Geschichte der Taktik (4) – Wurfspeer (Pilum)

Der Wurfspeer (Pilum)

Neben der Steinschleuder und dem Bogen gehört der Wurfspeer zu den ältesten der militärischen Fernwaffen. Eine solche Waffe ähnelt zwar dem normalen Kampfspeer. Aber während ein Kampfspeer vor allem die Wucht eines Stoßes übertragen soll, sind bei einem Wurfspeer die Flugeigenschaften viel wichtiger.

Speerwerfer trugen häufig mehrere kleine Speere bei sich. Ihre Aufgabe war meist die Eröffnung einer Schlacht mit Plänkeleien. Ein ganz besonders erfolgreiches Modell eines Wurfspeeres sollten die alten Römer ab dem 6. Jhd. vor Christus entwickeln, das gefürchtete Pilum.

Die Beschaffenheit eines Wurfspeers

Wurfspeere bestehen aus einem langen Schaft. Sie verfügen über eine Spitze, die jedoch auch aus einer zweischneidigen Klinge bestehen kann. In der Regel besteht dieses Ende des Speeres aus einem harten Material wie Metall.

Entscheidend ist, den Wurfspeer gut auszubalancieren. Es muss möglich sein, viel Kraft in den Wurf zu legen. Aber der Speer muss trotzdem eine stabile Flugbahn haben, damit die Spitze ihr Ziel trifft.

Das schwere Pilum des römischen Legionärs

Römische Soldaten mit Pilum auf dem Marsch.
Römische Linieninfanteristen in Marschformation (pixabay)

Der vielleicht bekannteste Wurfspeer, das schwere Pilum (ca. 3 kg), wurde von den alten Römern ab dem 6. Jhd. vor Christus entwickelt. Diese Waffe unterschied sich grundsätzlich von anderen Wurfspeeren. Sie hatte nämlich keine Spitze aus einem harten Metall, sondern eine aus weichem Blei.

Die Waffe verfügte noch dazu über ein Gewicht, um die Durchschlagskraft zu erhöhen. Im Gegensatz zu anderen Wurfspeeren sollte das Pilum aber gar nicht unbedingt direkt töten oder kampfunfähig machen. Vielmehr war diese Fernwaffe der alten Römer ein taktisches Mittel, um die Frontlinie einer feindlichen Armee aufbrechen zu können.

Römisches Pilum vs. Phalanx

Die alten Griechen hatten die Phalanx als Standard-Kampfformation entwickelt. Es war erkannt worden, dass ein Kampf in Formation während einer Schlacht viel Vorteile gegenüber dem Einzelkampf liefert. Deshalb begannen die Kämpfer sich einer Linie zu formieren. So konnten sie sich gegenseitig mit ihren Schilden einen gewissen Schutz geben und den individuellen Kampfwert erheblich steigern.

Die listigen Römer gaben mit ihrem Wurfspeer jedoch genau die richtige Antwort auf einen solchen Schildwall. Die weiche Spitze des Pilums durchschlug nämlich die feindlichen Schilde und verbog dabei. Damit wurde der getroffene Schild unhandlich und war für den Kampf unbrauchbar.

Die begrenzte Reichweite des Pilums von ca. 10 bis 15 m war tatsächlich sogar ideal. So konnten sich die Feinde auch nicht mehr kurzfristig neu formieren.

Die drei leichten Wurfspeere

Die römischen Legionäre verfügten noch über drei weitere Speere. Nach dem ersten Wurf mit dem schweren Pilum, schleuderten sie noch bis zu drei leichte Pila (ca. 1 kg) ihren schildlosen Feinden gegen Hals und Gesicht. So fügten sie dem Feind schon beim Anrücken großen Schaden zu.

Dann zogen die Legionäre das Kurzschwert und gingen in den Nahkampf gegen die aufgebrochenen Linien des Gegners über. Durch seine taktischen Wert trug das Pilum erheblich zu den großen militärischen Erfolgen des Römischen Reiches gegen Griechen wie bei den Pyrrhussiegen bei.

Das Pilum wurde nach der Heeresreform von Gaius Marius als Standard-Waffe für die gesamte römische Linieninfanterie eingeführt. Bis in das 3. Jhd. nach Christus blieb dieser Wurfspeer die wichtigste Distanzwaffe der schweren Infanterie und bewieß sich auch in Kämpfen gegen barbarische Stämme.

„Von großem Nachteil war es den Galliern im Kampf, dass mehrere ihrer Schilde oft durch einen Pilumwurf durchschlagen und so zusammengeheftet worden waren, dass sie, da das Eisen sich verbogen hatte, die Geschosse weder herausziehen noch mit einer derart behinderten Linken vernünftig fechten konnten; viele zogen es daher, nachdem sie den Arm eine Zeit lang geschüttelt hatten, vor, den Schild fallen zu lassen und ungeschützt zu kämpfen.“ Gaius Julius Caesar – Gallischer Krieg I,25