Königin Victoria

Königin Victoria und das British Empire

Königin Victoria wurde als Princess Alexandrina Victoria of Kent am 24. Mai 1819 im Kensington Palace in London geboren. Mit nur 18 Jahren wurde sie auf den Thron des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland gehoben.

Foto von Königin Victoria
Königin Victoria im Jahr 1882 (Urheber: Alexandro Bassano / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Königin Victoria gilt bis heute als zentrales Symbol für die Weltmacht des britischen Empires. Ihr realer Einfluss als konstitutionelle Monarchin war jedoch sehr begrenzt. Aber die meisten politischen Themen haben sie ohnehin nicht interessiert.

Dennoch entwickelte sich Königin Victoria während ihrer 63-jährigen Regentschaft zu einer sehr selbstbewussten Person. Sie nutzte deshalb immer wieder verfassungsrechtliche Grauzonen, um ihren persönlichen Willen durchzusetzen.

„We are not amused.“

Vor allem die Rollen ihres Ehemanns Albert von Sachsen-Coburg und Gotha sowie des späteren Vertrauten John Brown gingen über die vom Parlament gesetzten Bedingungen hinaus. Ein besonderes Interesse entwickelte Königin Victoria außerdem für die Außen- und auch die Militärpolitik.

Nichts desto trotz war die Herrschaft von Königin Victoria vom Zerfall der royalen Gewalt in Großbritannien geprägt. Das British Empire erreichte seinen politischen und wirtschaftlichen Höhepunkt, aber wandelte sich dabei endgültig zur Demokratie.

Königin Victoria spielte jedoch als „Großmutter Europas“ noch eine hervorgehobene Rolle in der europäischen Geschichte. Sie hatte neun Kinder, 40 Enkel und 88 Urenkel. Durch deren Ehen war Victoria mit vielen Herrscherhäusern verbunden wie den Hohenzollern.

Dynastische Abstammung von Königin Victoria

Im Jahr 1714 endete mit dem Tod von Königin Anne die Herrschaft des Hauses Stuart über Großbritannien. Da sie keine lebende Kinder hinterließ, griff das 1701 erlassene Gesetz zur Thronfolge, der Act of Settlement.

König Georg I. in Krönungsrobe
König Georg I. (Maler: Godfrey Kneller / Lizenz: gemeinfreies Bild)

In diesem Gesetz wurde vor allem geregelt, dass kein Katholik über das Inselreich herrschen darf. Es handelte sich dabei um eine bewusste Reaktion auf die teils extrem blutigen Glaubenskonflikte zwischen Anglikanern und Anhängern des römischen Papstes.

Mit dem Act of Settlement von 1701 hatte man deshalb auf einen Aufschlag 56 „Papisten“ von der Thronfolge ausgeschlossen. Die Krone ging deshalb nach dem Tod von Anne an Herzog Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg aus dem deutschen Geschlecht der Welfen.

Herzog Georg herrschte als König Georg I. in Personalunion über das Vereinigte Königreich von Großbritannien und das Königreich von Hannover. Diese deutsche Dynastie brachte insgesamt sechs britische Monarchen hervor:

  1. Georg I. von 1714 bis 1727
  2. Georg II. von 1727 bis 1760
  3. Georg III. von 1760 bis 1820
  4. Georg IV. von 1820 bis 1830
  5. Wilhelm IV. von 1830 bis 1837
  6. Victoria von 1837 bis 1901

Thronbesteigung und Lex Salica

Wenige Stunden nach dem Tod von König Wilhelm IV. am 20. Juni 1837 wurde Victoria vom Erzbischof von Canterbury und dem Lord Chamberlain (= Hofmarschall) informiert, dass die Königswürde an sie gefallen war. Noch am selben Tag nahm sie an ihrer ersten Sitzung des Kronrates teil.

Buckingham Palace um 1837
Buckingham Palace im Jahr 1837 (Urheber: J. Woods / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Eine der ganz frühen Neuerungen unter Königin Victoria war die Verlegung des Hofstaates vom Kensington Palace in den Buckingham Palace. In den neuen und vor allem größeren Räumlichkeiten konnte sich die noch sehr junge Königin besser von ihrer dominanten Mutter distanzieren.

Mit dem Tod von Wilhelm IV. endete allerdings die Personalunion der Herrschaft über die Königreiche von Großbritannien und Hannover. Der Grund war das frauenfeindliche salische Erbrecht der Welfen.

