Lenin

Wladimir Iljitsch Uljanow – Lenin

Der später als „Lenin“ bekannt gewordene Anführer der Bolschewisten wurde als Wladimir Iljitsch Uljanow am 22. April 1870 in Simbirsk geboren. Die Stadt liegt an der Wolga etwa 800 Kilometer östlich von Moskau.

„Man beurteilt einen Menschen nicht danach, was er über sich spricht und denkt, sondern nach seinen Taten.“ (Lenin)

Er kam aus einer intellektuellen Familie, die mit dem älteren Bruder Alexander Uljanow einen weiteren Sozialrevolutionär hervor brachte.

Foto von Lenin aus dem Juli 1920 (gemeinfrei)

Lenin interessierte sich wie schon sein Bruder bereits in jungen Jahren für die Theorien von Karl Marx sowie deren Adaption auf die russischen Verhältnisse. Dieses gedankliche Gemenge wurde im nachhinein als Marxismus-Leninismus bezeichnet.

Lenin wurde in den 1890er Jahren politisch aktiv. Er baute sich mit einschlägigen Publikationen in revolutionären Kreisen ein Image auf.

Darin skizzierte er eine straff organisierte Partei aus Berufsrevolutionären und bildete damit einen fundamentalen Gegenpol zur liberalen Linken mit ihren basisdemokratischen Vorstellungen.

Im Zuge der Russischen Revolution von 1905 fand Lenin einen Weg auf die große Bühne. In dieser Zeit entstand auch der persönliche Kontakt zu Leo Trotzki, der für die Frühphase des russischen Kommunismus ebenfalls sehr prägend war.

1917 war Lenin dann der Anführer der stärksten Strömung innerhalb der extremen Linken. Nach der Abdankung des letzten Kaisers von Russland im Februar des Jahres existierte für einige Monate eine parlamentarische Regierung, bis diese dann von der Oktoberrevolution hinweggefegt wurde.

Zur Sicherung der Macht setzte Lenin anschließend auf den „Roten Terror“, um politische Gegner wortwörtlich auszuschalten. Russland entwickelte sich binnen kurzer Zeit von einem autokratischen zu einem totalitären Staat.

„Die Freiheit ist etwas Wertvolles. So wertvoll, dass man sie nur portionsweise vergeben darf.“ (Lenin)

Die Politik von Lenin wurde jedoch nicht widerstandslos hingenommen. Vielmehr brach schon Anfang des Jahres 1918 ein Bürgerkrieg mit letztlich etwa acht Millionen Toten aus. Die Konsolidierung der kommunistischen Macht forderte von den Russen einen höheren Blutzoll als der Erste Weltkrieg.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges kam es am 30. Dezember 1922 dann zur offiziellen Gründung der Sowjetunion. Jenseits der politischen Systemtransformation griff Lenin aber auch fundamental in die Wirtschaft ein.

Das Ziel der „Neuen Ökonomischen Politik“ war eine dezentral organisierte, aber dennoch verstaatlichte Landwirtschaft und Industrie. Parallel vernichteten die Kommunisten den Wert des Geldes sehr gezielt mit einer Hyperinflation: Sie druckten einfach ohne Ende neue Scheine.

Doch entgegen der Wünsche von Lenin entwickelte sich die kommunistische Partei während seiner Zeit zu einem bürokratischen Monster. Deshalb konnte sich letztlich gegen seinen Wunsch der oberste Apparatschik Josef Stalin als Nachfolger durchsetzen. Er führte Russland in eine noch dunklere Episode.

Lenins Hintergrund & Anfänge

Lenin stammte aus einer wohlsituierten Familie. Die Mutter kam aus Deutschland. Der Vater war Mathematik- und Physiklehrer, der als Inspekteur für Schulen arbeitete und dafür in den niederen Adelsstand erhoben wurde.

Narodniki & Narodnaja Wolja

Mit Alexander Uljanow hatte Lenin einen älteren Bruder, der in Sankt Petersburg studierte. Dort schloss er sich der Narodnaja Wolja an. Das war der terroristische Flügel der Narodniki, zu denen beispielsweise auch der Anarchist Michail Bakunin zählte.

