Leif Eriksson und die neue Welt

Leif Eriksson war ein Sohn von Erik dem Roten, dem Initiator der Besiedelung von Grönland. Die Familie hatte norwegische Wurzeln war um 970 wegen eines Totschlags verbannt worden und war zunächst nach Island gezogen.

Leif Eriksson
Leif Eriksson gemalt von Christian Krohg (gemeinfrei)

Leif Eriksson wurde dann wahrscheinlich bereits auf Island geboren. Später erhielt er dann noch den Beinamen „der Glückliche“.

Ab 986 begann die skandinavische Landnahme von Grönland. Unter der Führung des Vaters von Leif Eriksson gründeten die Grænlendingar zwei Siedlungen, die auch bis zum Beginn der kleinen Eiszeit im 15. Jahrhundert bestehen sollten.

Von diesen Orten aus erkundeten die Wikinger in der folgenden Zeit die Region. Das nordamerikanische Festland wurden dann erstmals wohl schon von einem gewissen Bjarni Herjólfsson gesichtet. Zumindest wird dies so in der Grænlendinga Saga erwähnt.

Leif Eriksson führte dann um die Jahrtausendwende ebenfalls eine Expedition nach Westen. Als erste Europäer landeten sie in der neuen Welt an und entdeckten Trauben beziehungsweise Beeren, was zur Bezeichnung von Neufundland als „Vinland“ führte.

Laut den Sagen soll es konkret Tyrkir gewesen sein. Das war der deutsche und wohl auch schriftkundige Ziehvater von Leif Eriksson. Der Name ist die skandinavische Form von Dietrich beziehungsweise der Kurzform „Dirk“.

Diese Entdeckungsfahrt wurde in den Vinlandsagas sehr heldenhaft ausgeschmückt. So soll Leif Erikssons nebenbei auch Schiffbrüchige gerettet und die Christianisierung voran gebracht haben.

Es gibt nur wenige fundierte Belege zu dieser Entdeckungsfahrt beziehungsweise zur darauffolgenden Besiedlung von diesem Vinland. Sie sind jedoch vorhanden.

Archäologisch gesichert ist eine Wikinger-Siedlung bei L’Anse aux Meadows an der Nordspitze von Neufundland. Diese wurde jedoch nicht schon im Zuge der Fahrt von Leif Eriksson gegründet, sondern entstand erst später und wurde auch bald wieder aufgegeben.

Nächster Halt – Nordamerika

Die Expansion der Wikinger begann um 700. Der wirtschaftliche Hintergrund war, dass das fruchtbare Land in Skandinavien begrenzt und vor allem bereits verteilt war.

Da das Erbrecht die ältesten Söhne begünstigte, nutzten viele Nachgeborene dann die Möglichkeiten der bemerkenswerten Wikingerschiffe. Über das offene Meer, aber auch über Flüsse schwärmten sie mehr als 300 Jahre lang in alle Himmelsrichtungen aus.

Expansion der Wikinger

Die Expansion der Wikinger erfolgte nur selten in einer massiven Welle, sondern vollzog sich in der Regel in vielen kleinen Schritten. Sie segelten beziehungsweise ruderten von einer Position zur nächsten und nahmen dann nach und nach Land in Beschlag. Wenn dies erfolgreich verlief, sprach sich das herum und mobilisierte so erst weitere Nachzügler.

Teilweise gründeten die Skandinavier dann wie in Folge der Entdeckungsfahrt von Leif Eriksson neue Siedlungen in quasi leeren Räumen. In anderen Fällen eroberten sie Territorien und verdrängten bisherige Bewohner mit Gewalt.

Expansion der Wikinger
Leif Eriksson gilt als Entdecker von Nord-Amerika. (Mediatus / CC-BY-SA 3.0)

Sobald das jeweils neu in Anspruch genommene Land verteilt war, setzte wieder der ursprüngliche Migrationsdruck ein und man drang zu einer weiteren Region vor. So wurde beispielsweise auch Island nicht direkt im ersten Zug von Norwegen aus besiedelt.

Vielmehr nahmen die Wikinger zunächst die Shetland Inseln und dann die Färöer Inseln in Beschlag. Von dort aus setzte man im nächsten Sprung zur Besiedelung von Island an. Die Verteilung der dortigen Flächen wurde genealogisch im Landnámabók dokumentiert.