Das Königreich Hannover war an diese Lex Salica von Chlodwig I. aus den Anfangsjahren des 6. Jahrhunderts gebunden. Frauen wurden von der Thronfolge kategorisch ausgeschlossen.

Die Herrschaft über das Königreich Hannover übernahm mit Ernst August I. ein männlicher Welfe. Diese Regelung ist ihnen aber nicht gut bekommen. Nur etwa 30 Jahre später wurde das kleine Hannover von Preußen annektiert.

Albert von Sachsen-Coburg und Gotha

Königin Victoria lernte ihren Cousin und späteren Ehemann Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha bereits im Sommer 1836 kennen. Sie verguckte sich wohl damals schon in ihn und schrieb von ihrer Aussicht „auf ein großes Glück“.

Im Oktober 1838 teilte Königin Victoria dem Premierminister Lord Melbourne ihre Absicht zu heiraten mit. Die britische Öffentlichkeit reagierte jedoch sehr ablehnend auf den deutschen Prinzen, der noch dazu nicht standesgemäß erschien.

Albert von Sachsen-Coburg und Gotha
Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha im Jahr 1842 (Maler: Franz Xaver Winterhalter / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Die Trauung erfolgte am 10. Februar 1840 im St James’s Palace. Aufgrund der zahlreichen Vorbehalte gegen seine Person wurde Prinz Albert jedoch die Rolle als Prinzgemahl (= Prince Consort) verweigert. Das Parlament bewilligte ihm auch nur die relativ niedrige Summe von 30.000 Pfund pro Jahr für seine Lebensführung.

Darüber hinaus musste Prinz Albert anfangs auf jeglichen politischen Einfluss verzichten. Dafür entwickelte er ein soziales Engagement und kümmerte sich um die Erziehung seiner Kinder mit Königin Victoria. Dabei legte er hohen Wert darauf, den Nachwuchs von abträglichen Einflüssen des königlichen Hofes fernzuhalten.

Im Laufe der 1840er Jahre entwickelte sich Prinz Albert jedoch zu einem wohlmeinenden Akteur im Hintergrund. Beispielsweise verhandelte er vor einem Machtwechsel von Whigs zu Tories bereits im Vorfeld, um spätere Spannungen für Königin Victoria zu vermeiden.

So entwickelte sich Prinz Albert nach und nach zu einem Privatsekretär von Königin Victoria. Er formulierte Briefe und beeinflusste Entscheidungen.

Insgesamt galt die Ehe auch persönlich als sehr glücklich. Königin Victoria schrieb 1858 an ihre älteste Tochter über Prinz Albert:

„Ich kann nie glauben oder zugeben, dass irgendein anderer Mensch vom Schicksal so gesegnet worden ist wie ich, mit einem solchen Mann, einem solch vollkommenen Mann.“

Prinz Albert litt jedoch an einer chronischen Atemwegserkrankung. Am 09. Dezember 1861 wurde Typhus diagnostiziert. Er starb nur fünf Tage später mit 42 Jahren in den Armen von Königin Victoria. Sie schrieb in ihr Tagebuch:

„Zwei oder drei lange, ganz ruhige Atemzüge, seine Hand drückte meine und … alles, alles war vorbei … Ich stand auf, küsste die liebe himmlische Stirn und rief in bitterstem Schmerz: «O mein Liebster!», dann fiel ich in stummer Verzweiflung auf die Knie und konnte weder ein Wort herausbringen noch eine Träne weinen.“

Der Tod von Prinz Albert stürzte Königin Victoria in die schwerste persönliche Krise ihres Lebens. Sie zog sich anschließend für lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Zum Gedenken an ihren Ehemann ließ sie die Royal Albert Hall und das Albert Memorial errichten.

Regierung als konstitutionelle Monarchin

Die Könige von England beziehungsweise Großbritannien hatten im Laufe der Jahrhunderte bereits weite Teile ihrer Souveränität verloren. Der erste ganz große Einschnitt war die Magna Charta Libertatum, die die Barone Johann Ohneland im Jahr 1215 abgerungen hatten.

Im 17. Jahrhundert kam es erneut zu tiefgreifenden und nachhaltigen Veränderungen. Der absolutistische Anspruch von König Karl I. Stuart führte zur Großen Remonstration des englischen Parlamentes im Jahr 1641.

