Gregor der Große

Papst Gregor I. – der Große

Gregor I. der Große war römischer Papst von 590 bis zu seinem Tod im Jahr 604. Er gehörte zu den vier lateinischen Kirchenvätern und wurde 1295 sogar heiliggesprochen. Darüber hinaus prägte er einen wichtigen Teil des Titels der christlichen Oberhirten:

„Servus Servorum Dei“ / „Knecht der Knechte Gottes“

Zu seiner Zeit stand Rom unter der nominellen Kontrolle des ost-römischen Kaisers. Dennoch betrieb Gregor der Große eine eigene Politik und verhandelte insbesondere mit den vor allem im Norden der Halbinsel ansässigen Langobarden.

Papst Gregor der Große
Papst Gregor der Große gemalt um 1614 (Maler: Jusepe de Ribera / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Gregor der Große baute außerdem die Hegemonie des Bischofs von Rom über die Christenheit aus. Während seiner Zeit endete auch die Phase der religiösen Toleranz in Italien, wie sie zu Beginn des 6. Jahrhunderts von Theoderich dem Großen eingeführt wurde:

„[…] dass ihr sie mit größtem Eifer verfolgt. Sind sie unfrei, so züchtigt sie mit Prügel und Folter, um sie zur Besserung zu zwingen. Sind sie aber freie Menschen, so sollen sie durch strengste Kerkerhaft zur Einsicht gebracht werden […]“

Papst Gregor der Große gilt deshalb als Wegweiser für die gewaltsame Konvertierung von Nicht-Christen im Mittelalter.

Durch das aktive Aussenden von Missionaren trieb Gregor der Große bereits selbst die Expansion seiner Religion voran. Historisch bedeutsam wurde die Missionierung des angelsächsischen Königs Æthelberht I. von Kent. Damit legte er den Grundstein für die christliche Tradition der englischen Könige.

Als großer Anhänger des heiligen Benedikt von Nursia erklärte Papst Gregor der Große die Benediktsregeln als verbindliche Grundlage für die gesamte Kirche. Einige Forscher glauben jedoch, dass Gregor diese Regeln selbst geschrieben hat oder zumindest schreiben ließ.

Als „Consul Dei“, als Gottes Konsul, setzte sich Papst Gregor der Große sehr für die Verteilung von Lebensmitteln an Arme ein. Dies hatte den Hintergrund, dass Rom zu seiner Zeit nur über eine mangelhafte Versorgung an Getreide verfügte.

Die Verteilung von Almosen diente dabei jedoch auch dem Selbstzweck. Papst Gregor der Große sah solche Gesten als ein zweckmäßiges Mittel, um sich am Tag des jüngsten Gerichtes den Weg in den Himmel zu erkaufen.

Der Nachwelt hinterließ Gregor der Große zahlreiche schriftliche Werke. Der sprachliche Stil war sehr einfach gehalten und spiegelte damit sowohl den Niedergang der allgemeinen Bildung zu Beginn des Mittelalters wie auch seine „Demut“ wider.

Gregor aus dem Haus der Anicier

Der spätere Papst Gregor I. der Große war ein Angehöriger der römischen Aristokratie. Er stammte aus der gens Anicia, einer sehr alten Adelsfamilie deren Spuren bis ins 3. Jahrhundert v. Christus zurückverfolgt werden können.

Die Anicier verdankten ihren Aufstieg Lucius Anicius Gallus. Dieser hatte sich als Prätor im Dritten Makedonischen Krieg besonders hervorgetan.

Im Jahr 160 v. Christus wurde Lucius Anicius Gallus dann als homo novus, als Aufsteiger, zum Konsul ernannt. Seine Regierungszeit blieb langfristig als besonders guter Jahrgang für Wein in Erinnerung.

Die Anicier der Spätantike

Die Familie von Gregor I. dem Großen hatte seiner Zeit bereits enge Verbindungen zur Kirche. Er war sogar der Ur-Enkel von Papst Felix II., der 483 unter der Herrschaft von Odoaker gewählt wurde.

Gordianus, der Vater von Gregor dem Großen, war ein hoher Beamter in Rom. Er selbst wurde dann um 540 geboren. Das genaue Datum ist nicht bekannt.

Der spätere Papst Gregor der Große erhielt eine standesgemäße Ausbildung in Rhetorik und Recht. Anschließend verfolgte er zunächst eine weltliche Karriere und stieg schon im Alter von 30 Jahren bis zum Praefectus Urbi auf.