Als Schriftquelle ist dieses „Buch der Landnahme“ zwar in wissenschaftlicher Hinsicht nicht voll belastbar. Aber man kann dennoch einen spannenden Einblick in die Geschichte der Kolonisierung sowie von 400 Familien gewinnen.

Von Island aus war es wiederum der Vater von Leif Eriksson, der die Besiedlung von Grönland anstieß. Der Hintergrund war jedoch speziell:

Erik der Rote – daher der Beiname – hat jemandem im Streit erschlagen. Er wurde dafür verbannt und ließ sich deshalb auf der damals aber bereits mehrfach gesichteten Hauptinsel von Grönland nieder.

Zunächst war Erik nur in Begleitung von weiteren Geächteten, von denen mit Eyjolf, Styr und Thorbjörn auch drei Namen überliefert sind. Wenige Jahre später konnte der Vater von Leif Eriksson bei einer Rückkehr nach Island jedoch grob 1000 Kolonisten für Grönland anwerben – die Grænlendingar.

Mit 25 Schiffen brachen sie von Island auf. Auf der Reise gingen jedoch elf verloren, so dass diese erste Besiedlungswelle bereits bei der Ankunft stark dezimiert war. Es gelang dennoch die Gründung von zwei Orten, die dann weitere Kolonisten anzogen.

Schiffe und Navigation

Die wortwörtlich tragende Kraft der Expansion der Skandinavier im Frühmittelalter waren ihre Schiffe, von denen es wiederum ganz unterschiedliche Typen gab. Ein Merkmal zur Unterscheidung ist beispielsweise die Trennung nach Transportschiffen für hohe Lasten und Kriegsschiffen für viele Kämpfer.

Sonnenstein
Doppeltbrechende Kristalle können als Polarisationsfilter verwendet werden. (Arniein / CC-BY-SA 3.0)

Die Schiffe hatten jedoch gemein, dass sie sehr stabil gebaut waren und zugleich nur wenig Tiefgang hatten. So konnten sie sowohl das offene Meer wie auch Flüsse befahren.

Außerdem verfügten Wikingerschiffe sowohl über einen umlegbaren Masten für die Fahrt unter Segel und auch Riemen zum Rudern bei Windstille.

Der „Sonnenkompass“ gilt als wichtiges Beispiel für die navigationalen Fähigkeiten der Wikinger. Dabei handelte es sich um ein kleines Brett oder eine Scheibe, die in der Mitte einen Nagel oder einen Stift hatte.

Ein weiteres, aber nicht zweifelsfrei belegtes Hilfsmittel waren „Sonnensteine“. Das sind doppeltbrechende Kristalle beispielsweise aus Kalkspat, die als Polarisationsfilter in der Dämmerung oder bei Nebel genutzt werden können.

Gesichert ist der Einsatz von Wetterfahnen auf Wikingerschiffen. Die Masse der überlieferten Segelanweisungen beziehen sich jedoch auf terrestrische Merkmale wie die Silhouetten von Inseln.

Vinland – das Weinland

Um 1000 nach Christus wuchsen auf Neufundland noch wilde Trauben. Diese verschwanden aufgrund von klimatischen Veränderungen im 12. oder 13. Jahrhundert. Deswegen wurde die aus Sagen überlieferte Region „Vinland“ von der älteren Forschung deutlich südlicher vermutet wurde.

Gold-Johannisbeere
Gold-Johannisbeeren (Annelis / CC-BY-SA 3.0)

Bei diesen wilden Trauben könnte es sich konkret um Johannisbeeren gehandelt haben. Davon gibt es in Nordamerika eine winterharte Gattung, die nicht besonders anspruchsvoll ist.

Weitere Alternativen wären Blaubeeren, Cranberries oder auch Heidelbeeren. Grundsätzlich war den Skandinaviern die Fermentierung von Früchten zur Gewinnung eines alkoholischen Getränks jedoch bekannt, welches man dann als „Vin“ bezeichnete.

Leif Eriksson soll dann von seiner Expedition eine Ladung von diesen Trauben beziehungsweise Beeren zurück nach Grönland gebracht haben. Dort taufte man das entdeckte Land dann auf den Namen „Vinland“.