In der Folge kam es zu den drei englischen Bürgerkriegen sowie zur Hinrichtung des überdrehten Königs. Doch der ehemalige Abgeordnete und spätere General der Parlamentsarmee Oliver Cromwell errichtete schließlich selbst eine Alleinherrschaft.

Westminster Palace
Westminister Palace – das britische Parlament (pixabay)

Nach dem Tod von Cromwell kam es deshalb schnell zur Restaurierung der alten Königslinie. Mit Jakob II. Stuart brachte das Geschlecht jedoch wenige Jahrzehnte später erneut einen absolutistischen Herrscher hervor, der im Zuge der Glorious Revolution von 1688 gestürzt wurde.

Im darauffolgenden Jahr 1689 definierte das Parlament mit der Bill of Rights die Beziehung zum Königtum. Darin wurden beispielsweise die Immunität von Abgeordneten, eine völlige Redefreiheit eben dieser und die Kontrolle über die Staatsfinanzen geregelt.

Seitdem waren die Könige und Königinnen nur noch King-in-Parliament. Das heißt, dass die ursprüngliche Doppel-Funktion als Staats- und Regierungschef immer weiter aufgelöst wurde. Dies drückte sich beispielsweise schon im Amtseid von Königin Anne aus dem Jahr 1702 aus:

„… to govern the people of this kingdom […] according to the statutes in parliament agreed on, and the laws and customs of the same.“

Das tägliche Geschäft oblag zunehmend dem Parlament beziehungsweise der gewählten Regierung. An deren Spitze stand seit 1721 ein Premierminister als Regierungschef.

Parteien-Landschaft im 19. Jahrhundert

Das britische Parlament bestand und besteht bis heute aus zwei Kammern. Im Gegensatz beispielsweise zu Deutschland gibt es jedoch keine Trennung zwischen einer Bundeskammer (= Bundestag) und einer Länderkammer (= Bundesrat).

Lord Melbourne Porträt
William Lamb, 2. Viscount Melbourne war ein Premierminister der Whigs unter Königin Victoria. (Maler: John Partridge / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Vielmehr drückt sich im britischen Parlamentarismus die aristokratische Tradition des Landes aus. Es gibt ein Oberhaus der sogenannten Peers, der Adeligen. Darüber hinaus gibt es ein Unterhaus der Commoners, der Bürger.

Die Parteien-Landschaft in England beziehungsweise Großbritannien wird dabei meist von zwei Organisationen dominiert. Der Grund hierfür ist das einfache Mehrheitswahlrecht.

Kleinere Parteien wie man sie beispielsweise in Deutschland mit der FDP seit Jahrzehnten kennt, sind zwar zulässig. Aber sie haben aufgrund eines fehlenden Ausgleichs über Zweitstimmen praktisch keine Chance, die Politik langfristig entscheidend mitzugestalten. Seit der Ernennung des ersten britischen Premierministers im Jahr 1721 gab es nur eine Handvoll an Koalitionsregierungen.

Zu Beginn der Herrschaft von Königin Victoria hießen die dominierenden Parteien beziehungsweise deren Anhänger „Tories“ und „Whigs“:

  • Ein Tory ist ein konservativer Politiker. Traditionell sind diese Konservativen im Vereinigten Königreich von Großbritannien auch Unterstützter der Monarchie. Die Tory oder auch Conservative Party existiert bis heute und kann nach wie vor Premierminister stellen. Ein besonders bekanntes Beispiel der jüngeren Geschichte war Margaret Thatcher.
  • Ein Whig war dagegen ein liberaler Politiker. Die Partei stand vor allem für Freihandel sowie ein starkes Parlament mit Widerstandsrechten. Zu ihren politischen Vordenkern gehören so bekannte Personen wie John Milton und John Locke.

Während der Herrschaft von Königin Victoria bildeten die Whigs mit gemäßigten Tories im Jahr 1859 die neue Liberal Party. Diese Partei existiert ebenfalls bis heute, spielt jedoch in der Regel keine entscheidende Rolle mehr

Die Liberals wurden in den 1920er Jahren in einem der sehr seltenen Umschwünge von der sozialdemokratischen Labour Party als dominierende Organisation im Zweiparteien-System abgelöst.

Premierminister unter Königin Victoria

Während der Herrschaft von Königin Victoria hatten zahlreiche Personen das Amt des britischen Premierministers inne. Dabei zeigte bereits der Wechsel der Parteien den intensiven Schlagabtausch innerhalb der parlamentarischen Demokratie.

