Politische Philosophie

Politische Philosophie – die Lehre vom Staat

Die politische Philosophie des Abendlandes entstand bereits in der griechischen Antike. Im Rahmen der aufkommenden philosophischen Schulen und Denkrichtungen begann die systematische Interpretation der Welt.

Politische Philosophie in der Antike

Stadtstaaten am Mittelmeer

Die Herrschaftsformen nach AristotelesDie Menschen des Mittelmeerraumes siedelten häufig in Stadtstaaten (polis). Diese verfügten über ein urbanes Zentrum (asty) und eine rurale Peripherie (chōra).

Deshalb wurde schon lange vor Christi Geburt über den weisen Umgang mit den öffentlichen Angelegenheiten in diesen Stadtstaaten diskutiert. Trotz unterschiedlicher Sichtweisen und Epochen setzte sich bereits bei den frühen griechischen Philosophen die Annahme von drei elementaren Herrschaftsformen durch.

Anhand von praktischen Beispielen und theoretischen Überlegungen unterschied man zwischen der Herrschaft durch eine Personen, durch mehrere Personen oder durch viele beziehungsweise alle Personen eines Staates:

Doch die praktische Erfahrung kannte auch viele schlechte Regierungen in den antiken Stadtstaaten. Deshalb fand sich bereits früh eine weitere Differenzierung für Herrschaftsformen und Regierungen einer positiven oder auch einer negativen Ausprägung.

Als kennzeichendes Merkmal galt die jeweilige Orientierung der Politik. Während in eine Regierung positiver Ausprägung zu Gunsten des Gemeinwohls entschieden und gehandelt wird, orientieren sich die Mächtigen in Staaten negativer Ausprägung am Eigenwohl.

Darüber hinaus sammelten bereits die alten Griechen negative Erfahrungen mit politischer Hetze und Volksverführung. Demagogen hatte es in den anfälligen Systemen der Antike noch besonders leicht und einige Fälle haben sich in den Quellen bis heute erhalten.

Griechische Philosophen

Die tatsächliche Entwicklung der politischen Ideengeschichte wurde natürlich von unzähligen Köpfen getragen. Jedoch gelten für die Frühphase der politische Philosophie drei Personen als ganz besonders bedeutsam. Diese standen darüber hinaus auch jeweils in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zueinander:

  1. Sokrates, über den man wissen sollte, dass er möglicherweise nur eine literarische Figur war. Von ihm selbst sind keine Quellen überliefert. Jedoch wurde die Sokratischen Dialoge von seinen Schülern niedergeschrieben. Er selbst ist jedoch vor allem für seine Beiträge zum kritischen Denken von grundlegender Bedeutung.
  2. Platon, der ein Schüler des streitbaren Alt-Meisters war und sich intensiv mit Formen der Herrschaft beschäftigte. Von ihm stammt auch das Modell der Philosophenherrschaft, die die unterschiedlichen Stärken der Menschen nutzen und negative Eigenschaften neutralisieren soll.
  3. Aristoteles, der die ideengeschichtlichen Kinderkrankheiten seiner Vorgänger hinter sich ließ. Auf Basis seiner Ethik entwickelte er auch eine umfassende Staatstheorie. Darüber hinaus prägte er den wichtigen Begriff vom zoon politikon, dem Wesen in der Gemeinschaft.

Zerfall der Herrschaft

Schaubild des politischen Systems der römischen RepublikDoch angesichts der vielen politischen Umbrüche im Mittelmeerraum, entwickelte sich bereits die Erkenntnis, dass jegliche Formen von Herrschaft grundsätzlich instabil sind. Das Gesetz vom ewigen Zerfall gilt auch für politische Systeme.

An zahlreichen Beispielen kann dies nachvollzogen werden. Ein König kann beispielsweise aufgrund seiner Autorität die Abgabenlast für die Untertanen immer weiter erhöhen. Sobald der Herrscher dies jedoch willkürlich tut, hat die Bevölkerung keinen Grund mehr, die Produktivtät im eigenen Interesse noch zu steigern.

Wenn nun der König dennoch mehr Geld einnehmen will oder einnehmen muss, führt irgendwann nichts mehr an einer Abgabe von Mitspracherechten vorbei. In einem solchen Fall kommt es dann bei Kooperation zu einem schleichenden Wandel der Monarchie. Als klassisches Beispiel aus heutiger Sicht für ein solches Szenario gilt die Entwicklung in England seit der Magna Charta (1215).

In einem anderen Fall verhält sich der Herrscher unkooperativ und presst die Untertanen immer weiter aus. Das beansprucht die Machtressourcen, provoziert bewaffneten Widerstand und führt vor allem zu wirtschaftlicher Stagnation.