Bei diesen „Volksfreunden“ handelte es sich um eine sozialrevolutionäre Organisation. Sie wollten das politische sowie wirtschaftliche System ändern und dabei vor allem den Grundbesitz umverteilen.

Weitere Ziele waren freie Wahlen, Meinungs- und Pressefreiheit sowie eine Verfassung. Damit standen sie im fundamentalen Widerspruch zur autokratischen Herrschaft der regierenden Romanows.

Attentate auf die Romanows

Die Spannungen in Russland waren schon lange sehr aufgeladen. Bereits 1879 wollten Nihilisten den Zug von Kaiser Alexander II. in die Luft jagen. Doch der Narodnaja Wolja gelang am 13. März 1881 der große Coup.

Kaiser Alexander II.
Kaiser Alexander II. von Russland im Jahr 1881 (gemeinfrei)

Sie ermordeten Alexander II. mit dem ersten dann auch erfolgreichen Sprengstoffanschlag der Geschichte. Die Attentäter spähten zunächst eine Route des Kaisers aus. Bei der nächsten Gelegenheit warfen sie dann eine Granate in dessen offenen Schlitten.

Die Explosion der ersten Granate überstand der Kaiser unverletzt und verließ das Gefährt. Dann landete jedoch eine zweite Granate direkt vor seinen Füßen. Alexander II. erlitt dabei so schwere Verletzungen, dass er noch am selben Tag verstarb.

Die Geschichte entbehrt nicht einer gewissen Tragik, weil Alexander II. für einen Romanow sehr liberal und reformorientiert war. Er hob beispielsweise die Leibeigenschaft tatsächlich auf, was seit Katharina der Großen stets nur ein Lippenbekenntnis gewesen war.

Allerdings lag auch über dieser Bauernbefreiung von 1861 ein Schatten. Leibeigene mussten sich nämlich zunächst von den Landherren freikaufen, so dass sie dann zwar frei, aber häufig hoch verschuldet waren.

Nach dem Tod von Alexander II. übernahm mit Kaiser Alexander III. erneut ein reaktionärer Despot den Thron. Diesen wollte nun der ältere Bruder von Lenin ermorden.

Doch Alexander Uljanow erwischte man beim Ausspähen des Ziels. Er wurde auf die Festung Schlüsselburg bei Sankt Petersburg gebracht und dort im Jahr 1887 gehängt.

Interpretation des Marxismus

Lenin war schon früh ein sehr großer Anhänger von Karl Marx. Die Leidenschaft hatte er vielleicht von seinem Bruder Alexander Uljanow übernommen. Der hatte kurz vor seiner Verhaftung noch die „Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie“ übersetzt.

„Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren lässt.“ (Lenin)

Lenin kam zur Überzeugung, dass die prophezeite Revolution des Proletariats auch in Russland unmittelbar bevorstand. Deswegen begrüßte er beispielsweise die Hungersnot von 1891 als einen Katalysator hin zum Sozialismus.

Verhaftung, Verbannung, Exil

1893 begab sich Lenin auf Auslandsreise und verbrachte erstmals einige Zeit in Deutschland. Zwei Jahre später kehrte er nach Russland zurück und wurde nach wenigen Monaten wegen seiner Arbeit für eine illegale Zeitung verhaftet.

Nach 14 Monaten in Haft folgte Februar 1897 die Verbannung nach Sibirien. Dort lebte Lenin für drei Jahre unter polizeilicher Aufsicht und heiratete Nadeschda Krupskaja.

Lenin Foto
Foto von Lenin aus dem Jahr 1900 (gemeinfrei)

Im Anschluss an seine Verbannung wollte Lenin erneut eine Zeitung herausgeben. Wegen der Zensur in Russland verließ er das Land jedoch im Sommer 1900 und zog zunächst nach Genf.

Es folgte ein weiterer Umzug nach Schwabing, wo er illegal unter dem Decknamen „Mayer“ lebte. Dort publizierte Lenin verdeckt eine Zeitung mit dem Namen „Morgenröte“.