  1. William Lamb war ein Whig. Seine Amtszeit erstreckte sich vom 18. April 1835 bis zum 30. August 1841. Er gilt als Mentor von Königin Victoria und sorgte für eine politische Ausbildung der damals noch sehr jungen Herrscherin.
  2. Robert Peel war ein Tory, dessen erste Amtszeit als Premierminister vom 30. August 1841 bis zum 30. Juni 1846 dauerte. Sein Verhältnis zu Königin Victoria war deutlich kühler.
  3. John Russel war ein Whig. Seine erste Amtszeit unter Königin Victoria begann am 30. Juni 1846 und endete am 23. Februar 1852. In diesen Jahren wütete die große Hungersnot in Irland, die der Liberale maßgeblich verschlimmerte.
  4. Edward Smith-Stanley war ein Tory. Seine erste Amtszeit als Premierminister dauerte nur vom 23. Februar 1852 bis zum 19. Dezember 1852.
  5. George Hamilton-Gordon war ein parteiloser Premierminister an der Spitze einer der seltenen Koalitionsregierungen vom 19. Dezember 1852 bis zum 6. Februar 1855. Er hatte einst als konservativer Außenminister unter Arthur Wellesley gedient und führte Großbritannien in den Krimkrieg.
  6. Henry Temple war ein Whig und amtierte vom 06. Februar 1855 bis zum 20. Februar 1858 als Premierminister unter Königin Victoria. Aus Angst vor einer französischen Invasion ließ er die Küstenverteidigung mit den sogenannten Palmerston Forts massiv verstärken.
  7. Edward Smith-Stanley war ein Tory. Seine zweite Amtszeit unter Königin Victoria dauerte vom 20. Februar 1858 bis zum 12. Juni 1859. In diese Zeit fiel die Umwandlung von British India in eine Kronkolonie. Die unter Königin Elisabeth I. gegründete Ost-Indien-Kompanie wurde damit als quasi-staatlicher Akteur aufgelöst.
  8. Henry Temple wurde ein Liberal. Seine zweite Amtszeit als Premierminister dauerte vom 12. Juni 1859 bis zu seinem Tod am 18. Oktober 1865.
  9. John Russel wurde ein Liberal. Er setzte die Regierung nach dem Tod seines Vorgängers fort und amtierte damit ein zweites Mal als Premierminister bis zum 26. Juni 1866.
  10. Edward Smith-Stanley war ein Tory. Seine dritte Amtszeit als Premierminister dauerte vom 28. Juni 1866 bis zum 27. Februar 1868. Er führte eine der seltenen Reformen von Wahlbezirken durch, den Reform Act von 1867. Die neuen Industriestädte wurden dabei aufgewertet, während die sogenannten Rotten Boroughs, einige nur noch dünn besiedelte Gegenden in der Peripherie, an Stimmgewicht verloren. Eigentlich sollten die Konservativen von diesem Reform Act profitieren, doch die Rechnung ging nicht auf. Sie sollten die kommende Wahl verlieren. Vorher trat Smith-Stanley jedoch aufgrund seines hohen Alters zurück. Die Pleite kassierte dann sein Nachfolger.
  11. Benjamin Disraeli war ein Tory. Er übernahm die Regierung von seinem zurückgetretenen Vorgänger. Seine erste Amtszeit als Premierminister dauerte noch bis zum 23. April 1868. Von ihm stammt ein schwungvolles Zitat über seinen politischen Gegner und Nachfolger: „Es wäre eine Tragödie, wenn jemand Mr. Gladstone in die Themse stieße, und eine Katastrophe, wenn ihn jemand wieder herauszöge.“
  12. William Ewart Gladstone war ein Liberal. Er war der große Gegenspieler des konservativen Benjamin Disraeli. Seine erste Amtszeit dauerte vom 03. Dezember 1868 bis zum 20. Februar 1874. Gladstone führte zahlreiche innenpolitische Reformen durch wie die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Darüber hinaus reformierte er die Rekrutierung von Beamten und verbot den Kauf von Offizierspatenten. Er setzte sich für eine Entschärfung der Spannungen mit Irland ein und schob eine weitere Wahlrechtsreform an. Außenpolitisch blieb er anfangs jedoch farblos.
  13. Benjamin Disraeli war ein Tory. Seine zweite Amtszeit als Premierminister dauerte vom 20. Februar 1874 bis zum 23. April 1880. Während dieser Zeit trug er Königin Victoria den Titel als Kaiserin von Indien an. Dies gilt als entscheidende Wegmarke zur Begründung des Britischen Weltreiches. Darüber hinaus konnte Disraeli auf internationalen Kongressen große diplomatische Siege erringen. Beispielsweise fiel Zypern an Großbritannien.
  14. William Ewart Gladstone war ein Liberal. Er konnte seinen Erzfeind Disraeli schließlich wieder ablösen. Die zweite Amtszeit von Gladstone als Premierminister unter Königin Victoria dauerte vom 23. April 1880 bis zum 23. Juni 1885. Die Jahre waren besonders von der Bekämpfung des Mahdi-Aufstandes im Sudan geprägt. Darüber hinaus kam es zu einer erneuten Reform des Wahlrechts.
  15. Robert Gascoyne-Cecil war ein Tory. Seine erste Amtszeit erstreckte sich vom 23. Juni 1885 bis zum 01. Februar 1886. Er war den Großteil seiner Amtszeit als Premierminister auch sein eigener Außenminister. Dabei verfolgte er einen Kurs der Splendid Isolation für Großbritannien und führte dabei Kolonialkriege vor allem in Afrika.
  16. William Ewart Gladstone war ein Liberal und amtierte ein drittes Mal vom 01. Februar 1886 bis zum 25. Juli 1886.
  17. Robert Gascoyne-Cecil war ein Tory. Seine zweite Amtszeit als Premierminister dauerte vom 03. August 1886 bis zum 15. August 1892.
  18. William Ewart Gladstone war ein Liberal. Seine vierte Amtszeit als Premierminister erstreckte sich vom 15. August 1892 bis zum 05. März 1894. Er zog sich erst aus der Politik zurück, als er fast blind und beinahe taub war.
  19. Archibald Primrose war ein Liberal und Premierminister vom 05. März 1894 bis zum 21. Juni 1895. Seine Regierung war wenig erfolgreich und stand aufgrund außenpolitischer Schwäche ständig unter Beschuss.
  20. Robert Gascoyne-Cecil war ein Tory und amtierte ein drittes Mal als Premierminister vom 25. Juni 1895 bis zum 11. Juli 1902. Während dieser Zeit ist Königin Victoria gestorben.