Damit hatte Gregor der Große bereits die höchste Stufe einer senatorischen Laufbahn erreicht, denn das west-römische Reich war längst zerfallen. In der christlichen Legendenbildung um seine Person wird dieser Aspekt jedoch gerne ausgeblendet. Da wird Gregor auch als armer Einsiedler oder früherer Sünder inszeniert, der durch göttliche Eingebung zum Papst wurde.

Gründung eines Klosters in Rom

Ab 575 führte der spätere Papst Gregor I. der Große ein Leben als Mönch. Forscher spekulieren, dass die fehlende Perspektive auf eine weitere weltliche Karriere diese Entscheidung zumindest beeinflusst hat.

San Gregorio al Monte Celio
San Gregorio auf dem Monte Celio in Rom (Foto: Livioandronico2013 / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Die Villa seiner Eltern auf dem Caelius-Hügel wandelte er in ein benediktinisches Kloster um. Die Einrichtung wurde Andreas geweiht, einem der Zwölf Apostel.

Das Santi Andrea e Gregorio al Monte Celio existiert bis heute und beherbergt immer noch einen Konvent. Auch Besuchern steht der Zugang offen.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Anlage mehrfach umgebaut. Darüber hinaus stammen eine ganze Reihe von großen Persönlichkeiten des Christentums aus dieser Einrichtung.

Ein besonders bekanntes Beispiel war der heilige Augustinus von Canterbury. Er trat 596 von diesem Kloster seine Missionsreise nach Britannien an. Aber auch Paulinus von York kam aus dieser Einrichtung.

Klerikale Karriere unter Pelagius II.

Im Jahr 579 wurde Gregor für höhere Aufgaben in den Kirchendienst berufen. Der amtierende Papst Pelagius II. entsandte ihn als Apokrisiar nach Konstantinopel. In dieser Rolle war er eine Art Sondergesandter.

Der spätere Papst Gregor der Große blieb für sechs Jahre in Konstantinopel. Er sollte dort um Unterstützung für Rom beziehungsweise ganz Italien zu werben. Während der Völkerwanderung war die Halbinsel nämlich wiederholt geplündert worden.

Vom alten Glanz des Römischen Reiches war praktisch nichts mehr übrig. Im fernen Konstantinopel hatte man jedoch andere Sorgen.

Außerdem soll das Griechisch von Gregor dem Großen ziemlich schlecht gewesen sein. Er hatte als Gesandter deshalb wohl auch erhebliche Schwierigkeiten bei der Verständigung.

Im Anschluss an die Rückkehr nach Rom wurde Gregor von Papst Pelagius II. in den Kreis seiner Berater berufen. Später wurde er zu dessen Nachfolger ernannt.

Pontifikat von Gregor dem Großen

Gregor der Große wurde am 03. September 590 zum Papst gewählt. Damit war er der erste Bischof von Rom, der einen monastischen Hintergrund hatte und aus der lateinischen Kirche stammte. Deshalb ist er heute noch als „Mönchspapst“ bekannt.

Einer Legende nach soll Gregor der Große durch Anrufung des Erzengels Michael zu Beginn seiner Amtszeit auch die Pest aus Rom vertrieben haben. Jener erschien ihm über der Engelsburg und steckte sein flammendes Schwert in die Scheide, woraufhin die Seuche verschwand.

Unter Gregor dem Großen, wurde wenn auch inoffiziell, der bereits von Leo dem Großen wiederbelebte Titel als „Pontifex Maximus“ erneuert.

Verhandlung mit Langobarden

Als das Pontifikat von Gregor dem Großen begann, befand sich Rom in einem erbärmlichen Zustand. In der einstigen Welt-Metropole lebten nur noch wenige zehntausend Menschen.

Karte Langobardenreich um 572
Karte des Langobardenreiches in Italien um 572 (Schöpfer: Castagna / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Ein großes Problem waren die Langobarden, die vor allem im reichen Norden von Italien siedelten. Gregor der Große bewies in dieser schwierigen Situation jedoch sein Talent für die Politik.

Von besonderer Bedeutung war ein diplomatischer Vorstoß im Jahr 593. Er verhandelte einen Teilabzug der Langobarden gegen einen jährlichen Tribut von 500 Goldpfund.

Zu diesem Zweck pflegte er einen Briefwechsel mit der Langobardenkönigin Theudelinde. Die holde Maid erhielt nicht nur teure Geschenke wie das Gregoriuskreuz. Sie wird von den Christen auch als Selige verehrt und hat im 19. Jahrhundert sogar eine Gedenktafel in der Walhalla bei Regensburg bekommen.

Administration und Almosen

Papst Gregor der Große erfüllte die Verteilung von Almosen an Bedürftige als christliche Pflicht mit neuem Leben. Er reorganisierte die reichen kirchlichen Ländereien in Italien, um Getreide an die Hauptstadt liefern zu können.

