Agenten

Agenten und Agententätigkeit

Der Einsatz von Agenten dürfte fast so alt wie die Kriegsführung sein. Schon Sunzi widmete in seinem Klassiker über die Kunst des Krieges aus dem 6. Jahrhundert v. Christus ein Kapitel den Spionen.

Napoleon Bonaparte
Kaiser Napoleon Bonaparte gemalt von Jacques-Louis David im 1812. (gemeinfrei)

Im Kapitel 13 beschreibt er fünf Klassen von Spionen und betont deren fundamentale Bedeutung für die Bewegung einer Armee. Mit dieser grundsätzlichen Einschätzung ist er dabei keineswegs alleine:

„Ein Spion am rechten Ort ersetzt 20.000 Mann an der Front.“

Napoleon Bonaparte

Mit Spionage ist meist jedoch nur die nachrichtendienstliche Aufklärung gemeint. Unter den größeren Rahmen der Agententätigkeit fallen jedoch weitere Aufgaben wie gezielte Morde oder auch Sabotage.

Ein Agent Provocateur versucht hingegen Unruhen oder vielleicht sogar Aufstände hervorzurufen. Geheimdienste haben deshalb sehr häufig den Auftrag, militärische Fähigkeiten zu ersetzen oder zu verstärken. Ein in der Geschichte sehr gängiges Beispiel für Agententätigkeit ist deshalb die Finanzierung von abtrünnigen Personen und Gruppen in feindlichen Gebieten.

Agenten, Analysten und Attentäter

Raschid ad-Din Sinan – der „Alte vom Berge“

Raschid ad-Din Sinan lebte im 12. Jahrhundert und war der Anführer der Ismailiten. Das ist eine schiitische Minderheit, die Abu Bakr als Nachfolger des Propheten an der Spitze der islamischen Gemeinschaft nicht anerkannte und sich abspaltete.

Burg Masyaf
Burg Masyaf – der Sitz des Assassinen-Anführers Rashid al-Din Sinan (Mewes / gemeinfrei)

Im 12. Jahrhundert verfügten die Ismailiten über eine Reihe von kaum einnehmbaren Bergfestungen. Die Einigung weiter Teile der islamischen Welt durch Sultan Saladin wurde jedoch zur kritischen Bedrohung.

Aufgrund der militärischen Chancenlosigkeit setzte Raschid ad-Din Sinan auf eine Kommunikationsstrategie. Unter der Fremdbezeichung als „Assassine“ führten teils speziell ausgebildete Ismailiten spektakuläre Aktionen durch. Heutzutage würde man von staatlichem Terrorismus reden.

Beispielsweise schlich sich ein Mitglied der Bruderschaft in das Zelt von Saladin als dieser schlief. Er hinterließ ein Messer als Zeichen seines Besuches.

Die Botschaft war klar: Wenn Saladin den Krieg gewinnt, wird er sein Leben verlieren. Mit solchen Aktionen gelang es letztlich, den Sultan von weiteren Attacken auf die Glaubensgemeinschaft abzuhalten.

Entgegen der Legenden töteten die Assassine in der Regel jedoch keineswegs heimlich, sondern idealerweise vor möglichst großem Publikum. Als christliche Mönche verkleidet stachen sie beispielsweise im Jahr 1132 den Grafen Raimund II. von Tripolis und seine Begleiter in aller Öffentlichkeit nieder, um den Knalleffekt zu maximieren.

Mochizuki Chiyome – die Kunoichi

Mochizuki Chiyome war die Frau eines Samurai, der im Jahr 1575 getötet wurde. Sie entstammte dem Clan der Koga und wurde im Dienste der Takedas als Kunoichi in den Künsten der Ninja ausgebildet.

Diese weiblichen Agenten wurden bereits seit der Mitte des 16. Jahrhunderts als Spione und Geheimkuriere eingesetzt. Mochizuki Chiyome bildete dann selbst eine Gruppe von 200 bis 300 Kunoichi.

Die scheinbar harmlos Frauen tarnten sich beispielsweise als Geishas und konnten so relativ leicht in feindliche Standorte eindringen. Dort sammelten sie Informationen, verübten Attentate oder Sabotage.

Père Joseph – die „Graue Eminenz“

Père Joseph war ein Kapuziner und gehörte zum engsten Umfeld von Kardinal Richelieu. In dessen Auftrag war er häufig als geheimer Botschafter unterwegs. Wegen seines grauen Habits erhielt der Agent den Spitznamen: „Die Graue Eminenz“.

