Geschichte der Taktik (5) – Primitivbogen

Der Primitivbogen – einfache Fernwaffe

Pfeilspitzen aus Feuerstein aus der Steinzeit (Bild-Link zu Wiki Commons).
Steinzeitliche Pfeilspitzen aus Feuerstein (Wikimedia Commons)

Der Bogen in seiner einfachsten Ausführung, als Primitivbogen, hat eine sehr lange Geschichte. Ein Fund ist mehr als 30.000 Jahre alt. Ursprünglich war der Primitivbogen eine Jagdwaffe. Noch heute erfreuen sich solche Ausführungen unter dem Begriff Selfbow einer großen Beliebtheit unter traditionellen Bogenschützen.

Doch die Menschen erkannten weitere Potentiale dieser Fernwaffe. Die militärische Nutzung des Primitivbogens begann in der Jungsteinzeit. Neben der Steinschleuder und den Wurfspeeren war der Bogen die wichtigste Fernwaffe in der Antike sowie des frühen und hohen Mittelalters.

Die offizielle Definition des modernen Bogensports lautet: „Der Primitivbogen ist ein Bogen beliebiger Form und Laminierung, der aus organischem Naturmaterialien aus Fauna und Flora gearbeitet ist, wie Holz, Horn, Tiersehnen, Leder und Pflanzenfasern.“

Herstellung eines einfachen Bogens

Als Distanzwaffe war der Primitivbogen weltweit verbreitet. Für den europäischen Raum wissen wir beispielsweise, dass der Bogen aufgrund seiner einfachen Machart von den keltischen Kriegern sehr geschätzt wurde.

Auswahl des Holzes

Zur Herstellung eines Selfbows benötigt man zunächst eine passende Holzquelle. Viele Hölzer eignen sich hierfür wie beispielsweise:

  • Ahorn
  • Eibe
  • Esche
  • Hainbuche
  • Haselnuss
  • Holunder
  • Lärche
  • Ulme

Passend sind ebenmäßige und gerade Stämme mit einer Dicke ab sechs Zentimetern. Ein entsprechendes Stück wird dann der Länge nach zugeschnitten. Daraufhin wird es gespalten. Erst danach entfernt man die Rinde von dem Baumstamm.

Schleifen der Wurfarme

Dann wird der Stamm auf die Form des Bogenstabes zugeschliffen. Diese Kontur hat jedoch nicht nur ästhetische Bedeutung. Durch die Dicke der Wurfarme bestimmt sich auch die Stärke des Primitivbogens. Deshalb ist bei diesem Schritt auch sehr viel handwerkliches Geschick gefragt.

In dieser Phase beginnt man auch, den Bogenstab nach und nach in Form zu biegen. Je nach Bedarf werden die Wurfarme weiter verjüngt und die endgültige Form zeichnet sich langsam ab. Dabei darf der Stab auf keinen Fall überbelastet werden oder gar brechen.

Formen des Mittelstücks

Traditioneller Bogenschütze schießt mit Primitivbogen ohne Pfeilauflage
Traditioneller Bogenschütze mit Primitivbogen (pixabay)

Der Handgriff wurde häufig etwas abgeflacht, was man heute als Flachbogen bezeichnet. Dies hat zweierlei Vorteile. Einerseits kann der Griff verbessert werden, aber auch der Pfeil liegt näher am Zentrum. Dies erleichtert später das Zielen mit dem Primitivbogen.

Per Definition fehlt dem Primitivbogen jedoch die (vollwertige) Pfeilablage. Deshalb halten Bogenschützen die Waffe beim Schießen leicht schräg, um dem Pfeil eine Ablage auf der Hand zu bieten. Der Winkel der Neigung beträgt dabei meist etwa 10 bis 30 Grad.

Wickeln der Bogensehne

Als Material für die Sehne eignen sich sowohl pflanzliche wie auch tierische Fasern. Brennnessel, Lein, Hanf aber auch Darm kann verwendet werden. Bei einer Bogensehne sind drei Werte entscheidend:

  1. Reißfestkeit
  2. Gewicht
  3. Dehnung

Eine gute Bogensehne verfügt schon mit wenigen Strängen über die notwendige Reißfestigkeit. Da sie einem hohen Verschleiß unterliegt, dreht man die Sehne noch etwas dicker. Aber das steigende Eigengewicht der Sehne wirkt sich auch negativ auf die Beschleunigung aus.