Konflikte mit dem Außenministerium

Königin Victoria akzeptierte weitgehend die Kontrolle des Parlamentes beziehungsweise der Regierung über das politische Tagesgeschäft. In großen außenpolitischen Fragen sah sie dennoch ihr königliches Prärogativ.

Lord Palmerston Porträt
Henry Temple – Lord Palmerston (Maler: Francis Cruikshank / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Damit war gemeint, dass Victoria ein Vorrecht auf Mitsprache in internationalen Angelegenheiten für gegeben hielt. Je nach Premierminister wurde dies ganz unterschiedlich gehandhabt.

Vor allem unter Henry Temple, 3. Viscount Palmerston kam es jedoch zu massiven Einbußen an Mitsprache. Es wurden nicht nur Botschafter ohne Rücksprache mit Königin Victoria ernannt.

Die Monarchin erfuhr häufig erst aus der Presse von Personalentscheidungen. Im Außenministerium wurde auch die Post an Königin Victoria geöffnet.

Das Revolutionsjahr 1848 brachte ebenfalls eine Abwertung der Bedeutung von Königin Victoria mit sich, weil ihre dynastischen Verbindungen zu anderen europäischen Herrscherhäusern an politischer Relevanz verloren.

Aus diesen Entwicklungen ergaben sich immer wieder teils auch offene Konflikte zwischen der parlamentarischen und der königlichen Linie wie nach dem Staatsstreich von Napoleon III. am 02. Dezember 1851 in Paris. Doch Königin Victoria hatte in diesem Spiel praktisch keine Trümpfe auf der Hand.

Krimkrieg gegen Russland ab 1854

Von 1853 bis 1856 tobte der Krimkrieg. Ursprünglich war es ein Konflikt zwischen dem Osmanischen Reich und Russland. Der Auslöser war die russische Expansion auf dem Balkan.

Im März 1854 traten Frankreich und Großbritannien als Verbündete des Osmanischen Reiches ebenfalls in den Krimkrieg ein. Aufgrund der technischen Neuerungen entwickelte sich der Konflikt zu einer blutigen Materialschlacht mit schweren Grabenkämpfen wie beispielsweise um Sewastopol.

