Polybios

Polybios – Historiker und Theoretiker

Polybios war ein alt-griechischer Historiker und wurde um 200 v. Chr. in Megalopolis auf der Peloponnes geboren. Er verfasste die Historien, eine Universalgeschichte in 40 Büchern für die Zeit von 264 bis 146 v. Christus.

Foto eines Bildnisses von Polybios von Wikimedia Commons
Polybios (Wikimedia Commons)

Außerdem gehörte Polybios zu den großen Theoretikern der antiken Verfassungslehre und beschäftigte sich mit politischen Mischsystemen. Darüber hinaus war er persönlicher Zeuge von zahlreichen Groß-Ereignissen seiner Zeit und erreichte das biblische Alter von 80 Jahren.

Der philosophische Stil von Polybios war die kritische und nüchterne Beobachtung zur Identifizierung historischer Tatsachen. Es ging ihm um die Einsicht in Ursachen und Zusammenhänge.

Als Historiker entwickelte er Standards für die pragmatische Geschichtsschreibung (pragmatike historia). Diese zielt auf eine Belehrung durch Präsentation von Tatsachen und Verhalten.

Von ihm stammen auch die ältesten Berichte aus dem Zweiten Punischen Krieg. Er ging dabei auf Figuren wie Quintus Fabius Maximus ein und beschrieb auch einzelne Schlachten wie:

Polybios erlebte dann auch 146 v. Christus als ein persönlicher Freund des jüngeren Scipio den endgültigen Fall von Karthago im Dritten Punischen Krieg. Weitere Zeugen des Events waren die beiden Gracchen:

Polybios – ein antiker Geisteswissenschaftler

Der Quellenwert von Polybios wird von der modernen Wissenschaft als sehr hoch eingeschätzt. Allerdings hat einmal ein Team von experimentellen Historikern versucht, den corvus, eine Enterbrücke, zur Seekriegsführung aus dem Zweiten Punischen Krieg entsprechend der technischen Beschreibung von Polybios nachzubauen.

Die Maßangaben von Polybios für die Enterbrücke können so allerdings nicht stimmen. Das tragende Schiff würde in jedem Fall kentern. Dennoch werden die Informationen von Polybios von der Wissenschaft als sehr viel belastbarer eingeschätzt, als die der meisten Geschichtenerzählern der Antike.

Außerdem hat Polybios auf Basis seiner Beobachtungen auch große Beiträge zur antiken Verfassungstheorie geleistet. Seine Schriften bilden einen wesentlichen Teil der Quellenlage für die theoretischen Werke des Titus Livius, einem römischen Geschichtsschreiber und Theoretiker, der um Christi Geburt lebte.

Diese Werke des Livius wiederum hat Niccolo Machiavelli zu Beginn der Neuzeit in den Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius, den Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, aufgearbeitet und damit die moderne Politikwissenschaft begründet.

Insofern spielen die Überlegungen von Polybios zu staatlichen Verfassungen eine tragende Rolle in der ideengeschichtlichen Entwicklung der politischen Philosophie des Abendlandes.

Als beteiligter Beobachter der großen Umbrüche

Polybios hatte aufgrund seines Werdeganges und seiner persönlichen Kontakte die Chance, zahlreiche Groß-Ereignisse des Römischen Reiches persönlich zu erleben. Seine Theorie zum Wandel der Staatsformen erhielt reiche Nahrung durch die Entwicklungen seiner Zeit.

Familie, Ausbildung und Werdegang

Polybios war der Sproß einer adeligen Familie aus Megalopolis in Arkadien auf der Peloponnes. Das Städtchen gibt es bis heute. Es war einst von einem Feldherrn von Theben als Gegengewicht zu Sparta gegründet worden.

Der griechische Historiker war so bereits als junger Mann mit den Überlegungen der militärischen Strategie bekannt geworden. Darüber hinaus war sein Vater zeitweise der Strategos des Achaiischen Bundes, eines Stammesverbandes von Griechen.

Im Dritten Makedonisch-Römischen Krieg (171-168)

Polybios selbst schlug ebenfalls eine militärische Laufbahn ein. Mit 30 Jahren war er bereits der Oberbefehlshaber der Reiterei des Achaiischen Bundes. Doch das Schicksal war gegen die Griechen.

Im Dritten Makedonisch-Römischen Krieg von 171 bis 168 v. Christus unterlag Griechenland den römischen Legionen. Im Rahmen der Friedensverhandlungen wurde vereinbart, dass die Griechen 1.000 Geiseln nach Rom schicken mussten.

