Erzengel Gabriel

Gabriel – Erzengel und Stimme Gottes

Der Erzengel Gabriel hat im Judentum, Christentum und dem Islam jeweils eine sehr hohe Bedeutung. Für Muslime ist Ǧibrīl als Offenbarer von Gottes Wort an ihren Propheten der wohl der wichtigste Erzengel. Er soll vollständig aus Feuer bestehen.

Die Zuordnung dieser Rolle als Stimme Gottes im Islam geht dabei auch auf die besondere Rolle von Erzengel Gabriel in der jüdischen Überlieferung zurück. Die ersten Beschreibungen finden sich bei Daniel. Das war einer der großen Propheten des alten Testamentes:

Erzengel Gabriel
Erzengel Gabriel verkündet Mohammed auf dem Berg Hirā die erste Offenbarung (Maler: Raschīd ad-Dīn (um 1300) / Lizenz: gemeinfreies Bild)

„[…] da stand ein Mann, der hatte leinene Kleider an und einen goldenen Gürtel um seine Lenden. Sein Leib war wie ein Topas, sein Antlitz sah aus wie ein Blitz, seine Augen wie feurige Fackeln, seine Arme und Füße wie helle, blanke Bronze, und seine Rede war wie ein großes Brausen.“ (Dan 10,5-6)

Bereits bei dem Apokalyptiker Daniel wird auf die enge Partnerschaft von Gabriel mit dem Erzengel Michael eingegangen. Wie dieser ist er nicht nur Stimme von Gott, sondern hat auch ein robustes Mandat. Als „Engelspaar“ kann man die beiden Erzengel ebenso im Christentum und dem Islam finden:

„Und er sprach: Weißt du, warum ich zu dir gekommen bin? Und jetzt muss ich wieder hin und mit dem Engelfürsten von Persien kämpfen; und wenn ich das hinter mich gebracht habe, siehe, dann wird der Engelfürst von Griechenland kommen. Doch zuvor will ich dir kundtun, was geschrieben ist im Buch der Wahrheit. Und es ist keiner, der mir hilft gegen jene, außer eurem Engelfürsten Michael.“ (Dan 10,20-21)

Im Christentum wird der Erzengel Gabriel meist eher etwas unterhalb von Michael eingeordnet. Zusammen mit dem Erzengel Raphael bilden sie auch den kanonisch anerkannten Kreis. Aber als Verkünder der unbefleckten Empfängnis von Jesus durch Maria hat Gabriel eine weit hervorgehobene Stellung in der Heilslehre:

„Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ (Lukas 1,26-28)

Erzengel Gavri-el – „Meine Kraft ist Gott“

Wie die Namen der anderen Erzengel auch ist „Gabriel“ ein zusammengesetztes Wort. Aus dem Hebräischen übersetzt bedeutet es soviel wie: „Meine Kraft ist Gott“

Judentum – Gabriel und Daniel

Der Erzengel Gabriel wird erstmals bei Daniel im Tanach erwähnt. „Daniel“ ist die Hauptfigur eines nach ihm benannten Buches. Der Name ist ebenfalls ein Kompositum und bedeutet soviel wie: „Gott hat Recht verschafft“

Die Entstehungszeit des Buches Daniel wurde lange Zeit aufgrund von Angaben des Autors auf das 6. Jahrhundert v. Christus datiert. Inzwischen geht man von einer Fertigstellung im 2. Jahrhundert v. Christus aus.

Prophet Daniel Löwengrube
Daniel musste in Kapitel 6 seines Buches für eine Nacht in die Löwengrube. (Maler: Rubens / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Das Buch Daniel (Dan 1-12) hat zwei Hauptteile. Die erste Hälfte enthält Geschichten über Daniel in der dritten Person. In diesem Teil findet sich auch die berühmte Geschichte über seine Nacht in der Löwengrube.

