Apostel Judas Iskariot

Judas Iskariot – Apostel und Verräter

Judas Iskariot war einer der Jünger des Jesus von Nazaret, dem Messias der Christen. In der Heilsgeschichte nimmt er eine ganz besondere Rolle ein. Ursprünglich war er ein treuer Anhänger und wird in den Evangelien zunächst auch als Apostel geführt.

Doch als die Hohe Priesterschaft in Jerusalem nach Jesus suchte, wurde Judas Iskariot zum Verräter. Er wies der Tempelpolizei den Weg zum Aufenthaltsort seines Heilands. Dann identifizierte er den Gesuchten mit einem Kuss auf die Wange, dem Judaskuss.

Es kam zur Verhaftung, die den Beginn der Leidensgeschichte Jesu, der Passion Christi, darstellt. Damit wurde Judas Iskariot zum Auslöser für die prophezeite Erlösung der Menschenheit durch den freiwilligen Tod des Heilands am Kreuz.

Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn.“ Joh 13,26

Trotz seiner entscheidenden Schlüsselrolle für die Heilsgeschichte stellt Judas Iskariot für die Anhänger des Christentums jedoch eine sehr negative Figur dar. Sein Verrat besitzt bis heute eine sehr hohe Strahlkraft und prägt sogar Beleidigungen wie: „Du Judas!“

Judas Iskariot wurde zum anti-semitischen Symbol für einen verräterischen Juden schlechthin instrumentalisiert. Bereits bei früh-christlichen Schreibern wie Tertullian aus dem 2. Jahrhundert n. Christus finden sich negative Interpretationen.

In der Spätantike verfasste Johannes Chrysostomos, der Erzbischof von Konstantinopel, schließlich sechs Predigten adversos iudaeos, gegen die Judäer. Diese wiesen einen engen Bezug zu Judas Isakriot auf. Spätestens damit war auch eine theologische Basis für einen aggressiven Antijudaismus geschaffen worden.

Im Mittelalter entwickelte sich auf solchen Grundlagen eine anti-jüdische Gesetzgebung. Doch auch die Nationalsozialisten nutzten noch im 20. Jahrhundert den Apostel Judas Iskariot als Symbol, um ihre Propaganda bildlich zu untermauern.

Hintergrund des Mannes aus Kariot

Hebräischer Vorname und Ortsbezeichnung

Der Name Judas ist die griechische Variante des häufigen Namens im Hebräischen: Jehuda. Im Tanach, den alten jüdischen Bibeltexten, trug beispielsweise auch einer der Stammväter des Volkes Israel diesen Namen.

Im Neuen Testament taucht noch ein weiterer Apostel und Jünger mit dem Namen Judas auf. Dabei handelt es sich um Judas Thaddäus. Auch unter den Geschwistern des Jesus von Nazaret findet sich eine Person mit diesem Namen.

Der Beiname „Iskariot“ hingegen bedeutet soviel wie „Der Mann aus Kariot“. Der Überlieferung nach gab es einen kleinen Ort mit diesem Namen in Judäa.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass sich der Beiname auf die Sikarier bezog. Dabei handelte es sich um eine gewaltsame Widerstandsbewegung gegen die Besetzung durch das Römische Reich.

Die Sikarier hatten sich ihren Namen in Anlehnung an die Sica gegeben. Das war ein geschwungener Dolch, der auch von Straßenräubern und Gladiatoren verwendet wurde. Die Klinge war einschneidig, etwa 40 bis 45 cm lang und an der Spitze gekrümmt.

Berufung in den Kreis der Jünger

Im Evangelium von Markus gehört Judas Iskariot zum Kreis der 12 Jünger, die Jesus persönlich auswählte. Sie sollten ihm besonders nahe sein, aber auch ausgesendet werden und in seinem Namen sprechen.

