Demagogie

Demagogie – die Volksverführung

Demagogie ist ein Begriff der politischen Kommunikation. Heutzutage bezeichnet man die rhetorische Manipulation von vermeintlichen oder tatsächlichen Interessensgemeinschaften als Demagogie. Die Geschichte des Begriffs reicht jedoch bis zu den frühen Demokratien des antiken Griechenland zurück.

Ursprünglich wurde ein sehr erfolgreicher Politiker als Demagoge bezeichnet – eine im Kern neutrale Wortschöpfung aus den alt-griechischen Begriffen: dēmos – „Volk“ und agein – „führen“.

Im Laufe der Zeit hat sich die Konnation des Begriffs aber von sehr positiv in extrem negativ gewandelt.

Geschichte des Begriffs der Demagogie

Politische Kommunikation in antiken Demokratien

Demagogie stammt als Begriff aus den früh-demokratischen Systemen der alten Griechen. Diese zeichneten sich durch ihre überschaubare Größe aus. Gemessen an heutigen Vorstellungen waren die griechischen Stadtstaaten aber nur größere Dorfgemeinschaften.

Das antike Staatsverständnis wie bei Platon oder Aristoteles bestand auch nur aus rudimentären Skizzen. Die Staaten war auf institutioneller Ebene praktisch kaum entwickelt. Auch wurde in den antiken Demokratien das aktive und das passive Wahlrecht nur von den begüterten, freien und erwachsenen Männern ausgeübt.

Die Politik wurde im alten Griechenland zu großen Teilen im Rahmen von Versammlungen bestimmt. Diese hatten in aller Regel nur wenige hundert Teilnehmer, die sich noch dazu aus ihrem Leben in der Dorfgemeinschaft meist sehr gut kannten.

Natürlich waren die Prozesse zur kollektiven Willensbildung in diesen alten Demokratien äußerst anfällig für eloquente, charismatische und willensstarke Persönlichkeiten. Noch dazu war damals die Wortgewandtheit gesellschaftlich sehr erstrebenswert.

Früh zeigte sich aber auch der ambivalente Charakter der Demagogie für das Wohlergehen des Staates und seiner Bevölkerung. Da es noch an umfassenden Regelwerken fehlte, hatten Demagogen, die mit ihren Worten spielend einfach Mehrheiten organisieren konnten, ein sehr leichtes Spiel im politischen Betrieb.

Bereits Thukydides im 5. Jahrhundert v. Christus nutzte den Begriff mit einer negativen Konnotation. Parallel gebrauchte man jedoch dieselbe Bezeichnung auch unzweifelhaft positiv für Perikles – den großen Staatsmann der Athener.

Politische Irrlehren in der frühen Neuzeit

Mit dem Ende der griechischen Stadtstaaten und ihrer politischen Systeme verlor der Begriff jedoch an Relevanz. Erst während des Absolutismus kam diese Bezeichnung für bestimmte Formen der politischen Kommunikation wieder auf.

Im 17. Jahrhundert wurden beispielsweise positive Presseberichte über den englischen Bürgerkrieg (1642 – 1649) verboten. Der Begriff der Demagogie wurde aus der Mottenkiste geholt und der Zeit angepasst. Die „Demagogie“ war hier nicht nur ein Begriff zur Bezeichnung von Mächtigen, sondern auch ein Begriff der Mächtigen und zwar für staatsgefährdende Rhetorik.

Damit erhielt die Demagogie in ihrer Begrifflichkeit spätestens zu Beginn der Neuzeit ein zweites Gesicht. Was Wort wurde zum Begriff für fundamental-oppositionelle Reden und Publikationen, die über ein system-gefährdendes Mobilisierungspotential verfügen.

Dieser quasi-juristische Ansatz zur verbalen Abstrafung von Systemfeinden verleiht der Demagogie sicherlich den Charakter einer politischen Irrlehre – in Anlehnung an die religiöse Irrlehre, die Häresie.

Demagogenverfolgungen im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert kamen viele freiheitliche Bestrebungen auf. Vor allem die Burschenschaften heizten ein revolutionäres Klima an. Doch die Obrigkeit reagierte mit aller Härte. Vor allem Preußen und Hessen gingen im Zuge dieser „Demagogenverfolgungen“ massiv gegen den freiheitlichen Geist an den Univeristät vor.

