Lilith

Lilith – die Königin der Nacht

Lilith ist ein mystisches Wesen. Sie tauchte bereits bei den Sumerern und dann den Babyloniern auf, also mehrere Jahrtausende vor Christus. Der Name hat unterschiedliche Übersetzungen, aber bedeutet in etwa „Windhauch“.

Lilith
„Lilith“ von John Collier im Jahr 1887 (gemeinfrei)

In den mesopotamischen Religionen der Steinzeit war Lilith eine junge Göttin, die zunächst in einem Baum lebte. Dieser wurde jedoch von einer höherrangigen Göttin gefällt, so dass sie ihre Heimat verlor und sich in der Wüste zu einer negativen Macht entwickelte.

Die Figur von Lilith wurde in den jüdischen Glauben übernommen, der ab etwa 2.000 vor Christus entstand. Für Mystiker war sie die erste Frau von Adam, dem ersten Mann, und gleichermaßen sowie ebenbürtig aus Lehm geschaffen.

Doch Lilith verweigerte sich den patriarchalischen Ansprüchen von Adam und legte sich dafür sogar mit Gott an. Ihr besonderer Trick war, dass sie als erste Person den Namen des Allmächtigen herausfand und so zu einem emanzipierten Wesen wurde.

Nicht speziell gegen Gott und sogar resistent gegen den Teufel, aber um sich Adam zu entziehen, flüchtete Lilith aus dem Paradies. So entwickelte sie sich aus der Sicht von jüdischen und christlichen Autoren selbst zu einer Dämonin, der nach und nach jede Menge verwerflicher Eigenschaften angedichtet wurden.

Im Dogma des Alten Testamentes wurde Lilith mit der devoten Eva ersetzt. Diese ist schon durch ihre Erschaffung aus einer Rippe von Adam ein fundamentaler Gegenentwurf zur ersten Frau und Eva ist vor allem untertan.

Die Legenden um Lilith bieten deshalb auch einen tiefen Einblick in soziokulturelle Ansichten vergangener Zeiten. Dabei kann man auch davon ausgehen, dass solche Geschichten einen erzieherischen Effekt erzeugen sollten.

„Aber, wenn immer eine Befreiung der Frau geschah, dann bestimmt nicht dank der Kirche, sondern trotz der Kirche und schon gar nicht in der Kirche.“

Prof. Uta Ranke-Heinemann

לילית – geflügelte Dämonin des Nahen Ostens

Geisterfrau im sumerischen Hulupubaum

Sumer ist eine Region im südlichen Zweistromland. Die Sumerer waren eine Gruppe, die sich grob um 3.000 vor Christus zur Hochkultur entwickelten. Sie erfanden die Keilschrift und schufen damit die Grundlage für die späteren europäischen Schriften.

Darüber hinaus brachten sie eine Bürokratie hervor und schufen außergewöhnliche Anlagen zur künstlichen Bewässerung. Auch die Erfindung der Töpferscheibe und des Wagenrades wird den Sumerern zugrechnet.

Das politische System der Sumerer war eine Theokratie, was sich beispielsweise in der Tempelwirtschaft ausdrückte. Das heißt, dass die Ökonomie auf die religiösen Kultstätten ausgerichtet war.

Im heidnischen Glauben der Sumerer wurde der Hulupubaum, wahrscheinlich eine Weide, verehrt. In diesem Baum lebte mit Lilith die „junge Geisterfrau“ sowie ein Vogel und eine Schlange.

Mit Inanna hatten die Sumerer jedoch eine höherrangige Göttin, die eines Tages den Hulupubaum fällen ließ. Daraufhin musste Lilith in die Wüste flüchten und entwickelte sich in der Einsamkeit zu einem bösartigen Wesen.

Gottheit der babylonischen Unterwelt

Am Unterlauf der Flüsse Euphrat und Tigris wurde ab grob etwa 2.000 vor Christus der Stadtstaat Babylon zu einem neuen Machtzentrum innerhalb der sumerischen Einflusssphäre.

Burney-Relief
Das Burney-Relief aus babylonischer Zeit zeigt wahrscheinlich Lilith. (gemeinfrei)

Unter ihrem sechsten König Hammurabi stieg Babylon zur Regionalmacht auf und besiegte das Reich der Uruk. Für eine wenn auch relativ kurze Zeit entstand so eine neues Gravitationszentrum für religiösen Vorstellungen.

Aus dieser Phase ist das sogenannte Burney-Relief erhalten. Die dargestellte Gottheit wird mit Lilith in Verbindung gebracht.

Man muss jedoch erwähnen, dass eine eindeutige Zuordnung einer solchen Quelle nicht zweifelsfrei möglich ist. Möglicherweise handelt es sich auch um Kilili, die Schutzpatronin des ältesten Gewerbes.

