Deutscher Adel

Deutscher Adel und seine Geschichte

Die Geschichte des deutschen Adels geht zurück bis auf die „Tischgenossen des Königs“ im fränkischen Reich der Merowinger. Mit der Lex Salica wurde während der Herrschaft von Chlodwig I. um 500 n. Christus eine Sammlung von Gesetzen erlassen, die den Status dieser elitären Klasse schriftlich fixierte. Zu dieser Zeit bestand die Gesellschaft aus drei Schichten – die Adeligen, die Freien und die Sklaven:

Beispiel für deutschen Adel: Wappen der Edlen von Reinöhl
Wappen der Edlen von Reinöhl (Bild-Link)

nobiles et liberi et servi

Zur Oberschicht des fränkischen Reiches wurden jedoch auch die christlichen Bischöfe und die Großgrundbesitzer gezählt. Die Bevorzugung dieser Klasse drückte sich im Germanischen Stammesrecht beispielsweise bei strafrechtlichen Bestimmungen aus.

Der germanische Adel war aus dem Stand der Edelfreien hervorgegangen. Das war ein landrechtlicher Stand, der nicht von einem Lehen durch einen König abhängig war. Das heißt, sie verfügten über nennenswertes Eigengut, den sogenannten Allodialbesitz.

In der Lex Baiuvariorum aus dem frühen Mittelalter formulierten die Herzöge der Agilolfinger den ersten belegten Anspruch auf die Erblichkeit der Adelstitel. Ein solches Erbrecht wurde vom karolingischen Königshaus übernommen und verbreitete sich so im ganzen Reich.

Dennoch war die soziale Mobilität noch sehr hoch. Freie konnten nach wie vor relativ einfach in den Adelsstand aufsteigen.

Als Karl der Große zur Durchsetzung seiner Herrschaft ein System von Grafen installierte, setzte sich die Trennung zwischen niederem und hohem Adel durch. Nach der endgültigen Teilung des Reiches im Jahr 843 wurden große Adelsgeschlechter mit eigenen Erblanden zu den tragenden Machtfaktoren.

Aus dem ost-fränkischen Teil ging das Heilige Römische Reich hervor und bot bis 1806 einen staatlichen Rahmen. Die Besetzung der Rolle als deutscher König und Kaiser wurde bis ins 19. Jahrhundert dann von vier großen Adelsgeschlechtern dominiert.

Unterhalb der Reichsebene gab es jedoch zahlreiche weitere Adelsfamilien, die teils sehr bedeutende Machtfaktoren darstellten. Besonders bekannte Beispiele sind große Familien wie die Askanier, die Burgunder, die Herren von Eppstein, die Welfen, die Wettiner oder die Wittelsbacher.

Uradel aus dem Frühen und Hohen Mittelalter

Der Begriff Uradel bezeichnet jene Geschlechter, die nachweislich spätestens im Jahr 1400 dem ritterbürtigen Adel angehörten. Das heißt, dass die Familie zu dieser Zeit bereits drei Generationen aus dem Stand der Ritter vorweisen konnte.

Der Braunschweiger Löwe wurde 1166 von Heinrich dem Löwen aufgestellt.
Der Braunschweiger Löwe – Welfisches Symbol der Macht des deutschen Adels (pixabay)

Die ältesten noch existierenden deutschen Adelsgeschlechter sind die Welfen und die Reginaren. Zugleich gehören diese Häuser zu den wenigen Ausnahmen, die bereits vor dem Jahr 1000 einwandfrei nachweisbar waren.

Vom Uradel spricht man nach Meinung der Österreicher jedoch nur in Deutschland. Dies soll auf eine Prägung der Begrifflichkeit durch preußische Herolde zurückgehen. Sie selbst reden eher vom Alten Adel.

Die Adelshandbücher unterscheiden dabei zwischen adeligen, freiherrlichen, gräflichen und fürstlichen Geschlechtern. Die fürstlichen Häuser stellten dabei den Hohen Adel dar und bildeten die deutsche Aristokratie. Das heißt, dass sie nicht nur einer Verwaltungseinheit vorstanden, sondern eigenständige Politik betreiben konnten.

Entstehung des ritterlichen Schwertadels

Die alten Adelsgeschlechter aus den Zeiten der Merowinger und der Karolinger wurden unter dem Ansturm der Wikinger, Ungarn und Sarazenen ab dem Jahr 800 jedoch durch eine neue Klasse verdrängt. Mit dem wehrhaften Schwertadel entstand eine neue Kaste, die sich um den Schutz der Bauern vor Überfällen bemühte.