In einer ersten Welle wurde die Zensurfreiheit für akademische Werke aufgehoben. Darüber hinaus wurden Schlüsselpositionen in der universitären Verwaltung sowie der hochschulischen Rechtsprechung mit Staatsbeamten besetzt.

Außerdem wurden Burschenschaften mit geheimen politischen Organisationen gleichgestellt. Damit wurden aktive Studenten für die politische Polizei strafrechtlich greifbar. In einer zweiten Welle der Demagogenverfolgungen wurde die Bundeszentralbehörde aufgebaut.

Die vorrangige Aufgabe dieser Behörde war eine Verfolgung von hetzerischen Schriften. Hierfür sammelte sie Informationen und persönliche Daten von Bürgern. Die Maßnahmen hatten jedoch letztlich keinen Erfolg. Nur wenige Jahre nach der zweiten Welle der Verfolgungen kam es zur Märzrevolution von 1848/49.

Propaganda im 20. Jahrhundert

Propaganda und Demagogie des 20. Jahrhunderts
Demagogie und Propaganda (pixabay)

Heutzutage ist der Begriff der Demagogie stark von den Bildern der Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels geprägt. Dieser hatte nach der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad am 2. Februar 1943 eine neue Offensive in seiner Progandaschlacht eröffnet.

Im zeitgenössischen Sprachgebrauch wird jedoch meist sehr vorschnell von Demagogie gesprochen. Tatsächlich ist der Begriff der Demagogie in modernen und gefestigten Demokratien wie der Bundesrepublik Deutschland praktisch obsolet. Hierfür gibt es einen zentralen Grund:

Moderne Demokratien verfügen über einen sehr hohen Grad der Regulierung, Versachlichung und thematischen Aufsplittung des politischen Betriebes. Eine echte Führung des Volkes durch Worte ist aufgrund der politischen Strukturen und Prozesse schlichtweg nicht mehr möglich.

Am Beispiel des Dritten Reiches der Nationalsozialisten kann man dies jedoch noch sehr gut nachvollziehen. In diesem totalitären System konnte die politische Führung ihre verbale Verhetzung der Deutschen in eine effektive Politik übersetzen.

Demagogie in der westlichen Demokratie

Der Begriff der Demagogie ist heutzutage im Kontext einer reifen Demokratie in aller Regel als ein Synonym für Populismus zu betrachten. Der Spin der Formulierung ist allerdings sehr viel schärfer.

„Und ein Volk, das seine Vorfahren nicht in Ehren hält, ist sowieso zum Untergang verurteilt. […] Wir geben Geld für Terroristen, für gewalttätige Zeitungen, für arbeitsscheues Gesindel, und wir haben kein Geld für anständige Menschen.“

– Jörg Haider im Jahr 1995 in einer Rede vor Veteranen der Waffen-SS –

Ein Grenzfall der Gegenwart sowie ein umgangssprachliches Beispiel für einen Demagogen von heute war Jörg Haider († 2008). Der Mann war ein rechtsextremer Politiker aus Österreich und von 1989 bis 1991 sowie von 1999 bis zu seinem Unfalltod auch der Landeshauptmann von Kärnten. Diese Position ist vergleichbar mit dem Amt des Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes.

„Das wissen Sie so gut wie ich, dass die österreichische Nation eine Missgeburt gewesen ist, eine ideologische Missgeburt, denn die Volkszugehörigkeit ist die eine Sache und die Staatszugehörigkeit ist die andere Sache.“

– Jörg Haider im Jahr 1988 –

Mit solchen öffentlichen Ansagen saß er nicht nur der Kärtener Landesregierung vor, sondern übte auch die Hoheit über die Verwaltung aus. Er präsentierte sein Land nach außen hin sowie innerhalb der Republik Österreich. Merkmale eines Demagogen sind bei Jörg Haider oberflächlich erfüllt:

  1. fundamental-oppositionelle Rhetorik
  2. politische Gewalt

Doch auch an seinem Beispiel zeigen sich die Grenzen der Demagogie bzw. der Übergang zum Populismus. Sein Gerede einerseits und sein Verhalten im politischen Tagesgeschäft andererseits unterlagen einem hohen Grad an Entkoppelung – so wie es vielen Politikern in demokratischen Systemen vorgeworfen wird.[1]

Jenseits der oberflächlichen Verwendung des Begriffs der Demagogie werden echte Gefährdungen für politische Systeme von wissenschaftlichen Stiftungen untersucht. Ein Beispiel hierfür ist das Polity-Projekt der University of Maryland.

http://www.systemicpeace.org/globalreport.html

Dort werden seit 1946 mit Geldern der US-Regierung Daten aus allen Ländern der Welt gesammelt. Diese Daten wurden auf Basis eines Models der soziologischen Systemtheorie von Talcott Parsons in fünf Dimensionen zu Zahlenwerten zwischen -10 und +10 aggregiert.

