Erzengel Azrael

Azrael – Todesengel der Muslime

Azrael ist einer der vier Erzengel des Islam. Ihm kommt die Rolle als Todesengel zu, wie sie im Koran in der Sure 32:11 genannt wird:

„[…] Abberufen wird euch der Engel des Todes, der mit euch betraut ist, hierauf werdet ihr zu eurem Herrn zurückgebracht.“

Erzengel Azrael
Erzengel Azrael – der Engel des Todes (Künstlerin: Evelyn De Morgan / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Viele Aspekte von Azrael als Engel gehen wie im Judentum und dem Christentum jedoch mehr auf Überzeugungen der breiten Bevölkerung als die offiziellen Lehren zurück. Der Name wird im Koran nicht explizit erwähnt.

Die islamische Mythologie geht allerdings sogar von einer Vielzahl an Todesengeln aus. Davon sind mit Munkar und Nakir auch weitere namentlich bekannt.

Aber nicht nur der Glaube an Todesengel, sondern vor allem der Facettenreichtum des ersten und obersten seiner Art ist eine Besonderheit des Islam im Vergleich der drei abrahamitischen Religionen.

Azrael ist in der breiten Bevölkerung vor allem für seine routinemäßige Arbeit als Todesengel bekannt. Im normalen Betriebsalltag notiert er zunächst die Namen von Neugeborenen in einer Liste.

Am Ende des Lebens werden die Namen von Azrael wieder gestrichen. So trennt er die Seelen von den sterbenden Körpern und schickt sie in den Barzach, eine Welt zwischen Diesseits und Jenseits.

Aber sehr viel spannender ist die Rolle von Azrael in der islamischen Vorstellung von der Vorgeschichte. Es geht um die Zeit, als die Dschinn noch unter der Führung ihres Stammvaters Al-Dschann über die Erde herrschten.

„Und Er hat die Dschinn aus einer unruhigen Feuerflamme erschaffen.“ (Sure 55:15)

Aber einige Dschinn rebellierten schließlich gegen Allah. Um sie zu bekämpfen, sandte Gott den Engel Iblis zur Erde. Doch der Befreier wurde in einer späteren Episode selbst zu einem Gefallenen und sammelte als oberster Satan eine Schar von Anhängern um sich.

„Und es pflegte der Tor [Iblis] unter uns etwas Abwegiges gegen Allah zu sagen. […] Diejenigen, die aber vom rechten Wege abweichen, werden Brennstoff der Dschahannam sein.“ (Sure 72 – Über die Dschinn)

Doch unter all den Engeln traute sich nur Azrael in den Kampf gegen Iblis. Dafür verlieh ihm Allah die Gabe, Seelen von Körpern zu trennen und er wurde der erste Todesengel.

Die Vertreibung des Satan durch Azrael verlief zwar anders als in der jüdisch-christlichen Überlieferung. Aber die Geschichte erinnert dennoch sehr an den Erzengel Michael.

Geistwesen in der islamischen Mythologie

Die islamische Mythologie kennt vielen Arten von Geistwesen, die auch nach wie vor auf der Erde wandeln. Die drei Hauptkategorien sind Engel, Dschinn und Satane von denen es jedoch jeweils noch ganz unterschiedliche Varianten und Rangstufen gibt.

Engel – Wesen aus Licht und Feuer

Der Glaube an Engel ist im Islam eine bindende Lehre, die auch explizit im Koran wie in der Sure 4:136 hervorgehoben wird:

„[…] Wer Allah, Seine Engel, Seine Schriften, Seine Gesandten und den Jüngsten Tag verleugnet, der ist fürwahr weit abgeirrt.“

Engel wurden von Gott aus Licht oder Feuer erschaffen. Sie sind seine Boten und Diener, aber schützen auch die Menschen. Eine herausragende Rolle hatte Dschibril als Offenbarer von Gottes Wort, den Juden und Christen als Erzengel Gabriel kennen.

Gefallene Engel – Harut und Marut

Neben Iblis kennt der Koran auch weitere gefallene Engel beim Namen wie Harut und Marut. Der Überlieferung nach lästerten sie im Himmel über die Sündhaftigkeit der Menschen in Babel.

Harut und Marut
Harut und Marut (Urheber: unbekannt / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Allah sandte Harut und Marut daraufhin als Test zur Erde. Doch sie fielen durch die Prüfung.

“ […] die Engel in Babel, Hārūt und Mārūt […]“ (Sure 2:102)

Die beiden Engel lehrten die Menschen nicht nur Zauberei. Sie verfielen auch den Reizen einer Frau und erschlugen einen Zeugen dieses Sex-Skandals.

