Erzengel Uriel

Erzengel Uriel – „das Licht Gottes“

Uriel ist der vierte Erzengel im Christentum. Der Name stammt aus einer hebräischen Überlieferung und bedeutet soviel wie „das Licht Gottes“.

Uriel wird zu den Seraphim gezählt. Das sind jene Engel, die Gott am nächsten sind. Häufig wird er auch mit Phanuel gleichgesetzt, im Buch Henoch findet sich jedoch eine klare Unterscheidung.

Erzengel Uriel
Darstellung des Erzengels Uriel in der St John’s Church in Wiltshire in England (Urheber: James Powell / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Über den Erzengel Uriel finden sich darüber hinaus beispielsweise im Buch Esra Erwähnungen. Dort wird er zum Offenbarer der Apokalypse:

„Und es antwortete mir der Engel, der zu mir gesandt war, dessen Name Uriel war, und er sprach zu mir: ‚Dein Herz hat sich über diese Welt entsetzt, und du überlegst, den Weg des Höchsten zu begreifen?‘ Und ich sagte: ‚Ja, mein Herr.‘ Und er antwortete mir und sprach: ‚Ich bin gesandt worden, um dir drei Wege zu zeigen und um dir drei Gleichnisse vorzulegen. Wenn du mir eins von ihnen deutest, dann werde ich dir den Weg zeigen, den du zusehen wünschst und dich belehren, warum das Herz böse ist.'“ (Esra 4,1-4)

Uriel wird jedoch in keiner kanonischen Schrift der römischen Kirche explizit bennant. Bei den jeweiligen Texten handelt es sich um sogenannte Apokryphen.

„Da blickten Michael, Uriel, Raphael und Gabriel, vom Himmel herab und sahen das viele Blut, welches auf Erden vergossen wurde und alle das Unrecht, das auf Erden geschah.“ (Hen 8,1-2)

Dennoch wurde Uriel beispielsweise von Gregor dem Großen um 600 noch als Erzengel verehrt. Im Rahmen von kirchlichen Maßnahmen gegen expandierende Engelkulte im Christentum wurde Uriel unter Papst Zacharias auf einem Konzil im Jahr 745 die kanonische Anerkennung schließlich jedoch entzogen.

Im Laufe des Mittelalters gab es einige Versuche der Rehabilitierung des Engels. Seine Fürsprecher im Klerus konnten sich jedoch nicht durchsetzen. In den östlichen Kirchen hatte Uriel als Erzengel jedoch durchweg eine starke Stellung.

„Wir verehren Uriel, als vierten unter den Engeln.“ (Eulogium)

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde Uriel in römisch-katholischen Sakralbauten wieder vermehrt dargestellt. Dabei gibt es sowohl Abbildungen von ihm alleine wie auch in Gruppen von Engeln.

An Attributen verfügt Uriel häufig über ein Schwert oder er hat ein Licht beziehungsweise Feuer in der Hand. Außerdem wird er gerne in ein rotes Gewand gekleidet.

Uriel in den abrahamitischen Religionen

Das Judentum, Christentum und der Islam sehen ihre Abstammung in „Adam“, dem ersten Menschen. Darüber hinaus haben die drei abrahamitischen Religionen den Glauben an Engel gemein und beziehen sich dabei teilweise sogar auf dieselben Texte.

Judentum – rabbinische Schrifte

Uriel taucht namentlich auch in einer Reihe von weniger bekannten Apokryphen des Judentums auf und nicht nur in den Büchern von Esra und Henoch. In diesen nicht offiziell anerkannten Texten bewacht der Engel sowohl das Tor der Unterwelt wie auch des Paradieses.

„Dies sind die Namen der heiligen Engel, welche wachen: Uriel ist einer der heiligen Engel, nämlich der über das Engelheer und den Tartarus gesetzte Engel.“ (Oracula Sibyllina)

Die Führung der himmlischen Heerscharen und die Bewachung des Tores zum Paradies wird in der jüdisch-christlichen Tradition jedoch in der Regel nicht Uriel, sondern dem Erzengel Michael zugeschrieben.

In anderen Apokryphen wird Uriel auch als Schutzengel von Elisabeth und ihrem Sohn Johannes dem Täufer während der Flucht in die Wüste beschrieben.

Christentum – verbotene Engelkulte

Das Christentum hat ein ambivalentes Verhältnis zu Engeln. Einerseits gehören sie fest zur Glaubenslehre und tauchen auch in kanonischen Schriften wie der Offenbarung des Apostels Johannes vielfach auf.