Nach der Abwehr der äußeren Bedrohungen durch Könige wie Otto dem Großen in der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955 brachen jedoch Konflikte zwischen diesen Rittern aus. Deshalb entwickelte sich unter dem frühen deutschen Adel ein System von gegenseitigen Schutz- und Treue-Bündnissen.

Vom Vasallen zum Lehensmann

Bereits im frühen Mittelalter vom 5. bis zum 7. Jahrhundert schlossen sich Edelfreie als Gefolgsleute ihren Herren an. Im Gegenzug für Schutz musste ein solcher Vasall eine bestimmte Anzahl an Kämpfern stellen und den Dienstherren im Krieg unterstützen. Das Wort kommt vom Lateinischen „Vassus“ und bedeutet „Knecht“.

Ab dem 8. Jahrhundert entwickelte sich der Feudalismus als neues Gesellschaftssystem. Die persönliche Verpflichtung des Vasallen gegenüber seinem Herren blieb zwar erhalten. Doch nun wurde die Beziehung um wirtschaftliche Dimensionen erweitert.

Es entstand das „Lehenswesen“ in dessen Rahmen der Untergebene nun auch zu finanziellen Abgaben verpflichtet war. Im Gegenzug aber konnten die Lehensherren jedoch auch besonders einträgliche Territorien an ihre Favoriten vergeben.

Mit der Entwicklung vom Vasallentum hin zum Lehenswesen nahm die Komplexität der Beziehungen zwischen dem deutschen König und seinen Edelmännern deshalb deutlich zu. Entscheidend für die real-politische Situation war meist der Anteil an Eigengut (Allodialbesitz) am Vermögen eines Adeligen.

Beispielsweise entzog Kaiser Barbarossa dem rebellischen Heinrich dem Löwen schließlich seine Lehen. Damit war der welfische Herzog von Bayern und Sachsen weitgehend entmachtet. Er konnte anschließend nie wieder eine machtvolle Opposition darstellen.

Ehen zur linken und zur rechten Hand

Das germanische Erbrecht sah die Weitergabe von Eigengut an alle männlichen Nachkommen vor. Mit der wachsenden Bedeutung der Erblichkeit von Adelstiteln rückte auch die Abstammung der Ehefrau in den Fokus. Die Hypergamie, die „Hinaufheirat“, wurde als morganatische Ehe bezeichnet und brachte rechtliche Probleme mit sich:

  • Eine Ehe zur linken Hand bezeichnete die Trauung eines adeligen Mannes mit einer Frau, die einen niederen Stand hatte. Dies bedeutete, dass die Dame als Witwe ihres Gatten nicht zur späteren Erbin werden konnte. Dieser „Makel“ wurde auch an gemeinsame Kinder übertragen. Zur Absicherung der Ehefrau musste deshalb ein Ehevertrag geschlossen werden.
  • Eine Ehe zur rechten Hand hingegen bezeichnet die Trauung mit einer Frau, die nach preußischem Landrecht zumindest aus dem Stand der Bürger kam.

In der Geschichte kam es jedoch immer wieder vor, dass insbesondere Monarchen eine Dame zunächst nobilitiert und erst dann geheiratet haben. Das heißt, die Frau erhielt einen passenden Adelstitel, beispielsweise auch um Erben zeugen zu können.

Die Rechtsform der „nicht standesgemäßen Ehe“ wurde in Deutschland erst 1919 mit dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung aufgehoben. Ausgenommen von solchen Regelungen waren jedoch natürlich die nicht-erbbaren Adelstitel aus dem Amts- oder aus dem Ordensadel.

Große des Reichs und deutsche Königswahl

Im Heiligen Römischen Reich hatte sich bereits mit der Wahl von Konrad I. aus dem fränkischen Geschlecht der Konradiner am 10. November 911 eine bedeutende Tradition entwickelten. Die „Großen des Reiches“ wählten den deutschen König.

Die erste Wahlversammlung bestand aus adligen Vertretern der Alemannen, Bayern und Sachsen. Seit der Goldenen Bulle, einer kaiserlichen Urkunde von 1356, war nur noch eine begrenzte Zahl an Kurfürsten wahlberechtigt. Die Bezeichnung geht auf das mittelhochdeutsche Wort „kur“ zurück und bedeutet „Wahl“.