Die restlichen Kapitel sind Visionen aus der ersten Person erzählt. Zunächst tritt der Erzengel Gabriel als Erklärer der Visionen auf:

„Während ich, Daniel, noch diese Vision hatte und sie zu verstehen suchte, da stand vor mir einer, der aussah wie ein Mann. Und über dem Ulai-Kanal hörte ich eine Menschenstimme, die rief: Gabriel, erkläre ihm die Vision! Da kam er auf mich zu. Als er nähertrat, erschrak ich und fiel mit dem Gesicht zu Boden. Er sagte zu mir: Mensch, versteh: Die Vision betrifft die Zeit des Endes.“ (Dan 8,15-17)

Im folgenden Kapitel wird Daniels Vision von der Apokalypse beschrieben. Zunächst werden ihm die Fehler des Volkes Israel deutlich, bis der Erzengel Gabriel erneut erscheint:

„[…] während ich also noch mein Gebet sprach, da kam im Flug der Mann Gabriel, den ich früher in der Vision gesehen hatte; er kam um die Zeit des Abendopfers zu mir, redete mit mir und sagte: Daniel, ich bin ausgezogen, um dir klare Einsicht zu geben. Schon zu Beginn deines Gebetes erging ein Gotteswort und ich bin gekommen, um es dir zu verkünden; denn du bist geliebt. Achte also auf das Wort und begreife die Vision!“ (Dan 9,21-23)

Die Texte von Daniel wurden zwar erst spät in den jüdischen Kanon aufgenommen. Er wird dennoch zu den großen Propheten gezählt und hatte beispielsweise großen Einfluss auf die Lehren des Jesus von Nazareth.

Christentum – unbefleckte Empfängnis

Während der Erzengel Gabriel im Judentum vor allem ein Erklärer der Apokalypse ist, hat er im Christentum als Verkünder der unbefleckten Empfängnis von Maria ein anderes Image. Sein Attribut ist die Lilie.

Erzengel Gabriel mit Lilie
Christliche Darstellung des Erzengels Gabriel von 1501 (Maler: Pinturicchio / Lizenz: gemeinfreies Bild)

Doch der Erzengel Gabriel erschien bereits dem Vater von Johannes dem Täufer. Dieser Zacharias hatte wie seine Frau Elisabet ein hohes Alter erreicht. Sie waren bisher kinderlos geblieben:

„Als Zacharias ihn sah, erschrak er und es befiel ihn Furcht. Der Engel aber sagte zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet ist erhört worden. Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Johannes geben.“ (Lukas 1,12-13)

Eben dieser Johannes wird von den Christen und den Muslimen als Prophet anerkannt. Mit seiner Tätigkeit als Prediger am Jordan bereitete er die großen Erfolge des christlichen Messias vor.

Erst nach der Schwängerung von Elisabet ging der Erzengel Gabriel zu Maria, die für die dann folgende unbefleckte Empfängnis des Jesus von Nazareth so bedeutsam wurde.

In Deutschland ist der Erzengel Gabriel als Schutzpatron mit der Zeit gegangen. Er passt auf Postboten, Zusteller, Radiomoderatoren, Müllmänner und Diplomaten auf. Außerdem ist er der besondere Schutzgeist der Fernmelder beim Heer, vergleichbar mit Michael, der als Ansprechpartner der Fallschirmjäger gilt.

Islam – Gabriel und Mohammed

Historische Einordnung

Der Islam weiß ebenso interessante Geschichten über Dschibrīl (Ǧibrīl) zu erzählen, obwohl er nur an drei Stellen im Koran explizit erwähnt wird. Besonders auffällig ist, dass diese Erwähnungen der sogenannten „medinischen Zeit“ zugeordnet werden.

Der ältesten Suren stehen nämlich am Ende des Koran, während die Verse in den vorderen Teilen eher auf das spätere Wirken von Mohammed zurückgehen. Die expliziten Erwähnungen von Erzengel Gabriel stammen also aus der Phase nach der Hidschra, der Vertreibung aus Mekka im Jahr 622.

Der martialische Charakter von Erzengel Gabriel beispielsweise in der Sure 2:98 wird in Kommentaren zum Koran vor einem historischen Hintergrund gedeutet. Die ersten Muslime mussten nach ihrer Flucht von Mekka nach Medina mit dort ansässigen Juden konkurrieren:

„Wer auch immer zum Feind wurde gegen Allah und Seine Engel und Seine Gesandten und Gabriel und Michael, so ist wahrlich Allah den Ungläubigen ein Feind.“ (Sure 2:98)

Den politischen Konflikt gegen medinische Juden konnte Mohammed erst nach seinem legendären Sieg in der Schlacht von Badr am 17. März 624 behaupten. Der Überlieferung zufolge war es in der Tat ein spektakulärer Erfolg.

