Erzengel Metatron

Metatron – Erzengel und Stimme Gottes

Metatron oder auch Mattatron ist ein Erzengel aus der jüdischen und der islamischen Mythologie. Er wird aber auch von Christen verehrt und spielt eine wichtige Rolle für Esoteriker.

Erzengel Metatron
Islamische Darstellung des Metatron aus dem 14. Jahrhundert (Urheber: Nasir al-Din Rammal / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Der Name Metatron bedeutet: „der Vermesser“. Auch wenn ihm je nach Glaubenslehre unterschiedliche Rollen und Aufgaben zugeordnet werden, gilt er allgemein als Überbringer der Botschaft Gottes.

Manche jüdische Schulen setzen den Erzengel Metatron beispielsweise mit dem Propheten Henoch gleich. Dabei handelt es sich nach dem Buch Mose um einen Nachfahren der siebten Generation nach Adam, dem ersten Menschen.

Nachdem Henoch schon während seines menschliches Daseins mit Gott im direkten Austausch stand, wurde er später als lebende Person direkt in den Himmel entrückt. Daher kommt der Verdacht, dass es sich bei Henoch von Anfang um den Engel Metatron handelte.

Islamische Überlieferungen setzen Metatron hingegen mit Jesus von Nazareth gleich, den die Christen als Sohn Gottes verehren. Die beiden abrahamitischen Religionen sind an dieser Stelle aber nicht komplementär. Nach muslimischer Lesart beruht das Christentum damit auf der häretischen Anbetung eines Engels:

„Sie haben ihre Gelehrten und ihre Mönche zu Herren genommen außer Allah, sowie al-Masīḥ ibna Maryam, wo ihnen doch nur befohlen worden ist, einem einzigen Gott zu dienen. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Preis sei Ihm! […].“ (Sure: 9:31)

Für die islamisch geprägten Drusen ist Metatron sogar der fünfte Erzengel. In dieser Glaubensrichtung ist die Lehre von der Seelenwanderung, Reinkarnation und parallelen Welten besonders ausgeprägt, weswegen den Engeln eine hohe Bedeutung zukommt:

  1. Erzengel Azrael
  2. Erzengel Gabriel
  3. Erzengel Michael
  4. Erzengel Israfil

Metatron in der jüdischen Überlieferung

Die hebräische Bibel heißt Tanach und ist über eine sehr lange Zeit hinweg nach und nach entstanden. Die ältesten zusammenhängende Funde stammen aus den Qumranschriften vom Toten Meer aus einer Zeit zwischen etwa 250 vor bis 40 n. Christus.

Erwähnungen im Babylonischen Talmud

Der Tanach wurde als zentrale Sammlung der heiligen Schriften des Judentums, wenn auch in anderer Reihenfolge, von den Christen als Altes Testament übernommen und besteht aus drei Teilen:

  1. Tora – die Weisung
  2. Neviim – die Propheten
  3. Ketuvim – die Schriften

Die Erwähnungen von Metatron finden sich jedoch im Talmund. Im Gegensatz zum Tanach ist das keine Sammlung von biblischen Gesetzen, sondern dient der Interpretation von Vorschriften im Alltag. Von dem Werk gibt es zwei Fassungen:

  • Der Babylonische Talmud (bT) ist vom Umfang und den Inhalten her die wichtigere Ausführung. Die Sammlung entstand nach der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem durch die Römer unter Kaiser Vespasian im Jahr 70 n. Christus. In der Folge flohen viele Juden aus der Einflusssphäre des Imperiums in Richtung Euphrat und Tigris. Die Gebiete wurden dann zum namensgebenden Sammelraum der Geflüchteten.
  • Der Jerusalemer Talmud (jT) wurde hingegen wohl etwa 200 Jahre später in Palästina verfasst. Diese Fassung ist kurzer, weniger streng und selbst für erfahrene Experten eine sprachliche Herausforderung. Eine Theorie ist, dass es sich um eine redaktionelle Überarbeitung handelt, die plötzlich abgebrochen wurde.

Die Erwähnungen des Metatron finden sich im Babylonischen Talmud und zwar im ersten Teil, der Mischna. Diese „Lehre“ soll Mose am Berg Sinai von Gott mündlich erfahren haben.

