Pontius Pilatus

Pontius Pilatus – römischer Präfekt

Pontius Pilatus war von 26 bis 36 n. Christus der römische Präfekt von Judäa und Samaria. In dieser Funktion war er der Vertreter des römischen Kaisers in diesen Provinzen. Von Amts wegen stand er damit sowohl dem Militär wie auch der Verwaltung vor.

Pontius Pilatus wurde bekannt durch seine Rolle in der Leidensgeschichte des Jesus von Nazaret, der so genannten Passion Christi.  Darüber hinaus war er ein Symbol für die Gewaltherrschaft der alten Römer im heutigen Nahen Osten.

[PO]NTIVS PÌLATVS / [PRAEF]ECTUS IVDAE[A]E

Zahlreiche Quellen können deshalb seine Existenz belegen. Darüber hinaus berichteten römische Geschichtsschreiber wie Tacitus oder Flavius Josephus über den historischen Pontius Pilatus.

Jenseits von seiner Rolle als Christusmörder ist Pontius Pilatus nur schwer zu beurteilen. Einerseits konnte er sich zehn Jahre lang als Statthalter einer äußerst unruhigen Provinz im Römischen Reich behaupten. Dies spricht für seine Qualitäten als römischer Präfekt.

Andererseits gelten viele Entscheidungen von ihm als sehr unglücklich. Noch dazu verlor er schließlich seinen Posten wegen zahlreicher Anklagen:

  • Bestechungen
  • Beleidigungen
  • Raub
  • Gewalttätigkeit
  • Zügellosigkeit
  • Hinrichtungen ohne Urteil
  • extreme Grausamkeit

Er wurde vor den Kaiser zitiert. Dieser verstarb jedoch bevor Pontius Pilatus vorstellig werden konnte. Deswegen ist unklar, ob es tatsächlich zu einem Verfahren kam. Bedeutsam ist jedoch, dass er wohl auch aus politischen Gründen abgelöst wurde.

Deswegen kann es sein, dass die Anklagen lediglich vorgeschoben waren. Pontius Pilatus sollte einem unrühmlichen Ende jedoch nicht entgehen. Unter Kaiser Caligula geriet er unter persönlichen Druck und beging im Jahr 39 n. Christus Selbstmord.

Der Facettenreichtum des frühen Christentums brachte jedoch verschiedene Interpretationen des Präfekten hervor. In der koptisch-orthodoxen Kirche gilt Pontius Pilatus seit dem 2. Jahrhundert als ein Märtyrer, dessen Gedenktag der 25. Juni ist.

Hintergrund des Pontius Pilatus

Das Geburtsjahr von Pontius Pilatus ist nicht bekannt. Doch die Familie, die Pontier, tauchen immer wieder in der römischen Geschichte auf. Ein früheres Mitglied der Familie gehörte beispielsweise zum Kreis der Mörder von Gaius Julius Caesar.

Die Familie hatte jedoch keinen Sitz im römischen Senat. Das heißt, sie gehörten nicht zum innersten Kreis des Hochadels der alten Römer. Aber Pontius Pilatus hatte den Rang eines römischen Ritters. Dies ermöglichte den Zugang zu zahlreichen Spitzenfunktionen.

Zweifellos war Pontius Pilatus sehr gut vernetzt und verfügte über beste Verbindungen im Militär. Der Kommandeur Prätorianer war ein wichtiger Fürsprecher. Dies war eine und häufig sogar die einflussreichste Position schlechthin, die ein Offizier im römischen Reich inne haben konnte.

Bei der Besetzung der Präfektur in Judäa und Samaria konnte so ein gutes Wort für Pontius Pilatus beim Kaiser eingelegt werden. So kam es dann zu seiner Ernennung als fünfter Präfekt der Provinz.

Provinz von Judäa

Die römische Provinz Judäa war ein Region südlich von Syrien. Sie erstreckte sich bis Ägypten. Jerusalem bildete das Zentrum der Provinz, wenn auch die römische Verwaltung zunächst in Caesarea, einer Hafenstadt am Mittelmeer, ihren Sitz hatte.

Die Gebiete waren von Gnaeus Pompeius Magnus im Jahr 63 v. Christus erobert worden. Zunächst hatte der Römer die Macht bei regionalen Fürsten belassen. Doch sowohl die römischen Bürgerkriege wie auch lokale Konflikte beendeten diese Selbstverwaltung.

Herrschaft von Herodes

Deshalb wurde mit Herodes dem Großen im Jahr 43 v. Christus vom Senat ein König (basileus) ernannt. Dieser regierte teils sehr erfolgreich und konnte bis zu seinem Tod im Jahr 4 n. Christus das Einflussgebiet deutlich erweitern.