Eine weitere Ausdehnung der Sehne unter Spannung ist nicht wünschenswert. Der Primitivbogen verändert dadurch sein Schussverhalten, weil sich der Abstand zwischen Sehne und Bogenschaft ändert – die sogenannte Standhöhe. Dies lässt sich nicht gänzlich vermeiden, sollte jedoch bedacht werden.

Zuggewicht eines Primitivbogens

Man sollte die einfache Machart eines solchen Primitivbogens nicht mit mangelnder Durchschlagskraft verwechseln. Zum Vergleich:

  • Im modernen Bogensport darf ein olympischer Recurvebogen für einen Wettkampf ein maximales Zuggewicht von 60 lbs. haben. Über ein Visier wird dann im direkten Schuss in der Regel auf Distanzen von bis zu 70 Metern geschossen.
  • Es wurden jedoch auch schon hölzerne Kriegsbögen mit bis zu 160 lbs. für Distanzen von mehr als 200 Metern gefunden. Dabei handelte es sich um englische Langbögen. Diese waren auf den damaligen Kontext und den besondere Zweck ausgelegt, panzerbrechende Pfeile zu verschießen. Diese Primitivbögen hatten deutlich mehr Zuggewicht als die meisten Compoundbögen der Gegenwart, die sich durch ein System von Flaschenzügen auszeichnen.

Die Primitivbögen wurden gerade bei den barbarischen Stämmen von Hand und individuell gefertigt. Deshalb konnten sich kräftige Krieger natürlich einen entsprechend starken Bogen bauen. Heutzutage gibt es unter den traditionellen Bogenschützen jedoch nur sehr wenige Ausnahmen, die einen Bogen mit mehr als 100 lbs. führen können.

Die englischen Langbogenschützen aus Wales sollen als Paradebeispiel dagegen bereits im Alter von sechs Jahren mit dem Training angefangen haben. Diese Ausbildung hatte jedoch schwere körperliche Folgen. Archäologen haben entsprechende Skelette auf Schlachtfeldern gefunden, die einen stark veränderten Knochenbau aufweisen.

Das Zuggewicht eines Bogens beeinflusst jedoch nicht nur die Reichweite und die Durchschlagskraft der Projektile. Vielmehr muss man das Zuggewicht eines Primitivbogens immer in Bezug zu den verwendeten Pfeilschäften und -spitzen sehen.

Holzschäfte und Pfeilspitzen

Eine Schütze will mit seinem Material auf reproduzierbare Art schießen können. Sonst wäre ein effektives Zielen nicht möglich. Die Einheitlichkeit der Projektile ist hierfür natürlich von zentraler Bedeutung.

Doch gerade bei einem Primitivbogen ist die Herstellung eines einheitlichen und zugleich passenden Pfeilsatzes eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit. In Abhängigkeit zum Zuggewicht und der individuellen Auszugslänge gerät der Pfeilschaft nach dem Lösen nämlich in eine Schwingung.

Diese Schwingung des Pfeilschaftes hängt von der individuellen Steifigkeit des Materials ab – dem Spinewert. Diesen Wert kann man bei Holzpfeilen über die Stärke des Schaftes beeinflussen.

Doch im Flug beeinflussen sowohl die Befiederung am hinteren Ende wie auch die Pfeilspitze am vorderen Ende diese Schwingung. Dabei handelt es sich dann um einen neuen Wert – den dynamischen Spinewert.

  • Der Pfeilschaft für einen Primitivbogen ist aus Holz. Im Mittelalter waren Esche oder Eibe sehr beliebt. Leichtere Ausführungen sind beispielsweise aus Fichte. Zur Glättung von Schäften verwendete man Geweihe, Knochen oder Steine.
  • Die ältesten Pfeilspitzen sind bereits über 30.000 Jahre alt. Sie bestanden meist aus Knochen oder Steinen. Darüber hinaus wurde auch Horn an Pfeilen verarbeitet.