1902 veröffentlichte er dann erstmals unter dem heute so bekannten Namen „Lenin“. Inhaltlich sorgte das in linksextremen Kreisen für großes Aufsehen, weil er eine disziplinierte Arbeiterpartei aus Berufsrevolutionären skizzierte. In jenem Herbst lebte auch Leo Trotzki eine Weile bei ihm.

Mit seinem zentralistischen Ansatz knüpfte Lenin an die Narodniki an. Zugleich war es ein fundamentaler Gegenentwurf zu den basisdemokratischen Vorstellungen der Linksliberalen.

„Ohne Klassenbewusstsein und ohne Organisiertheit der Massen, ohne ihre Schulung und Erziehung durch den offenen Klassenkampf gegen die gesamte Bourgeoisie kann von der sozialistischen Revolution keine Rede sein.“ (Lenin)

1903 konnte Lenin mit seinem Vorstoß die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) auf deren zweiten Parteitag in London faktisch spalten. In Folge einer Abstimmung bezeichnete sich seine Fraktion fortan als „Mehrheit“.

Bis heute kennt man sie unter dem russischen Begriff als „Bolschewiki“. In den nächsten Jahren stand für Lenin dann vor allem die Bekämpfung seiner partei-internen Gegner im Vordergrund. Nur aus taktischen Gründen ging er punktuell Allianzen mit der Minderheit, den „Menschewiki“ ein. Dies führte auch zum vorläufigen Bruch mit Trotzki.

Russische Revolution (1905)

Im Februar 1904 begann der russisch-japanische Krieg. Nach einer Reihe von katastrophalen Niederlagen musste man dem von Theodore Roosevelt vermittelten Frieden von Portsmouth zustimmen. Der amtierende Kaiser Nikolaus II. büßte dabei erheblich an Legitimation für seine autokratische Herrschaft ein.

Petersburger Blutsonntag
Foto von Demonstranten am Petersburger Blutsonntag 1905 (gemeinfrei)

In Russland kam es im Herbst 1905 dann zu einem Generalstreik. Die Arbeiter forderten den Achtstundentag und einen besseren Schutz vor Kündigungen.

Kaiser Nikolaus II. war jedoch anfangs nicht zu Kompromissen bereit. Im Januar des folgenden Jahres kam es deshalb in Sankt Petersburg vor seinem Winterpalais zu schweren Ausschreitungen.

An diesem Petersburger Blutsonntag schossen Soldaten in die Menge. Die Angaben zu den Toten variieren, gehen jedoch von mindestens 130 Personen aus.

In Reaktion auf den blutigen Zwischenfall kam es zu weiteren Protesten von Arbeitern, aber auch von bürgerlicher Seite. Parallel wurden beinahe täglich Großgrundbesitzer angegriffen.

Im Juli meuterten die Matrosen auf dem Panzerkreuzer Potemkin. Dieses Ereignis verarbeitete der Regisseur Sergei Eisenstein später zu einem berühmten Propagandafilm.

Leo Trotzki 1906
Leo Trotzki im Jahr 1906 (gemeinfrei)

Am 26. Oktober 1905 trat dann der erste Arbeiter- und Soldatenrat zusammen, der maßgeblich von Leo Trotzki geprägt wurde. Lenin hielt daraufhin die große Stunde für den Sturz des Kaisers gekommen. Er kehrte aus dem Exil zurück und rief zu weiterem Widerstand auf.

In Reaktion auf die dynamische Situation verabschiedete Kaiser Nikolaus II. bereits wenig später das Oktobermanifest. Darin stellte er bürgerliche Rechte sowie ein bikameralen Parlamentarismus in Aussicht.

Die Duma und der Staatsrat wurden gegründet. Nikolaus II. behielt sich jedoch ein Veto für politische Entscheidungen vor und löste das Parlament mehrfach auf, so dass die realpolitischen Folgen überschaubar blieben.