Das Christentum erkennt den Talmud jedoch nicht mehr an. Martin Luther forderte neben der Verbrennung von Juden und Synagogen auch die Konfiszierung des Werkes:

Von den Juden und ihren Lügen (1543)

Die römische Kirche kam zu demselben Ergebnis. Die von Papst Paul III. eingesetzte Kongregation für die Glaubenslehre setzte den Talmud nur wenig später auf die Liste der verbotenen Bücher, den Index Librorum Prohibitorum. Damit wurde auch Metatron aus der christlichen Lehre verbannt.

Exodus des Volkes Israel aus Ägypten

Das 2. Buch Mose ist besser bekannt als Exodus, der Auszug der Israelis aus Ägypten. Dieses beginnt mit der Offenbarung Gottes durch den brennenden Dornbusch. Manche glauben, das Feuer war der Erzengel Uriel.

Anschließend kamen zunächst die zehn Plagen über Ägypten. Dann führte Mose die Israeliten aus der Sklaverei zunächst in die Wüste. Dem Metatron wird dabei die Aufgabe als Stimme des Herrn zugeordnet:

„Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken? Er schrie zu dem Herrn, und der Herr zeigte ihm ein Holz; das warf er ins Wasser, da wurde es süß. Dort gab er ihnen Gesetz und Recht und versuchte sie und sprach: Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und merken auf seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will ich dir keine der Krankheiten auferlegen, die ich den Ägyptern auferlegt habe; denn ich bin der Herr, dein Arzt.“ (2. Mose 16,24-26)

In der Zohar, einer zentralen Schrift der Kabbala, wird Metatron dann als der Engel beschrieben, der die Israelis schließlich aus der Wüste führt. Bei dem Stab, mit dem Mose das Meer teilte, soll es sich um den Speer des Metatron gehandelt haben.

Henoch – Metatron als Seraphim

Nach der Glaubenslehre von Juden, Christen und Muslimen schuf Gott mit Adam den ersten Menschen. Im Buch Mose finden sich zahlreiche Namen von seinen Nachkommen:

„[…] Jered war hundertzweiundsechzig Jahre alt, da zeugte er Henoch. […] Henoch war fünfundsechzig Jahre alt, da zeugte er Metuschelach. Nachdem Henoch Metuschelach gezeugt hatte, ging er mit Gott dreihundert Jahre lang und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Henochs betrug dreihundertfünfundsechzig Jahre. Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.“ (1.Mose 5,18-24)

Seraphim
Metatron wird mit den Seraphim in Verbindung gebracht. (Urheber: unbekannt / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Von besonderer Bedeutung ist Henoch aus der siebten Generation. Dabei handelt es sich um einen von den drei Religionen anerkannten Propheten, wobei die Muslime von Idris sprechen.

„Und erwähne in diesem Buch Idris. Er war ein Wahrhaftiger, ein Prophet. Wir erhoben ihn zu hohem Rang;“ (Sure 19:56-57)

Henoch stellt mit seiner Entrückung durch Gott einen sehr seltenen Einzelfall dar. Die einen glauben, dass er in diesem Zuge in einen Engel verwandelt wurde. Andere glauben, dass es sich bei Henoch von Anfang an um Metatron gehandelt hat.

In den Legenden um Henoch ist Metatron jedoch kein Erzengel, sondern einer der Seraphim. Das sind Engel aus Feuer mit sechs Flügeln, die mit unzähligen Augen besetzt sind.

In der Offenbarung des Johannes heißt es über die Seraphim:

„Und ein jedes der vier Wesen hatte sechs Flügel, und sie waren rundum und innen voller Augen, und sie hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt.“

Elisa ben Abuja – Vision des Häretikers

Die wohl spannendste Interpretation von Metatron findet sich in der Vision des Elisa ben Abuja aus dem 1. Jahrhundert v. Christus. Er war ein rabbinischer Tannait, dem jedoch Häresie vorgeworfen wurde.

Obwohl er ursprünglich als hohe theologische Autorität seiner Zeit galt, wurde er aufgrund seiner freien Denkweise bereits zu Lebzeiten geächtet. Deshalb wird Elisa ben Abuja häufig nur als „der Andere“ bezeichnet.