Zu diesen Kreis an Kurfürsten zählten die Oberhirten der drei mächtigsten Bistümer in Deutschland:

  1. Erzbischof von Mainz
  2. Erzbischof von Köln
  3. Erzbischof von Trier

Des Weiteren waren vier weltliche Kurfürsten teil dieses Wahlgremiums:

  1. König von Böhmen
  2. Pfalzgraf bei Rhein
  3. Kurfürst von Sachsen
  4. Markgraf von Brandenburg

In der Neuzeit kamen zeitweise noch zwei weitere Fürsten hinzu:

  1. Herzog von Bayern
  2. Herzog von Braunschweig-Lüneburg

Im Rahmen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 kam es zu weiteren Änderungen der Besetzung der Kurfürsten. Zuletzt gehörten zehn Vertreter des deutschen Adels zu den Wahlberechtigten.

Der traditionelle Ort der Wahl des deutschen Königs durch den Adel war Frankfurt am Main. Alternativ fanden im Laufe der Jahrhunderte jedoch auch Königswahlen beispielsweise in Augsburg oder in Regensburg statt.

Deutscher Adel in der Neuzeit

Der Adel stellte spätestens seit dem Beginn der Neuzeit die tatsächliche Macht und Gewalt im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation dar. Das Großreich litt unter einer imperialen Überdehnung und konnte durch die Kaiser kaum gesteuert werden.

Den Reformversuchen begegneten die Fürsten mit größtem Argwohn, weil dies ihre Macht bedroht hätte. Sehr problematisch war, dass die Zentralgewalt in der Frühen Neuzeit keine einheitlichen Steuern gegen den Willen der deutschen Adligen im Reich durchsetzen konnte.

Das Reich war deshalb schließlich auch ein leichtes Opfer für Napoleon Bonaparte. Erst nach den Einigungskriegen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte die Reichsebene wieder eine handlungsfähige Organisationsform dar. Der deutsche Adel stellte in dieser Phase jedoch immer noch zahlreiche Politiker und die größten Teile des Offizierskorps.

Aufhebung der Rechte in der Weimarer Republik

Kaiser Wilhelm II. aus dem Geschlecht der preußischen Hohenzollern führte das Deutsche Reich im Jahr 1914 jedoch in den Ersten Weltkrieg. Nach der dann folgenden Niederlage kamen demokratische Kräfte an die Macht.

Damit wurde die Monarchie und in diesem Zug auch die Aristokratie in Deutschland endgültig gestürzt. Der Kaiser musste schon 1918 abdanken. Die deutschen Adligen verloren ihre Privilegien mit dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung am 14. August 1919.

Burg Hohenzollern - Stammsitz des alten deutschen Adelsgeschlechts
Burg Hohenzollern – Stammsitz des Adelsgeschlechts (pixabay)

Zum Zeitpunkt der Aberkennung der Adelsvorrechte gehörten etwa 60.000 Personen diesem Stand an. Diese machten etwa 0,1 % der Bevölkerung aus.

Ab dem Jahr 1920 wurden auf der Ebene der deutschen Länder weitergehende „Adelsgesetze“ erlassen. Diese betrafen insbesondere die Auflösung des Vermögens. Ererbtes Vermögen durfte jedoch behalten werden. Des Weiteren wurde geregelt, dass der Adelstitel nun Teil des bürgerlichen Nachnamens wurde.

Adel im Nationalsozialismus

Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus verbanden viele Angehörige des deutschen Adels die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der alten Ordnung. Die einstmals so mächtige Klasse gab jedoch kein einheitliches Bild ab. Vor allem der katholisch geprägte Adel stand der neuen Ideologie kritisch gegenüber.

Dennoch versuchten die Nazis den deutschen Adel und seine Anhänger zu umgarnen. Der völkisch-rassistische „Ariernachweis“ orientierte sich beispielsweise an dem ur-alten Nachweisprinzip des Adels.

Dieser Ariernachweis war bereits 1918 vom Deutschen Adelsrechtsausschuss eingeführt worden. Die geistige Tradition des reinen Blutes wurde von führenden Rassetheoretikern aus dem Adelsstand fortgeführt. Ein bedeutendes Beispiel war Egon Freiherr von Eickstedt, der die „rassendiagnostische Formel“ der Nürnberger Gesetze entwickelte.