Die Russische Revolution von 1905 baute deshalb die Spannungen zwischen Ober- und Unterschicht nicht ab. Vielmehr litt die Legitimation von Nikolaus II. ganz erheblich, so dass die Saat für einen neuen Aufstand gelegt war.

Unterstützung durch Deutschland

Lenin musste 1907 vor der Geheimpolizei aus Russland fliehen. Er begab sich zunächst nach Helsinki und reiste dann weiter nach Genf. Im Exil hielt er engen Kontakt zu Bolschewisten und arbeitete weiter an der Spaltung der extremen Linken.

Kaiser Nikolaus II. von Russland
Kaiser Nikolaus II. fotografiert im Jahr 1909. (gemeinfrei)

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges hielt Lenin die aufkommenden Spannungen zwischen den Großmächten für sehr begrüßenswert. Er konnte sich die kommende Eskalation aber nicht vorstellen:

„Ein Krieg zwischen Österreich und Russland wäre für die Revolution sehr nützlich, aber es ist kaum anzunehmen, dass uns Franz Joseph und unser Freund Nikolaus dieses Vergnügen bereiten.“ (Lenin)

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurden die Bolschewisten sowohl in Russland wie auch in Österreich und Deutschland massiv verfolgt. Im späteren Verlauf des Konfliktes entwickelten sie sich jedoch zu einer kreativen Option.

Für Deutschland war Lenin eine interessante Person, um Russland als Kriegsgegner von innen heraus zu destabilisieren. Insgesamt flossen wohl zwischen 20 und 50 Millionen Reichsmark zur Unterstützung von Kommunisten.

Die größten Profiteure waren die Bolschewisten um Lenin. Historiker gehen jedoch nicht davon aus, dass man den Parteiführer als deutschen Agenten bezeichnen kann, weil eine Verhaltensänderung durch Zahlungen nicht erkennbar ist.

Vielmehr hatte man das gemeinsame Interesse, die Monarchie und später die Provisorische Regierung zu stürzen. Zu diesem Zweck ließ man Lenin in einer geheimen Aktion per Zug quer durch Deutschland und dann über Skandinavien bis nach Russland reisen.

Die Unterstützung wurde anschließend fortgeführt. Das Auswärtige Amt beantragte beim Schatzamt noch am 01. April 1917 eine Summe von fünf Millionen Reichsmark zur Verwendung durch Lenin.

Machtergreifung der Kommunisten

Februarrevolution

Der Winter 1916/17 brachte eine Hungersnot über Russland. In Sankt Petersburg kam es zu großen Demonstrationen, die teilweise von Plünderungen begleitet waren.

Die Situation eskalierte in der sogenannten Februarrevolution. Der Name ergab sich aus dem damals in Russland noch geltenden julianischen Kalender.

Nach westlicher beziehungsweise gregorianischer Zeitrechnung begannen die Ereignisse mit einem Generalstreik am 06. März 1917. Schnell wurden erste Arbeiter- und Soldatenräte gewählt, die „Sowjets“.

Nikolaus II. Foto
Letztes Foto von Kaiser Nikolaus II. von Russland aus dem Jahr 1917 (gemeinfrei)

Doch der russische Kaiser Nikolaus II. befahl drei Tage später, den Aufstand zu „liquidieren“. Das Militär und die Polizei waren jedoch kein einheitlicher Block. Während die kaiserliche Garde bereitwillig auf Demonstranten feuerte, verweigerten Einheiten des Petrograder Stadtkommandant den Befehl.

Punktuell kam es sogar zu Attacken von meuternden Soldaten auf systemtreue Polizisten. Parallel zu dem Chaos auf den Straßen emanzipierte sich das russische Parlament unter Führung des Ältestenrates.

Während Kaiser Nikolaus II. vergeblich die Auflösung der Duma verlangte, richtete man dort das Provisorische Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung ein. Am 12. März 1917 tagte dann erstmals ein Arbeiter- und Soldatenrat in Räumen des Parlamentes.

Nikolaus II. ließ über Sankt Petersburg den Belagerungszustand verhängen. Doch ab dem 14. März 1917 kam es auch in Moskau zu Aufständen. Am folgenden Tag wurde die Abdankung des Kaisers beschlossen.