Der Krimkrieg gilt deshalb als erster „moderner Krieg“. Dabei zeigten sich deutlich die damaligen Probleme in der britischen Armee. Die katastrophalen Zustände in den Heerlagern und Lazaretten forderten mehr Verluste als die Kämpfe.

Von 22.000 Toten auf britischer Seite starben 17.000 an Krankheiten oder fehlender Versorgung. Königin Victoria konnte zwar nicht direkten Einfluss auf die Militärpolitik nehmen.

„Wie bereue ich es, dass ich kein Mann bin und im Krieg kämpfen darf. Es gibt für einen Mann keinen schöneren Tod als auf dem Schlachtfeld zu fallen.“

Aber sie entwickelte dennoch eine große Begeisterung für die Armee. Schließlich gelang es ihr zumindest, eine Reform anzustoßen. Darüber hinaus stiftete Königin Victoria eine bedeutenden Orden.

Militärreform und „Victoria-Kreuz“

Die britische Armee führte ab 1854 auf die Initiative von Königin Victoria hin eine große Militärreform durch. Zentral war die Einrichtung der Garnison Aldershot.

Victoria-Kreuz
Königin Victoria stiftete das „Victoria-Kreuz“ (Foto: Rcdarchive / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Die Militäranlage wird auch als „The Home of the British Army“ bezeichnet und existiert bis heute. Dort wurde vor allem in die Ausbildung investiert.

Königin Victoria stiftete mit dem Victoria-Kreuz auch den höchsten militärischen Orden: für herausragende Tapferkeit im Angesicht des Feindes. Die Auszeichnung kann an jeden Dienstgrad verliehen werden.

Der Orden ist mit sehr viel Prestige verbunden. Die Träger dürfen das Kürzel „VC“ als postnominalen Zusatz verwenden und werden unabhängig vom Rang zuerst gegrüßt.

Darüber hinaus wird an Träger des Victoria-Kreuzes ein Ehrensold gezahlt. 2002 lag die Höhe für britische Soldaten bei etwa 1.500 Pfund pro Jahr.

Victorianisches Zeitalter (1837 bis 1901)

Als „Viktorianisches Zeitalter“ wird die gesamte Herrschaftsdauer von Königin Victoria bezeichnet. Je nach Lesart wird die zeitliche Abgrenzung manchmal etwas enger gefasst oder von einer Ära beziehungsweise Epoche gesprochen.

In dieser Zeit erreichte Großbritannien den Zenit seiner politischen und wirtschaftlichen Blüte. Dies beruhte auf früheren Erfolgen, aber auch auf der Industriellen Revolution.

Industrielle Revolution in Großbritannien

Großbritannien gehörte zu den frühen und auch den großen Profiteuren der Industriellen Revolution. Entscheidend war ein ganzes Gefüge an vorteilhaften Bedingungen:

  • lange Friedensepoche auf den britischen Inseln
  • einheitlicher Wirtschaftsraum ohne Zollbeschränkungen
  • Überproduktion der Landwirtschaft mit einem Überschuss an Arbeitskräften
  • gute Infrastruktur sowie erschließbare Energievorkommen (Kohle)
  • umfangreiche Rohstoffimporte sowie Absatzmärkte in den Kolonien
  • hoch entwickelte Feinmechanik und Werkzeugproduktion
  • hoher Unternehmergeist in vielen sozialen Milieus

Die technischen Fortschritte trafen deshalb auf eine bereits deutlich über dem Subsistenzniveau liegende wirtschaftliche Ausgangssituation. Der Überschuss an Ressourcen konnte gerade in Großbritannien deshalb schnell und gewinnbringend reinvestiert werden. Von besonderer Bedeutung waren:

  • Textilgewerbe
  • Mechanisierung
  • Dampfmaschinen
  • Eisenverhüttung

Insgesamt kam es deshalb zu einer fortschreitenden Arbeitsteilung und Spezialisierung während der Herrschaft von Königin Victoria. So entstanden immer neue Gewerbe und auch immer größere Produktionsstandorte.

Große Hungersnot in Irland (1845 bis 1849)

Die Jahre von Königin Victoria waren jedoch keinesfalls ausschließlich von wirtschaftlichem Glück für alle geprägt. Vor allem die Iren mussten für den Manchesterliberalismus der Whigs auch bitter bezahlen.

