Tiberius Gracchus

Tiberius Gracchus – römischer Volkstribun

Tiberius Sempronius Gracchus (* 162 v. Chr.; † 133 v. Chr.) war ein Politiker in der Römischen Republik. Er und sein jüngerer Bruder Gaius Gracchus wurden die Gracchen genannt.

Schaubild der römischen Ritter als niederen Adel in der Gesellschaft
Schaubild der römischen Ritter als der niederen Adel in der Gesellschaft.

Sie gehörten der politischen Strömung der volksnahen Popularen an. Als römische Volkstribune setzten sie sich für Belange der Unterschicht ein. Ihre Zeit war von inneren Konflikten geprägt, die erst 100 Jahre später mit dem Frieden von Kaiser Augustus enden sollte.

Tiberius Gracchus kam aus dem Stand der römischen Ritter und war nur über weite Zweige mit dem Adel verwandt. Seine Familie war jedoch sehr einflussreich. Sie hatten viele Freunde und Verbindungen in der römischen Gesellschaft.

Der Vater der beiden berühmten Gracchen war sogar zweimal zum Konsul gewählt worden. Das war das höchste Amt der römischen Ämterlaufbahn. Damit gehörte die Familie zu den politischen Schwergewichten ihrer Zeit.

Die Mutter der beiden Gracchen war eine Tochter von Scipio Africanus. Dieser hatte Hannibal Barkas im Zweiten Punischen Krieg in der Schlacht von Zama bei Karthago besiegt.

Früher Lebenslauf

Tiberius Gracchus begann seine Karriere in Nordafrika. Er diente bereits mit 17 Jahren als junger Offizier. Im Jahr 146 v. Christus erlebte er wie auch der Historiker Polybios den endgültigen Fall Karthagos im Dritten Punischen Krieg.

Tiberius Gracchus war aber auch an der Schlacht von Numantia beteiligt. Diese endete mit einer Katastrophe für Rom. Er war damals erst 23 Jahre alt. Aber er hatte bereits das Amt des Quästors inne.

Die Quaestur war das niedrigste Amt der römischen Ämterlaufbahn. Ursprünglich waren es die Gehilfen der Konsuln, der höchsten Amtsträger des cursus honorum. Vor Ort war Tiberius Gracchus jedoch einer der Verantwortlichen.

Deshalb musste der junge Tiberius einen schmählichen Friedensvertrag unterzeichnen. Das brachte ihn erstmals in große Schwierigkeiten. Sein Ruf litt dauerhaft, aber es zog ihn dennoch in die Politik.

Politische Motivation des Volkstribuns

Zurück in Rom schloss sich Tiberius Gracchus einem Kreis von Reformern an. Diese formierten sich um Appius Claudius Pulcher, dessen Tochter der junge Tiberius schließlich heiraten sollte. Innerhalb dieses Kreises wurde er zum aktivsten Mitglied.

Für die Nachwelt entwickelte sich Tiberius Gracchus dann zu einem Symbol für den Kampf gegen eine Oligarchie. Das ist aber vielleicht beziehungsweise sogar wahrscheinlich ein historisches Fehlurteil. Er und seine ganze Familie waren selbst tief in die Konflikte der korrupten Oberschicht verwickelt.

Von wesentlicher Bedeutung war dabei, dass sich der Reichtum der großen Familien der römischen Republik auf ganz unterschiedliche Wirtschaftszweige stützte. Während beispielsweise die einen Familien über landwirtschaftliche Güter verfügten, waren andere im Besitz von Minen oder sonstiger Pfründe.

Wie es der Zufall eben so wollte, waren vom politischen Handeln der Gracchen feindlich gesonnene Familien besonders betroffen. Insofern liegt es nahe, dass Tiberius Gracchus sein späteres Amt als römischer Volkstribun für eigennützige Interessen zumindest instrumentalisierte.

„Sie heißen Herren der Welt – und haben nicht eine Scholle zu eigen.“ (Tiberius Gracchus über die Soldaten in der Römischen Legion.)

Auch ein gewisses demagogisches Talent kann man Tiberius Gracchus sicherlich nicht absprechen.