Die herunter hängenden Flügel sind jedoch typische Merkmale einer Gottheit der Unterwelt. Die Figur auf dem Burney-Relief wird deshalb auch als die „Königin der Nacht“ bezeichnet.

Als Zeichen ihrer Macht trägt die angenommene Lilith einen Ring und einen Stab. Darüber hinaus hat sie eine vierfache Hörnerkrone und wird von zwei Löwen sowie zwei Eulen flankiert.

Eine Analyse des Reliefs hat ergeben, dass der Körper von Lilith ursprünglich rot und die Flügel schwarz gefärbt waren. Auch ihre tierischen Begleiter waren einstmals farbenfroh.

Lilith in der abrahamitischen Mystik

Lilith wird im Alten Testament einmal explizit erwähnt. In Einheitsübersetzungen wird der Name auch verwendet. Martin Luther hingegen machte im Zuge seiner Übersetzung daraus die wohl abwertend gemeinte Bezeichnung als Kobold. Wahlweise wird Lilith auch als Gespenst oder nachtaktives Tier beschrieben.

„Dornen werden wachsen in seinen Palästen, Nesseln und Disteln in seinen Schlössern; und es wird eine Behausung sein der Schakale und eine Stätte für die Strauße. Da werden Wüstentiere und wilde Hunde einander treffen, und ein Bocksgeist wird dem andern begegnen. Auch Lilith wird dort hausen und ihre Stätte finden.“ (Jesaja 34,13-14)

Adam & Lilith – aus Lehm geschaffen

In der jüdisch-christlichen Mystik und auch im Islam schuf Gott zuerst die Geistwesen, die meist aus Licht oder Feuer bestehen. Besonders bekannt sind die Erzengel.

Engel haben jedoch keinen freien Willen, sondern sind häufig nur einem oder bestenfalls einer Handvoll von Prinzipien unterworfen. Das heißt, es gibt gerechte Engel, die immer gerecht sind, strenge Engel, die immer streng sind und so weiter.

Selbst der Fall von Luzifer oder Iblis geht weniger auf eine persönliche Souveränität, sondern viel eher auf einen Konflikt von vorgegebenen Prinzipien zurück.

Im Gegensatz dazu schuf Gott seine ersten Menschen aus Lehm und verlieh ihnen dann einen freien Willen. Im Alten Testament wird diese Genesis im Buch Mose 1.26-28 beschrieben:

Lilith mit Adam und Eva
Lilith als fiese Ex-Frau von Adam drängt Eva zum Essen der verbotenen Früchte im Paradies. (gemeinfrei)

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

In der jüdisch-christlichen Mystik ist dieses Experiment jedoch erstmal gescheitert. Adam konnte das gleichberechtigte Verhältnis zu Lilith nicht akzeptieren.

Sie beugte sich nicht seinem Anspruch auf Patriarchat und sprach Gott in dieser Angelegenheit mit seinem wahren Namen an. Dadurch hatte Lilith die Macht, sich der Fremdbestimmung zu entziehen.

Sie flüchtete lieber freiwillig aus dem Garten Eden. Laut der mandäischen Dämonenliste zog Lilith sich in eine wüstenartige Region im heutigen Iran zurück. Für diesen Schritt gilt sie heute als Vorbild im Feminismus.

Im zweiten Versuch setzte Gott dann lieber alles daran, um die fragile Männlichkeit von Adam in Watte zu packen. Der Allmächtige versetzte den ersten Mann in einen tiefen Schlaf. Er entnahm ihm eine Rippe und schuf daraus Eva, so dass die neue Frau von Anfang an ein abhängiges Wesen war.

Die gescheiterte Beziehung von Adam und Lilith ließ man dann in den offiziellen Texte lieber unerwähnt. Sie spielte jedoch zweifelsfrei auch in den Jahrhunderten nach Christus eine wichtige Rolle in den persönlichen Vorstellungen vieler Menschen, wie archäologische Funde belegen. Den kirchlichen Dogmatikern war ihre Figur deshalb sicherlich auch bekannt.

Succubus und Kindsmörderin

Da sich Lilith nicht in Abhängigkeit von einem Mann sah, war der Sprung hinzu einem dämonischen Wesen für die männlichen Mystiker der drei abrahamitischen Religionen wohl naheliegend.

So wie es mit Aufhockern, Nachzehrern, kopflosen Reitern oder Vampiren im Volksglauben unterschiedliche Untote gibt, werden auch Dämonen differenziert. Bei Lilith handelt es sich konkret um einen Succubus.

Das sind besonders attraktive, weibliche Dämonen, die „darunter liegen“. Im Gegensatz dazu gibt es den männlichen Incubus, der dann eben darüber liegt.