Père Joseph
Père Joseph – die „Graue Eminenz“ (gemeinfrei)

1616 war Père Joseph für die Königinmutter Maria de’ Medici aktiv und verhalf Richelieu so zu seinem Aufstieg am königlichen Hof. Er war damals in diplomatischer Mission unterwegs. Sein Verhandlungsgegner, der Herzog von Bouillon, beschrieb ihn später:

„Dieser Mann dringt in meine geheimsten Gedanken ein; er weiß Dinge, die ich nur einigen Leuten von erprobter Verschwiegenheit mitgeteilt habe und er geht nach Tours und kommt von dort zurück, zu Fuß, in Regen, in Schnee und Eis, in fürchterlichstem Wetter, ohne dass irgend jemand imstande ist, ihn zu beobachten. Ich will schwören, der Teufel sitzt diesem Pater im Leib.“

Nachdem Richelieu von König Ludwig XIII. zum Ersten Minister von Frankreich befördert wurde, begann er mit dem Aufbau eines Nachrichtendienstes. Neben der Rekrutierung von menschlichen Quellen spezialisierte sich der Dienst vor allem auf das Abgreifen von schriftlicher Kommunikation.

Zu diesem Zweck wurde selbst im königlichen Palast ein Horchposten eingerichtet. In dieser „Schwarzen Kammer“ wurde die Korrespondenz des Hofes geöffnet, ausgewertet und die Informationen dann je nach Bedarf verwendet. Zu dem Netzwerk der Agenten gehörten auch Kryptographen, die Codes entschlüsselten.

Antoine Rossignol – der Mathematiker

Antoine Rossignol war ein Mathematiker im Geheimdienst von Kardinal Richelieu. Er war auf statistische Methoden zur Entschlüsselung von codierten Botschaften spezialisiert.

Polybios-Chiffre
Während der Belagerung von Karthago im 3. Punischen Krieg entwickelte Polybios eine Verschlüsselungstechnik.

Diese Fähigkeit wurden vor allem in den Kämpfen gegen die Hugenotten eingesetzt. Zu einem besonders spektakulären Fall kam es während einer Belagerung im Jahr 1626.

Die eingekesselten Hugenotten verschickten einen codierten Hilferuf. Die Nachricht wurde mit einer Häufigkeitsanalyse entschlüsselt. Anschließend schrieb man in derselben Codierung eine Absage und sandte diese zurück in die belagerte Stadt, welche anschließend kapitulierte.

Die eigenen Erfolge bei der Entschlüsselung ebneten den Weg zum Meisterwerk des Antoine Rossignol. Er schuf mit dem „Grand Chiffre“ eine Codierung, die aufgrund mehrere Sicherungen bis ins 19. Jahrhundert als unknackbar galt:

  • Zunächst wurden im Grand Chiffre nicht nur Buchstaben, sondern nun auch Silben verschlüsselt. Davon gibt es sehr viel mehr, so dass sich die Zahl der Codes dramatisch erhöhte.
  • Für Buchstaben oder auch Silben wurden nicht mehr nur ein, sondern mehrere verschlüsselte Zeichen verwendet. Dafür nutzte der Mathematiker auch willkürliche Zahlenfolgen.
  • Dann fügte Antoine Rossignol noch irrelevante Zeichen als Blender ein. Schließlich schrieb man in die codierten Botschaften noch gezielt einige falsche Informationen, die wiederum mit anderen Zeichen für den eingeweihten Empfänger markiert wurden.

Lawrence von Arabien – der Historiker

Der später als Lawrence von Arabien berühmt gewordene Agent studierte Geschichte an der Oxford University. Er verbrachte für seine Abschlussarbeit einige Zeit im Nahen Osten. Er verfasste ein herausragendes und nahezu vollständiges Werk über Burgen der Kreuzfahrer.

Lawrence von Arabien
Thomas Edward Lawrence war ein britischer Agent. (gemeinfrei)

Dabei knüpfte er bereits nützliche Kontakte zu Grabräubern und Beduinen. Über solche Verbindungen konnten archäologische Schätze nach England gebracht werden.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde er rekrutierte. Aufgrund seiner Sprach- sowie Ortskenntnisse und natürlich der persönlichen Kontakte versetzte man ihn in das Büro des englischen Geheimdienstes SIS in Kairo.

Thomas E. Lawrence wurde jedoch schon bald in die Wüste geschickt. Er sollte Aufstände unter den Arabern gegen das mit Deutschland verbündete Osmanische Reich schüren.

Mit etwa 11 Millionen Pfund konnte der Agent einen Guerilla-Krieg entfesseln. Die Aufständischen nutzten dabei geschickt die territoriale Überdehnung der Osmanen aus und attackierte vor allem Telegrafenmasten sowie Eisenbahnen.