Darüber hinaus entwickelte Gregor der Große die Buchführung weiter. Die Verteilung der Almosen fand dann immer zum Anfang eines Monats statt.

Diese christliche Nächstenliebe folgte dabei einer klaren Logik. Mit milden Gaben konnten Gläubige ihre Chancen auf ein positives Urteil vor dem jüngsten Gericht verbessern und damit einen Einzug in den Himmel wahrscheinlicher machen.

Streit mit orthodoxen Patriarchen

Die Bischöfe von Rom hatten schon lange vor Papst Gregor dem Großen den Anspruch, dass nur sie als Nachfolger von Petrus die Oberhirten der Christenheit seien. Während seines Pontifikats kam es dann ebenfalls zu Konflikten mit den Patriarchen von Konstantinopel. Es ging vor allem um den Titel als „ökumenischer Patriarch“:

  • Eutychios von Konstantinopel (577 bis 582)
  • Johannes IV. Nesteutes (582 bis 595)

Johannes IV. und Papst Gregor der Große kannten sich sogar noch aus seiner Zeit als Apokrisiar in Konstantinopel und schätzten sich ursprünglich sehr. Kirchenpolitisch stellten sie sich jedoch gegenseitig mit austauschbaren Argumenten in Frage.

Besonders kritisch war die Frage der Rechtsprechung. Ein wichtiger Fall war die Erlaubnis von Papst Gregor dem Großen zur Auspeitschung des der Häresie angeklagten Anastasius in der Kirche von Konstantinopel im Jahr 593.

Damit wurde Johannes IV. demonstrativ übergangen und öffentlich gedemütigt. Darüber hinaus verhängte Gregor der Große im Jahr 595 ein Redeverbot zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel und dem päpstlichen Legaten.

Dennoch hatte Johannes IV., der als Johannes der Faster heiliggesprochen wurde, großen Einfluss auf die christliche Lehre. Der orthodoxe Patriarch befasste sich sehr detailliert mit sexuellen Sünden in allen Formen und Kombinationen. Besonders leidenschaftlich widmete er sich dem Analverkehr.

Erfindung des Fegefeuers

Die Christen waren von Beginn an eine apokalyptische Sekte, deren Hoffnungen sich auf ein angebliches Leben nach Tod konzentriert. Bereits im 1. Jahrhundert entstanden beispielsweise mit der Offenbarung des Johannes farbenfrohe Vorstellungen, wie das ultimative Ende aussehen würde:

„Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken.

(Offenbarung 20,12)

Das Problem mit der dystopischen Weltanschauung der Christen war jedoch, dass zu viele Sünden für die Lebenden formuliert wurden. Realistischerweise hatte man deshalb eigentlich keine Chance auf ein positives Urteil gegen die Vorwürfe von Luzifer vor dem jüngsten Gericht.

„Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.“

(Offenbarung 20,15)

Etwa 900 Jahre bevor Papst Leo X. die Idee mit dem Ablasshandel hatte, fand Gregor der Große als ausgebildeter Jurist bereits ein rechtliches Schlupfloch in den Paragraphen der Bibel. Der Winkeladvokat aus dem Vatikan entwickelte auf dieser Basis eine zusätzliche Zwischenwelt, die zwar Vorstufe der Hölle, aber auch Transitraum zum Himmel ist.

Deshalb gilt Papst Gregor der Große als „Erfinder des Fegefeuers“. Ob der Pontifex dafür die inhaltliche Rückendeckung seines Gottes hatte, ist historisch jedoch nicht überliefert. Konkret ging es dem Rechtsverdreher um folgende Stelle im Evangelium des Matthäus:

„Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.“ (Mt 12,13)

Für Gregor den Großen war diese Stelle der eindeutige Beleg, dass zumindest einige Sünden erlassen werden können. Immerhin darf man ja offensichtlich Jesus beleidigen, während ein Wort gegen den Heiligen Geist nicht drin ist. Inwiefern eine solche Interpretation noch mit dem grundlegenden Bekenntnis zur trinitarischen Göttlichkeit vereinbar sein kann, sei mal dahingestellt.

Denn diese „Heilsökonomie“ war für die christliche Kirche als machtpolitische Organisation sehr vorteilhaft. Das Darbringen von Opfern kann sich laut Gregor dem Großen sogar noch positiv auf das Sündenregister von bereits Verstorbenen auswirken.

Mit diesem Winkelgriff erhöhte Gregor der Große die Attraktivität des christlichen Glaubens entscheidend. Darüber hinaus erschloss er für seine Organisation zusätzliche Einnahmen. Auch deshalb gilt er völlig zu Recht als einer der vier großen Kirchenväter.