Leo I. der Große

Papst Leo I. der Große – Bischof von Rom

Papst Leo I. der Große wurde um 400 in Italien geboren. Ab 440 regierte er als Bischof von Rom und kämpfte vehement für den Primatsanspruch der römischen Päpste über die Christenheit.

Papst Leo I. der Große
Papst Leo I. der Große (Maler: Francisco de Herrera der Jüngere / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Papst Leo I. der Große bezeichnete sich selbst als unwürdigen Vertreter des Apostels Petrus auf Erden. Dennoch legte er als ausgesprochener Machtpolitiker wichtige Fundamente der katholischen Gewalt.

Leo I. der Große konnte als wichtigster römischer Bischof des 5. Jahrhunderts auch den alten römischen Titel des „Pontifex Maximus“ etablieren. Damit bezeichnete man in der Antike den obersten Priester des polytheistischen Götterkultes, der für alle sakralen Themen zuständig war.

Auf dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 stellte sich Leo I. der Große dann mit aller Deutlichkeit gegen andere Strömungen der frühen Christenheit wie den Monophysitismus und den Pelagianismus. Deren Vertreter verloren anschließend ihre Ämter oder wurden sogar verbannt.

Doch Leo I. der Große stand nicht nur auf der Gewinnerseite der Geschichte. Er musste im Jahr 452 laut einigen Quellen Attila und seinen Hunnen eine große Geldsumme zahlen, um eine Plünderung Italiens abzuwenden.

Nur drei Jahre später kamen die Vandalen. Jedoch soll Papst Leo I. der Große beschwichtigend auf deren Anführer Geiserich eingewirkt haben, als es im Jahr 455 zur Plünderung von Rom kam. Die Stadt wurde immerhin nicht komplett niedergebrannt. Laut dem Geschichtsschreiber Prokop ging nur eine Kirche in Flammen auf.

Aufstieg eines Klerikers im 5. Jahrhundert

Der Kirchenvater der Spätantike Augustinus von Hippo berichtete wohl erstmals von dem späteren Papst Leo I. dem Großen. In einem Brief erwähnte er ein Gespräch mit einem Akolythen namens Leo. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um identische Personen.

Römisch-katholischer Akolyth

Ein Akolyth ist ein männlicher Laie im kirchlichen Dienst, der über die höchste der niederen Weihen verfügt und im Rahmen der Liturgie tätig werden darf.

Das Amt ist seit dem 3. Jahrhundert belegt. Ein Akolyth unterstützt beispielsweise bei der Vorbereitung des Altars, beim Spenden der Kommunion und steht dem Diakon oder Priester als Helfer zur Seite.

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Akolythen deshalb immer wieder mit Ministranten verwechselt. Es gibt jedoch liturgierechtliche Unterschiede, beispielsweise muss ein angehender Priester vor der Weihe zum Diakon eine Weile als beauftragter Akolyth gearbeitet haben.

Tätigkeit als Diakon der Päpste

Gesichert ist die Tätigkeit des späteren Papstes Leo I. der Große für seine beiden Vorgänger im Rang eines Diakons. Das war die erste Stufe der höheren Weihen, der sogenannten Weihesakramente:

  • Papst Coelestin I. (422 bis 432)
  • Papst Sixtus III. (432 bis 440)

In den Diensten dieser beiden römischen Päpste war Leo bereits mit kirchenpolitischen Problemen beauftragt. In dieser Zeit entwickelte er einen sehr guten Ruf und war eine anerkannte Person im Klerus.

Pontifikat von Leo dem Großen (440 – 461)

Dank seiner bisherigen Erfolge in der Kirchenpolitik wurde Leo I. der Große einstimmig zum Papst gewählt. Das Pontifikat begann am 29. September 440 und endete mit seinem Tod am 10. November 461.

Römisches Papstprimat

Als römisches Papstprimat bezeichnet man den Anspruch der Bischöfe von Rom auf die Führung der Christenheit. Der Hintergrund ist, dass der Titel „Papst“ ursprünglich keine geschützte Berufsbezeichnung war.

Karte der Orte an denen der Apostel Paulus von 46 bis 57 n. Christus missionierte.
Apostel Paulus und seine Reisen zur Missionierung (ODbL)

Vielmehr bezeichneten sich in der Antike viele Bischöfe als Papst, was soviel wie „Papa“ bedeutet. Vor allem im Nahen Osten, der heutigen Türkei und in Griechenland gab es anfangs viele solcher Päpste, weil es dort zu den ersten großen Wellen der Missionierung beispielsweise durch den Apostel Paulus kam.

Entgegen der christlichen Überlieferung war die römische Gemeinde im ersten Jahrhundert sehr unbedeutend. Vielmehr waren liberale jüdische Gemeinden der entscheidende Nährboden für die Entwicklung des Christentums.

Die wundersame Geschichte von Apostel Petrus, der ja angeblich der Felsen war, auf dem die Kirche gebaut wurde, ist zumindest in Bezug auf die Expansion des Christentums eine ahistorische Legende.