Im Zusammenspiel mit der britischen Luftwaffe und Marine eroberten sie schließlich sogar Damaskus. Der britische Oberbefehlshaber General Sir Edmund Allenby in der Region schrieb über den Agenten:

„I gave him a free hand. His cooperation was marked by the utmost loyalty, and I never had anything but praise for his work, which, indeed, was invaluable throughout the campaign.“

Witold Pilecki – der Maulwurf

Witold Pilecki war ein polnischer Offizier im Zweiten Weltkrieg. Er ließ sich 1940 nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten absichtlich gefangen nehmen, um nach Ausschwitz deportiert zu werden. Ihm wurde die Nummer 4859 eintätowiert.

Witold Pilecki
Witold Pilecki vor 1939 – coloriert. (gemeinfrei)

Im KZ Ausschwitz sammelte Pilecki Informationen für eine spätere Befreiung und formierte einen Widerstand. Dabei konnte er ein Netzwerk mit etwa 1.000 Personen über die Grenzen des Lagers hinaus aufbauen, so dass Nahrung und Medikamente eingeschmuggelt wurden.

Seine Hoffnung auf eine Waffenlieferung schwand jedoch schließlich. In der Nacht vom 26. zum 27. April 1943 überwältigte der Agent einige Wachen und brach dann erfolgreich aus dem Konzentrationslager aus.

Ab August 1944 gehörte Witold Pilecki schließlich zu jenen Freiwilligen, die den Aufstand im Warschauer Ghetto unterstützen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich der Agent gegen die dauerhafte Besetzung von Polen durch Josef Stalin. Von den Kommunisten wurde er 1948 in einem Schauprozess verurteilt und anschließend hingerichtet.

Spymaster und ihre Geheimdienste

Francis Walsingham – für England

Sir Francis Walsingham wurde 1532 geboren. Er baute als Staatssekretär in den Diensten von Elisabeth I. den ersten modernen Geheimdienst in Europa auf.

Sir Franics Walsingham
Sir Francis Walsingham gemalt um 1587 von John de Critz. (gemeinfrei)

Die Basis für das englische Agenten-Netz schuf er bereits während mehrerer Studienreisen ins Ausland. Seine Kontakte aus jener Zeit bildeten später das Fundament des Nachrichtendienstes.

Francis Walsingham finanzierte schließlich etwa 50 Agenten im In- und Ausland. Zu den Zuträgern gehörte beispielsweise der gut vernetzte Dichter Christopher Marlowe.

Nebenbei war Walsingham einer der großen Förderer von Francis Drake, der dem übermächtigen Spanien ebenfalls schwere Schäden zufügte.

Dank der Agenten konnten auch mehrere Attentate auf die Königin abgewendet sowie Verschwörungen von Maria Stuart aufgedeckt werden. Darüber hinaus klärten die Spione von Walsingham auch drohende Invasionen durch Spanien auf.

Dank solcher Informationen segelte 1587 eine englische Flotte nach Cadiz und zerstörte dort zahlreiche spanische Schiffe. Auch der weitere Versuch einer Invasion im darauffolgenden Jahr wurde von Francis Walsingham rechtzeitig aufgeklärt.

Kardinal Richelieu – für Frankreich

Unter König Ludwig XIII. war Kardinal Richelieu der Erste Minister von Frankreich. Bereits aus seiner Zeit als Bischof stand ihm mit dem Kapuziner Père Joseph ein talentierter Agent zur Verfügung.

Kardinal Richelieu
Kardinal Richelieu in den 1630er Jahren gemalt von Philippe de Champaigne. (gemeinfrei)

Zusammen mit dieser „Grauen Eminenz“ baute Richelieu einen sehr schlagkräftigen Nachrichtendienst auf. Sie stützen sich dabei auf menschlichen Quellen und fingen Briefe ab.

Überall im Land und vor allem auch in den Städten der protestantischen Hugenotten hatte Richelieu seine Agenten. Selbst im Umfeld der französischen Königin rekrutierte Richelieu seine Zuträger.

In der „Schwarzen Kammer“ am königlichen Hof wurde Korrespondenz geöffnet, ausgewertet und wieder verschlossen. Eine ganz besondere Leistung waren die Fortschritte in der Verschlüsselung.

Die Agenten von Kardinal Richelieu konnten die noch relativ einfachen Codes beispielsweise der Hugenotten mit statistischen Methoden knacken und dann sogar selbst verwenden.

Sein Chef-Mathematiker Antoine Rossignol entwickelte auf Basis dieser Erfahrung schließlich einen sehr fortgeschrittenen Code mit einer Reihe von Sicherungen. Dieses „Grand Chiffre“ wurde dann noch bis 19. Jahrhundert verwendet und galt bis dahin als unknackbar.