Des Weiteren wird manchen Vertretern des deutschen Adels wie dem SA-Gruppenführer August Wilhelm Prinz von Preußen aus dem Geschlecht der Hohenzollern vorgeworfen, sie hätten sich um die Salonfähigkeit der Nationalsozialisten in konservativen Kreisen bemüht. Diese Etablierung in der feinen Gesellschaft gilt als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur späteren Machtergreifung von Adolf Hitler. Dabei handelten die deutsche Adeligen jedoch sehr naiv:

„Der Rassismus, die Lehre vom Herrenmenschen, beinhaltet einmal natürlich die Verachtung der anderen, der sogenannten Untermenschen. Aber für die Herrenmenschen selber bedeutet es nämlich etwas ganz anderes. Es bedeutet mehr soziale Gleichheit nach innen. Wenn man sagt, weil man deutsch-blütig ist, gehört man zu den Herrenmenschen, dann wird der Unterschied zwischen den Krupps und den Krauses sehr viel geringer.“

(Dr. Götz Aly – Historiker und Politikwissenschaftler)

Dem stehen Angehörige des deutschen Adels gegenüber, die sich im Widerstand gegen Hitler engagierten. Der bekannteste Vertreter war Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinem Attentat vom 20. Juli 1940 im Führerhauptquartier.

Adelstitel, Adelsprädikate und Rangstufen

In Deutschland gab es über die Trennung zwischen niederem und hohem Adel hinaus noch zahlreiche Rangstufen. Darüber hinaus konnten auch Adelsprädikate verliehen werden, die einen Namenszusatz darstellen. Die Dokumentation wurde in besonderen Verzeichnissen geführt, den Adelsmatrikeln.

  1. Ein Landmann war ein untitulierter Angehöriger des Adels in Deutschland. Solche Personen wurden ohne weitere Bezeichnung in ihrer entsprechenden Kategorie in der Adelsmatrikel eines Landes geführt.
  2. Ein Edelherr oder auch nur Edler war ein Adelsprädikat. Dieser Namenszusatz konnte zusätzlich zu einer Nobilitierung erbeten werden und wurde besonders häufig vom „Systemadel“ geführt.
  3. Ein Ritter gehörte ursprünglich zu den wehrhaften und schwer gerüsteten Kriegern zu Pferd im Mittelalter. Sie bildeten die breite Masse des niederen Adels und lebten meist von den Einkünften aus dem Feudalsystem.
  4. Ein Freiherr oder auch Baron befand sich auf der niedrigsten Stufe des titulierten Adels, gehörte aber innerhalb der Standesschranken noch zum niederen Adel.
  5. Ein Graf war ursprünglich ein königlicher Amtsträger und übte dessen Hoheitsrechte aus. Dazu gehörten die Wehrhoheit und Gerichtsbarkeit, später auch die Finanz- und Verwaltungshoheit in ihrem Bezirk.
  6. Ein Fürst verfügte über ein definiertes Herrschaftsgebiet. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts war dies ein vererbbarer Herrschertitel des deutschen Hochadels.
  7. Der Markgraf war ein temporärer Titel vom 8. bis zum 11. Jahrhundert. Die Entstehung war der besonderen Bedrohungslage in dieser Zeit geschuldet. Ein solcher Adliger gehörte zu den Reichsfürsten und war für ein bestimmtes Grenzgebiet verantwortlich.
  8. Der Landgraf war ebenfalls ein Reichsfürst und einem Herzog faktisch gleichgestellt. Landgrafschaften waren in der Regel politische Konstrukte, um den Einfluss der Stammesherzoge zurückzudrängen wie beispielsweise im Fall der Landgrafen von Thüringen.
  9. Ein Pfalzgraf war ursprünglich ebenfalls ein Vertreter des Königs und stand einem Hofgericht vor. Das Amt hatte jedoch nur eine temporäre Bedeutung mit Ausnahme des Pfalzgrafen bei Rhein. Dieser wurde im Spätmittelalter in den Stand eines Reichsfürsten erhoben und erhielt die Kurwürde.
  10. Ein Herzog war ursprünglich ein germanischer Heerführer wie man sie mit Arminius und Marbod schon in der römischen Antike kannte. Im Laufe des Mittelalters wurden die alten Stammesherzogtümer in Lehen umgewandelt. In der Folge verwandelten sich zahlreiche Herzogtümer in zerrissene Flickenteppiche.
  11. Ein Großherzog bildete eine Zwischenstufe zwischen Herzog und König. Der Titel geht auf eine italienische Tradition aus dem 16. Jahrhundert zurück. Der Titel kam erst mit Napoleon nach Deutschland, als beispielsweise der Hochstift Würzburg säkularisiert und durch das Großherzogtum Würzburg ersetzt wurde.
  12. Der Erzherzog war von 1453 bis 1918 der Titel des Herrschers über Österreich. Dieser Adelstitel stellte eine sprachliche Anpassung an die Kurfürsten dar, die auch als Erzfürsten bezeichnet wurden.
  13. Ein Kurfürst war einer der ursprünglich sieben Vertreter des hohen Adels, die bei einer Wahl des deutschen Königs stimmberechtigt waren.