Expansion der Skandinavier fort.

Von besonderer Bedeutung wurde der Kampf gegen slawische Drewlanen, die westlich von Kiew siedelten. 914 konnte Igor sie in die Tributpflicht zwingen und hohe Abgaben einziehen.

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte dehnte Igor seinen Einfluss nach Süden aus. Im Jahr 941 bedrohte er sogar Konstantinopel mit einer Flotte, musste sich dem byzantinischen Reich jedoch letztlich geschlagen geben.

„Olgas Rache“ – eine Drama in vier Akten

Ehe mit Igor I. und Sohn Swjatoslaw I.

Olga von Kiew hatte warägische Wurzeln wie das herrschende Geschlecht der Rurikden und stammte aus dem alten Kerngebiet der Rus. Laut der Nestorchronik soll sie Fürst Igor im Jahr 912 geheiratet haben. Das passt aber aus biologischen Gründen nicht so recht zum Geburtsjahr ihres Sohnes Swjatoslaw etwa drei Jahrzehnte später.

Das Kind wurde wahrscheinlich 942 geboren. Drei Jahre später kam es zu einer Revolte der unterworfenen Drewlanen gegen die Kiewer Rus. In diesem Zusammenhang wurde Fürst Igor getötet. Anschließend übernahm Olga von Kiew im Namen ihres kleinen Sohnes die Regentschaft.

Aufstand der ostslawischen Drewlanen

Die Drewlanen waren ein ostslawischer Verband. Ihr Siedlungsschwerpunkt lag westlich von Kiew. Das Zentrum war das wohlhabende Iskorosten, die heutige Stadt Korosten.

Heilige Olga von Kiew
Heilige Olga von Kiew (Maler: Nikolay Bruni / Lizenz: gemeinfrei)

Die Kiewer Rus bezwangen sie erstmals unter Führung von Oleg dem Weisen im Jahr 883. Die Drewlanen wehrten sich jedoch mit Nachdruck gegen die Fremdherrschaft und wurden erst drei Jahrzehnte später von Igor unterworfen.

Nach der Niederlage von Igor gegen das byzantinische Reich im Jahr 941 sahen die Drewlanen ihre Chance auf Unabhängigkeit. Der Fürst der Kiewer Rus konnte sie in einem ersten Feldzug jedoch erneut besiegen.

Zu Beginn eines zweiten Feldzuges gegen die Drewlanen im Jahr 945 wurde Igor allerdings erschlagen. Olga von Kiew gab sich anschließend als trauernde Witwe, die mit einer Delegation des ostslawischen Verbandes um Frieden verhandeln wollte.

Erstes, Zweites und Drittes Massaker

Die Gesandten wurden alle umgebracht. Daraufhin sandte Olga von Kiew erneut Boten zu den Drewlanen. Scheinheilig bot sie deren Anführer nun nicht nur Frieden, sondern auch den Bund der Ehe an.

Olgas zweite Rache
„Olgas 2. Rache“ – 15. Jahrhundert (Lizenz: gemeinfrei)

Offenbar verblendet von der Perspektive auf Machtgewinn willigte der Anführer der Drewlanen ein. Olga von Kiew verlangte daraufhin eine Eskorte bestehend aus seinen besten Krieger, um sie standesgemäß nach Korosten zu begleiten.

Dem Wunsch wurde entsprochen. Als die Krieger nach Kiew kamen, geleitete man die Drewlanen in ein Badehaus. Die Heilige Olga ließ anschließend die Türen versperren und das Gebäude mit den wehrlosen Kämpfern darin niederbrennen.

Nachdem Olga von Kiew die besten Kämpfer der Drewlanen getötet hatte, zog sie nun offen in den Krieg. Ihre Armee plünderte Siedlung um Siedlung und machte dabei zahlreiche Gefangene.

Der Legende nach ließ die Heilige Olga dann erstmal 5.000 Personen auf dem Grabhügel von Fürst Igor hinrichten. Das Massaker hätte damit eine Größenordnung wie das Blutgericht von Karl dem Großen an den Sachsen gehabt.

Inferno und Massaker von Korosten

Daraufhin zog Olga von Kiew mit ihrer Armee gegen Korosten und belagerte die Stadt. Und wieder sandte sie Boten aus: Den Einwohnern versprach sie Frieden, wenn jeder Haushalt ihr drei Spatzen und drei Tauben als Zeichen des Friedens schenken würde.

Olgas vierte Rache
„Olgas 4. Rache“ – 15. Jahrhundert (Lizenz: gemeinfrei)

Die Drewlanen gingen auf den scheinbar attraktiven Deal ein. Sie fingen zahlreiche Vögel in der Stadt und übergaben sie der Heiligen Olga.