Genau wie Pontius Pilatus spielt Herodes deshalb auch eine wichtige Rolle in den frühen Erzählungen des Christentums. Im Lukasevangelium wird berichtet, dass dieser die erste Volkszählung in der Provinz Judäa durchführte:

„Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.“ Lk 2,1-5

Diese Darstellung von Lukas ist jedoch vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht mehr haltbar. Der angesprochene Publius Sulpicius Quirinius wurde nämlich erst 6 n. Christus ernannt. Zu der Zeit war Herodes aber bereits tot.

Auch der laut christlicher Überlieferung von Herodes angeordnete Kindesmord von Betlehem ist strittig. Der Überlieferung nach wurden alle Knaben unter zwei Jahren ermordet, um so auch den mit Jesus neu geborenen König der Juden zu erwischen. Auch hierfür fehlen die Belege.

Als Tyrannen erlebte die judäische Bevölkerung diesen König Herodes jedoch zweifellos. Bereits kurz nach seinem Tod brachen die ersten Aufstände als Auftakt für ein äußerst blutiges Jahrhundert aus.

Als Nachfolger für Herodes den Großen wurden drei seiner Söhne inthronisiert. Diese stellten sich jedoch ebenfalls als grausame Machthaber heraus:

  • Herodes Archelaos
  • Herodes Antipas
  • Herodes Philippos

Doch Kaiser Augustus wies den Clan schließlich in seine Grenzen. Der regierende Herodes Archelaos wurde entlassen, womit auch seine Brüder entmachtet wurden. Die regionale Herrschaft wurde von Rom aus abgeschafft.

Judäische Präfektur

Die alte, erbliche Herrschaft in Judäa wurde durch das Berufsbeamtentum der alten Römer ersetzt. Die Provinz wurde zunächst in eine Präfektur verwandelt. Das war ein spezielles Format der alten Römer für noch nicht endgültig befriedete Regionen.

Der Verwaltung wurde ein Praefectus Civitatis voran gestellt. Dieses sehr hohe Amt in der Laufbahn umfasste sowohl militärische wie auch zivile Gewalt. Es handelte sich dabei jedoch nicht um ein senatorisches Amt.

Es war ein klassischer Posten für einen römischen Ritter, auf dem man sich durchaus für höhere Weihen empfehlen konnte. Notwendige Voraussetzungen waren militärische Dienstjahre sowie Erfahrung mit der Verwaltung.

Doch die Region blieb unruhig. Auch in Rom war man offenbar nicht zufrieden mit den Entwicklungen vor Ort. In den knapp 20 Jahren bis zur Einsetzung von Pontius Pilatus mühten sich bereits vier Präfekten vergeblich um die Befriedung von Judäa.

Möglicherweise wurde deshalb mit Pontius Pilatus eine Person ernannt, die besondere energisch durchgreifen sollte. Dies bleibt jedoch eine Spekulation und ist nicht eindeutig belegbar.

Pontius Pilatus und die Propheten

Die Unruhen in Judäa hatten eine starke religiöse Komponente. Einerseits traf der Viel-Götter-Glaube der Römer auf den nahöstlichen Monotheismus. Hierbei gehörte insbesondere der Kaiser-Kult, die Vergöttlichung der römischen Kaiser, zu den interkulturellen Brandherden.

Andererseits eröffnete sich in Judäa auch immer stärker der Konflikt zwischen der Priesterschaft und der einfachen Bevölkerung. Neben den ethnischen und kulturellen Konfliktlinien gab es deshalb auch eine ausgeprägte sozial-revolutionäre Motivation für die Unruhen in der Region.

Während der Amtszeit von Pontius Pilatus kam erschwerend hinzu, dass sich bei vielen einfachen Juden apokalyptische Vorstellungen breit machten. Darüber hinaus kannten die alten jüdischen Bibeltexte eine ganze Reihe von Propheten, die Nevi’im.

Das Erscheinen sowie Merkmale solcher Propheten wurde ebenfalls im Tanach, der alten jüdischen Bibel, beschrieben. Der Zugang beziehungsweise die Interpretation dieser Texte war jedoch nicht an eine formalisierte Ausbildung gebunden.

Vielmehr konnte sich jede Person, die die Texte gelesen hatte, als Rabbiner bezeichnen. In der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts traten deshalb zahlreiche Personen hervor, die sich auf Basis ihrer eigenen Interpretation als Propheten erklärten.