Erzengel Uriel Fensterbild
Erzengel Uriel – Fensterbild in der Chester Cathedral (Foto: William Starkey / CC-BY-SA 2.0)

Andererseits ist damit zwar die Verehrung von Engeln geboten, eine Anbetung ist jedoch explizit verboten, weil dies nur Gott zusteht.

Diese feine Differenzierung der offiziellen Lehre ist der breiten Bevölkerung jedoch häufig gar nicht so bewusst.

Außerdem bietet der Glaube an Engel den einfachen Leuten die Möglichkeit, das monotheistische Christentum mit dem spirituellen Bedarf an persönlichen Hausgöttern zu kombinieren.

Die Verfechter der reinen Lehre im Christentum kämpfen deshalb spätestens seit der Synode von Laodicea in der Mitte des 4. Jahrhunderts mit Nachdruck gegen die „Engelkulte“.

In einem später explizit verbotenen Gebet von Adalbert wurden beispielsweise acht Engeln angerufen: Uriel, Raguel, Tubuel, Michael, Inias, Tubuas, Sabaol und Simiel.

Hinsichtlich Uriel legte dann ein Konzil in der Mitte des 8. Jahrhunderts unter Papst Zacharias fest, dass nur die in den kanonischen Schriften genannten drei Erzengel verehrt werden dürfen:

  1. Erzengel Michael
  2. Erzengel Gabriel
  3. Erzengel Raphael

Auf diesem Konzil wurde neben der Anrufung und Verehrung von Uriel auch die unbotmäßige Hinwendung zu weiteren Engel als Häresie verboten. Eine oftmals unterstellte Dämonisierung von Engeln durch die römische Kirche unter Papst Zacharias ist jedoch nicht belegt.

Islam – Zuordnung zu Israfil

Der Islam kennt ebenfalls vier Erzengel, deren Verehrung zum Kern der Glaubenslehre gehört. Neben großen Ähnlichkeiten gibt es jedoch auch verschiedene Rollen in den unterschiedlichen Religionen. Deswegen ist es eher eine Zuordnung der jüdisch-christlichen und der islamischen Engel als eine Gleichsetzung.

Erzengel Israfil
Isrāfīl gilt als islamische Entsprechung des jüdisch-christlichen Erzengels Uriel. (Maler: Zakariya al-Qazwini / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Dschibril entspricht dabei Gabriel und Mikhail entspricht Michael. Uriel hingegen wird zusammen mit Raphael dem islamischen Israfil zugeordnet.

Der Name Israfil bedeutet: „der Brennende“. Er wird im Koran zwar nicht explizit erwähnt. Der Legende nach soll er jedoch Mohammed zunächst drei Jahre lang vorbereitet haben, bevor dieser das Wort Gottes erfuhr.

Israfil beziehungsweise Uriel hat die besondere Aufgabe, mit einem zweimaligen Stoß in seine Posaune die Endzeit einzuläuten. Beim ersten Ton sterben alle Wesen, beim zweiten Mal erheben sie sich wieder, um vor das jüngste Gericht zu treten.

„Und es wird ins Horn geblasen, und da bricht zusammen, wie vom Donnerschlag getroffen, wer in den Himmeln und wer auf der Erde ist, außer wem Allah will. Hierauf wird ein weiteres Mal hineingeblasen, da stehen sie sogleich auf und schauen hin.“ (Sure 39:68)

Uriel als Erzengel in den Apokryphen

Nennung im Buch Henoch

Das Buch Henoch ist eine Pseudepigraphie des Alten Testamentes. Das Werk ist eine Sammlung von apokalyptischen Texten, deren Entstehung wohl bis ins 3. Jahrhundert v. Christus zurückgeht.

Damit ist das Henochbuch sogar die älteste überlieferte Schrift über die Endzeit in den abrahamitischen Religionen. Die Sammlung wurde in großen Teilen in der aramäischen Ausgangssprache in den Höhlen von Qumran gefunden.

Den Protagonisten Henoch kennt man aus dem Buch Mose. Er gehörte zur siebten Generation nach Adam, dem ersten Menschen:

„Und Jered lebte 162 Jahre und zeugte Henoch […] Und Henoch wandelte mit Gott; und er war nicht mehr da, denn Gott nahm ihn hinweg.“ (1. Mose 5,18-24)

Als Prophet erhält Henoch eine Vision vom jüngsten Gericht. Dieses beginnt nach der Einleitung mit einer Geschichte von Engeln unter der Führung von Samyaza, die sich auf der Erde Frauen nahmen.