Diese ließ die Vögel von ihren Soldaten mit brennbaren Tüchern und Salpeter präparieren. Als es Nacht wurde, zündete man die Spatzen und Tauben an und ließ sie zurück nach Korosten fliegen. Die mittelalterliche Stadt ging in Flammen auf.

Als die Bewohner aus dem Inferno flohen, warteten schon die Kämpfer der Olga von Kiew in der Dunkelheit und schlachteten alle ab.

Heilige Olga – Großfürstin der Kiewer Rus

Nachdem Olga von Kiew ihre Rache an den Drewlanen genommen hatte, gliederte sie deren Gebiete wieder in das Reich der Kiewer Rus ein. Im Namen ihres kleinen Sohnes entwickelte sie sich zu einer fähigen Regentin. Ihre bekannteste Maßnahme, die Konvertierung zum Christentum, blieb jedoch letztlich erfolglos.

Taufe & Scheitern der Christianisierung

Olga von Kiew ließ sich im Jahr 955 römisch-katholisch taufen. Dieses Ereignis wird als erster bedeutender Kontakt der Kiewer Rus mit dem Christentum angesehen.

Nach ihrer Konvertierung ließ die Herrscherin in ihrem Reich viele Kirchen errichten. Die Großfürstin nahm sogar Kontakt mit Otto dem Großen auf. Sie bat den deutschen Kaiser um Unterstützung bei der Christianisierung ihres Reiches.

Adalbert von Magdeburg
Adalbert von Magdeburg (Urheber: W. Hoffmann / Lizenz: gemeinfrei)

Daraufhin wurde Bischof Adalbert von Magdeburg auf eine Missionsreise entsandt. Er scheiterte jedoch an den polytheistischen Überzeugungen, die noch über Jahrzehnte hinweg sehr tief verankert blieben.

„In diesem Jahr kehrte Adalbert zurück, der zum Bischof der Rus ernannt worden war, denn es war ihm nicht gelungen, das zu erreichen, wozu er ausgesandt worden war, und er sah seine vergeblichen Bemühungen. Auf dem Rückweg wurden einige seiner Begleiter getötet, er selber konnte sich mit großer Mühe retten.“ (Regino von Prüm)

Erst gegen Ende des Jahrhunderts setzte sich sukzessive die orthodoxe Kirche im Reich der Kiewer Rus durch. Diese Entwicklung steht jedoch im Kontext der Verbreitung des Monotheismus in dieser Weltregion.

Eine besondere Affinität der Kiewer Rus zur orthodoxen Kirche gegenüber anderen christlichen Strömungen ist nicht plausibel. Die Ostkirche hatte lediglich mehr Erfolg bei der Etablierung als Machtfaktor und dominiert nun seit etwa 1.000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Russland.

Feldzüge von Sohn Swjatoslaw I.

Das Scheitern der Christianisierung der Kiewer Rus durch die Heilige Olga lässt sich anekdotisch sehr gut am Lebenswandel ihres Sohnes ablesen. Fürst Swjatoslaw I. blieb den heidnischen Götter treu, um seine persönliche Stellung in der kriegerisch geprägten Gesellschaft zu stärken.

Die Regierungsgeschäfte blieben auch nach seiner Volljährigkeit vor allem in den Händen der Mutter. Der Sohn hingegen zog plündernd durch die Gebiete angrenzender Stämme.

Seine Expeditionen führten Swjatoslaw I. im Osten sogar bis an das Kaspische Meer. Das sind in der Luftlinie über 1.500 Kilometer Entfernung östlich von Kiew.

Später bezahlte ihn das byzantinische Reich für einen Feldzug gegen Bulgarien. Dabei drang er bis zur unteren Donau vor, etwa 1.000 Kilometer südlich von Kiew.

Fürst Swjatoslaw I. lebte durch das Schwert und starb durch das Schwert beziehungsweise durch Pfeile in einem Hinterhalt. Sein Kopf wurde abgeschlagen und zu einem Trinkgefäß verarbeitet.

Erhebung zur apostelgleichen Heiligkeit

Olga von Kiew starb im Jahr 969. Erst unter ihrem Enkel Vladimir dem Großen verbreitete sich der Monotheismus endgültig in der Region.

600 Jahre nach ihrem Tod wurde Olga von Kiew von der orthodoxen Kirche in den Rang einer apostelgleichen Heiligen erhoben, weil sie sich als einzige Christin für den Glauben in ihrer Weltregion eingesetzt hatte.

Damit erinnert die Rolle der Heiligen Olga an den Völkerapostel Paulus, der die anfängliche Verbreitung des Ur-Christentums durch seinen persönlichen Einsatz entscheidend prägte.