Ackergesetz und historischer Hintergrund

Tiberius Gracchus wollte Reformen für das Volk gegen eine ablehnende Mehrheit im Senat durchsetzen, gegen die Optimaten. Dabei ging es ihm vor allem um ein Ackergesetz.

Aber neben den Gracchen gab es noch weitere Populare die berühmt wurden wie Gaius Marius und sein Neffe Gaius Julius Caesar. Es handelte sich dabei um einen sehr langen Konflikt innerhalb der römischen Gesellschaft. Dieser spaltete und prägte die römische Republik für mehr als 100 Jahre.

Zur Zeit der Gracchen befand sich das Römische Reich bereits in einer tiefen Krise. Zwischen dem Zweiten Punischen Krieg (218 bis 201 v. Christus) und dem Dritten Punischen Krieg (149 bis 146 v. Christus) mussten die Römer viele weitere Kämpfe ausstehen.

Vor allem Konflikte mit keltiberischen Stämmen verbrauchten ebenfalls viele Kräfte. Deshalb waren viele Bauern über lange Zeiträume hinweg zum Militärdienst gezwungen. In dieser Zeit konnten sie jedoch nicht ihre Höfe bestellen.

„Männer die für Italien kämpfen und sterben, haben nichts außer Luft und Licht […] Sie sterben für das Wohlleben und den Reichtum anderer.“

Die römische Armee wurde erst durch die Heeresreform um die Wende 100 v. Chr. in ein stehendes Heer umgewandelt. Viele Bauern mussten ihre Höfe deshalb im Laufe der Zeit verkaufen. Damit konzentrierten sich immer größere Teile der landwirtschaftlichen Flächen im Besitz der Oberschicht. Die Bewirtschaftung übernahmen Sklaven.

So kam es zu einer breitflächigen Umverteilung der wirtschaftlichen Grundlagen in der römischen Gesellschaft. Die Arbeit in der Landwirtschaft wurde für einfache Leute immer schwieriger. Die Reichen hingegen wurden immer reicher und die gesellschaftliche Schere driftete auseinander.

Gleichzeitig setzte eine Landflucht ein. Die Bedingungen zum Leben in den Städten wurden schlechter. Die römischen Legionäre mussten sich noch dazu für den Dienst im Militär selbst ausstatten. Im Alter hatten sie zum Dank keine gesicherte Rente. Deshalb herrschte zur Zeit von Tiberius Gracchus ein günstiges Klima für populistische Agitationen.

Politisches System der Römischen Republik (S.P.Q.R.)

Die Römische Republik war der „Senat und das Volk von Rom“ (Senatus Populusque Romanus – S.P.Q.R.). Das politische System der Römischen Republik war in dieser Zeit primär aristokratisch/oligarchisch. Innerhalb dieser Herrschaft der Wenigen (= Senatsmitglieder) gab es jedoch demokratische/ochlokratische Elemente.

Die wichtigsten demokratischen Instrumente der politischen Machtausübung durch das Volk von Rom waren das Amt des Volkstribuns und die Volksversammlung:

  • Die Römischen Volkstribune wurden (der Legende nach) seit den Ständekämpfen 494 v. Chr. jährlich am 10. Dezember gewählt. Es wurden immer zwei Volkstribune für eine Amtszeit bestimmt. Anfangs waren sie nur informelle Vertreter der Unterschicht (= Plebejer). Nach und nach erhielten sie jedoch formale Rechte. Sie waren während ihrer Amtszeit immun gegen Strafverfolgung. Sie konnten Entscheidungen von Magistraten aufheben (= Veto: lat.: „Ich verbiete!“). Außerdem konnten die Volkstribune eine Volksversammlung einberufen. Allerdings war es Brauch bzw. Pflicht, dass die Volkstribune sich vor Volksversammlungen inhaltlich mit dem Senat abstimmen mussten. Dies beschränkte die politischen Möglichkeiten eines Volkstribuns natürlich ganz erheblich. Die Situation verlangte im Grunde nach einem Befreiungsschlag, den Tiberius Gracchus mit seinem Verhalten ausführen sollte.
  • Die Römische Volksversammlung (= concilium plebis) war eine legislative Versammlung der Unterschicht (= Plebejer). Sie fand unter Ausschluss des Senats statt. Die Versammlung konnte nur von Tribunen einberufen werden. Das Treffen fand meist auf dem Forum Romanum statt. Dabei wurde dann über Gesetze abgestimmt. Senatoren beobachteten oft die Veranstaltung. Sie versuchten, durch ihre Präsenz Einfluss zu nehmen und ihre Klientel unter der breiten Bevölkerung einzuschüchtern.