Der Glauben an ein bevorstehendes Ende der Welt sorgte deshalb für großen Zulauf zu solchen Propheten durch die einfache Bevölkerung. Die hohe Priesterschaft bekämpfte zusammen mit den Römer solche Sekten durch das Verhängen der Todesstrafe wegen Gotteslästerung für eine solche Anmaßung.

Problematischerweise war es jedoch ein Kern-Merkmal eines Propheten, den eigenen Tod vorherzusagen. Insofern stärkten solche Todesurteile die dahinterliegenden Bewegungen häufig sogar, was man an der Entwicklung des Christentums eindrucksvoll nachvollziehen kann.

Taufen am Jordan

Eine sehr wichtigte Gruppe und die spätere Keimzelle der frühchristlichen Gemeinde war die Bewegung um Johannes den Täufer. Dieser trat im Stile der alten Propheten auf und hatte am Ost-Ufer des Jordans viele Anhänger um sich geschart.

Er predigte von einem endzeitlichen Gericht und rief zur Umkehr auf. Hierfür etablierte er einem symbolischen Akt der Reinigung von Sünden, das Taufen der gläubigen Person in den Fluten des Jordan. Sein Einfluss war so groß, dass er auch im Koran als drittletzter Prophet gilt.

Zu dieser Gruppierung gehörte auch Jesus von Nazaret. Noch bevor Johannes das obligatorische Todesurteil ereilte, konnte sich dieser als Nachfolger aufbauen.

Christus – der Gekreuzigte

Pontius Pilatus hatte den Auftrag, Judäa zu befrieden und in eine reguläre römische Provinz verwandeln. Nachdem die Hinrichtung von Johannes dem Täufer nicht zur gewünschten Zerschlagung der Gruppe geführte hatte, ging er gegen dessen Nachfolger vor.

Es gelang den Römern, Judas Iskariot, eine Person aus dem direkten Umfeld von Jesus zu bestechen. Der christlichen Überlieferung nach lieferte er seinen Propheten gegen einen Beutel voll Gold an römische Legionäre aus.

Jesus wurde zunächst verhaftet und dann gefoltert. Anschließend führte man ihn in einer öffentlichen Verhandlung vor Pontius Pilatus. Dieser ließ der Überlieferung nach den König der Juden in einen purpurnen Umhang kleiden und ihm eine Dornenkrone aufsetzen.

„Am frühen Morgen schlossen die obersten Priester, die führenden Männer des Volkes und die Schriftgelehrten, also der ganze Hohe Rat, ihre Beratungen ab und trafen ihre Entscheidung. Sie ließen Jesus gefesselt abführen und übergaben ihn Pilatus, dem römischen Statthalter. Pilatus fragte ihn: »Bist du der König der Juden?« »Ja, du sagst es«, antwortete Jesus. Die obersten Priester brachten nun viele Anklagen gegen ihn vor.“ Mk 15, 1-3

So verspottet und als elende Figur weigerte sich Pontius Pilatus zunächst, Jesus von Nazaret zum Tode zu verurteilen. Außerdem wollte er der Erzählung nach wegen des Pascha-Festes eine Amnestie gewähren, um das Volk besser zu stimmen.

Doch die hohe Priesterschaft forderte für die Gotteslästerung den Tod am Kreuz und konnte das anwesende Volk überzeugen. Stattdessen wurde ein Mann namens Barabbas von Pontius Pilatus freigelassen.

„Pilatus fragte zurück: »Und was soll mit dem Mann geschehen, den ihr den König der Juden nennt?« Da riefen sie alle: »Ans Kreuz mit ihm!« »Was für ein Verbrechen hat er denn begangen?«, fragte Pilatus. Doch die Menge schrie immer lauter: »Ans Kreuz mit ihm!« Weil Pilatus die aufgebrachte Volksmenge zufriedenstellen wollte, gab er Barabbas frei. Jesus aber ließ er auspeitschen und zur Kreuzigung abführen.“ Mk 15, 12-15

Historisch ist diese früh-christliche Szene mit Pontius Pilatus jedoch nicht haltbar. Es gibt keinen einen Hinweis, dass römische Präfekten jemals solche Amnestien gewährten.

Aus dem heutigen Blick noch weniger überzeugend ist die Darstellung der Rolle von Pontius Pilatus bei der Kreuzigung im Evangelium des Apostels Johannes. Aus theologischer Sicht findet sich hier jedoch ein Türöffner für eine facettenreiche Interpretation dieser ambivalenten Figur.

„Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ – Joh 19, 19-22