Zunächst erlebte Irland binnen hundert Jahren eine Bevölkerungsexplosion. Diese Entwicklung wurde von der Kartoffel als Hauptnahrungsmittel getragen:

  • 1760: 1,5 Mio. Einwohner
  • 1801: 4 bis 5 Mio. Einwohner
  • 1821: 7 Mio. Einwohner
  • 1841: 8,1 Mio. Einwohner

Doch der monokulturelle Anbau von Kartoffeln machte die Böden anfällig für spezialisierte Krankheitserreger. Die „Kartoffelfäule“ führte dann zu mehreren Katastrophen.

Große Hungersnot Irland Grafik
Grafik der Bevölkerungsentwicklung in Europa und Irland (Urheber: Ben Moore / CC-BY-SA 3.0)

Dabei handelt es sich um einen Pilz, der Knollen bereits im Boden verfaulen lässt und zu Missernten führt. Bereits zwischen 1816 und 1842 gab es insgesamt 14 solcher Ernteausfälle.

Ab 1845 kam es dann zum GAU. Der britische Premierminister Sir Robert Peel kaufte deshalb Mais aus den USA ein, der eigentlich zum Selbstkostenpreis an die Iren weitergeben werden sollte.

Im weitgehend verarmten Irland konnten sich viele Menschen diese Preise dennoch nicht leisten. Dann kamen die Whigs mit ihrer Laissez-faire-Ideologie unter Premierminister John Russel an die Macht und kürzten soziale Ausgaben.

Im Jahr 1846 war aufgrund von schlechtem Wetter auch noch die Hafer- und Weizenernte betroffen. Der folgende Winter war besonders hart, so dass sich nun auch Seuchen in Irland ausbreiteten.

In ihrer Ohnmacht erklärte die britische Regierung im Jahr 1847 die große Hungersnot einfach für beendet. Die Finanzierung von Suppenküchen wurde eingestellt.

Das tatsächliche Ende der großen Hungersnot wird jedoch meist mit 1849 angegeben. Aber Quellen berichten, dass auch zwei Jahre später noch tote Iren am Straßenrand lagen.

Die Bevölkerungsentwicklung von Irland brach dramatisch ein. Etwa zwei Millionen Personen verließen zwischen 1845 und 1855 das Land. Viele wanderten in die USA aus.

Verlässliche Todeszahlen gibt es nicht. Aber 1901 hatte die grüne Insel noch 3,5 Millionen Einwohner und war völlig verarmt.

John Brown – Esquire of the Queen

Nach dem Tod von Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha war Königin Victoria lange in Trauer. Sie heiratete auch nie wieder.

Doch in John Brown, dem schottischen Jagdgehilfen ihres verstorbenen Mannes, fand sie schließlich eine neue Stütze in ihrem Leben. Sie schätze ihn für seine diskrete, aber ihr gegenüber auch sehr direkte und rustikale Art.

Im Jahr 1865 ernannte Königin Victoria ihn zum The Queen’s Highland Servant. Formal wurde John Brown damit die Verantwortung für die Pferde, Hunde und Kutschen ihrer Majestät übertragen.

Königin Victoria zu Pferde mit John Brown
Königin Victoria mit John Brown (Foto: G. W. Wilson / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Darüber hinaus teilte er Jagd- und Fischrechte in den königlichen Ländereien zu. Im Laufe der Zeit wurde eine Empfehlung von John Brown für eine Karriere am Hof wichtiger als die Meinung offizieller Amtsträger oder Adeliger.

Schließlich erhielt er sogar den Höflichkeitstitel „Esquire“. Das heißt soviel wie Schild- oder Wappenträger.

John Brown konnte durch seinen engen und persönlichen Kontakt jedoch vor allem auch schlechte Nachrichten an Königin Victoria überbringen. Beispielsweise informierte er sie über den Tod ihrer Tochter Alice im Jahr 1878.

Darüber hinaus entwickelte sich John Brown zu einer Art persönlichem Botschafter von Königin Victoria. Sie schickte ihn beispielsweise, um sich bei Kranken oder Sterbenden zu erkundigen und drückte damit ihre besondere Anteilnahme aus.