In der Folge schwinden die royalen Handlungsspielräume bis hin zur Unfähigkeit, staatliche Aufgaben erfüllen zu können. Es entsteht ein allgemeines Legitimationsdefizit und spätestens wenn der Repressionsapprat überlastet ist, kollabiert das System wie beispielsweise bei der französischen Revolution (1789 – 1799).

Bereits unter den politischen Philosophen der Antike fanden sich deshalb auch zahlreiche Denker, die sich intensiv mit diesem Zerfall der politischen Systeme auseinandersetzten. Als entscheidender Durchbruch galt die Entwicklung von Mischverfassungen.

Der Vorteil der Mischverfassungen liegt in der höheren Stabilität des Systems dank der Möglichkeiten des Ausgleiches von politischen Interessen. Vor allem Polybios und Cicero beschäftigten sich mit diesem Ansatz. Als idealtypisches Beispiel galt ihnen die römische Republik.

Politische Philosophie im Mittelalter

Vom Gottesstaat

Noch in der Spätantike hatte sich das frühe Christentum im gesamten römischen Imperium verbreitet. Die Dominanz des römischen Papstes hatte sich 384 n. Christus ebenfalls gefestigt. Es war noch keine dominierende Weltreligion, doch in einigen Gegenden wie in Nord-Afrika hatte die Sekte bereits zahlreiche Anhänger.

Ein streitbarer Anwalt aus dieser Region, Augustinus von Hippo, entwickelte sich während der Zeit der großen Völkerwanderungen dann nicht nur zum Kirchenlehrer der noch relativ jungen Glaubensrichtung. Mit seiner Schrift vom Gottesstaat wurde er auch zum einflussreichsten politischen Philosophen an der Grenze zwischen Antike und Mittelalter.

Unter dem Eindruck der Plünderungen von Rom sowie der Angriffe durch Vandalen zog der Kirchenlehrer eine zentrale Konsequenz. Ein Leben in Einklang mit Gottes Geboten, ein Leben im Gottesstaat ist nur möglich, wenn man sich als Gläubiger aus dem öffentlichen Leben zurückzieht.

Damit skizzierte der Jurist einen diametralen Gegenentwurf zum Wesen in der Gemeinschaft aus der antiken griechischen Philosophie. Der Rückzug von der politischen Einflussnahme wurde auf dieser Grundlage zum Dogma für das öffentliche und religiöse Leben in den folgenden Jahrhunderten.

Ständeordnung

Das europäische Mittelalter war dann geprägt von geburtsrechtlichen Ständeordnungen. Bereits unter den fränkischen Merowingern gab es den König, den geistlichen und den weltlichen Adel sowie die Freien.

Mitglieder dieser Stände verfügten über Rechte und Formen der Mitsprache. Frauen und Unfreie waren von politischen Prozessen ausgeschlossen. Ein zentrales Problem waren jedoch die militärischen Pflichten der Freien in früh-mittelalterlichen Heeren.

Diese wurden zum Kriegsdienst gezwungen. Während dieser Zeit mussten die Freien ihre Erwerbstätigkeiten ruhen lassen, was zu einer breiten Verarmung dieser Schicht führte. Viele mussten sich deshalb selbst an Adelige verkaufen und wurde Unfreie.

Die weltliche Oberschicht erhielt in dieser Epoche große Unterstützung durch christliche Herren. Diese unterfütterten die selbstherrliche Manier der Mächtigen mit einem religiös-ideologischen Unterbau.

Politische Philosophie in der Neuzeit

Machiavelli und die Politikwissenschaft

Infografik von Machiavellis StaatsverständnisNachdem das dunkle Mittelalter sein Ende fand, erblüten vor allem im reichen Italien die antiken Künste erneut. Die politische Landschaft diversifizierte sich. Ein aufstrebendes Bürgertum und mächtige Städte rüttelten an den Säulen der Macht.

In Florenz, der Geburtsstadt des Bankier-Wesens, war ab dem Jahr 1500 ein mächtiger Politiker mit der Außen- und Verteidigungspolitik betraut.

Niccolo Machiavelli war jahrelang ein Drahtzieher hinter den Kulissen der weltlichen und geistlichen Macht in der frühen Neuzeit. Doch im Zuge eines Machtwechsels in seiner Heimatstadt wurde er 1512 in das Exil verbannt.

Im erzwungenen Ruhestand entwickelte er sich zum wichtigsten politischen Philosophen seiner Epoche. In einem großen Wurf, den Discorsi, gelang es ihm, die Essenz der antiken Erkenntnisse aufzunehmen und in eine Art von „Atom-Modell“ zu gießen.

Er selbst endete zwar als bedeutungslose und verarmte Person. Aber für die Nachwelt wurden seine Schriften zur Brücke für die politische Philosophie der Antike. Darüber hinaus entwickelte sich auf dieser Basis im Laufe der Jahrhunderte eine neue Disziplin, die Politikwissenschaft.