Mit dem Tod der letzten Ur-Christen beziehungsweise Zeitzeugen des Jesus von Nazareth um 100 n. Christus begannen heftige Machtkämpfe zwischen den Patriarchen einzelner Gemeinden. Aufgrund der damals noch sehr begrenzten Reisemöglichkeiten führten die häufig auch juristisch geschulten Kirchenmänner in Briefwechseln ihre Kämpfe um die Deutungshoheit der christlichen Lehre aus.

Der von der römischen Kirche als Heiliger verehrte Papst Siricius (384 bis 399) setzte erstmals den Vorrang der römischen Bischöfe über andere Patriarchen durch. Dieser Fehde-Handschuh wurde von Leo I. dem Großen dann ebenso erfolgreich aufgenommen.

Die im Früh-Christentum teils sehr zersplitterten Gemeinden und Strömungen erhielten mit diesem Führungsanspruch eine klare Hierarchie. Der Einheit der Heiligen Mutter Kirche, der Sancta Mater Ecclesia, erwies Papst Leo I. der Große damit zweifelsohne einen großen Dienst.

Titel als Pontifex Maximus

Wohl im Zusammenhang mit dem römischen Papstprimat kann auch die von Papst Leo I. dem Großen eingeführte Bezeichnung als „Pontifex Maximus“ gesehen werden. Wörtlich bedeutet dieser Titel „oberster Brückenbauer“.

Der Titel des Pontifex Maximus reicht bis tief in die Zeiten des Römischen Reiches zurück. Damit bezeichnete man den Oberpriester des Jupitertempels, der zugleich auch oberster Wächter des alten polytheistischen Götterkultes war.

Forum Romanum Karte
Die Regia, der antike Sitz des Pontifex Maximus, befand sich im Süd-Osten des Forum Romanum (Urheber: Hpflanzer / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Die Position des Pontifex Maximus stellte deshalb eine sehr bedeutende Stufe in der Karriere eines römischen Staatsmannes dar. Der wohl bekannteste Inhaber dieses Amtes war Gaius Julius Caesar.

Der Pontifex Maximus hatte seinen Dienstsitz in der Regia auf dem Forum Romanum und stand dem Priesterkollegium vor. Damit unterstanden ihm alle sakralen Angelegenheiten Roms.

Darüber hinaus war der Pontifex Maximus auch für den Kalender zuständig. Erst mit der Christianisierung unter Kaiser Konstantin I. zu Beginn des 4. Jahrhunderts verlor das Amt an Bedeutung.

Papst Leo I. der Große sorgte dann für eine Renaissance des Titels. Während des Pontifikats von Gregor dem Großem (590 bis 604) wurde die Bezeichnung als Pontifex Maximus ein zwar inoffizieller, aber dennoch fester Bestandteil des Titels der römischen Bischöfe.

Konzil von Chalcedon (451)

Während des Pontifikats von Leo I. dem Großen fand vom 08. Oktober bis zum 01. November 451 das Konzil von Chalcedon statt. Dabei handelte es sich um das vierte der sieben ökumenischen Konzilien der „Alten Kirche“.

Damit ist die früh-christliche Kirchengeschichte bis etwa zum Jahr 500 gemeint. Der Tagungsort diese Konzils befand sich im heutigen Stadtteil Kadıköy von Istanbul.

Zeitlich in etwa parallel hat sich zufällig genau in diesem Jahr das west-römische Reich in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern in Gallien ein letztes Mal erfolgreich gegen Plünderungen im Zuge der Völkerwanderung gestellt. Es war eine Zeit der großen Umbrüche.

Auf dem Konzil fanden die Kirchenmänner zu einer Reihe von dogmatischen Definitionen, die in der katholischen und orthodoxen Kirche als unfehlbar gelten. Aber auch die Protestanten und Anglikaner erkennen diese Beschlüsse als Grundlage für ihre Lehren an.

Glaubensbekenntnis von Chalcedon

Eine wesentliche Errungenschaft war das „Glaubensbekenntnis von Chalcedon“. Damit wurde das niceanische Bekenntnis von 325 abgelöst:

„Wir folgen also den heiligen Vätern und lehren alle einmütig, einen und denselben Sohn zu bekennen, unseren Herrn Jesus Christus. Derselbe ist vollkommen in der Gottheit und derselbe vollkommen in der Menschheit, derselbe wirklich Gott und wirklich Mensch aus einer vernünftigen Seele und einem Körper. Er ist dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und derselbe uns wesensgleich nach der Menschheit, in jeder Hinsicht uns ähnlich, ausgenommen die Sünde. Vor aller Zeit wurde er aus dem Vater der Gottheit nach gezeugt, in den letzten Tagen aber wurde derselbe um unsert- und unseres Heiles willen aus der Jungfrau und Gottesgebärerin Maria der Menschheit nach geboren.“