Dabei verkündeten Sie die „Umkehr“, wie sie bereits seit Johannes den Täufer gepredigt wurde. Außerdem trieben sie „…viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten Sie.“ Mk 6,13

Auch bei Matthäus und Lukas wird Judas Iskariot zu dieser ersten Gruppe der berufenen Personen gezählt. Jedoch findet sich in den Briefen von Paulus kein entsprechender Hinweis. Dies kann jedoch auch den Hintergrund haben, dass er selbst erst sehr spät seine Berufung erhielt.

Die spätere Rolle von Judas Iskariot enthüllte sich zwar für Jesus, dennoch verhielt er selbst sich bis zu seinem Verrat völlig konform. Eher fällt auf, dass Judas in seiner Rolle als Jünger nie von einer Phase der Zweifel erfüllt war oder zumindest fehlen Beschreibungen.

Dagegen hatten selbst sehr standhafte Jünger wie Simon Petrus mit schweren Krisen zu kämpfen. Diese Zerrissenheit und die folgende Überwindung der inneren Krisen ist ein zentrales Merkmal der persönlichen Entwicklung im Christentum.

Dass dieses klassische Element der Charakterbildung einer früh-christlichen Figur fehlt, lässt Fragen über die Motive von Judas Iskariot offen. Dies ließ zu allen Zeiten viel Raum für weitschweifige Interpretationen seines Handelns.

Weg in den Verrat

Die Darstellungen, wie es schließlich zum Verrat des Apostels Judas Iskariot kam, gehen bei den Evangelisten auseinander. Einigkeit besteht zwar darin, dass ihm für den Verrat eine Belohnung in Form von Geld versprochen wurde.

Silber oder Satan?

Je nachdem, welches Evangelium man befragt, entwickelt sich jedoch eine unterschiedliche Geschichte über den Vorlauf der Ereignisse:

  • Markus berichtet nur kurz, dass Judas Iskariot zu den Hohen Priester ging und diesen die Auslieferung von Jesus anbot. Hierfür wurde ihm eine finanzielle Belohnung versprochen und der Verräter bemühte sich um eine zeitnahe Realisierung seines Vorhabens. (Mk 14,10-11)
  • Matthäus wird an dieser Stelle noch ein wenig präziser. Er spricht von 30 Silberstücken, die Judas Iskariot für seine Taten versprochen wurden. Darüber hinaus findet sich in dieser Darstellung bereits ein Wandel der Motivation. Er soll aktiv erfragt haben, wie viel er für einen Verrat erhalten würde. (Mt 26,14-16)
  • Lukas hingegen stellt die Gesamtsituation anders dar. Nach seiner Überlieferung fuhr Satan in Judas Iskariot, woraufhin dieser sofort zu den Hohen Priestern ging. In diesem Evangelium erscheint er wie eine passive Figur, die einen notwendigen Botengang erfüllen muss. (Lk 23,3-6)
  • Johannes geht in seinem Evangelium bei der Ausgestaltung der Rolle von Judas Iskariot sehr viel weiter. Er wird intensiver behandelt und regelrecht als Gegenpol zum Apostel Simon Petrus aufgebaut. Bereits im Vorfeld lässt der Messias in diesem Evangelium verlauten, dass sich ein Teufel im Kreis seiner Jünger befindet. Nach seiner Überlieferung ist es schließlich Jesus selbst, der in voller Souveränität über die Rolle des Judas Iskariot informiert zu sein scheint und das große Finale scheinbar selbst einläutet. (Joh 6,70 & 13,26)

Die Abweichung bei Lukas und Johannes ist für die Interpretation der Rolle des Judas Iskariot von größter Bedeutung. Satan, der große Widersacher, ist nämlich überhaupt der Grund, wieso sich Jesus am Kreuz für die Erlösung von den Sünden opfern würde.

Damit kommt dem Verräter in der theologischen Architektur der jungen Glaubensströmung eine fundamentale Rolle zu. Vom aktiven Verräter, der sich opportunistisch bereichern möchte, entwickelt sich Judas Iskariot zur Schachfigur im Spiel der Supermächte.

Es gibt künstlerische Deutungen, dass Judas Iskariot den Weg des Sohnes von Gott mit seinem Handeln aktiv lenken wollte. Doch solche Darstellungen beruhen auf keiner theologischen Diskussion.