Nikolaus II. unterzeichnete die Urkunde und überließ zunächst seinem Bruder Großfürst Michail den Thron. Dieser wurde jedoch nicht vorab informiert und konnte seine Stellung nicht behaupten.

Damit endete die etwa 1000-jährige Monarchie in Russland. Nikolaus II. und seine Familie wurden im Juli 1918 auf Befehl eines lokalen Sowjets erschossen. Das Zentralkomitee billigte die Entscheidung.

Doch zunächst entstand eine Doppelherrschaft in Russland: In Moskau amtierte fortan die Provisorische Regierung des Parlamentes. Doch in Sankt Petersburg hatte sich unter der Führung von Trotzki der „Petrograder Sowjet“ etabliert.

Juliaufstand

Der erste Ministerpräsident der provisorischen Regierung hieß Georgi Jewgenjewitsch Lwow. Er galt als ausgleichende Persönlichkeit und war damit ein Kandidat des Kompromisses zwischen führenden Strömungen im Parlament.

Kurz und prägnant formulierte Lenin mit seinen Aprilthesen dagegen sein oppositionelles Programm. Er forderte vor allem die Verstaatlichung der Landwirtschaft und Industrie sowie einen bedingungslosen Frieden mit Deutschland.

Alexander Kerenski
Alexander Kerenski führte die zweite Provisorische Regierung. (gemeinfrei)

Lwow scheiterte dann an den Verhandlungen über eine Agrarreform. Der Parlamentarier verlor das Duell um die Sympathien der Bevölkerung gegen den Petrograder Sowjet.

Hinzu kam, dass die Provisorische Regierung für eine Fortsetzung des Ersten Weltkrieges stand. Der Kriegsminister Alexander Kerenski setzte sich sogar für eine nach ihm benannte Offensive ab dem 01. Juli 1917 ein.

Die Folge war ein Generalstreik, Meutereien sowie ein Aufbegehren der Roten Garden. Das war die Miliz der Bolschewisten, die alleine in Sankt Petersburg etwa 20.000 Mann umfasste.

Die großen Demonstrationen waren punktuell von Schießereien begleitet. Innerhalb von wenigen Tagen gab es mehr als 500 Tote. Die Bolschewisten konnten sich im Juli jedoch nicht durchsetzen und verloren dadurch vorläufig sogar an politischem Einfluss.

Die fatale Doppelherrschaft ging damit zu Ende. Eine neue Regierung, nun unter der Führung von Alexander Kerenski, bestimmte für die kommenden Wochen mit Hilfe von Notverordnungen über das politische Geschehen: Eine Wahl und eine verfassungsgebende Versammlung wurden angesetzt.

Septemberputsch

Doch Alexander Kerenski stand nicht nur von links, sondern auch von rechts unter massiven Druck. Im September 1917 kam es dann zu einem Putsch durch den Oberbefehlshaber der Armee General Lawr Kornilow.

General Lawr Kornilow
General Lawr Georgijewitsch Kornilow im Jahr 1916. (gemeinfrei)

Das war sehr peinlich für Kerenski, weil er Kornilow erst wenige Wochen vorher selbst in diese Position befördert hatte. Der General stolperte jedoch über die Details seines ambitionierten Planes:

Eisenbahner und Telegraphisten verweigerten sich seinen Befehlen. Der Putsch endete in einem Debakel. Kornilow und sein Stab wurden am 14. September 1917 verhaftet.

Für Kornilow war die Geschichte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht vorbei. Er sollte später noch im Russischen Bürgerkrieg kämpfen und präsentierte sich dabei als vehementer Verfechter des Terrors.

Der gescheiterte Putsch beschädigte aber nicht nur das Ansehen von Alexander Kerenski. Es wurde auch deutlich, wie groß der Rückhalt der Bolschewisten in der breiten Bevölkerung war.

Die Bewegung um Lenin erhielt so sehr unerwartet plötzlich frischen Rückenwind. Der rechte Putsch wurde damit zum Türöffner für die letztlich erfolgreiche Revolution von links.