Das Hinterhältige an einem Succubus ist, dass sie zu absolut unschuldigen Männer einfach ins Bett steigen. Entsprechend dankbar war man sicher für praktische Hinweise, um der Verführung durch eine solche Teufelsbuhlerin zu entgehen.

„Es ist verboten im Haus allein zu schlafen, und jeder, der im Haus allein schläft, ergreift die Lilith.“ (Shabbat 151b)

Auch die nächste Windung in der Figur der Lilith durch zunächst jüdische und später auch christliche Mystiker war scheinbar selbsterklärend: Weil Lilith von Männern nur bedeutungslosen Sex bekommt, kehrt sie immer wieder als verschmähte Rächerin zurück und ermordet Kinder.

Aramäische Beschwörungen

Ab dem 5. Jahrhundert entstanden vermehrt schriftliche Quellen zu Lilith. Dies gilt insbesondere für aramäische Beschwörungsformeln. Das ist heute eine christliche Minderheit im Nahen Osten, die zu den Ostkirchen gezählt wird.

Besonders häufig fand man solche Inschriften auf Zauberschalen und Amuletten im Irak, dem Iran und Syrien. Insofern liegt nahe, dass Lilith wesentlich zur Vorstellungswelt gehörte wie man das beispielsweise auch von Michael und Gabriel kennt.

Ein etwas näherer Blick an dieser Stelle zeigt sehr schön die Entkoppelung von den offiziellen Lehren und dem Glauben einer breiten Bevölkerung. Insbesondere die Anbetung von Engeln ist im Christentum verbotene Häresie, weil damit die Macht des Allmächtigen in Frage gestellt wird.

Zumindest der Vatikan startete über Jahrhunderte hinweg zahllose Initiativen zur Bekämpfung von solchen „Engelkulten“. Dennoch sind entsprechende Spuren von offensichtlich bekennenden Christen natürlich nicht zu übersehen. Deshalb darf man die außerordentliche Bedeutung von Figuren wie Lilith für private Glaubenswelten nicht im Sinne der römischen Päpste unterschätzen.

Matruda – die Verstoßene

Der Islam entstand ab dem 7. Jahrhundert. Im Gegensatz zum Christentum unterliegt die Verehrung von Engeln in dieser Religion keinem Verbot, sondern ist sogar ein Glaubensgebot. Deshalb ist es wenig überraschend, dass man die Legenden um Lilith auch in dieser Strömung findet.

Die islamische Lilith heißt „Matruda“. Sie wird zwar nicht explizit im Koran erwähnt, jedoch konnten Feldforschungen ihre Präsenz in der Vorstellungswelt von Gläubigen nachweisen.

Matruda war den Erzählungen nach ebenso die erste Frau von Adam. Sie verließ jedoch in einem anderen Kontext das Paradies. Sie wurde verstoßen und der Name bedeutet auch wörtlich „die Verstoßene“.

Der Auslöser war, dass sie Adam keine Kinder gebar und dann auch noch zickig wurde. Die islamische Lilith musste gehen, wandte sich daraufhin dem gefallenen Engel Iblis zu und zeugte mit ihm die ersten Satane.

Samael und Lilith als Dämonenpaar

Im Mittelalter erhielt Lilith von einem rabbinischen Mystiker die Rolle als eine von sieben bösen Mächten. Sie ist dabei mit Samael, dem Obersten der Dämonen in dieser Erzählung, verheiratet. Insofern erinnert die Darstellung sehr an die Version als islamische Matruda.

Samael
Samael ringt mit Jakob – gemalt von Gustave Doré im Jahr 1866 (gemeinfrei)

In dieser Rolle kämpft Lilith gegen die guten Mächte um die Vorherrschaft über die Welt. Das ganze Drama endet in einem epischen Endkampf zwischen Samael und dem Messias. Ein solcher Dualismus ist für die Architektur der jüdischen Glaubenslehre jedoch nicht repräsentativ und aus christlicher Sicht einfach nur Ketzerei:

„Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.“ (Nicäanisches Glaubensbekenntnis)

In einer jüngeren Variante von Lilith ist Samael nur der Nebenbuhler, weil die Königin der Nacht bereits mit Asmodäus verbandelt ist. Diesen Dämon kennt man auch in der christlichen Lehre aus dem Buch Tobit, wo er mit Hilfe von Erzengel Raphael vertrieben wird:

„Tobias entsann sich der Anweisungen Rafaëls. Er nahm die Leber des Fisches und sein Herz aus dem Reisesack, den er bei sich trug, und legte sie auf die Räucherkohle. Da hielt der Geruch des Fisches den Dämon fern und er entwich bis hinauf in die Gegenden Ägyptens und Rafaël ging hin, nahm ihn dort fest und fesselte ihn sofort.“ (Tobit 8,2-3)