Tyrkir und die Trauben

Eine bedeutende Schriftquelle für Vinland ist das Skálholtsbók. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Handschriften aus dem Bestand des isländischen Bistums Skálholt.

Eine weitere Schriftquelle findet sich in der Gesta Hammaburgensis Ecclesiae Pontificum, einer Chronik der Hamburger Bischöfe aus der Feder des Adam von Bremen und dem Jahr 1076. Das Werk ist in der wissenschaftlichen Diskussion jedoch umstritten, weil teils auch abwegige Behauptung wie von „Zaubervölkern“ in Dänemark aufgestellt werden.

„Weiterhin berichtete er [der Dänenkönig] über eine von vielen Inseln in diesem Ozean, die Winland genannt wird, weil dort Weinreben wild vorkommen, die guten Wein tragen. Dass dort auch nicht gesäte Früchte im Überfluss vorhanden sind, haben wir nämlich nicht durch ein unglaubwürdiges Gerücht, sondern durch den Bericht der Dänen erfahren.“

In der Grænlendinga Saga wird sogar beschrieben, wie es zur Entdeckung der Trauben auf Neufundland gekommen sein soll. Die zentrale Rolle spielte mit Tyrkir der deutsche und wohl schriftkundige Ziehvater von Leif Eriksson:

Eines Abends fehlte einer aus der Schar, und das war Tyrkir, der Deutsche. Leif war darüber in großer Unruhe. Denn Tyrkir war schon lange bei ihm und schon bei seinem Vater gewesen und hatte ihn in seiner Kindheit sehr geliebt. Leif machte seinen Fahrtgenossen darob heftige Vorwürfe. Er brach auf, um ihn zu suchen, und zwölf Männer begleiteten ihn. Sie waren aber erst kurze Zeit unterwegs, da kam ihnen Tyrkir schon entgegen. Man empfing ihn voller Freude. Leif merkte bald, dass sein Ziehvater nicht recht bei sich war. […] Da sagte Leif zu ihm: „Wo weiltest du so lange, lieber Ziehvater, und warum trenntest du dich von den Gefährten?“ Tyrkir sprach zuerst lange deutsch, rollte die Augen und fletschte die Zähne, und keiner verstand, was er sagte. Nach einer Weile sagte er aber dann auf nordisch: „Ich ging nicht viel weiter denn ihr. Doch hab’ ich eine Neuigkeit für euch. Ich fand Weinranken und Weintrauben.“

Grænlendinga Saga, Kap. 4, übersetzt von Felix Niedner

L’Anse aux Meadows

In der Region um L’Anse aux Meadows an der Nordspitze von Neufundland leben Menschen seit etwa 4000 vor Christus. Dabei handelte es sich ursprünglich um mehrere Gruppen aus der indianischen und der Inuit-Kultur.

Die Nordmänner bezeichneten die Eingeborenen als „Skrælingar“. Das Wort kann soviel wie Bewohner oder auch abfällig Schwächling meinen. Zumindest in Bezug auf Neufundland wäre die letztere Bedeutung jedoch überzogen.

Mit diesen „Schwächlingen“ hatten die Skandinavier nämlich wohl ganz erhebliche Probleme. Die Sagen berichten, dass es zu schweren Kämpfen kam und sich die Wikinger auf Neufundland nicht lange halten konnten.

Zum genauen Verlauf dieser Besiedlung in Folge der Entdeckung durch Leif Eriksson gibt es keine eindeutigen Quellen. Aber man konnte beispielsweise anhand der Schlacke in der Schmiede feststellen, dass in L’Anse aux Meadows wahrscheinlich nur wenige Kilo Eisen verarbeitet wurden.

Der Rückzug der Skandinavier aus dieser Siedlung verlief aber wahrscheinlich relativ geordnet. Es wurden kaum wertvolle Gegenstände in der aufgegebenen Siedlung zurückgelassen, was auf einen planmäßigen Aufbruch deutet.

Unabhängig von Konflikten mit Eingeborenen erscheint es jedoch auch unrealistisch, dass die Wikinger eine dauerhafte Niederlassung so weit im Westen hätten am Leben erhalten können. Bereits auf Grönland war man auf Importe beispielsweise von Eisenerz angewiesen. Eine logistische Kette bis in die Neue Welt aufrecht zu erhalten war wohl kaum möglich.

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