Im Gegensatz zur jüdisch-christlichen Glaubenswelt haben gefallene Engel im Islam jedoch die Chance auf eine Rehabilitierung. Harut und Marut konnten sich gegen die Hölle und für eine Strafe auf Erden entscheiden.

Niedere Todesengel – Munkar und Nakir

Erzengel Azrael ist der erste und höchste einer Vielzahl von Todesengeln im Islam. Mit Munkar – „das Negative“ – und Nakir – „das Verwerfliche“ – haben zwei weitere eine ganz besondere Bedeutung für Menschen.

Todesengel Munkar und Nakir
Todesengel Munkar und Nakir (Urheber: Zakariya al-Qazwini / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Diese beiden Todesengel suchen der Überlieferung nach den Menschen kurz nach seiner Beerdigung im Grab auf. Sie führen die erste Prüfung der Toten durch: „das kleine Gericht“.

„Zwei finstere Engel werden zu ihm kommen und werden ihn aufrecht hinsetzen. Sie werden ihn fragen: ‚Wer ist dein Herr?‘“

Je nach den Antworten ergeben sich sehr unterschiedliche Szenarien für gläubige Muslime und Ungläubige. Abhängig von den Sünden kommt es dann bereits zur Peinigung.

Zu den Strafen gehören Folter, Schlangenbisse oder auch die Verengung des Grabes, die „Grabeszüchtigung“. Ein Gefährte des Propheten überlieferte:

„Die Toten werden in ihren Gräbern bestraft und sogar die Tiere können ihre Schreie hören.“

Deshalb gehört es zum islamischen Bestattungsritual, dass nochmal die entscheidenden Suren rezitiert werden, um sie den Toten für das kleine Gericht frisch ins Gedächtnis zu rufen.

Dschinn und die Herrschaft von Al-Dschann

Dschinn sind rauchlose Wesen aus Feuer. Im Gegensatz zu Menschen verfügen Dschinn über eine „relative Unsterblichkeit“. Das heißt, sie erleiden keinen natürlichen Tod, können aber getötet werden.

Pyramiden von Gizeh
Pyramiden von Gizeh (Foto: Ricardo Liberato / Lizenz: CC-BY-SA 2.0)

Die Dschinn haben einen freien Willen und wurden von Allah vor den Menschen geschaffen. Ihr Stammvater war Al-Dschann, der in seiner Hauptstadt tief in der Erde herrschte.

Das war 2.000 Jahre bevor Adam erschaffen wurde. Laut der islamischen Mythologie wurden in dieser Phase beispielsweise auch die Pyramiden von Gizeh durch Dschinn errichtet.

In seiner Arroganz erhob sich Al-Dschann schließlich gegen Allah. Daraufhin wurde der Engel Iblis zur Erde gesandt, um die rebellischen Dschinn zu unterwerfen.

Nach seinem Sieg machte er sich jedoch selbst zum Anführer der Dschinn. Doch Iblis verweigerte später ebenso einen Befehl von Allah, so dass schließlich Azrael auszog und die Hochphase der Dschinn endgültig beendete.

Doch Dschinn sind nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Der Koran berichtet auch, dass einige von ihnen zu Mohammed kamen, um Gottes Wort zu erfahren. Sie konvertierten daraufhin ebenfalls zum Islam, denn seine Worte sind auch für sie bindend.

Satane und Dämonen im Islam

In der islamischen Mythologie gibt es eine Vielzahl von Satanen. Der Begriff stammt vom hebräischen „Schaitān“ und kann auch über das Arabische hergeleitet werden.

Satan bedeutet soviel wie „jemanden vom Weg abbringen“. Entsprechend geht auch der Sündenfall von Adam im Paradies auf eine solche Verführung zurück:

„Und Wir sagten: „O Adam, bewohne du und deine Gattin den Garten, und esst von ihm reichlich, wo immer ihr wollt! Aber nähert euch nicht diesem Baum, sonst gehört ihr zu den Ungerechten!“ Doch Satan […].“ (Sure 2:35-36)

Satan Zeichnung
Islamischer Satan (Urheber: Siyah Qalem / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Im Koran gibt es insgesamt sogar 88 Stellen an denen ein oder mehrere Satane erwähnt werden. Sie wollen beispielsweise mit Glücksspiel und Wein die muslimische Gemeinschaft spalten.

Laut der Al-Hidschr, der 15. Sure aus der zweiten mekkanischen Zeit, greifen Satane das Paradies aber auch direkt an und wollen Gottes Geheimnisse stehlen. Doch Allah hat das Paradies mit Türmen geschützt, auf denen Engel wachen und die Teufel abwehren:

„Und Wir haben ja im Himmel Türme gesetzt und ihn für die Betrachter ausgeschmückt, und Wir haben ihn vor jedem gesteinigten Satan behütet, außer demjenigen, der verstohlen zuhört, worauf ihn ein deutlich erkennbarer Leuchtkörper verfolgt.“

Ein andere Klasse an Dämonen im Islam sind bösartige Dschinn wie die Ifrit. Sie leben in der siebenstufigen Hölle, haben Hörner, Löwenklauen sowie Eselshufe.