Die Jahre als Geisel der Römer (ab 168)

Polybios war eine dieser Geiseln. Er kam nach Rom, wo er jedoch standesgemäß und gut behandelt wurde. Die Römer hatten eine lange Tradition der Geiselnahme von ausländischen Eliten und deren Angehörigen.

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Die römische Republik nach Cicero, das klassische Beispiel für ein Mischsystem.

Diese Praxis sollte die Einhaltung der Abkommen gewährleisten. Außerdem versprachen sich die Römer auch Vorteile, wenn die Eliten einer Provinz eine Zeit lang in Rom lebten und so auch emotionale Bindungen entstanden.

Man brachte Polybios im Haus einer Senatoren-Familie unter, die sich bereits mit zahlreichen Ahnen und bedeutenden Karrieren schmücken konnte. Durch die Verbindungen seiner Gast-Familie lernte Polybios dann auch den jüngeren Scipio Africanus kennen.

Der gelehrte Grieche und erfahrene Kavallerie-Kommandeur wurde zum Freund und Berater des römischen Generals. Außerdem übernahm er den Unterricht der beiden Söhne seines Gastgebers.

Polybios im Dritten Punischen Krieg (149-146)

Im Jahr 149 v. Christus kam es zum Dritten Punischen Krieg um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum zwischen Rom und Karthago. Es waren jedoch weniger die Forderungen von Cato dem Älteren, als vielmehr klare Machtinteressen, die zu dem Krieg führten.

Die Römer waren äußerst interessiert, in Afrika dauerhaft Fuß zu fassen. Damals war die Region sehr reich und produzierte große Überschüsse an Getreide, die die Hauptstadt benötigte.

Tatsächlich hatten sich die Karthager nach ihrer Niederlage gegen Scipio Africanus Maior jedoch sehr schnell erholt. Der Senat von Karthago hatte damals interessanterweise nämlich auch noch weiterhin auf seinen bewährten General gesetzt.

Hannibal Barkas machte sich neben seinen Erfolgen als Militär auch im Bereich der Verwaltung für seine Heimatstadt verdient. Durch intensive Plantagenwirtschaft und Handel hatte sich Karthago sogar so schnell vom Zweiten Punischen Krieg erholt, dass sie ihre Kriegsschulden schließlich auf einen Schlag bei Rom abbezahlen wollten.

Diese ökonomische Stärke war der eigentliche Auslöser für den Dritten Punischen Krieg. Aber trotz seiner wirtschaftlichen Stärke sollte Karthago auch dieses mal militärisch unterlegen sein.

Karthago versuchte noch alles, um eine militärische Konfrontation abzuwehren. Sie stellten 300 Geiseln und gaben ihre Waffen ab. Doch Karthago war dem aufstrebenden römischen Imperium einfach im Weg.

Der Krieg entschied sich, als Scipio Africanus der Jüngere im Jahr 147 v. Christus den Oberbefehl erhielt. Sein Freund Polybios begleitet den römischen General freiwillig als Freund und militärischer Berater.

Die strategische Entscheidung kam bereits früh mit der Vernichtung der karthagischen Flotte (50 Schiffe). Das Hafengebiet wurde erobert, und Karthago wurde gänzlich blockiert und vom Nachschub abgeschnitten. Für diesen Erfolg verlängerte der römische Senat das Kommando von Scipio Africanus.

Im Jahr 146 v. Christus kam dann die Entscheidung. Nach einem sechstägigen Straßenkampf fiel die Stadt und wurde dabei zu großen Teilen zerstört. Ursprünglich hatte die Stadt etwa eine halbe Million Einwohner.

Nach den Kämpfen ergaben sich 50.000 Menschen den Römern. Sie wurden alle in die Sklaverei verkauft. Polybios war der Zeuge eines Massakers geworden. Die Stadt wurde geschliefen.

Die Behauptung aus dem 19. Jahrhundert, die Römer hätten Salz auf die umliegenden Felder gestreut, hat jedoch keinerlei antike Belege. Vielmehr gibt es einen Hinweis bei Appian aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Christus, dass dies sogar extra nicht getan wurde.

Karthago selbst wurde jedoch erst etwa 150 Jahre später auf eine Initiative von Kaiser Augustus hin wieder aufgebaut.

Kryptographie für die Übermittlung von Nachrichten

Darstellung des Polybios-Chiffre zu Verschlüsselung von Nachrichten in der Antike.
Kryptographie mit dem Polybios-Chiffre

Nach seinen Erfahrungen bei der Belagerung von Karthago widmete sich Polybios einem neuen Thema. Die Kryptographie zur Übermittlung von sensiblen Nachrichten erweckte sein Interesse. Im Laufe der Zeit entwickelte er eine Methode, die er im zehnten Buch seiner Historien beschrieb.