Luther und die gottgewollte Ordnung

Mit dem 16. Jahrhundert begannen die schwellenden Konflikte in den europäischen Gesellschaften endgültig aufzubrechen. Reformatorische Theologen bestärkten in zahlreichen Gegenden die einfachen Menschen in ihrem Ungerechtigkeitsempfinden.

Zahlreiche Städte hatte das Selbstbewusstsein, die weltlichen und geistlichen Herrschaften zumindest der Stadtgrenzen zu verweisen. Selbst die Familie von Papst Leo X., die mächtigen Medici, waren 1498/99 aus ihrer Heimatstadt Florenz vertrieben worden.

„Es ist eine verdammte, verfluchte Sache mit dem tollen Pöbel. Niemand kann ihn so gut regieren wie die Tyrannen. Die sind der Knüppel, der dem Hund an den Hals gebunden wird. Könnten sie auf bessere Art zu regieren sein, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als das Schwert und die Tyrannen.“

In Deutschland kam es in den Jahren 1524/25 dann zum Flächenbrand. Der Deutsche Bauernkrieg tobte und der Gemeine Mann hoffte auf theologische Unterstützung. Einige Prediger schlossen sich sogar persönlich dem Aufruhr an.

Doch Martin Luther, der Übersetzer der Bibel ins Deutsche und wichtigste Reformator überhaupt, verweigert sich dem Anliegen des Nährstandes auf eine gesellschaftliche Besserstellung. Die religiöse Interpretation von politischer Legitimation setzte sich gegen den aufkeimenden Rationalismus durch.

Der Staat, das bin ich!

Die geistlichen und weltichen Herren hatten sich im 16. Jahrhundert erfolgreich gegen die Unterschicht durchgesetzt. Daraufhin brach eine Ära der völlig neuen Übersteigerung von monarchischer Gewalt an.

Der Glaube von Königen, durch Gottes Hand persönlich inthronisiert worden zu sein, brach alle gesellschaftlichen Schranken. Die Zeit des Absolutismus wurde dann angeblich vom französischen Sonnenkönig Louis XIV. (1643 bis 1715) mit einem Schlagsatz geprägt: „L’État c’est moi!“

Politische Philosophie in der Moderne

Kritik der reinen Vernunft

Immanuel Kant schuf im Jahr 1783 mit der Kritik der reinen Vernunft auch für die politische Philosophie einen Wendepunkt in der Geschichte. Entscheidend war der gedankliche Schritt, mit Hilfe der Vernunft die Vernunft selbst zu analysieren.

Diese Relativierung der eigenen Möglichkeiten zur Erkenntnis brachten einen Wendepunkt in der politischen Ideengeschichte. Der Sinnhaftigkeit einer Berücksichtigung von fremden Interessen stand plötzlich auf einer allgemein anerkannten Basis.

Checks and Balances

Während das intellektuelle Europa den neuen Trend in der Philosophie verarbeitete, gewannen die U.S.-Amerikaner ihren Unabhängigkeitskrieg. In der Folge entbrannte eine hitzige Diskussion um die Lehren aus dem defizitären System der ehemaligen Kolonialmacht.

Alexander Hamilton, James Madison und John Jay brachten unter dem Pseudonym Publius insgesamt 85 Denkschriften in die Verfassungsdebatte ein. In diese wurde ein System der Checks and Balances verankert.

Zusammen mit dem Basismodell von Machiavelli bestimmt dieser Ansatz des Ausgleichs und der gegenseitigen Kontrolle die politischen Systeme und Philosophien der Gegenwart. In der Bundesrepublik Deutschland ist dies beispielsweise mit der Staffelung: Kanzler, Kabinett, Parlament sowie Kontrolle durch die Opposition realisiert.

Kollektiver Anarchismus

Die industrielle Revolution verteilte den volkswirtschaftlichen Aufschwung jedoch nicht gleichermaßen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erhoben sich viele sozial-revolutionäre und anarchistische Stimmen.

Einer der führenden Denker war Michail Bakunin, ein russicher Berufsrevolutionär und anarchistischer Theoretiker. Im Kern sagt der Gedanke aus, dass der staatliche Komplex beispielsweise zur Steuerung von wirtschaftlichen Prozessen im Prinzip überflüssig und damit illegitim ist.

Vielmehr würden sich in einem System des Kollektiven Anarchismus alle tatsächlich notwendigen Absprachen zwischen Menschen ad hoc ergeben. Beispielsweise braucht man keinen regulierten Handwerksbetrieb, wenn man stattdessen den Nachbarn bittet, beim Dachdecken zu helfen.