Eine kleine Gruppe um den Propheten war auf Beutezug und wurde dabei von einer feindlichen Armee überrascht. Trotz ihrer Unterzahl töteten sie 70 Feinde und nahmen ebenso viele Gefangene. Es wurden jedoch nur 14 Muslime getötet:

„Und da verhalf Allah euch bei Badr zum Sieg, während ihr verächtlich erschient; darum fürchtet Allah; vielleicht werdet ihr dankbar sein. Als du zu den Gläubigen sagtest: „Genügt es euch denn nicht, daß euer Herr euch mit dreitausend herniedergesandten Engeln hilft?“ (Sure 3:123-124)

Offenbarung des Koran

In der späteren Überlieferung des Koran wird die Interpretation von Erzengel Gabriel jedoch sehr viel weiter gefasst. Ihm wird die Rolle als zuverlässiger Geist an zahlreichen Stellen zugeordnet.

„Und dein Herr ist fürwahr der Allmächtige und Barmherzige. Und er ist ganz sicher eine Offenbarung des Herrn der Weltenbewohner; mit dem der vertrauenswürdige Geist herabgekommen ist auf dein Herz, damit du zu den Überbringern von Warnung gehörst, in deutlicher arabischer Sprache.“ (Sure 26: 191-195)

Vor allem war der Erzengel Gabriel jener, der Mohammed den Koran und damit Gottes Wort offenbarte. Damit ist er natürlich der Inbegriff des göttlichen Boten.

Himmelfahrt von Mohammed

Der Erzengel Gabriel unternahm mit dem islamischen Propheten darüber hinaus eine spannende Reise: Er zeugte ihm den Himmel und die Hölle.

Foto Kaaba Mekka
Die Kaaba in Mekka im August 2008 (Foto: deendotsg / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Die „Himmelfahrt Mohammeds“ begann in der Kaaba in Mekka. In dem sakralen Kubus wird bis heute ein schwarzer Stein aufbewahrt.

Das soll ursprünglich ein bei Nacht leuchtender Saphir gewesen sein, den Adam bei der Vertreibung aus dem Paradies auf Gottes Geheiß von dort mitgenommen haben soll. Sünden der Menschen färbten den Stein schließlich jedoch schwarz. Er wird jedoch bis heute in der Kaaba auf

Während eines Gebets stieg der Gesandte Gottes von dort über eine Leiter in den Himmel und wurde dabei von Erzengel Gabriel begleitet. Bei diesem Aufstieg konnte er schließlich die Hölle und das Paradies überblicken.

Gabriel-Hadith von Omar

Im sunnitischen Islam ist darüber hinaus eine weitere Szene zwischen dem Erzengel Gabriel und dem Propheten sehr wichtig: Eines Tages wurde Mohammed in Begleitung einiger Gefährten von einem fremden Mann angesprochen.

Im Nachgang erklärte er seinen Begleiter, dass der Mann Erzengel Gabriel gewesen sei. Die Überlieferung geht auf Omar, den zweiten Kalifen nach Abu Bakr und den damit dritten Anführer der muslimischen Gemeinschaft zurück. Er berichtete dabei aus seiner eigenen Perspektive:

„Als wir eines Tages beim Gottesgesandten waren, trat plötzlich ein Mann zu uns, der strahlendweiße Gewänder trug und pechschwarzes Haar hatte. Keine Spur einer Reise war an ihm zu sehen, und keiner von uns kannte ihn. Der Mann setzte sich dann zum Propheten, lehnte sein Knie gegen das Knie des Propheten und legte seine Handflächen auf seine Oberschenkel.“

Der Erzengel Gabriel stellte eine Reihe von Fragen zu grundlegenden Begriffen und Prinzipien des Islam. Mit seinen Antworten wurde diese Inhalte für die Gläubigen definiert:

„Er sprach: ›O Mohammed, berichte mir über den Islam!‹ Der Gottesgesandte sprach: ›Islam bedeutet, dass du bekennst, dass es keinen Gott außer Gott gibt und Mohammed der Gesandte Gottes ist.“