In den alten Überlieferungen sind die Ifrit „Todesgeister“, die aus dem Blut von ermordeten Menschen geschaffen werden. Auch der islamische Prophet wurde mehrfach von einem Ifrit attackierte, bis ihn der Erzengel Gabriel ein spezielles Gebet zur Abwehr dieser Dämonen lehrte.

Azrael und Iblis – Tod gegen Teufel

Nachdem Al-Dschann, der Stammvater der Dschinn, gegen Allah rebellierte, wurden seine Anhänger zu mächtigen Dämonen. Daraufhin erhielt der mächtige Engel Iblis den Auftrag, den Aufstand zu brechen.

Satan Iblis
Iblis (Urheber: unbekannt / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Iblis war siegreich und machte sich selbst zum Anführer der Dämonen auf der Erde. Das war soweit auch noch in Ordnung.

Doch dann schuf Allah mit Adam den ersten Vertreter einer neuen Art von Geschöpfen. Anschließend befahl Gott allen Engeln, sich vor „dem Menschen“ zu verneigen.

Aber Iblis verweigerte wie beispielsweise auch der christliche Luzifer die Verneigung vor Adam. Damit widersetzte er sich einem Befehl von Allah.

So wurde Iblis zum Satan, zu einem Widersacher. Als Machthaber auf der Erde war er dann natürlich nicht mehr tragbar.

Entstehung des ersten Todesengels

Aufgrund ihrer relativen Unsterblichkeit vergingen die bösen Geister jedoch nicht von alleine. Aber nur Azrael hatte als einziger Engel den Mut, sich dem Kampf mit Iblis und seinen Dämonen um die Kontrolle über die Erde zu stellen.

Die Satane unter der Führung von Iblis wurden zwar nicht krank und erlitten auch keinen natürlichen Tod. Sie konnten aber sehr wohl aus dem Diesseits entfernt werden und Allah verlieh Azrael für seinen Einzelkampf gegen das Böse eine sehr spezielle Gabe:

Azrael wurde zum Erzengel des Todes und erstellte für seine Arbeit zunächst eine Liste der Lebenden. Dann begab er sich auf die Erde und begann Namen für Namen zu streichen.

Durch diesen bürokratischen Akt kann Azrael Seelen von Körpern trennen. Die betroffenen Dämonen wurden so jenseits der Grenzen der diesseitigen Welt gezwungen. Die meisten der bösartigen Geister traten angesichts einer solchen Fähigkeit die Flucht an und ihre Macht über die Erde war gebrochen.

Barzach – Grenze von Leben und Tod

Sobald eine Seele den Körper verlässt, kommt sie zum „Barzach“. Nach der islamischen Lehre ist das die Grenze oder auch Zwischenwelt, die das Diesseits und das Jenseits bis zum Jüngsten Gericht trennt.

Bis zum Tag der Auferstehung bleiben Seelen im Barzach. Für Menschen ist dies die Zeit im Grab. Währenddessen kommen dann beispielsweise die Todesengel Munkar und Nakir vorbei. Nur Propheten, Heilige und Märtyrer kommen direkt ins Paradies.

Der Barzach ist damit eine Art Transitraum. Dank der Macht des Erzengels Azrael kann man in dieser Zwischenwelt aber auch auf Dämonen treffen.

40 Tage für gefallene Blätter

Nach der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies wurde der Aufgabenbereich von Erzengel Azrael erweitert. Seitdem stehen in seiner Liste der Lebenden auch die Namen der Menschen.

Vielleicht als Anerkennung für seinen herausragenden Einsatz für Gottes Plan erhielt Azrael enorme Freiheiten im Vergleich zu anderen Engeln. Er genießt etwas, was man heutzutage wohl als „Vertrauensarbeitszeit“ bezeichnen würde.

Azrael handelt zwar wie andere Engel im Auftrag Gottes. Er erfährt durch das Fallen der Blätter vom Baum des Lebens die Namen der Todgeweihten, um die er sich als nächstes kümmern muss.

Aber nachdem ein Blatt mit dem Namen eines Menschen vom Baum des Lebens gefallen ist, muss Azrael nicht sofort handeln. Er hat eine Deadline von 40 Tagen, um die Seele zu nehmen.

Deshalb sagen die Legenden, dass man Azrael um einen Aufschub des eigenen Todes innerhalb dieser Frist bitten kann. Wenn die Begründung seinen Zuspruch findet, kann einem der Erzengel diesen letzten Wunsch erfüllen.