Judaskuss im Garten Getsemani

Diese nächste Gelegenheit zum Verrat, von der die Evangelisten einstimmig berichten, ergab sich schon bald. Jesus hatte sich nämlich mit seinen Anhängern im Garten Getsemani am Fuß des Ölberges von Jerusalem versammelt.

Judas Iskariot führte die Tempelwache zu dem Ort der Versammlung. Als sie an die Gruppe herantraten, machte der Verräter den Gesuchten kenntlich, in dem er ihm einen Kuss auf die Wange gab, den Judaskuss.

Wieso Judas Iskariot nicht einfach mit dem Finger auf Jesus gedeutet hat, ist nicht bekannt. Doch als die Tempelwache den Gesuchten ergreifen wollte, zog einer der Jünger eine Klinge. Damit schlug er einem Angreifer ein Ohr ab.

Doch Jesus unterbrach den Kampf und heilte das Ohr. Er wurde daraufhin verhaftet. Der Haftbefehl galt auch nur für seine Person. Die Jünger durften sich entfernen und flohen davon.

Zweifel und Selbstmord

Dem Verräter war es natürlich nicht vergönnt, das erworbenen Geld in Ruhe zu genießen. Vielmehr wurde Judas Iskariot nach seinem Verrat von schweren Selbstzweifeln geprägt. Aus Reue soll er die Belohnung der Jerusalemer Ur-Gemeinde gespendet haben.

Judas Iskariot fand der Überlieferung nach jedoch keinen Frieden. Schließlich erhängte er sich selbst.

Verwertung durch die Nachwelt

Judas – der Heilige

Der Gnostizismus entwickelte sich im 2. und im 3. Jahrhundert als eine theologischen Strömung im jungen Christentum. Die Anhänger orientierten sich auch an heiligen Schriften, die nicht in die offizielle Version der Bibel aufgenommen wurden.

Die Gnostiker und ihre Vertreter wie Origenes von Alexandria sahen in Judas Iskariot einen Heiligen. Er wurde sogar zum Befreier verklärt, weil er die Kreuzigung von Jesus durch seinen Verrat ermöglicht hatte.

Diese Interpretation wird auch vom ambivalenten Charakter der ursprünglichen Vokabeln gefördert. Während die Worte in den heiligen Schriften meist mit „verraten“ übersetzt werden, ist eine Übersetzung als „überliefern“ ebenso möglich.

Judas Iskariot wäre also der Apostel, der Jesus an die römische Obrigkeit unter Pontius Pilatus überliefert hat. Darüber hinaus hat er mit dieser schändlichen Tat ein denkbar großes Opfer auf sich genommen.

Insgesamt entstand so eine Argumentation, dass Judas Iskariot sehr wohl im Dienste des Guten gehandelt hatte. Die Strömung konnte sich jedoch nicht durchsetzen.

Judas – der Teufel

Die Vorstellung von Judas Iskariot als einem negativen Teufel hat jedoch seit je her die Fantasie der Menschen beflügelt. Im Mittelalter entstand beispielsweise die stark ausgeschmückte Judaslegende.

Von bösen Prophezeiungen, dem Mord an Vater und Bruder sowie einer Hochzeit mit der eigenen Mutter ist darin die Rede. Auch hat der Volksmund und die Kunst eine schlechte Interpretation immer vorangetrieben:

  • Judaskuss – eine geheuchelte Geste, die zum Untergang der betroffenen Person führt.
  • Judaslohn – eine Entlohnung durch Dritte für einen Verrat in einer vorher loyalen Beziehung.
  • Judasverbrennen – ein regionaler Brauch, beim Osterfeuer auch eine am Galgen hängende Figur als Sündenbock zu verbrennen.

Auch die verwandte Schreibweise von „Judas“ und „Jude“ führte zu einer engen Verknüpfung. Beispielsweise finden sich selbst bei Martin Luther Ausführungen zur faktischen Einheit eben dieser.