Der Kerngedanke dieser antiken Verschlüssungstechnik war eine Umwandlung von Buchstaben in Zahlen. Hierfür entwickelte Polybios auch ein quadratisches Brett mit nummerierten Spalten und Reihen am Rand sowie ein verwürfelten Alphabet. So erhielt jeder Buchstabe mit Hilfe der x- und der y-Achse einen zweistelligen, codierten Zahlenwert.

Nun musste noch sichergestellt werden, dass Sender und Empfänger, die jeweils ein Brett hatten, auch über den selben Schlüssel verfügten. So konnten sie die Buchstaben in identischer Form sortieren.

Den übermittelten Zahlen konnte auf diesem Weg auch der korrekte Buchstaben zugewiesen werden. So wurde die Botschaft wieder lesbar. Diese Technik von Polybios hatte noch dazu den Vorteil, dass solche Zahlencodes auch per Leuchtsignal weitergegeben werden konnten.

Bis in das frühe 20. Jahrhundert blieb dieses Polybios-Chiffre von Relevanz. Noch im Ersten Weltkrieg wurde ein solches System von den deutschen Funkern als manuelles Verschlüsselungsverfahren eingesetzt.

Antike Verfassungslehre bei Polybios

Der griechische Historiker konzentrierte sich in seiner Universalgeschichte nicht einfach nur auf Rom. Er wollte der Ursache nachgehen, wie diese kleine und bedrohte Stadt in Mittel-Italien zur größten Macht am Mittelmeer werden konnte.

Polybios; Politik; Politische Philosophie;
Der Kreislauf der Verfassungen nach Polybios

Es war die Überzeugung von Polybios, dass die Verfasstheit der römischen Republik hierbei von besonderer Bedeutung war.

Entscheidend war aus Sicht des Theoretikers, dass auf alle Lagen vom Staat politisch adäquat reagiert werden konnte. Er sah hier eine Flexibilität und Vitalität, die bei anderen Systemen nicht vorhanden war.

In seinen Gedanken stützte sich Polybios dabei auf das zyklische Modell für politische Systeme aus der Antike. Dieses war bereits vor ihm von anderen griechischen Philosophen wie Platon und Aristoteles erarbeitet worden.

Unterschieden wurde zwischen der Herrschaft einer Person, der Herrschaft einiger Personen sowie der Herrschaft durch alle Personen, jeweils als Herrschaftsform mit guter oder schlechter Ausprägung:

Monarchie <-> Aristokratie <-> Demokratie

Polybios geht davon aus, dass sich die politischen Herrschaftsformen in einem stetigen Kreislauf befinden. In reiner Ausprägung ist keine der Herrschaftsformen in sich stabil. Dies geht auf die drei Formen des moralischen Verfalls zurück: Habsucht, Überheblichkeit und Ungerechtigkeit.

Tyrannei <-> Oligarchie <-> Ochlokratie

Polybios sieht deshalb zwangsläufige Übergänge zwischen den politischen Systemen. Die drei guten Herrschaftsformen verfallen zu den drei schlechten Herrschaftsformen .

Die schlechten Herrschaftsformen werden jedoch auf kurz oder lang durch gute Herrschaftsformen ersetzt, wodurch ein Kreislauf der Verfassungen entsteht.

Die Mischsysteme als Lösung

Polybios erkennt an seinen Vorbildern Rom, aber auch Sparta, die Lösung in der Entwicklung von dauerhaft oder zumindest längerfristig stabilen Mischsystemen. Der Kern der Idee ist, die gute Eigenschaften von einzelnen Systemen zu verschmelzen, um beständigere Verbindungen zu schaffen.

Deshalb ist gerade das römische System von so großem Interesse für die antiken Verfassungstheoretiker. Einerseits sollen die besten Eigenschaften der jeweiligen Ur-Typen zum Tragen kommen.

Aber vor allem erhoffen sich die Theoretiker von den Mischsystemen, dass der systemische Zerfall zumindest verlangsamt wird. Polybios selbst war Zeuge historischer Umbrüche.

Mit dem Untergang der Griechen und der Karthager hatte sich im Mittelmeer-Raum eine neue und beständige Weltordnung etabliert. Die Römer waren zur dominierenden Macht geworden und setzten ihre organisatorischen Standards in der Verwaltung, der Rechtsprechung und dem Militär durch.

Die Gründe hierfür sah Polybios in den wesentlich differenzierten Möglichkeiten des administrativen Komplexes der alten Römer gegenüber anderen Völkern ihrer Zeit.