Oktoberrevolution

Ein bezeichnendes Indiz für die Explosivität der Stimmung im Herbst 1917 lieferte der regierende Alexander Kerenski schließlich selbst. Schon Tage bevor die berühmte Oktoberrevolution stattfand, flüchtete er bereits aus Sankt Petersburg.

Die Mitglieder seines „Direktoriums“ wurden später von bolschewistischen Matrosen verhaftet. Die tatsächliche Oktoberrevolution verlief jedoch eigentlich recht unspektakulär. Es wurden Bahnhöfe, Telegrafenämter, die Behörden usw. besetzt.

Aber wohl nur eine relativ kleine Gruppe an Rotgardisten stürmte das einstmals kaiserliche Winterpalais, den Sitz der Regierung. Die Wachen ergaben sich sofort und die Sache war gelaufen. Erst im nachhinein wurde die Aktion vor allem mit Hilfe eines Propagandafilms zum großen Staatsstreich durch eine breite Masse hoch stilisiert.

Zunächst nahmen die Dinge auch erstmal ihren Lauf: Vor allem die noch unter Kerenski angesetzten Wahlen wurden am 25. November 1917 abgehalten. Die Bolschewisten erreichten dabei allerdings nur den zweiten Platz.

Erst jetzt kam der eigentliche revolutionäre Bruch. Die Bolschewisten bildeten trotzdem eine Regierung. Trotzki wurde beispielsweise Volkskommissar für äußere Angelegenheiten und nahm Friedensverhandlungen mit Deutschland auf.

Lenin ließ zu Beginn des Jahres 1918 das Parlament von Bewaffneten umstellen. Die verfassungsgebende Versammlung wurde mit Gewalt aufgelöst und die Bolschewisten setzten die politische Systemtransformation nach ihren Vorstellungen durch.

Doch damit machte sich Lenin auch innerhalb des linksextremen Lagers neue Feinde. Die Auflösung der verfassungsgebenden Versammlung sollte später noch ganz explizit zur Motivation für ein Attentat im Sommer 1918 werden.

Russischer Bürgerkrieg (1918 – 1922)

Die Jahre nach der Oktoberrevolution waren von einem Bürgerkrieg geprägt. In dem Konflikt starben mehr als acht Millionen Menschen, mehr als auf russischer Seite im Ersten Weltkrieg.

Roter Terror & Weißer Terror

Für Lenin und die Bolschewisten war brachiale Gewalt ein legitimes Mittel im politischen Kampf. Bald nach ihrer Machtergreifung begann deshalb eine Phase des Staatsterrors unter der Leitung von Feliks Dzierżyński.

Feliks Dzierżyński
Feliks Dzierżyński im Jahr 1918 (gemeinfrei)

Dafür wurde die Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage eingerichtet, kurz die Tscheka. Das war eine paramilitärische Geheimpolizei. Der stellvertretenden Leiter Martyn Lazis erklärte den Auftrag:

„Wir führen nicht Krieg gegen einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse.“

Niemand war vor den Tschekisten sicher. In nur drei Jahren erreichte die Organisation eine Stärke von etwa 280.000 Mann.

Sie richteten Konzentrationslager für politische Gegner ein und exekutierten Zehntausende. Ab 1922 firmierte der Verein dann unter der Bezeichnung GPU, Geheimpolizei der Sowjetunion. Die Strukturen und das Personal blieben im Wesentlichen gleich.

Während des Russischen Bürgerkrieges verübte jedoch auch die Weiße Armee zahllose Verbrechen. Bei ihrem Vormarsch vom Don in Richtung Moskau im Sommer 1919 ermordeten sie beispielsweise in Fastow etwa 1.500 Personen. Der kommandierende General Kornilow formulierte seine Motivation:

„Selbst wenn wir halb Russland niederbrennen und das Blut von drei Vierteln der Bevölkerung vergießen müssen, wir werden es tun, wenn es zu Russlands Rettung notwendig sein sollte.“

Rote Armee & Weiße Armee

Am 15. Dezember 1917 wurde ein Waffenstillstand zwischen Deutschland und Russland unterzeichnet. Verhandlungsführer waren Erich Ludendorff und Trotzki.