Mit Hilfe dieser Logik wurden im Anschluss auch noch bis rückwirkend zum Jahr 1800 alle verfügbaren politischen Systeme in Zahlenwerte umgerechnet. Alles basiert jedoch auf den Arbeiten und Interpretationen von qualifizierten Politikwissenschaftler, die mit ihren Methoden einen Jörg Haider durchleuchten können. Einige Darstellungen sind auch online verfügbar.

Merkmale einer demagogischen Rede

Demagogie ist eine aggressive, manipulative Rhetorik, die meist von Sarkasmus und Polemik gekennzeichnet ist. Darüber hinaus bedienen sich Demagogen zahlreicher Mitteln, um politische Gegner oder Positionen in ein herabwürdigendes Licht zu rücken.

Deshalb finden sich viele Argumente gegen Personen (argumentum ad personam) wie auch Argumente (argumentum ad auditores), die sich nicht an der Sache ausrichten, sondern auf ein bestimmtes Publikum zielen.  Demagogische Reden sind aus diesen Gründen auch von bewussten Unsachlichkeiten geprägt, die zur Überspitzung von Positionen dienen.

Ein weiteres Merkmal ist eine bildhafte Sprache, die starke Assoziationen auslösen soll. Darüber hinaus dienen alternative Fakten und Nulltexte wie auch die Verabsolutierung von Einzelfällen der systematischen Übertreibung.

Demagogie und Populismus – ein Unterschied

demagogie-volksverhetzung-lernprozess-karl-deutschPopulismus steht als Begriff ebenfalls für eine bestimmte Art des rhetorischen Ansatzes. Beide Arten der politischen Kommunikation – Demagogie und Populismus – zielen auf den Erwerb bzw. den Erhalt von Macht und bedienen dabei psychologische und soziale Reflexe von Interessensgemeinschaften.

Einige Merkmale finden sich vermehrt. Bereits Tiberius Gracchus und Gaius Gracchus bewegten sich vor über 2000 Jahren als Volkstribune der römischen Bevölkerung im konzeptionellen Rahmen der „Popularen“:

  • Es werden innere wie äußere Konfliktlinien beschworen und Ängste geschürt.
  • Populisten präsentieren sich als Vertreter der unterdrückten Massen.
  • Sie nehmen für sich in Anspruch, als einzige für das Volk sprechen zu können.
  • Die emotionale Ebene hat eine höhere Bedeutung als die Sachebene.
  • Zuspitzung und mantrahaftes Wiederholen von einfachen Phrasen prägen die Positionen.

„I am your voice!“

– Donald Trump, 21.07.2016 –

Bis heute handelt es sich hierbei um das lose Gerippe von populistischen Strategien. Diese sind auch nur wenig programmatisch angelegt. Der Populist spielt situativ mit diffusen Mentalitäten und orientiert sich dabei an politischen Himmelsrichtungen.

„Entschuldigen S‘ die Sprache, das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist – weil den wirst Du nie wieder abschieben. Aber für den ist das Asylrecht nicht gemacht, sondern der ist Wirtschaftsflüchtling.“

– Andreas Scheuer, Generalsekretär der CSU, 18.09.2016 –

Populismus ist eine Kommunikationsstrategie, mit der primär versucht wird, möglichst viele Menschen mit derselben Botschaft „einzufangen“ und „mitzunehmen“. Deshalb ist der Populismus unscharf und sprunghaft. Die politische Großwetterlage und kurzfristige Umfrageergebnisse bestimmen die inhaltliche Fahrtrichtung.

Demagogie ist dagegen sehr viel programmatischer und sucht das konkrete Ergebnis. Deshalb steht bei dieser Art der politischen Kommunikation auch die Reichweite der Botschaft an zweiter Stelle hinter der Durchschlagskraft eben dieser. Das Ziel der Demagogie ist die tatsächliche Führung eines Volkes Worten.

„Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?

– Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister, 18.02.1943 –

Quellen

[1]https://www.welt.de/politik/article2563036/Joerg-Haider-war-ein-Demagoge-mit-zwei-Gesichtern.html