„[Wir bekennen] einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, der in zwei Naturen, unvermischt, ungewandelt, ungetrennt, ungesondert geoffenbart ist. Keineswegs wird der Unterschied der Naturen durch die Einigung aufgehoben, vielmehr wird die Eigenart jeder Natur [gerade] bewahrt, und beide vereinigen sich zu einer Person und einer Hypostase.“

„[Wir bekennen] nicht einen in zwei Personen gespaltenen oder getrennten, sondern einen und denselben einziggeborenen Sohn, den göttlichen Logos (= Wort), den Herrn Jesus Christus, wie vorzeiten die Propheten über ihn und [dann] Jesus Christus selbst uns unterwiesen haben und wie es das Glaubensbekenntnis der Väter uns überliefert hat.“

Monophysitismus und Pelagianismus

Papst Leo I. der Große bekämpfte auf diesem ökumenischen Konzil jedoch mit aller Vehemenz die alternativen Strömungen seiner Zeit. Das Christentum war nämlich keinesfalls ein monolithischer Block, sondern kannte in dieser Frühphase viele Lehrmeinungen, die häufig auch die realpolitischen Machtverhältnisse widerspiegelten.

Entwicklung Christentum Grafik
Entwicklung der wichtigsten Arme des Christentums seit der Ur-Gemeinde bis heute als Grafik (Urheber: Burgs / Lizenz: CC-BY-SA 1.2)

Mit dem Monophysitismus und dem Pelagianismus standen beispielsweise zwei Strömungen gegen die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon. Deren Vertreter wurden mit Amtsenthebungen und Verbannungen sanktioniert:

  • Der Monophysitismus war eine Lehre, die davon ausging, dass Christus nach seiner Wiederauferstehung nur noch eine göttliche Natur habe. Das von Leo I. dem Großen dominierte Konzil setzte jedoch die „Zweinaturenlehre“ durch. Damit wurde behauptet, dass die menschliche und göttliche Natur in Jesus unvermischt und ungetrennt existieren. Eine solche Theologie ist für Menschen, die ein Leben nach dem Tod haben oder einfach nur ein bisschen göttlich sein wollen, natürlich sehr viel attraktiver als ein entrückter Jesus, der nicht mehr zum einfachen Volk gehört.
  • Der Pelagianismus hingegen widmete sich Fragen der Erbsünde. Um Menschen zur Taufe zu nötigen haben beispielsweise Theologen wie der Kirchenvater Augustinus argumentiert, dass die „Erbsünde“ bei der Zeugung mit dem männlichen Samen weitergegeben wird. Eine solche Darstellung diente natürlich den institutionellen Interessen der Kirche, weil sich nach und nach die Tradition entwickelte, dass man schon kleine Kinder taufen und damit nicht nur in die Gemeinschaft der Gläubigen, sondern auch in die Kirche aufnehmen muss. Für die Entwicklung von Mitgliederzahlen über Generationen hinweg war das sehr positiv. Der Theologe Pelagius hatte hingegen argumentiert, dass Kinder frei von Sünde auf die Welt kommen. Das konnte Papst Leo I. der Große natürlich nicht tolerieren. Die diesbezüglichen Dogmen der katholischen Kirche haben sich seitdem zwar verändert, dennoch ist die Taufe von Babys bis heute einer der fundamentalen Widersprüche im Christentum.

Unter propagandistischen Gesichtspunkten war das Konzil von Chalcedon deshalb ein großer Erfolg. Dass die dogmatischen Beschlüsse unter der Federführung von Leo I. dem Großen bis heute als unfehlbar gelten, ist deshalb auch wenig überraschend.

Plünderung Roms (455)

Im Jahr 452 bedrohten die Hunnen unter Attila die italienische Halbinsel. Der Kriegerfürst hatte nämlich nicht nur einen großen Ruf, sondern vor allem auch leere Kassen und war deshalb regelmäßig zu Feldzügen gezwungen.

Einigen Quellen zufolge kam ihm Papst Leo I. der Große bei Mantua in der Lombardei entgegen. Dort soll er mit einer großen Zahlung die Plünderung Italiens verhindert haben. Der Hunnenkönig war jedoch wohl ohnehin schon auf dem Heimweg in sein Reich im heutigen Rumänien.

Im Jahr 455 war die Halbinsel jedoch fällig. Geiserich und seine Vandalen drangen in Italien ein und plünderten Rom dann tatsächlich.

Auch dieses Mal intervenierte Papst Leo I. der Große. Er versprach den Vandalen, dass die Römer keinen Widerstand leisten würden. Damit konnte er wohl größere Kampfhandlungen, Feuer oder auch massenhafte Vergewaltigungen verhindern.

Etwa 90 Jahre später berichtete der Geschichtsschreiber Prokop über die Plünderung Roms von 455. Laut seinen Angaben wurde eine Kirche niedergebrannt. Im Kontext solcher Ereignisse dürfte dies jedoch nur relativ geringer Schaden gewesen sein.