Das Ergebnis des folgenden Friedensvertrages von Brest-Litowsk war sehr nachteilhaft für Russland, weil die Ukraine und weitere Gebiete verloren gingen. Mit dem Ende der äußeren Bedrohung brachen jedoch vor allem erneut innere Konflikte auf.

Zu Beginn des Jahres 1918 wurde dann die Rote Garde zur „Roten Armee“ hochgerüstet. Zunächst waren es ausschließlich Freiwillige, die nach dem Ideal der Gleichheit auf Ränge oder Dienstabzeichen für Funktionsträger verzichteten.

Leo Trotzki führte als Kriegskommissar jedoch schnell eine System von Dienstgraden ein. Offiziere wurden fortan wieder ernannt und nicht mehr gewählt wie in den ersten Tagen.

Die Generalität der Roten Armee wurde letztlich aus erfahrenen Kommandeuren der alten kaiserlichen Armee zusammengesetzt. Auch das System der Politkommissare führte man sehr schnell ein, um die Loyalität der Verbände zu gewährleisten.

In einer Gegenbewegung fanden sich jedoch ebenso Freiwillige für den Kampf zusammen. Zentrales Anliegen dieser „Weißen Armee“ war die Wiedereinführung von Privateigentum.

Der Name spielte auf die weiße Farbe im Wappen der orthodoxen Kirche an und sollte einen Gegenpol zu den Roten sein. Anfangs war es ein sehr kleiner, aber schlagkräftiger Verband von etwa 2.000 Mann unter dem Befehl von General Kornilow.

Die Offiziere und Unteroffiziere hatten in der Regel bereits in der zaristischen Armee einige Kampferfahrung gesammelt. Die Weiße Armee presste jedoch Mannschaften mit Gewalt und zwang teils sogar Kriegsgefangene in den Dienst. Ihre steigende Masse wurde so mit einem Rückgang der Qualität erkauft.

Die Weiße Armee erlitt im Oktober 1919 eine schwere und letztlich vorentscheidende Niederlage. Bis zum Ende des Bürgerkrieges wechselte das Glück zwar noch mehrfach, aber sie hatten ihren Zenit überschritten.

Für viele Angehörige der Weißen Armee endete der Bürgerkrieg übel. Auf dem Krim kam es beispielsweise zu brutalen Hinrichtungen von Kriegsgefangenen durch Rotgardisten.

Attentat von Fanny Kaplan

Lenin und seine Politik waren im linken Lager keinesfalls unumstritten. Vor allem die Torpedierung der verfassungsgebenden Versammlung wurde ihm nachgetragen.

Fanny Kaplan
Fanny Kaplan schoss zweimal auf Lenin. (gemeinfrei)

Am 30. August 1918 versuchte die Anarchistin Fanny Kaplan ihr Glück mit zwei Schüssen. Sie traf Lenin in Schulter und Hals.

Fanny Kaplan wurde anschließend von der Tscheka verhört. Sie gab nur ein kurzes Statement ab und wurde dann im Alexandergarten des Moskauer Kreml erschossen.

„Ich heiße Fanny Kaplan. Heute habe ich auf Lenin geschossen. […] Ich halte ihn für einen Verräter der Revolution.“

Lenin überlebte das Attentat zwar. Er laborierte jedoch für den Rest seines Lebens an den Folgen der beiden Treffer. Das Projektil im Hals wurde erst 1922 entfernt.

Später kamen noch Erkrankungen sowie mehrere Schlaganfälle hinzu. Bis zum Ende seines Lebens war Lenin gesundheitlich schwer angeschlagen.

Kronstädter Matrosenaufstand

Gegen Ende des Bürgerkrieges führte die Übermacht der Bolschewisten, aber vor allem auch der Rote Terror zu weiteren Konflikten. Ab Februar 1921 meuterten etwa 25.000 Matrosen der baltischen Flotte in Kronstadt. Sie forderten einen Sowjet ohne die Bolschewisten.