So wurden riesenhafte Nephilim gezeugt, die die Erde verheerten. Uriel wird dabei zu den vier Erzengeln gezählt, die das Chaos mit Trauer verfolgten.

„Da blickten Michael, Uriel, Raphael und Gabriel, vom Himmel herab und sahen das viele Blut, welches auf Erden vergossen wurde und alle das Unrecht, das auf Erden geschah.“ (Hen 8,1-2)

Im Henochbuch erhob sich daraufhin der Zorn Gottes. Die Bekämpfung der riesenhaften Nephilim wurde so zum Grund für die Sintflut.

Die gefallenen Engel hingegen wurden bis zum jüngsten Tag verbannt. Dann sollen sie nach Henoch in jenen Feuersee geworfen werden, der später von Apostel Johannes in seiner Offenbarung als Motiv wieder aufgegriffen wurde.

Bedeutung im 4. Buch Esra

Das 4. Buch Esra entstand wohl um 100 n. Christus. Es handelt sich dabei um eine jüdische Vision der Apokalypse, die in eine christianisierte Version verwandelt wurde. Man darf den Text jedoch nicht mit der Esra-Apokalypse aus der altäthiopischen Bibel verwechseln.

Dieser apokryphe Text wurde ursprünglich wahrscheinlich in Hebräisch verfasst und dann ins Griechische übersetzt sowie in die Septuaginta aufgenommen. So fand das 4. Buch Esra schließlich auch Eingang in die lateinische Vulgata.

Vespasian Büste
Kaiser Vespasian (Fotograf: Sailko von Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0)

Die Schrift ist als Dialog zwischen dem Seher Esra und dem Erzengel Uriel aufgebaut. Die erzählerische Datierung wird auf das 30. Jahr nach der Zerstörung des ersten Tempels von Jerusalem durch die Babylonier im Jahr 586 v. Christus gesetzt.

„Und es antwortete mir der Engel, welcher zu mir gesandt, mit Namen Uriel.“ (4. Esra 4,1)

Im weiteren Verlauf des Textes wird jedoch ersichtlich, dass sich die Ereignisse auf die Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem im Jahr 70 n. Christus durch die Römer unter der Herrschaft von Kaiser Vespasian beziehen.

Im Gespräch mit dem Erzengel Uriel erlebt Esra dann sieben Visionen. Diese beziehen sich zunächst auf die Zerstörung des Tempels und auf kommende Ereignisse.

Entscheidend ist jedoch die siebte Vision mit einem Arbeitsauftrag: Esra soll die 24 öffentlichen Schriften des Tanach sowie 70 geheime Schriften über die Endzeit verfassen.

Doch in dem Buch wird auch beschrieben, wie Uriel dem Seher Esra eine Fastenzeit von sieben Tagen auferlegt. Deshalb gilt er auch als ein Engel der Buße und Strafe.

Spätere Nennungen von Uriel

Uriel wird jedoch nicht nur in apokryphen Texten, sondern auch in theologischen Schriften diskutiert. In der Spätantike und dem frühen Mittelalter befassten sich noch führende Denker der Kirche mit seiner Rolle.

Ambrosius von Mailand

Der Kirchenvater Ambrosius von Mailand befasste sich im 4. Jahrhundert ebenfalls mit Uriel als Erzengel. In der Schrift de fide – Über den Glauben – geht er beispielsweise namentlich auf ihn ein:

„Nicht stirbt Gabriel, nicht stirbt Raphael, nicht stirbt Uriel.“

Isidor von Sevilla

Isidor war Bischof von Sevilla um 600. Er war Vorsitzender einer Synode sowie eines Reichskonzils und verfasste zahlreiche Schriften. Er gilt als „markanter Schlussstein der lateinischen Antike“.

Isidor von Sevilla führte Uriel noch als vierten Erzengel auf und schrieb ihm eine weitere Szene in der Bibel zu. Er soll das Feuer im Dornbusch gewesen sein, der nicht verzehrt wurde.

Mit der Anerkennung von Uriel lag Isidor von Sevilla im Trend der Zeit. Auch der zeitgenössische Papst Gregor der Große zählte ihn noch zu den Engelsfürsten.

Beda Venerabilis

Beda Venerabilis war ein angelsächsischer Benediktiner um 700. Er wird in den meisten christlichen Kirchen als Heiliger verehrt.

Bis heute existiert ein Gebet zur Anrufung von Uriel als Schutzengel aus seiner Feder. Die Quelle ist in der englische Nationalbibliothek archiviert.