Volkstribunat von Tiberius Gracchus

Tiberius Gracchus wurde dann für das Jahr 133 v. Christus zum Volkstribun gewählt. Im selben Jahr amtierte auch ein reformbereiter Konsul, Publius Mucius Scaevola.

Gracchus sah die Chance für einen politischen Coup. Er wollte seine Ackergesetze durchzusetzen. Diese hätten zu grundlegenden Veränderungen bei den ökonomischen Verhältnissen geführt.

Rede zu den Ackergesetzen

Zu diesem Zweck berief Tiberius Gracchus einfach eine Volksversammlung ein. Eigentlich sah der Brauch es jedoch vor, dass sich die Volkstribune vor solchen Versammlung mit dem Senat abstimmten. Doch der ambitionierte Politiker suchte den gezielten Affront.

Als die Versammlung zusammentrat, hielt Tiberius Gracchus nach Plutarch eine flammende Rede vor dem Volk. Auch hierbei verstieß der Volkstribun bewusst gegen die alten Bräuche. Normalerweise wandte sich ein Redner vor der Versammlung den Senatoren zu.

Doch Tiberius Gracchus drehte sich demonstrativ mit seinem Körper von der Oberschicht weg. Er sprach in seiner Rede direkt zum Volk und legte der Unterschicht, den Plebejern, ein Gesetz zur Neuverteilung von Ackerflächen vor. Die Versammlung stimmte seinem Entwurf zu.

Bestechung und Veto des Amtskollegen

Marcus Octavius war der zweite Volkstribun in dieser Amtszeit. Tiberius Gracchus hatte im Vorfeld versucht, seinen Kollegen zu bestechen.

Marcus Octavius wäre nämlich ebenfalls von dem Ackergesetz persönlich betroffen gewesen. Er hatte die Bestechung jedoch abgelehnt.

Es war also absehbar, dass das Gesetz nicht auf legalem Weg zustande kommen konnte. Dennoch hatte Tiberius Gracchus die Volksversammlung einberufen.

Aber Marcus Octavius legte trotz des Beschlusses sein Veto gegen das Gesetz von Tiberius Gracchus ein. Damit war die Agrarreform formal gestoppt.

Verfassungsbruch in der Volksversammlung

Tiberius Gracchus schlug der Volksversammlung deshalb einen Verfassungsbruch vor. Marcus Octavius sollte spontan abgewählt werden.

Der Amtskollege wurde tatsächlich ohne jede formale Basis seines Amtes enthoben. Der Mob hätte ihn sogar fast noch gelyncht.

Tiberius Gracchus beging gleich darauf den nächsten Verfassungsbruch. Er ließ die Versammlung beschließen, dass er mit seinen Amtsbefugnissen die gesamte Beute – das Attalosvermögen – eines jüngst erfolgreich abgeschlossenen Feldzuges konfiszieren kann.

So sollte sein Ackergesetz gegenfinanziert werden. Die Befugnis für eine solche Entscheidung lag jedoch nicht bei der Volksversammlung, sondern der Senat war für solche Beschlüsse zuständig.

Das Volk scherte sich jedoch in der aufgehitzten Stimmung nicht um diese Regeln. Ein politscher Kompromiss wurde unmöglich. Senatoren ließen daraufhin das Gerücht verbreiten, Tiberius Gracchus würde nach der Königswürde streben.

Das traurige Ende im Tiber

Die Klientel von republikanischen Optimaten griff daraufhin zu den Waffen. Sie zogen los und ermordeten Tiberius Gracchus zusammen mit etwa 300 seiner Anhänger.

Seine Leiche wurde in den Tiber geworfen. Seine Karriere hatte ein schnelles, aber dramatisches Ende gefunden.