In einer Vision will Elisa ben Abuja das Paradies gesehen haben. Dort war es Metatron gestattet, in der Gegenwart Gottes zu sitzen. Nach Chaggia 15:a diente dies seiner Aufgabe, die Verdienste der Israelis aufzuschreiben.

Doch für Elisa ben Abuja sah es zunächst so aus, als ob es „zwei Mächte im Himmel“ gäbe. Da es der Lehre nach jedoch nur einen Gott gibt, erhielt Metatron in der Vision deshalb eine rituelle Strafe.

Metatron wurde einer Pulsa deNura unterzogen. Das ist eine Züchtigung durch 60 Hiebe mit brennenden Stöcken. Das Ritual hat für jüdische Mystiker bis heute eine Bedeutung.

Die Pulsa deNura für Metatron gilt als Vorbild für die Bestrafung von Personen, die ihren religiösen Pflichten nicht nachkommen. Der Begriff taucht im Talmud immer wieder auf und dient bis heute auch dem Verfluchen.

„Regarding that Yitzchak son of Rosa, called Rabin, we have permission from the angels of destruction […] to kill him on account of his inciting the holy people and transferring the Land of Israel to our enemies […].“ (02.10.1995)

In der jüngeren Vergangenheit gab es zwei sehr prominente Fälle solcher Todesflüche unter Beteiligung des orthodoxen Rabbis Yosef Dayan. Die Ziele waren jeweils israelische Ministerpräsidenten. Auslöser waren politische Entscheidungen über den territorialen Rückzug Israels aus Gebieten, die der Glaubenslehre nach zum versprochenen Land gehören:

  • Im Jahr 1995 wurde Jitzchak Rabin wegen der Zustimmung zum Oslo-Abkommen und dem folgenden Friedensprozess verflucht. Wenig später wurde er von einem jungen Mann namens Jigal Amir mit zwei Kugeln aus einer Baretta 84F getötet. Der Untersuchungsbericht wurde aus unbekannten Gründen jedoch nie vollständig veröffentlicht.
  • Im Jahr 2005 wurde Ariel Scharon wegen seiner Pläne zur Räumung des Gazastreifens mit der Pulsa deNura verflucht. Noch im selben Jahr erlitt er einen Schlaganfall und es kam zu starken Hirnblutungen. Er vegetierte dann noch über Jahre hinweg im Wachkoma bis zu seinem Tod am 11. Januar 2014.

Metatron in islamischen Schriften

Der Glaube an Engel ist im Islam tief verankert. Der Lehre nach gibt es vier Erzengel, zu denen Metatron jedoch nicht gezählt wird:

  1. Erzengel Azrael
  2. Erzengel Gabriel
  3. Erzengel Michael
  4. Erzengel Israfil

Metatron als „der Sohn von Maria“

Isa ibn Maryam
Isa ibn Maryam während der Bergpredigt – Jesus soll eine Inkarnation von Metatron sein. (Maler: unbekannt / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Im Islam gibt es beginnend mit Adam, dem ersten Menschen, bis hin zu Mohammed insgesamt 26 namentlich bekannte Propheten. Die Liste überschneidet sich an vielen Stellen mit den Propheten der jüdisch-christlichen Glaubenslehre.

Der von Christen als Sohn Gottes verehrte Rabbiner Jesus von Nazareth gilt im Islam als vorletzter dieser Gesandten Gottes. Für Muslime ist er besser bekannt als Sohn von Maria beziehungsweise ʿĪsā ibn Maryam.

„[…] Und Wir gaben ʿĪsā, dem Sohn Maryams, die klaren Beweise und stärkten ihn mit dem Heiligen Geist. […]“ (Sure 2:87)

Manche Schulen des Islam lehren, dass dieser Sohn von Maria eine Inkarnation von Metatron war. Die Rolle war natürlich ideal, um das Wort Gottes zu den Menschen zu tragen:

„Oh Leute der Schrift, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt gegen Allah nur die Wahrheit aus! al-Masīḥ ʿĪsā, der Sohn Maryams, ist nur Allahs Gesandter und Sein Wort, das Er Maryam entbot, und Geist von Ihm. Darum glaubt an Allah und Seine Gesandten und sagt nicht „Drei“.“ (Sure 4:171)