Die Matrosen besetzten Festungen, die eigentlich zur Verteidigung von Sankt Petersburg vorgesehen waren. Das war nicht nur ein militärisches Problem, sondern auch politisch sehr gefährlich für Lenin, weil der Aufstand von der eigenen Basis kam.

Es wurde dann auch noch eine sehr zähe Angelegenheit. Die Matrosen waren gut verschanzt. Dank der Schlachtschiffe und der Küstenartillerie verfügten sie noch dazu über jede Menge Feuerkraft, um ihre Stellungen zu verteidigen. Die Niederschlagung des Aufstandes forderte viele tausend Tote auf beiden Seiten.

Politische und ökonomische Transformation

Neue Ökonomische Politik

Die russische Wirtschaft hatte wegen des Ersten Weltkrieges ohnehin schwer gelitten. Der Bürgerkrieg führte zu weiteren Problemen vor allem bei der Versorgung mit Lebensmitteln.

Gegen große Widerstände im eigenen Lager setzten Lenin und Trotzki im Jahr 1921 ihr wirtschaftliches Konzept durch. Diese „Neue Ökonomische Politik“ zielte auf eine Dezentralisierung und Liberalisierung der Landwirtschaft und Industrie.

„Nur der Aufbau einer vergesellschafteten, planmäßigen Großwirtschaft, bei Übertragung des Eigentums am gesamten Grund und Boden, an den Fabriken und Werkzeugen an die Arbeiterklasse, ist imstande, jeder Ausbeutung ein Ende zu setzen.“ (Lenin)

Die Enteignungen setzte der Oberste Rat für Volkswirtschaft um. Vermögen wurden ebenfalls eingezogen. Davon waren jedoch auch Kleinbauern betroffen.

Vielen weigerten sich, ihren Boden für den Staat zu bewirtschaften und rotteten sich zusammen. Lenin sandte daraufhin bewaffnete Einheiten.

Es kam zu blutigen Zusammenstößen, die zahlreiche Menschenleben forderten. Die Erträge der Landwirtschaft sanken und die Versorgungslage verschlechterte sich weiter.

Laut ihrem Wahlprogramm wollten die Bolschewiki auch Geld abschaffen. Dies war per Dekret nicht möglich, weshalb gezielt eine Hyperinflation herbeigeführt wurde, um den Wert der Währung zu zerstören. Man druckte einfach immer mehr Geld.

Machtkampf um die Nachfolge

Als sich die Gesundheit von Lenin weiter verschlechterte, begann das Ringen um die Nachfolge. Dabei hatten zwei Kandidaten eine besondere Aussicht.

Auf der einen Seite stand Leo Trotzki, der sich als Mittler zwischen den Strömungen positionierte. Er gehörte zu den Kritikern des überbordenden Totalitarismus der Bolschewisten und war Teil der altehrwürdigen Parteiprominenz.

Auf der andere Seite stand Josef Stalin. Er war Vertreter einer neuen Garde an Funktionären, die in der kommunistischen Partei aufgestiegen waren.

Lenin selbst zog Leo Trotzki vor, den er im Rahmen eines politischen Testamentes zu seinem Erben machen wollte:

Josef Stalin
Josef Stalin im Jahr 1942 (gemeinfrei)

„Genosse Stalin hat dadurch, dass er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen. Andererseits zeichnet sich Genosse Trotzki, wie sein Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für Verkehrswesen schon bewiesen hat, nicht nur durch hervorragende Fähigkeiten aus. Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK, aber auch ein Mensch, der ein Übermaß von Selbstbewusstsein und eine übermäßige Leidenschaft für rein administrative Maßnahmen hat.“

Doch während Trotzki die Sympathien von Bolschewisten der ersten Stunde hatte, war Stalin der Anführer der Apparatschiks. Nach dem Tod von Lenin am 21. Januar 1924 könnte er sich dank seines Rückhalts unter den Bürokraten durchsetzen und wurde der zweite Diktator der Sowjetunion.