Außerdem muss ein Pfeil auch leicht kopflastig ausbalanciert sein. Der Schwerpunkt muss sich vor dem Zentrum in Richtung Spitze befinden. Andernfalls würde der Pfeil im Flug hinten durchsacken und nicht mit der Spitze auf das Ziel treffen.

Die Herstellung von Holzpfeilen mit primitiven Mitteln bedarf deshalb eines sehr großen handwerklichen Geschickes. Bereits in der Antike entwickelte sich deshalb die Profession des Pfeilmachers.

Beispielsweise konnte ein römischer Legionär zum Pfeilmacher ernannt werden. Dabei handelte es sich um eine Beförderung, die mit der Befreiung vom schweren Dienst verbunden war.

Jagdspitzen und Kriegsspitzen

Primitivbögen waren auf ganz unterschiedliche Zwecke ausgerichtet. Eine zentrale Unterscheidung findet sich zwischen Jagdbögen und Kriegsbögen:

  • Auf der Jagd will man mit einem Pfeil ein Tier töten.
  • In der Schlacht will man mit vielen Pfeilen viele Feinde töten.

Deshalb sind bei der Jagd eher leichte Pfeile gefragt, die über eine höhere Beschleunigung verfügen. Dies führte zu einer flacheren Flugkurve, wodurch man komfortabler das Ziel anvisieren kann. Außerdem senkt ein schnelleres Projektil die Chance des Tieres, durch Aufschrecken noch entkommen zu können.

Da die Spitzen natürlich Teil des Gewichtes eines Pfeils sind, werden Jagdspitzen ebenfalls möglichst leicht gehalten. Im Laufe der Geschichte haben sich dabei sehr unterschiedliche Formen entwickelt.

Diese primitiven Jagdspitzen erinnern häufig an kleine Dolche. Dank der zulaufenden Spitze wie auch der beidseitigen Schnittkanten können die Projektile tiefer in Gewebe eindringen. Bereits in der Steinzeit wurden solchen Spitzen aus Feuerstein verwendet. Schätzungen zufolge konnte damit auf Distanzen von bis zu 30 Metern problemlos ein Tier erlegt werden.

Ein primitiver Kriegspfeil ist dagegen völlig anders konzipiert. Dabei handelt es sich um ein schweres Geschoss mit einer sehr robusten Spitze. Die primitive Bodkin-Spitze für einen englischen Langbogen ist beispielsweise massiv gefertigt und hat den Grundriss einer Raute.

Die Bodkin-Spitzen waren nämlich darauf ausgelegt, die Ringe von Kettenhemden zu sprengen. Dieses Prinzip der Kriegsspitzen wurde im späten Mittelalter auch für die Pfeile von Armbrüsten verwendet.

Zielen mit einem Holzbogen

Beim Zielen mit einem Primitivbogen ist wiederum der Kontext entscheidend. Darüber hinaus muss sich der Pfeil bei einem Primitivbogen durch seine Schwingung um den Bogenschaft herumbewegen. Diesen Effekt nennt man Archers Paradox.

Diese Schwingungen fallen aufgrund des natürlichen Wuchses der Materialien bei Selfbows noch relativ stark aus. Dies ist auch eines der Argumente, wieso Primitivbögen im modernen Bogensport eine eigene Wettkampfklasse bilden.

Dennoch gibt es Zieltechniken für Bögen ohne Visier wie beispielsweise das Anvisieren über die Pfeilspitze. Darüber hinaus entwickelt das Unterbewusstsein entsprechende Muster für das Schießen mit einem Primitivbogen – vergleichbar mit dem Werfen eines Balles, wofür man auch kein Visier zur Verfügung hat.

Die Kriegsbögen mit der sehr hohen Zugkraft waren dagegen gar nicht primär für direkte und präzise Schüsse ausgelegt. Vielmehr schossen ganze Gruppen von Langbogenschützen in einem hohen Bogen wie mit Mörsergranaten indirekt auf ihre Feinde.

Auch heutzutage gibt es Turniere, bei denen auf eine weite entfernte Fahne geschossen wird. Der Begriff hierfür lautet Clout Schießen. Dabei zielt man zunächst direkt auf das Ziel, um dann über Erfahrung den Winkel in die Höhe zu schätzen. Als Orientierung gegen eine Streuung zur Seite kann dabei noch über den Bogenstab gepeilt werden.