Der Tod von John Brown am 29. März 1883 war ein schwerer Schlag für Königin Victoria. Sie schrieb zu diesem Ereignis in ihr Tagebuch:

„[…] schrecklich bewegt durch diesen Verlust, der mir einen Menschen raubt, der mir mit so viel Hingabe und Treue gedient hat und so viel für mein persönliches Wohlbefinden getan hat. Mit ihm verliere ich nicht nur einen Bediensteten, sondern einen wirklichen Freund.“

Victoria Regina et Imperatrix ab 1876

Am 01. Mai 1876 wurde Königin Victoria zur Kaiserin von Indien erhoben. Fortan trug sie den Titel „Victoria Regina et Imperatrix“.

Die Idee für einen solchen Titel wurde schon vorher mal geäußert. Bereits nach dem Indischen Aufstand von 1857 hatten britische Eliten den Gedanken entwickelt, dass man durch eine solche Formalie die Bevölkerung von Indien besser an das Empire binden kann.

Königin Victoria Karikatur
Karikatur der Ernennung von Königin Victoria zur Kaiserin von Indien durch Disraeli (Urheber: John Tenniel / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Die Ernennung von Königin Victoria zur indischen Kaiserin gilt als Höhepunkt des britischen Imperialismus. Der federführende Premierminister Disraeli wurde dafür in den Adelsstand erhoben.

Königin Victoria entwickelte jedoch in der Folge ein größeres Interesse für Indien, obwohl sie den Subkontinent nie besuchte. Dafür ließ sie sich gerne von den Indern huldigen und stellte eine indische Leibwache auf.

Darüber hinaus ließ sie sich von ihrem Diener Abdul Karim auch Sprachunterricht in Hindustani und Urdu erteilen. Tatsächlich war Königin Victoria jedoch überhaupt nicht in der Lage, die komplexen Herausforderungen in Indien zu verstehen.

Außerdem waren ihre Ansichten gegenüber den Indern von einer damals üblichen Überheblichkeit geprägt. Königin Victoria lehnte beispielsweise Kriege in Europa aus zivilisatorischen Gründen ab.

Währenddessen legitimierte sie die zahlreichen und immer wieder sehr blutigen Konflikte in den Kolonien des Empires mit der angeblichen Unfähigkeit von lokalen Herrschern.

Nachkommen der „Großmutter Europas“

Königin Victoria konnte sich bis in die 1890er Jahre einer guten Gesundheit erfreuen. Erst im hohen Alter litt sie unter Gebrechen.

Aufgrund von Rheuma war sie gegen Ende ihres Lebens zunehmend auf einen Rollstuhl angewiesen. Außerdem entwickelte sich bei ihr ein Grauer Star, was das Lesen und Schreiben mühsamer machte. Geistig blieb sie aber sehr fit.

Kaiser Wilhelm II. Porträt
Kaiser Wilhelm II. war ein Enkel von Königin Victoria, hier auf einem Foto von 1902 (Urheber: Thomas Heinrich Voigt / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Erst in den Monaten vor ihrem Tod fühlte sie sich schwächer und rief schließlich ihre Verwandtschaft an ihr Sterbebett. Am 22. Januar 1901 starb Königin Victoria in Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II. und ihres Sohnes Albert Eduard.

Victoria regierte 63 Jahre, sieben Monate und zwei Tage. Sie war bis dato die am längsten regierende britische Königin. Erst ihre Ur-Ur-Enkelin Königin Elisabeth II. übertraf diese Zeit.

Mit dem Tod von Königin Victoria endete die Herrschaft des Hauses Hannover. Ihr ältester Sohn Eduard VII. übernahm die Thronfolge, doch er gehörte nach seinem Vater zum Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Im Jahr 1917 nahm dieses Geschlecht den Namen „Windsor“ an.

Obwohl Königin Victoria eigentlich immer ein eher schlechtes Verhältnis zu ihren Kindern hatte, gilt sie aufgrund der zahlreichen Nachkommen in den Herrscherhäusern als „Großmutter Europas“. Dies gilt bis heute. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren es:

  • Königin Elisabeth II. von Großbritannien
  • König Harald V. von Norwegen
  • König Carl XVI. Gustaf von Schweden
  • Königin Sophia von Spanien
  • König Juan Carlos von Spanien
  • Königin Margrethe II. von Dänemark

Darüber hinaus zählen auch zahlreiche Erben von abgesetzten Herrscherhäuser zu den Nachkommen von Königin Victoria:

  • Baden
  • Frankreich
  • Griechenland
  • Hannover
  • Hessen
  • Preußen
  • Rumänien
  • Russland
  • Serbien